»Ich will das Fenster schließen, die Nacht wird kühl --«
Ihre Stimme erlosch -- draußen über der Hecke sah sie einen Menschen
stehen, regungslos in dem trüben Dunkel. Ruhig schloß sie das Fenster
und zog die Gardinen vor.
Der auf der Straße draußen lachte leis. Dann schritt er durch das
finstere Dorf, dem Geißtal entgegen.
Es ging auf elf Uhr, als Mazegger die Tillfußer Alm erreichte.
Zitherklang, Gesang und Lachen tönten aus der Sennhütte. Das Jagdhaus
stand noch mit hellerleuchteten Fenstern, nur das Speisezimmer war
dunkel. Und im Försterhäuschen wurde just die Lampe ausgeblasen.
Während Mazegger an der Sennhütte vorüberging, warf er einen
gleichgültigen Blick in die offene Tür, durch die es herausquoll wie
roter Feuerdampf.
Zigarrenrauch und Staub, den die tanzlustigen Paare aufgewirbelt hatten,
erfüllten den großen Raum. Ein festes Feuer flackerte auf dem Herd, und
über dem dichtbesetzten Tisch, in einem Mauerring, brannte eine
Kienfackel. Einer der jungen Touristen spielte mit wenig Kunst, aber mit
vielem Eifer die Zither, die anderen sangen und tranken, schwatzten und
lachten. Nur die Wirtin hielt sich abseits von dem fidelen Spektakel.
Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen stand Burgi neben dem Herd und
warf ein Scheit ums andere ins Feuer, als gält es eine Höllenlohe für
eine dem Bratspieß verfallene Sünderseele anzuschüren. Sie trat nur zum
Tisch, wenn sie ein leergewordenes Glas wieder zu füllen hatte. Und
dann mußte sie in den Keller hinunter, wo das Fäßlein mit dem roten
Spezial schon bedenklich hohl erklang. Was ihre gallige Laune am meisten
zu reizen schien, das war, daß sie den Weg in den Keller besonders
häufig für den Praxmaler-Pepperl machen mußte. Der schien den Schwur der
Nüchternheit, den er beim Sebensee seinem Jagdherrn geleistet hatte,
völlig vergessen zu haben. Zwei Liter hatte er schon hinuntergegossen in
seine aufgeregte Seele, und jetzt eben schrie er zum neuntenmal: »He,
Sennerin! ^Noch^ a Viertele!«
Abgewandten Gesichtes stellte ihm Burgi den frischgefüllten Schoppen
hin. Während sie zum Herd ging, warf sie einen Wutblick über die
Schulter. Nicht auf den Praxmaler-Pepperl. Die Zornglut dieses Blickes
galt der kleinen Französin, deren lustiges Lachgezwitscher die Stimmen
der anderen übertönte.
Zwischen Pepperl und Mam'zelle Fifi hatte sich die ungenierteste
Freundschaft im Verlauf einer Stunde so heiß entwickelt wie Dampf aus
kochendem Wasser. Als die kleine Französin am Arm des Leibjägers die
Sennhütte betreten hatte, war Pepperl mit finster brütenden Augen in
einem Winkel gesessen und hatte sich gegen Fifis ersten
Annäherungsversuch so unzugänglich verhalten wie ein junges Fohlen, dem
man zum erstenmal das Geschirr um den Hals legen will. Aber war es die
Wirkung des Weines, den er als reichlichen Seelentrost in sich
hineingoß, oder war's ein spöttisches Lächeln der Sennerin, ein bissiges
Wort, das Burgi einem der Touristen über die Französin gerade so laut
noch zuflüsterte, daß Pepperl es hören mußte -- irgend etwas hatte unter
seinen Kreuzerschneckerln plötzlich einen psychologischen Wettersturz
hervorgerufen. Aus einem griesgrämigen Leimsieder hatte er sich in einen
krakeelenden Don Juan verwandelt, dessen Schmeicheleien die kleine
Französin in um so größere Begeisterung versetzten, je derber sie
ausfielen. Dieser _vrai tyrolien_, dieser type de la race gefiel ihr immer
besser mit jeder Minute. Sie ließ es, um ihn in Feuer zu bringen, an
Aufmunterung nicht fehlen. Und Pepperl war nicht dumm. Wenn sie ihm
einen kleinen Finger reichte, nahm er gleich die ganze Hand, zum Gaudium
der Französin und der ganzen lustigen Gesellschaft, die Sennerin
ausgenommen. An diesem »Flirt« -- wie Jean der Verschnürte die koketten
Manöver Fifis mit Weltbildung bezeichnete -- beteiligten sich alle
Mitglieder der Tafelrunde und spielten mit wie die Zuschauer bei einer
Hanswurstiade. Da Fifi kaum ein paar deutsche Worte und Pepperl kein
Französisch verstand, mußte bald der Leibjäger, bald einer der jungen
Touristen den Dolmetsch abgeben, wobei die drastischen Komplimente, die
Pepperl der Französin machte, mit lautem Hallo bei der Übersetzung noch
übertrieben wurden. Als Pepperl in seiner schwelenden Weinlaune
beteuerte: »Die gfallt mir, die mag ich!« -- begnügte sich Fifi nicht mit
der Übersetzung.
»_Moi, je veux, qu'il me dise cela en français!_«
»Was hat's gesagt?« fragte Pepperl.
Einer der Touristen übersetzte: »Sie will, du sollst ihr auf französisch
sagen, daß sie dir gefällt!«
»So?« Pepperl studierte eine Weile. »Wie tät's denn heißen auf
franzeesisch, wann ich ebba sagen möcht: Du bist sauber, dich hab ich
gern?«
Unter Gelächter sagte man's dem Praxmaler-Pepperl ein paarmal vor: »_Vous
êtes très belle! Je vous aime!_«