Ein schwüles Aufatmen. »Pepperl --«

»Was, Schatzl?«

»Neulich hat er mich busseln wollen. Da hab ich ihm eine runterliniert.«

»Geh? Is wahr?« Dieses Bekenntnis rührte ihn; sie hätte ihm ihre

Liebe nicht besser beweisen können als durch das »Zähntweh« des

Kammerdieners. »So a guts Madl, wie ^du^ bist! So was gibt's nimmer

auf der Welt! Und dös einschichtige Busserl von der andern? Gelt, dös

tust mir net verübeln?«

»Aber gwiß net! Wir müssen froh sein, daß 's bloß an einzigs war! Und

^sie^ hat's ja ^dir^ geben. Da kannst ja ^du^ nix dafür!«

Dankbar zog er sie auf seinen Schoß, und nun waren sie wieder

schweigsam.

Auf dem Heuboden schien der übermütigen Gesellschaft allmählich der

Schlaf zu kommen. Nur ein paarmal hörte man noch ein leises Gekicher.

Die beiden auf der Herdbank rührten sich nicht -- sie seufzten nur

manchmal, heiß und tief.

Kleiner und kleiner wurde das Feuer auf dem Herd. Bevor es in Glut

versank, belebte sich knisternd noch eine letzte Flamme und leuchtete

rot.

Die Kienfackel an der Wand war schon erloschen; es glostete nur der

Stumpf noch ein bißchen, und stille Funken, gleich winzigen Sternchen,

fielen von ihm zu Boden.

Fußnoten:

[1] Sehen Sie doch, Jean, was er für hübsche Haare hat! Die

sehen aus, als wären sie riesig vergnügt.

[2] Der gefällt mir! Ach, der gefällt mir! Aber! Achtung

jetzt!

[3] Teufel, Kerl, du hast Rasse, du!

[4] Die ist verrückt, weiß Gott!

[5] Das war so der richtige Rummel, wie er paßt für die

Sommerfrische.

^Neunzehntes Kapitel^

Mitternacht war vorüber.

Dunkel und verschwiegen, mit flimmernden Himmelslichtern, um die sich

dünne Nebelschleier zu ziehen begannen, lag die Nacht über dem Tillfußer

Almfeld, über Haus und Hütten. Nur manchmal rasselte leis die Glocke

eines Rindes. Und wie ein schwermütiges Lied in weiter Ferne, so sang

der Wildbach im Tal.

Am Jagdhaus waren zwei Fenster noch erleuchtet, und eines von ihnen

stand offen. Die Fenster am Wohnzimmer des Fürsten.

Zwei Augen spähten durch die Nacht zu diesen hellen Fenstern hinauf.

Angedrückt an die schwarze Holzwand der Jägerhütte, saß Mazegger auf der

Erde und hielt mit den Armen die Knie umschlungen.

Einmal hörte er Schritte dort oben, als ginge der Fürst im Zimmer auf

und nieder. Dann war's wieder still.

Nun flackerte an einem dritten Fenster ein Schein auf, nur matt, als

würde ein Licht vorübergetragen.

Mazegger stieß die Schuhe von den Füßen, huschte über den Weg hinauf

und duckte sich hinter den Hofzaun, dicht, unter dem offenen Fenster.

Droben war eine Tür gegangen.

Und jetzt die ruhige Stimme des Fürsten. »Baronin? Wollen Sie wieder zur

Bühne gehen? Studieren Sie die Rolle der Lady Macbeth?«

Ein heiteres Lachen. »Sie noch auf? Das ist eine Überraschung. Hätt ich

das ahnen können, so hätt ich meine schlaflose Langweile geduldig

ertragen, ohne Sie zu stören. Aber der Band Maupassant, den Martin für

mich aussuchte, war zu Ende gelesen, ich wollte einen neuen haben, und

da der Bücherschrank in diesem Zimmer steht -- was blieb mir übrig?«

»Bitte --«

»Nein!« Wieder jenes feine Lachen. »Jetzt kein Buch! Da Sie noch auf

sind, sollen Sie mir Gesellschaft leisten, bis mir der Schlaf kommt. Sie

sind ohnehin der Schuldige, dem ich diese schlaflose Nacht verdanke. Ja!

