Ettingen lachte. »Ja, Pepperl, da wollen wir lieber reinen Mund halten!«

Als sie den Heimweg antraten, hatte der Jäger solche Eile in den Beinen,

daß er immer ein paar hundert Schritte voraus war und wieder

stehenbleiben mußte, um auf seinen Herrn zu warten.

Ehe der Pfad sich in den Wald verlor, kletterte Pepperl auf eine

vorspringende Bergrippe, von der man frei hinuntersehen konnte ins Tal.

Wie zierliches Spielzeug lag die Tillfußer Alm mit den Jagdhäusern und

der Sennhütte da drunten.

Pepperl zog in seiner freudigen Ungeduld das Fernrohr auf. »Muß doch

schauen, ob ich's Madl net sieh!«

Das Mädel war unsichtbar. Dafür entdeckte Pepperl was anderes: eine

vierspännige Equipage und einen Zweispänner, die im Hof des Jagdhauses

standen. »Duhrlaucht! Da fahren Ihre Gäste davon! Die Herrschaften

sitzen schon im Wagen, und grad steigt der Herr Martin auf'n Bock. Und

jetz fahren s' aussi zum Türl!«

Ettingen antwortete nicht; er machte nur lächelnd mit der Hand eine

Bewegung, die jedes Wort ersetzte.

Pepperl war sehr aufgeregt. »Ja kommt denn der Herr Martin fort? Für

ganz?«

»Ja. Und Sie werden seinen Dienst bei mir übernehmen müssen --«

Da machte Pepperl ein Gesicht, als hätte sich in seinem Freudenkelch der

letzte Tropfen Wermut in Zucker verwandelt.

»-- und bei Tisch servieren.«

Nun erschrak er. »Teufi, Teufi, Teufi, dös wird sich hart machen!«

Mißtrauisch sah er seine klobigen Tatzen an. Dann lachte er.

»Duhrlaucht! Wann S' heut zu mir sagen, ich soll an Heuwagen auflupfen

mit eim Zwirnsfaden, nacher probier ich's auch!«

Nun ging es talwärts ohne Aufenthalt. So flinke Beine Pepperl auch

machte, Ettingen blieb nicht zurück hinter ihm. Bei diesem ungeduldigen

Abstieg plauderten sie nur wenig. Der Fürst war in Gedanken versunken,

und auch Pepperl hatte zu »sinnieren«. Er studierte, wie er's der Burgi

sagen wollte. Was die für Augen machen würde! »Teufi, Teufi, Teufi!«

Selig lachte er vor sich hin.

Eine Stunde, und sie hatten die Tillfußer Alm erreicht. Als sie aus dem

Walde traten, kam der Förster mit Mazegger von der anderen Seite übers

Almfeld heraufgestiegen. Schon von weitem winkte Kluibenschädl dem

Fürsten zu und rannte ihm atemlos entgegen: »O mein Gott, Duhrlaucht,

wenn S' nur heut bei ^mir^ gwesen wären! Da hätten S' an Hirsch

gschossen, an Kapitalkerl!«

»So?« Ettingen schien über den Entgang dieser Weidmannsfreude nicht

sonderlich betrübt.

»Ja, denken S', wie ich gegen zehne vormittags beim Steigvermessen

abikomm aufs Straßl, schau ich so zufällig zum Bach ummi. Was steht

drunt? A Kapitalhirsch! Gar net kümmert hat er sich um uns. Und wer

weiß, wie lang er noch ghalten hätt, wann's Malerfräuln net daher kommen

wär.«

»Fräulein Petri?«

»Ja. Die is auf ihrem Hansi aussigritten zum Sebensee. Natürlich, da hat

sich der Hirsch davongmacht. Aber ganz gmütlich is er angstiegen. Zwei-,

dreimal hätt man ihn noch derwischen können mit der Kugel. Und d' Haar

hätt ich mir schier ausgrissen, weil ich mir allweil hab denken müssen:

Ja wenn nur der Herr Fürst da wär, um Gotteswillen, wenn nur der Herr

Fürst da wär!«

»Ja, Herr Förster«, Ettingen lächelte, »ich weiß nicht, was ich drum

gäbe, wenn ich bei Ihnen gewesen wäre.«

»Gelten S', ja? Aber morgen müssen S' abi auf den Hirsch! Der kommt

wieder.«

»Nein, lieber Förster! Für morgen hab ich andere Pläne. Praxmaler!«

Pepperl, der zur Sennhütte hinuntergeschielt hatte, fuhr auf: »Ja, Herr

Fürst?«

»Morgen machen wir einen Pirschgang zum Sebensee. Früh um drei Uhr. Dann

sind wir draußen, bis die Sonne kommt.« Ettingen nickte dem Jäger zu und

ging zum Fürstenhaus hinauf, in dessen Tür Graf Sternfeldt erschienen

war.

Pepperl, um seine Büchse loszuwerden, sprang ins Försterhäuschen.

Kluibenschädl wollte ihm folgen. Da sah er Mazegger stehen und sagte

freundlich zu ihm: »Jetzt leg dich schlafen, Toni! Du mußt ein'

erbarmen, wenn man dich anschaut. Seit Mittag hast dich schier nimmer

auf die Füß halten können. Sei gscheit und schlaf dich ordentlich aus!

Und wenn dir morgen net besser is, so bleib halt liegen.«

»Morgen?« Mazegger nickte und ging seiner Hütte zu.

Droben im Hof des Fürstenhauses war Sternfeldt dem Freunde lachend

entgegengekommen. »Schau hinauf, Heinz, wie wir gelüftet haben!« Am

Jagdhaus standen alle Fenster offen. »Und damit du das Ende der Komödie

entsprechend heiter nimmst, hab ich eine Überraschung für dich. Baronin

Pranckha und Mucki, der Edle von Sensburg, empfehlen sich als Verlobte.«

»Nein?«

»Wahrhaftig!«

Da lachte Ettingen hell hinaus.

»Ich war sogar Zeuge dieses weltgeschichtlichen Aktes. Dem kleinen süßen

Mucki schien's »ainigermaaasen« überraschend zu kommen, als sie ihm vor

meinen Augen feierlich die Hand reichte -- um jedes Mißverständnis

auszuschließen, wie sie sagte. Du hättest sein Gesicht sehen sollen! Im

ersten Moment war er so verblüfft, daß er Hochdeutsch sprach. Das will

viel sagen. Dann wurde er wieder ganz >Fiaker<, stellte sich sehr empört

über dich -- was er sich dabei dachte, will ich nicht näher

untersuchen -- ärgerte sich, daß er >ohne Gams< fort sollte, und gab dem

drolligen Lied seiner Wut und Verlegenheit den klassischen Refrain: >So

eine Benehmitätt, großoatig!<« Sternfeldt lachte. »Er brauchte zehn

Minuten, um sich in die Glücksstimmung hineinzuzappeln. Aber dann, aaah!

Als er mit ihr abdampfte, benahm er sich in der Rolle des Glücklichen so

musterhaft, daß ich ihn fast um seine Dummheit beneidete! Na also!«

Heiter winkte er gegen den Wald hinunter. »Fort mit Schaden! Sie wird

ihm ehrlich helfen, die dunklen Millionen seines Vaters ins Rollen zu

bringen.« Nun wurde er ernst. »Aber du, Heinz? Dein Brief? Ich stand vor

diesem Bekenntnis wie der Prophet vor dem Berg. Aus der einen Todesangst

um dich errettest du mich und wirfst mich in die andere.«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 66 / 71 题