Dein Heinz.«

Mazegger hatte längst zu Ende gelesen, und noch immer saß er über das

Blatt gebeugt, das in seinen Händen zitterte. Sein Gesicht war verzerrt.

Mit einem Lächeln, das alle Zähne sehen ließ, raunte er das Wort des

Briefes: »Morgen hol ich mein Glück!« Er schob den Brief in den Umschlag

und verschloß ihn, blies die Lampe aus und stieß am Fenster die Läden

auf. Draußen war es Tag geworden.

»So? Morgen?«

Ein rauhes Lachen. Und eine Bewegung, als möchte er den Brief in Fetzen

reißen.

Da trat der Förster in die Stube. »Guten Morgen, Toni! Gut, daß d' noch

daheim bist! Heut mußt du mit mir ---- Was hast denn da?« Er nahm dem

Jäger den Brief aus der Hand. »An den Herrn Grafen? Und die Schrift von

der Duhrlaucht? Von wem hast du den Brief?«

»Vom Peppi.« Mehr zu erklären, hielt Mazegger nicht für nötig.

»Der Brief muß bsorgt werden! Gleich auf der Stell!« Kluibenschädl

hetzte davon. Finster sah Mazegger ihm nach. Daß er heute den Förster

begleiten sollte, das schien ihm nicht zu passen. In Hast machte er sich

fertig, warf die Büchse hinter den Rücken, steckte mit zitternder Hand

ein paar Patronen zu sich und schritt über das Almfeld hinunter. Bevor

er den Wald erreichen konnte, klang hinter ihm die Stimme des Försters:

»He! Toni! Warten!«

An der Lippe nagend, blieb Mazegger stehen, bis der Förster ihn

eingeholt hatte.

»Wo rennst denn hin? Ich hab dir doch gsagt, daß ich dich brauch! Und

ausschauen tust? Hast wieder an Ausflug gmacht in der Nacht -- Gott weiß

wohin?«

Mazegger wandte sich wortlos ab.

»Heut bleibst bei mir! Wir müssen die neuen Steig vermessen. Da haben

wir Arbeit den ganzen Tag.«

»So?« Mazegger lächelte. »Aber die Nacht? Die gehört doch mein?«

Der Förster sah ihn von der Seite an. »Was dös jetzt wieder für a Wörtl

is! D' Nacht ghört freilich dein.«

»Mehr brauch ich nicht.«

»Zu was?«

»Zum Schlafen.«

»Geh, du!« Der Förster schüttelte den Kopf.

Sie verschwanden im Wald.

Eine stille Morgenstunde. Dann kam die Sonne. Heute flog sie die Berge

nicht mit jenem reinen Schimmer an, der die Felsen wie in durchsichtige

Flammengebilde verwandelt. Es war etwas Trübes in ihrem Feuer. Und die

dünnen Nebel, die mit zerrissenen Formen hoch in den Lüften schwammen,

glühten so rot, als wären Blutbäche über den mattblauen Himmel

ausgegossen. Auch die Sonne selbst, als sie hinter den östlichen Bergen

hervortauchte, hatte einen roten Schleier umgehangen. Man konnte sie

ansehen, ohne geblendet zu werden.

Hoch droben über dem Bergwald, auf einem steilen Almrosenhang, den die

Sonne mit ihrem roten Feuer schon überleuchtete, ruhten Ettingen und

Praxmaler zu Füßen einer einsamen Zirbe.

Pepperl saß mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt, als hätte er eine

Stütze nötig. Er machte kein lustiges Gesicht. Die zehn »Viertelen«

rumorten unter seinen Kreuzerschneckerln. Er sah übernächtig aus und

hatte Ringe um die Augen. In seinem Blick, der das Tal suchte, leuchtete

es wohl manchmal auf wie Freude. Aber dieses Frohe erlosch immer wieder

in trüber Kümmernis, wie droben das Sonnenlicht in den Nebelschleiern.

Dazu wurde er, je länger er saß, immer schläfriger; ein paarmal machte

er einen kurzen Sumser, aus dem er mit erschrockenem Nicker wieder

auffuhr.