Aber wollen Sie mir nicht eine Zigarette geben?«

Eine kleine Weile war Stille.

»Danke! -- Sie sind müde, Fürst?«

»Ich? Nein!«

»Ich meinte nur, weil Ihre Hand zitterte, als Sie mir Feuer gaben?«

»Sie irren sich, Baronin.«

»Wirklich? Und ich beobachte doch sonst so gut. Aber wie können Sie nur

in dieser kühlen Nacht bei offenem Fenster sitzen! Wie unvorsichtig!«

Baronin Pranckha erschien am Fenster. Ihre Gestalt war dunkel im

Schatten, doch die halb entblößten Schultern und die von durchsichtigen

Spitzen kaum verhüllten Arme waren im Lampenschein von roten Lichtlinien

umzogen.

Leis klirrten die Scheiben, als sie das Fenster schloß. Dann verschwand

sie wieder. Jetzt hörte man wohl die beiden Stimmen noch, aber es war

kein Wort mehr verständlich.

Lautlos, geschmeidig wie eine Katze, kletterte Mazegger am Flaggenmast

hinauf und kam so hoch, daß er einen Blick in das Fenster werfen konnte.

Er sah ein ruhiges Bild, sah einen Teil des Zimmers mit dem

Schreibtisch, auf dem die Lampe stand. Ettingen kehrte dem Fenster den

Rücken, und ihm gegenüber ruhte die schöne Frau in einem Fauteuil, von

weißen Spitzen umflossen; ihr Haar, das im Schein der Lampe flimmerte

wie rotes Metall, umringelte die schneeigen Schultern und zitterte wie

Goldgespinst bei jeder leisen Bewegung des Kopfes; die eine Hand lag mit

nervösem Spiel auf der Kante des Schreibtisches, in der anderen hielt

sie die brennende Zigarette; so plauderte sie, bald ernst, bald wieder

lächelnd. Und plötzlich legte sie die Zigarette fort. Halb sich

aufrichtend, sah sie dem Fürsten ins Gesicht. Sie sagte nur ein Wort,

ein einziges, kurzes Wort. Ob es sein Name war? Der Fürst erhob sich.

Nun konnte Mazegger sein Gesicht sehen. Es war hart und ernst.

Hastig ließ Mazegger sich über die Stange hinuntergleiten, huschte zum

Haus hinüber und legte das Ohr an die Mauer. Er hörte nur ein

verworrenes Geräusch der Stimmen. Aber wie erregt diese beiden Stimmen

klangen! Wie Rede und Gegenrede kurz und heftig aufeinander folgten! Nun

lautlose Stille. Dann sprach der Fürst allein, fast immer allein. Nur

selten unterbrach ihn die andere Stimme. Jetzt wieder Schweigen, dem ein

nervöses Lachen folgte. Der Fürst blieb stumm. Nur diese Frauenstimme

klang. Wieviel sie zu erzählen und zu erklären hatte! Das währte eine

Stunde und länger noch. Und immer wechselte diese Stimme im Ton. Bald

klang sie wie in ersticktem Zorn, bald wieder flog sie in

leidenschaftlicher Hast, dann stockte sie und verwirrte sich, wurde leis

und schmeichelnd. Jetzt sprach der Fürst, ruhig, nur wenige Worte, die

ein gepreßter Schrei übertönte. Ein Stuhl wurde gerückt, Schritte

klangen, durch den Lichtschein des Fensters glitt ein Schatten. Nun ein

Stammeln und Flehen, ein Ton, der dem lauschenden Jäger alle Sinne

schauern machte. Dumpfe Stille. Dann ein jähes Auflachen, herb und

mißtönig, das Geräusch einer Tür und wieder das Schweigen. Klirrend

wurde droben das Fenster aufgerissen.

