Lo sah über der gestutzten Holunderhecke das bleiche Gesicht mit den
funkelnden Augen. Sie verließ das Sommerhäuschen. »Guten Abend!« sagte
sie, wie man einen Fremden grüßt, und ging auf das Haus zu.
Der Pfad führte am Zaun entlang, und so konnte Mazegger über der Hecke
draußen gleichen Schritt mit ihr halten.
»Aber eilig haben Sie's heut!« Der Jäger lachte. »Ich bin halt nicht der
ander mit'm Krönl im Schnupftuch! Da tät sich's freilich rentieren, daß
man stehenbleibt. Da hätt man Zeit eine ganze Nacht lang. Wie draußen
beim Sebensee. Gelt, ja?«
Schweigend folgte Lo ihrem Weg.
»Ich komm von Tillfuß. Da sollten Sie doch ein bißl neugierig sein, was
los ist bei Ihrem hochgeborenen Courschneider! Könnt sein, daß ich was
zu erzählen hätt. Wirklich? Gar nicht neugierig?«
Er wartete auf Antwort. Vergebens.
Nun lachte er wieder, gallig und rauh. »Jetzt kommt er so bald wohl
nimmer zum Sebensee! Jetzt hat er keine Zeit mehr -- für Sie! Heut hat er
Besuch bekommen. Und was für einen! Eine Baronin. Billiger tut er's
nicht, wenn's ernst wird. Ich hab mir allweil gedacht, es gäb nichts
Schöneres auf der Welt, als Sie sind. Aber ^die^! Aaah! Was die für ein
Lachen hat! Und wie sie ihn frißt mit ihren sündschönen Augen! Da müßt
der ägyptische Joseph drüber stolpern. Und Joseph ist ^der^ doch keiner!
Gelt? Die vornehmen Herren, die halten's gern mit der Abwechslung. Heut
Butterbrot und Sebenseeblümln, morgen wieder Salami mit Pfeffer.«
Lo hatte den Pfad verlassen. Quer durch die Wiese schritt sie auf das
Haus zu. Was der Jäger ihr nachrief, verstand sie nicht mehr. Nur sein
Lachen hörte sie noch. Als sie zur Haustür kam, mußte sie sich an die
Mauer stützen. Diese Schwäche währte nicht lang. Ruhigen Schrittes trat
sie ins Haus. Lichtschein fiel aus der Küche in den Flur und über die
Bilder hin, welche die Mauer bedeckten.
Während Lo zur Stube ging, berührte sie eines der Bilder mit der Hand,
als wäre das Trost und Kraft für sie: die Leinwand zu fühlen, auf der
ein reiner und schöner Gedanke ihres Vaters Form und Farbe gewonnen.
Nun trat sie in das helle Zimmer, in dem Frau Petri noch mit dem Tisch
beschäftigt war.
»Heut kommst du früher als sonst. Bist du draußen schon fertig?«
»Ja, Mutter. Mit allem.«
Beim Klang dieser Stimme blickte Frau Petri betroffen auf. Sie sah das
weiße, vom Schmerz berührte Gesicht, die verstörten Augen, und fragte
erschrocken: »Kind? Was hast du?«
»Nichts!«
»Das sagst du mir und kannst mich doch nicht ansehen dabei!« Vor Sorge
zitterte die Stimme der alten Frau. »Kind?«
»Ich bin erschrocken. Draußen im Garten, dicht vor meinen Füßen, kroch
eine Natter über den Weg.«
»Nein! Das hätte ^mich^ erschrecken können. Nicht dich! Vor einem
Tier zu erschrecken, das nur unschön ist, nicht gefährlich, das ist
nicht deine Art. Sag mir, was du hast! Und sieh mich an!«
Ein Lächeln erzwingend, hob Lo die Augen.