Im Gesicht des Fürsten hatte die durchwachte Nacht keine Spur von

Ermüdung zurückgelassen. Ettingen lag behaglich ausgestreckt in den

Almrosenbüschen, über die der Wettermantel gebreitet war. Mit dem Blick

des Glücklichen, für den alle Rätsel seines Lebens sich aus schwüler

Nacht zu schönem Tage lösten, sah er lächelnd über den Bergwald in

ziellose Ferne hinans und empor zum glühenden Himmel.

Wieder fuhr Pepperl aus kurzem Schlummer auf. »Heut macht's a Lüfterl,

da könnt man rein einschlafen dabei. Sollten wir net a bißl

weiterpirschen?«

»Nein. Ich will nicht jagen heut. Nur ruhen. Und sehen, wie das

leuchtet, der Wald, die Berge, der Himmel! Wie schön das ist!«

Pepperl seufzte. Um sich wach zu erhalten, mußte er wenigstens

versuchen, einen »Dischkurs« in Gang zu bringen. »So a Himmel wie heut?

Der gfallt Ihnen? Mir net. Na!«

»Ich habe noch keinen gesehen, der mir besser gefiel.«

»Aber schauen S' doch die verzupften Wölkerln an! Dös is a grauslichs

Wetterzeichen. Morgen kriegen wir schlechte Pirsch und an trüben Tag.«

»Meinen Sie? Nein! Wie morgen der Tag auch sein mag, er wird reine und

schöne Sonne haben!«

»Da täuschen S' Ihnen, Herr Fürst!«

Als Ettingen nicht antwortete, machte Pepperl noch ein paar Versuche,

den abgerissenen Gesprächsfaden wieder anzuknüpfem Umsonst. Schließlich

ergab er sich in Geduld, und dann fielen ihm die Augen zu.

Eine schweigsame Weile verging.

Da machte ein Rascheln den Fürsten aufblicken. Praxmaler war vom

Baumstamm seitwärts in die Almrosenbüsche geglitten und fing zu

schnarchen an.

»Gute Nacht, Pepperl!«

Nun streckte auch Ettingen sich bequemer aus und verschränkte die Hände

unter dem Nacken. So blickte er zu den ziehenden Wolken auf, deren Rot

immer blasser wurde, bis sie weißlichen Glanz bekamen.

Als hätte, was er fühlte und sann, nicht Raum in seinem Innern, und als

müßt es heraus an den Tag, so flüsterte er lächelnd vor sich hin:

»Lo! -- Meine Lo!«

Tief atmend, mit diesem Lächeln auf den Lippen, schloß er die Augen,

weil ihn der silberne Glanz der Wolken blendete.

Stille. Träumende Sonnenstille.

Kaum hörbar fächelte der laue Wind um die Almrosenbüsche mit ihren halb

verwelkten Blüten, machte die Blätter zittern und rollte die

abgefallenen Blütenkelche spielend über das kurze Gras.

Langsam zogen die weißen Wolken im Blau, sammelten sich immer dichter

und hüllten schon die höchsten Spitzen ein. Doch immer fand die Sonne

zwischen Nebel und Gewölk noch eine Gasse für ihre Strahlen.

Es war schon Mittag vorüber, als die beiden aus ihrem wohligen

Sonnenschlaf erwachten. Sie stiegen über den Berghang hin und hielten

Einkehr im Steinernen Hüttl, in einer aus groben Felsblöcken gefügten

Sennhütte. Da gab es freilich nur Milch und grobes Brot mit frischer

Butter, aber die beiden spürten einen Hunger, der mit allem zufrieden

war.

Während sie neben der Sennhütte auf dem Rasen kauerten, jeder mit der

Milchschüssel auf den Knien, fragte Ettingen: »Praxmaler? Sie sind heute

nicht wie sonst. Was ist denn los mit Ihnen?«

»Nix! Na na! Gar nix.« Pepperl wurde rot bis über die Ohren.