Mazegger drückte sich regungslos an die Mauer. Im Lichtschein, der

übers Almfeld hinausfiel, sah er den Schatten des Fürsten. Und deutlich

hörte er den tiefen Atemzug, mit dem der Einsame dort oben die frische

Bergluft trank wie eine köstliche Erquickung.

Der Schatten im Fensterlicht verschwand. Man hörte den Schritt des

Fürsten, der im Zimmer auf und nieder ging. Ein Stuhl wurde gerückt. Und

dann war's still.

Noch lange stand Mazegger in der Nacht und spähte zu dem hellen Fenster

hinauf. Kein Laut mehr. Aber auch die Lampe erlosch nicht. Wie

zerbrochen an allen Gliedern taumelte der Jäger zu seiner Hütte

hinunter, nahm die Schuhe vom Boden auf und trat in die Stube. Er machte

Licht und sah nach der Uhr. Drei Uhr vorüber. In einer halben Stunde

mußte der Tag beginnen.

Immer mit der Uhr in der Hand, stand Mazegger am Tisch und starrte

brütend vor sich hin. Sein Gesicht war grau wie Asche, die Augen

brannten wie im Fieber.

Schwankend ging er zum Bett und warf sich auf die Matratze.

Draußen begann es zu dämmern.

Da huschte ein Schritt an der Hütte vorüber, vorsichtig und leis, als

möchte er nicht gehört werden.

Dieser Schleicher im Morgengrau schien ein belastetes Gewissen zu haben.

Das erleuchtete Fenster der Jägerhütte war ihm nicht willkommen. Er

duckte sich, um ungesehen vorüberzuschlüpfen. Schon wollte er auf den

Fußspitzen in das Försterhaus schleichen, als ihn eine Stimme anrief:

»Praxmaler?«

»Mar und Joseph!« stotterte Pepperl. »Der Herr Fürst!« Scheu trat er

seinem Herrn entgegen, der über den Weg herunterkam. »Duhrlaucht? Was

wollen S' denn? In aller Fruh?«

Ettingen lachte. »Das begreifen Sie nicht? Ein Jäger? Sie sind doch auch

schon munter!«

»Ja, ich, dös is was anders!«

»Wo waren Sie denn heute schon?«

»Ich? Nirgends! Gott bewahr!« stammelte Pepperl. »Bloß da drunt war ich,

a bißl da drunt. Weil ich schauen hab wollen, wie sich der Tag heut

anlaßt, ja -- weil ich befohlen bin -- mit'm Herrn von Sensburg zur

Gamspirsch. Den muß ich wecken jetzt! Gleich!«

»Lassen Sie den nur schlafen! Gehen Sie lieber mit mir!«

»Mit Ihnen, Duhrlaucht? Gott sei Dank! Der ander Herr, mein' ich, tut

sich eh viel leichter im Bett als auf der Gamspirsch! Aber wohin denn,

Duhrlaucht?«

»Wohin Sie wollen. Nur hinauf! Hoch hinauf! Ich möchte heut die Sonne

eine Stunde früher sehen.«

»Da steigen wir zum Steinernen Hüttl auffi. Gleich bin ich fertig!«

»Hier ist ein Brief. Der soll an Graf Sternfeldt übergeben werden,

sobald er aufsteht. Ich bitte, besorgen Sie das! Und bis Sie sich

fertigmachen, geh ich langsam voraus.«

Ettingen folgte dem Steig, der sich in der matten Dämmerung des Waldes

verlor.

Als Praxmaler in seine Hütte treten wollte, wurde er von einer

zischelnden Stimme angerufen: »Peppi!« Mazegger kam auf ihn

zugesprungen.

