Fifi klatschte vor Wonne in die Hände und zwitscherte ihr höchstes
Lachen. Die Bewunderung, die sie für diesen superbe colosse empfand,
fing an ins bedenkliche zu wachsen. Alles an ihm gefiel ihr, aber ihr
ganz besonderes Entzücken erregten seine Kreuzerschneckerln. »_Regardez,
Jean, quels jolis cheveux il a! Ils ont l'air de s'amuser beaucoup_[1]!«
Als müßte sie dem Wohlgefallen, das sie an diesen »vergnügten« Haaren
fand, noch deutlicher Ausdruck geben, sprang sie auf, faßte den
Praxmaler-Pepperl über den Tisch hinüber am Kopf und wühlte mit ihren
winzigen Spinnenhänden in diesem Wust von blonden Ringeln wie ein
Geiziger in seinem Gold.
Alles lachte. Nur drüben am Herd empörte sich die Sennerin. »So an
ausgschamts Frauenzimmer!« Ein Scheit flog ins Feuer, daß die Funken
aufstoben.
»_Comme il me plait! Ah! Ah! Qu'il me plait bien!_« zwitscherte Fifi.
»_Mais! Mais! Attention[2]!_« Gestikulierend suchte sie das Gelächter der
anderen zu beschwichtigen. »_Je veux lui dire ça en allemand! Comment
cela se dit-il en tyrolien: tu me plais, tu es un joli garçon, toi?_«
»Ruhe! Jetzt will sie deutsch mit ihm reden!« verkündete der Dolmetsch.
»Sie will wissen, wie das auf tirolerisch heißt: du bist ein hübscher
Junge, ganz nach meinem Geschmack! -- Das muß ihr echt gesagt werden, ganz
echt!« Unter fideler Spannung der Tafelrunde sprach ihr einer der
Touristen im breitesten Tirolerdialekt den Satz vor: »Du gfollscht ma,
bischt a liaba Bua!« Fifi versuchte die bleischweren Laute
nachzuschwatzen. Was auf ihrem leichten Zünglein daraus wurde, das hörte
sich so drollig an, daß die ganze Gesellschaft in Gelächter ausbrach.
Sogar die Sennerin lachte; aber das war ein Lachen, so grell wie der
Klang einer springenden Saite.
Den Praxmaler-Pepperl schien diese Liebeserklärung der Französin -- oder
etwas anderes -- um den letzten Rest seiner Zurückhaltung gebracht zu
haben. Er stieß einen gellenden Jauchzer aus, griff mit beiden Armen zu,
und wie man einen Knödel aus der Suppe sticht, hob er das kleine
Persönchen über den Tisch herüber an seine Seite. »So, jetzt spielen S'
ein' auf, an rassigen!« schrie er dem Zitherspieler zu. »Jetzt wird
einer tanzt mit meiner Franzeesin! A gsunder!« Wieder jauchzte er und
schwang sein Hütl dazu.
Mit schwirrenden Klängen fiel die Zither ein. Zwei der jungen Touristen
faßten die beiden als Dirndln kostümierten Mädchen um die Hüfte, und
Jean, der nicht leer ausgehen wollte, machte den Versuch, die Sennerin
zum Tanz zu holen. Wortlos drehte ihm Burgi den Rücken, während Pepperl
dem Verschnürten mit höhnischer Freude zurief: »Sie! Die lassen S' in
Ruh! Die is der Rühr-mi-net-an! Die hat an Heimlichen. Wann s' an andern
anschaut, wird er wild, der Heimliche, und sie därf ihm die schecketen
Jagdküh nimmer melchen. Juhuuu!« Das war ein Jauchzer, dessen scharfer
Klang wie ein Dolch in alle Ohren fuhr. Mit einem Luftsprung, wie ein
Tollgewordener, trat Pepperl an der Hand seiner »Franzeesin« zum
Schuhplattler an.
Burgi stand bleich am Herd und starrte ins Feuer.
Auch Fifis Gezwitscher war verstummt, und einen Augenblick schien es,
als bekäme sie Angst vor diesem _superbe colosse_, der ihre Hand
umklammert hielt wie mit eisernem Schraubstock und das kleine
Persönchen im Kreise wirbelte, daß die Röcke flogen wie ein sausendes
Rad. Dann lachte sie wieder, blitzte ihn mit ihren schwarzen Augen an,
und flink hatte sie es den beiden anderen Mädchen abgeguckt, wie sie
sich, mit den Händen die Röcke niederhaltend, vor ihrem Tänzer drehen,
wiegen und wenden mußte, um den Sinn dieses urwüchsigen Naturtanzes zum
Ausdruck zu bringen: das Entfliehen und Sichhaschenlassen, das Versagen
und Gewähren einer Gunst, um die der Tänzer wirbt.
Mit einem Jauchzer, daß die Stubendecke dröhnte, umkreiste Pepperl die
sich wirbelnde Tänzerin und begann ein Schlagen und Springen, ein Blasen
und »Schnackeln« wie ein liebes-und frühlingstrunkener Spielhahn. Er
»plattelte«, als wollte er seine Schenkel und Schuhe zu Scherben
klopfen, schlug Räder und Purzelbäume, schnellte im Aufsprung die
Fußspitze bis zur Stubendecke und schwang, als die Zither schwieg, mit
gellendem Juhschrei seine Tänzerin durch die Luft wie eine Feder.