»Doch, Pepperl! Irgendwas stimmt heute nicht bei Ihnen. Haben Sie

Unannehmlichkeiten in Ihrer Familie?«

»Ah na! Gott bewahr!« Pepperl tat einen schnappenden Atemzug. »No ja,

wissen S', Duhrlaucht, freilich, in der Familli gibt's allweil a bißl

was. Ja ja, es wird schon so was sein -- wo man >Familli< sagen könnt.«

Ettingen stellte die Schüssel beiseite. »Na also! Mir dürfen Sie alles

sagen. Ich bin Ihnen doch ein guter Herr, nicht wahr? Sie können offen

mit mir reden. Was drückt Sie?«

Pepperl schluckte. »Schauen S', Duhrlaucht -- weil S' so freundschäftlich

mit mir reden, da kann ich auch net zruckhälterisch sein und muß schon

gleich alles aussikitzeln.« Er seufzte schwer, guckte tiefsinnig in die

Milch und drehte die Schüssel zwischen den Knien. »A bißl was Dummes hab

ich halt angstellt.«

»Im Dienst?«

»Gott bewahr!« wehrte Pepperl erschrocken ab. »Auf der Jagd hab ich mein

Köpfl allweil beinand!« Jetzt wurde er wieder kleinlaut. »Aber in der

Lieb halt! Da hab ich an Dalken gmacht.«

Ettingen lachte.

Dem Praxmaler-Pepperl war bitter ernst zumut. »Wissen S', Duhrlaucht, da

hab ich mich jetzt in so a Madl verschaut. Z'erst haben wir allweil

gstritten und ghachelt mitanand. Und gahlings -- no ja!« Pepperl seufzte.

»So was kommt, wie 's Teuferl aus der Schachtel hupft. Und nacher steht

man da, wie der Ochs am Berg. Aber a guts Madl, dös muß ich sagen. Recht

a liebs und a fleißigs Madl! Die Burgi drunt, wissen S'!«

»Unsere Sennerin? Brav, Pepperl! Zu dieser Wahl gratulier ich Ihnen. Das

ist wirklich ein nettes Mädel.«

Diese Zustimmung schien Pepperls Herz ein wenig zu erleichtern. »Gelten

S', die gfallt Ihnen? Und so viel gern hat's mich! No ja -- jetzt

muß halt gheiret werden, geht's wie's mag, jetzt hab ich die

Verantwortigung!« Mit beiden Händen scheuerte Pepperl kummervoll

in den Kreuzerschneckerln. »Ich hab schon 's Pech! Ich komm aus der

Verantwortigung gleich gar nimmer aussi. So oder so! Aber d' Mutter! Mar

und Joseph! Die wird an schönen Spittakel machen! Teufi, Teufi, Teufi!

Da gfreu ich mich drauf!«

»Ihre Mutter?«

»No ja, wissen S', wie d' Mütter halt sind! Dös wär so ihr Gusto gwesen,

daß ich amal gscheit heireten tät. Und jetzt bin ich angrumpelt! Und

komm so daher! A liebs Madl, freilich, und gern hab ich's! Aber haben

tut's halt nix, wissen S', nixer wie nix. Und d' Mutter und ich, wir

haben vom Vater her noch Schulden auf'm Häusl. Und dös Madl hat an

Vater, so an alten Krackler. Den muß ich ins Haus nehmen und muß ihn

derhalten. Mei' Mutter wird ihn freilich ordentlich kuranzen. Da sieht

er's ganze Jahr kein Wirtshäusl nimmer, außer auf Ostern und

Weihnächten. Aber's Gwand und's richtige Essen muß er allweil kriegen.

Und so wird's halt Sorgen über Sorgen geben. In der sogenannten Familli!

Sie wird net lang ausbleiben, d' Familli -- denk ich mir, ja! Aber hab ich

A gsagt, muß ich B sagen, in Gottsnamen! Und da wär's mir schon lieb,

Herr Fürst, wann S' mir als Jagdherr d' Heiratsbewilligung geben täten.

Könnt sein, es pressiert a bißl. Ich tät schon recht schön bitten, ja!«

Er hatte nasse Augen, als er das sagte.

»Die geb ich Ihnen von Herzen gerne.«

»Gott sei Dank!« Pepperl atmete auf. »Da is mir der ärgste Stein von der

Seel!«

Ettingen lächelte und sah dem Jäger herzlich in die Augen. Was wäre ihm

in der Stimmung dieses Tages willkommener gewesen, als die Freude und

das Glück zweier Menschen schaffen zu dürfen! »Wieviel Schulden haben

Sie denn auf Ihrem Haus?«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 64 / 71 题