»Kind! Ich fühle doch, daß es nur ein Gleichnis war, was du vorhin von
der Natter sagtest. Draußen im Garten ist etwas geschehen, was dich
kränkte. Das war so abscheulich, daß du es deiner Mutter nicht sagen
magst. Ich kann mir's denken! Ein dummer oder böser Mensch wird ein Wort
gesprochen haben, das etwas in dir verletzte, was dir lieb und heilig
ist.«
»Ja, Mutter! Etwas, an das ich glaube, wie ich an den Vater glaube und
an dich!«
»Gelt, ich hab's erraten?« Frau Petri atmete, als läge ihr ein Stein auf
der Brust. »Schon die ganze Zeit her -- und was mir gestern der Bub
erzählte, vom Jagdhaus -- Kind, ich bitte dich, diese Sorge mußt du mir
ausreden! Gelt, nein? Es ist nicht so, wie ich fürchte? Wenn ich recht
hätte mit meiner Sorge, das wäre ein Unglück für dich und für uns
alle! -- Kind?«
Lo wollte sprechen und brachte kein Wort über die Lippen. Auf die
Holzbank niedersinkend, brach sie in Schluchzen aus.
Schweigend setzte Frau Petri sich an die Seite ihres Kindes, nahm die
Weinende in den Arm und streichelte ihr das Haar.
Noch ehe Frau Petri sprechen konnte, hatte Lo ihre Fassung
wiedergefunden. Sie trocknete die Augen, und nur noch ein schmerzliches
Lächeln irrte um ihren Mund, als sie ruhig sagte: »Mutter! Wir müssen
fort von hier.«
»Fort?«
»Ja. Weil ich ihn liebe.«
»Ach, Gott!« stammelte die alte Frau. »Was ist über mich schon alles
gekommen! Und jetzt auch das noch! Mein Kind muß ich leiden sehen und
kann ihm nicht helfen. So ein Unglück!«
»Nein, Mutter!« Lolos Augen leuchteten in stillem Glanz. »Was ich fühle,
ist das Herrlichste eines Menschenherzens. Es wird mein Leben erfüllen
wie die Sonne einen klaren Tag. Ist Liebe weniger schön und reich, weil
sie nicht hoffen darf? Kein Unglück, nein! Was ich fühle, ist Glück. Nur
Zeit mußt du mir vergönnen, um mich wiederzufinden, um so stark und
mutig zu werden, daß ich ihm ruhig begegnen und verbergen kann, was in
mir brennt. Nur deshalb will ich fort. Ein paar Wochen. Ich bitte dich,
Mutter, tu mir das zuliebe!«
»Ja, Kind! Alles, was du willst. Und wohin möchtest du?«
»Das war immer eine Sehnsucht in mir: Vaters Heimat kennenzulernen, das
Haus sehen, in dem er geboren wurde.«
»Ja! Da reisen wir hin.«
»Und dann, Mutter, gehen wir nach München.«
»München?« Vor den Augen der alten Frau erwachte bei diesem Wort das
Bild ihrer bittersten Lebensjahre. Wie scheue Abwehr klang es aus ihrer
Stimme: »Kind?«
»Das müssen wir, Mutter! Was wir über Vater erfuhren, hat eine Pflicht
auf uns gelegt. Die Welt soll die Schätze sehen, die unser Haus
umschließt, und soll lieben lernen, was Vater unter diesem Dach
geschaffen hat. Deshalb müssen wir nach München.«
»Ich seh es ein. Das sind wir seinem Namen schuldig. Aber -- Ach, Lo!
Wieder hinein in den alten Kampf und in die neue Sorge! Und es war so
friedlich hier! Bei unserem Erinnern und bei seinen Blumen!«
Lo legte den Arm um den Hals der Mutter. »So wird es auch bleiben,
immer! Wenn wir heimkehren, werden wir nur reicher sein um eine Freude.«
»Gott soll's geben!« Frau Petri seufzte; ihr Herz wurde nicht leichter.