Die beiden anderen Paare, auch Jean und der Zitherspieler, schrien Bravo
und applaudierten. Und Fifi, als sie mit den zappelnden Füßen wieder zu
Boden kam, sah glühend und staunend an ihrem Tänzer hinauf und pisperte
mit ihrem atemlosen Stimmchen: »_Bigre, tu as de la race, toi[3]!_« Mit
beiden Händen haschte sie ihn am Schnurrbart, zog ihn zu sich nieder,
hob sich auf die Fußspitzen und drückte ihm einen Kuß auf den Mund. Dann
huschte sie kichernd zur Stube hinaus.
Die Touristen machten dazu einen fidelen Spektakel, während Jean der
kleinen Französin mit der Bemerkung folgte: »_Elle est folle,
vraiment[4]!_« Er fand sie draußen, wie sie vor Lachen kaum Atem und Wort
hatte. Und als sie sich in seinen Arm einhängte, um sich zum Jagdhaus
hinaufführen zu lassen, meinte sie: »_C'était la vraie bêtise de
campagne, ça[5]!_«
Auch Pepperl lachte. Aber es schien, als wäre ihm dabei nicht besonders
wohl zumute. Sein Gesicht brannte wie Feuer. Er mußte sich abkühlen und
schrie der Wirtin zum »Verirrten Lampl« mit heiserer Stimme zu: »He,
Sennerin, ^noch^ a Viertele!«
Wortlos nahm Burgi das Glas vom Tisch und ging in den Keller. Schwer
seufzend öffnete sie den Hahn am Faß, und während das dünne rote
Brünnlein niederplätscherte in das Glas, tröpfelten ihr die dicken
Zähren über die Wangen -- und eine dieser Tränen fiel in den Rotwein. Wie
in Wut über sich selbst, fuhr sie mit der Faust über die Augen und biß
die Zähne übereinander.
Als sie hinaufkam in die Stube, packte der Zitherspieler sein
Instrument in den Rucksack, und die jungen Leute, denen der Wein in den
Köpfen wirbelte, schickten sich an, ihr Nachtlager auf dem Heu zu
suchen. Unter Späßen, die der späten Stunde entsprachen, sagten sie der
schweigsamen Sennerin gute Nacht, stiegen mit Schwatzen und Gekicher
über eine Leiter zum Heuboden hinauf und ließen an der Stubendecke die
Klappe hinter sich zufallen.
Burgi und Pepperl waren allein.
Über ihren Köpfen pumperte die Decke, und man hörte gedämpft die
lachenden Stimmen der Heugäste, die es mit Schlaf und Ruhe nicht eilig
hatten.
Unter schwülem Schweigen räumte Burgi den Tisch ab, so daß nur das
letzte »Viertele« des Praxmaler-Pepperl noch stehenblieb. Der suchte mit
zitternden Händen aus seinem schweinsledernen Ziehbeutel das Geld für
die zehn Schoppen heraus und legte die Münzen schön geordnet in Reih und
Glied auf den Tisch. »So! Da is mei' Schuldigkeit!« Er packte das Glas
und stürzte den Wein hinunter -- das ganze »Viertele« mitsamt der bitteren
Träne war nur ein einziger Schluck. Dann stülpte er den Hut über die
Kreuzerschneckerln, blies die heißen Backen auf, und ohne die Sennerin
eines Blickes zu würdigen, wollte er zur Tür.
Wie die strafende Gerechtigkeit den Verbrecher faßt, mit so jähem Sprung
verlegte ihm Burgi den Weg.
Pepperl wurde bleich. Während die zwei so voreinander standen, sich
messend mit finsterem Blick, schienen sie alle beide zu ahnen, daß es
jetzt ein Unglück geben würde.
Vor Aufregung klang die Stimme des Mädels ganz verändert: »Wart a bißl,
du Moralischer, du! Mit dir muß ich was reden!«
»Du? Mit mir?«
»Ja! Ich! Mit dir!«
»Haha!« Pepperl versuchte von oben herab einen Ton anzuschlagen, der ihm
nicht gelang. »Wir zwei haben ausgredt mitanand! Und wann schon meinst,
du mußt mir was sagen, so such dir an anders Stündl aus! Heut weiß ich
mir was Bessers.« Stolz machte er einen Schritt zur Tür.
Burgi war flinker und stieß den Riegel vor. »So! Jetzt probier, ob d'
aussi kommst!«
Das ging dem Praxmaler-Pepperl über die geduldige Leber. Er bekam ein
zornrotes Gesicht. »Du! Solchene Sachen verbitt ich mir!« Auch fand er
gleich für diesen Gewaltstreich das richtige Advokatenwort: »Die
perseenliche Freiheit laß ich mir net beschränken!«
»Ghören tät's dir, daß man dich einsperrt!« fiel Burgi mit heißer
Erregung ein. »So einer, wie du bist, sollt net freilings umanandlaufen
därfen! Dir ghöret a Halsbandl, dir!«
»Natürlich, mit eim Schnürl dran! Daß du mich führen könntst! Aber gelt,
mich laß in Ruh! Führ du dein Schwarzlackierten spazieren! Den mit die
seidenen Höserln!«
»Du! Du!« Sie ballte die Fäuste und brachte nur mühsam die Worte heraus.