»Was is?«

»Ich hab dich reden hören mit dem Herrn Fürsten. Kannst ja mir den Brief

geben. Ich besorg ihn.«

Hätte Pepperl nicht Kopf und Herz mit anderen Dingen voll gehabt, so

hätte ihm der fiebernde Klang dieser Stimme auffallen müssen. So sagte

er: »Ja, is recht! Und is mir lieber, als daß ich den Förstner aus'm

Schlaf aussireißen müßt! Aber gelt, ich kann mich verlassen auf dich?«

»Ja! Gib her!«

»No, no, no? Was hast denn? Zarrt er mir den Brief aus der Hand -- ich

weiß net, wie!«

Ohne zu antworten, ging Mazegger zu seiner Hütte. Auf der Schwelle blieb

er lauschend stehen, bis er die Schritte des Jägers hörte, der seinem

Herrn folgte. Dann schloß er am Fenster die Läden, trat in die Stube und

verriegelte die Tür. Schwer atmend untersuchte er den Brief und drehte

ihn hin und her, langsam, als wäre das leichte Papier so schwer wie

Blei. Der Brief war nur leicht verklebt. Mazegger öffnete ihn. Und damit

kein Lichtschein durch die Ritzen der Läden hinausfallen möchte,

schraubte er an der Petroleumlampe die Flamme ganz klein herunter. Bei

diesem trüben Zwielicht las er:

»Drei Uhr morgens.

Lieber Goni!

Du hast recht gehabt! Ich sollte nicht erlöst werden ohne

>Gewaltstreich<. Sie versuchte ihn mit einer plumpen Reminiszenz an

die französische Komödie, deren Heldinnen sie verkörperte, bevor

sie den adeligen Hochstapler fand. Der gab ihr seinen Namen, um

sich von ihr -- ich will milde sagen: ernähren zu

lassen -- schließlich auch auf meine Kosten. Was mich in meinem

Wahnsinn damals, als ich es erfuhr, vor Ekel krank machte, krank

auf den Tod fast -- daran kann ich heute denken, als wär es nie

gewesen, als läge für mich eine ganze Welt zwischen damals und

heute, ein Feuer, das mich reinigte, als ich seine Flammen

durchschritt. Und denk nur, Goni, sie kam, um die Flitterwochen

ihrer Freiheit mit mir zu verleben! Sie hat sich scheiden lassen.

Das war der Grund ihrer langen, Dir so unbegreiflichen Reserve. Sie

wollte frei sein, um mir sagen zu können: Ich habe mich erlöst für

dich! Ein Glück, daß sie mir das nicht einen Monat früher sagen

konnte! Ich glaube, ich wäre bei meiner falschen Vorstellung von

dem, was >Verpflichtung< heißt, noch vor wenigen Wochen fähig

gewesen, mit Bewußtsein mein Leben zu vernichten. Aber daß sie zur

Verkündigung ihres >heiligen Opfers< gerade ^diese^ Stunde wählte

und dazu ein >leichtlösbares Spitzenrätsel< wie für die Rolle der

>Iza< im >Fall Clemenceau< -- das hat mir die Bilanz meiner

Vergangenheit und Zukunft leicht gemacht. Nun ist alles vorüber und

abgetan! Gründlich. Wie ich aufatme! Daß ich keine Stunde mehr mit

ihr unter dem gleichen Dach verbringe, wirst Du begreiflich finden.

Nur diese Zeilen schreib ich Dir. Dann weck ich den Jäger und steige

mit ihm hinauf -- hoch, hoch hinauf, wo ich Sonne und reine Luft

finde.

Eigentlich muß ich Dir dankbar sein. Sie verhalf mir zur Erkenntnis

meines Glückes, das gestern noch unbewußt in mir dämmerte, wie ein

Gefühl wunschloser Freude, ruhig, heiter und schön. Ach, Goni, wenn

ich Dir nur schildern könnte, wie mir zumute war, als es so

plötzlich Licht wurde in mir! Mich erwartet ein Glück, das ich

gefunden habe auf heiligem Weg. Erinnerst Du Dich an dieses Wort

meines ersten Briefes? Nun ist es zur Wahrheit an mir geworden.

Mehr kann und will ich Dir jetzt nicht sagen. Wenn ich heimkomme,

sollst Du alles wissen. Und morgen, Goni, hol ich mein Glück! Küsse

mir das Bild meiner Mutter, Du Treuer, und freue Dich mit dem

glücklichsten der Menschen. Das ist

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 63 / 71 题