Sie hatte es verlernt, an die Hoffnung zu glauben. Als nach allem Kampf
der früheren Jahre die Ruhe gekommen war, hatte sie diesen Frieden
nicht recht genießen können, weil sie immer fürchten mußte: er wird
nicht dauern. Hatte sie nicht recht gehabt mit dieser Furcht? Noch
war die Trauer um ihren Mann nicht still geworden. Und da kam nun das
wieder! Der hoffnungslose Schmerz ihres Kindes! Und was würde ^dann^
kommen? Was stand ihr noch alles bevor an Leid und Weh? »Ach, ja!« Die
Hände fielen ihr schwer in den Schoß. »Wann willst du reisen?«
»Sobald der Bub wieder wohl ist. Und morgen will ich hinausreiten zum
See, nur über die Nacht, um da draußen alles in Ordnung zu bringen für
den Winter. Auch dürfen wir die Blumen in den heißen Sommerwochen nicht
ohne Pflege lassen. Ich will den Sebener Senn ersuchen, daß er die
Arbeit übernimmt.«
»Ja, das mußt du tun! Seine Blumen -- das war sein letztes Wort -- die
dürfen nicht leiden.«
Nun schwiegen sie, als wäre alles zu Ende gesprochen.
»Noch eines, Mutter!« Lolos Wangen färbten sich. »Der Fürst --« Ihre
Stimme schwankte bei diesem Wort. »Die Freude, die er uns brachte mit
dieser Nachricht -- das müssen wir ihm danken! Ich meine, wir sollten
ihm eines von unseren Bildern schicken. Als Erinnerung an den Vater.
Und an alles andere.« Ein mildes Lächeln verschönte ihren Mund. »Meinst
du nicht auch?«
»Wenn du willst. Welches meinst du?«
Da rief die Magd in die Stube herein: »Ich bitt, der Gusterl gibt kei'
Ruh nimmer: 's Fräuln soll kommen!«
Lo erhob sich, zog die alte Frau zu sich empor und umschlang sie. »Sei
ruhig, Mutter! Sorg dich nimmer! Der Vater hat mich erzogen zu seinem
starken Kind. Und was ich dir sein kann, das sollst du haben an mir!«
Sie verließ die Stube. Erst ordnete sie noch in der Küche die Teeplatte
und sagte zu dem Mädchen: »Trag nur alles gleich hinein! Muttl hat schon
so lange warten müssen.«
Als sie durch die Schlafstube der Mutter ging, fiel aus dem anstoßenden
Zimmer der Lampenschein und erleuchtete eine Bilderwand. Lolos Blick
begegnete jener Leinwand mit dem Hermeskopf -- mit der weißen Marmorsäule
des jugendlichen Gottes, dem eine Natter auf die Schulter kriecht. Ekel
und Grauen sprechen aus seinem Gesicht, doch seine Brust ist angewachsen
an den unbeweglichen Stein, und er hat keine Arme, um die giftige
Häßlichkeit von sich abzuwehren. »Das soll er haben!« Zitternd, in einem
Sturm von Empfinden, nahm Lo das Bild von der Wand und küßte die Stirn
des schönen Gottes.
Da klang die Stimme des Bruders: »Lo? Was machst du da draußen? Komm
doch zu mir!«
Sie gab das Bild wieder an die Wand und trat in die kleine Stube.
Das verpflasterte Gesichtchen vorgebeugt, saß Gustl in den Kissen. »Lo,
jetzt eben hab ich probiert, ob ich marschieren kann. Es geht schon ganz
famos. Morgen darfst du mich aufstehen lassen.«
Sie trat zum Bett. »Morgen? Nein, Bubi, morgen mußt du noch
liegenbleiben.«
»Also übermorgen! Darf ich dann auch bald ins Jagdhaus? Er hat mich doch
eingeladen. Übrigens, weißt du, ich hab so was wie eine Ahnung. Gib
acht, Lo, morgen kommt er.«
Damit der Bruder ihre Erregung nicht sehen möchte, ging sie zum Fenster,
das noch offenstand.