»Über den sagst mir nix mehr! Du!«
»Dir sag ich noch viel!«
»Meinetwegen, ja! Aber gelt, mit deiner Tugendhäftigkeit kannst mich
auslassen, du! Und mit die Gomorringer! Wann ^die^ ausrucken, bist du
als Korporal dabei!«
»Leicht awanzier ich gar noch zum Leutnant!«
»Da hast recht! Du bringst es noch weit! Heut hab ich dich ausstudiert,
du scheinheiligs Brüderl, du! Denn so, wie du heut, hat sich net bald
einer aufgführt!«
»Ich hab halt was glernt von dir!« erklärte Pepperl höhnisch. »Schlechte
Beispieler verderben gute Sitten!«
»Verderben? So? Verderben?« keuchte Burgi, als hätte ihr dieses
Argument einen Stoß ins Leben versetzt. »An dir is viel zum Verderben?
Meinst? Du bist ja in der besten Schul, bei ^der^! So eine, freilich,
die wachst net bei uns. Die muß extra aus Frankreich kommen! Wie's
^die^ versteht! Ah! Pfui Teufi! Net amal Deutsch kann s', die!«
»Ihr Bussel hab ich ganz gut verstanden.«
»So? Hast es verstanden?« höhnte Burgi, während ihr die Tränen in die
Augen sprangen. »^Gut^ verstanden? So?«
»Ja! Und sie haben was Extrigs, die franzeesischen Busserln. Da muß ich
schauen heut, daß ich ^noch^ eins derwisch. Drum geh von der Tür weg,
sag ich!«
»So? Tätst aussi mögen?« Sie machte die Ellbogen breit, um den Riegel zu
decken. »Fensterln? Bei der? Dös tät dir halt taugen, dir? Gelt?«
»Und wie! Es taugt ja dir auch net schlecht, wann der ander kommt: Main
scheenes Gindd!«
»Und du: Schö wussem, schö wussem!«
»Schö wussem, ja«, schrie Pepperl, »schö wussem! Noch tausendmal sag
ich's ihr heut!« Er machte einen drohenden Schritt. »Von der Tür weg!«
»Ich mag net! Na!« Und während ihre Augen immer größer wurden, stemmte
sie sich mit dem Rücken gegen die Bretter.
»Gehst weg oder net?«
Sie starrte ihn an, regungslos, mit einem Gesicht, das wie versteinert
schien.
Je bleicher sie wurde, desto dunkler stieg dem Praxmaler-Pepperl das
Blut unter die Kreuzerschneckerln. »Gehst weg oder net? Ich frag zum
letztenmal.«
Sie rührte sich nicht.
Da riß ihm die Geduld. Er machte einen Sprung zur Tür und versuchte
Burgi mit der Schulter beiseitezuschieben. Sie klammerte sich an den
Riegel, als hinge ihre Seligkeit an diesem Stücklein Holz. Pepperl
schob und drückte, bis er den Riegel zur Hälfte frei bekam. Nun riß er
ihn auf, und schon klaffte die Tür um einen handbreiten Spalt. Als gält
es jetzt einen Kampf auf Leben und Tod, so warf sich Burgi dem Feind
entgegen, packte ihn mit der einen Hand an der Brust, mit der anderen an
der Kehle und versuchte ihn mit verzweifelter Kraft von der Tür
wegzureißen. Und wirklich, Pepperl war von diesem jähen Überfall so
völlig überrascht, daß er schon bis in die Mitte der Stube gestoßen war,
bevor er noch recht an Widerstand denken konnte. Jetzt erwachte die Wut
in ihm. Mit Zucken und Zerren versuchte er sich freizumachen und wurde
grob. Doch Burgi hielt ihn mit den Armen umklammert, ihre letzte Kraft
erschöpfend, und ließ nicht los. Da begannen sie ein Ringen, wortlos und
keuchend. Bei diesem Ringen krümmten und wanden sie sich, Leib an Leib
gewachsen, als wären sie nur ein einziger Körper. Dann plötzlich, wie
von einem Zauber gelähmt, standen sie regungslos, alle beide. Sie
hielten einander mit den Armen noch umschlungen wie im Ringen. Aber sie
sahen sich an, erschrocken und bleich, Aug in Auge. Was sie sagen
wollten, wurde ein Lallen -- und eines schloß dem anderen die Lippen mit
dürstendem Kuß.
Die Stubendecke pumperte über ihren Köpfen, und eine Lachsalve nach der
anderen prasselte dort oben im Heu.
Die beiden hörten es nicht. Sie waren auf die Herdbank niedergesunken,
hielten sich umklammert und wurden nicht satt von ihren Küssen.