Burgi runzelte die Stirn. »^Was^ hat er?«

»Zähntweh.«

»Auf der linken Seit?«

»Ja, ich glaub!«

»So? Dös is ihm gsund. So a Zähntweh treibt die überflüssigen Hitzen

aus.« Mit trockenem Lachen trat sie in die Kammer, während der Förster

die Büchse nahm und davonwanderte.

Schwüle Mittagshitze lag über dem Almfeld. Kein Laut, nur das

Brunnengemurmel; keine Bewegung, nur über den Dächern das blaue

Gekräusel des Rauches.

Auch Pepperl hatte Feuer in seinem Herd gemacht, hatte aber dann aufs

Kochen vergessen. Mit aufgezogenen Knien saß er neben dem Schürloch auf

den Dielen. So »sinnierte« er eine Stunde lang vor sich hin. Da hörte er

Peitschenknall und das Rollen eines Wagens. Mißmutig erhob er sich und

trat unter die Tür.

Eine vierspännige Kutsche fuhr an ihm vorüber, und im Wagen saß eine

junge Dame -- Herrgott, dös muß ebbes Fürnehms sein! dachte Pepperl, denn

sie trug auf dem Hut einen Vogel, wie er seiner Lebtag noch keinen

gesehen hatte. Neben der Dame saß ein Herr mit einem Jägerhütl, wie

Pepperl auch noch keines gesehen hatte, mit handbreitem, grasgrünem

Seidenband und mit einem wahren Ungetüm von Gemsbart. Aber dieser

Gemsbart war echt, ohne Zweifel. Darauf verstand sich Pepperl. »Der is

seine hundert Gulden wert, ehnder noch mehr!«

Jetzt kam ein Zweispänner. Drin saß ein Diener in Jägerlivree, deren

reiche Verschnürung in Pepperl die Vermutung weckte: »Dös muß der

Oberlandesschützenmeister von Tirol sein!« An der Seite dieses hohen

Würdenträgers saß ein zierliches, bildhübsches Persönchen mit

verschmitztem Gesicht und koketten Feueraugen, der Mustertypus einer

französischen Kammerjungfer. Beim Anblick des Jägers mit seiner offenen

Brust und seinen nackten Knien geriet das kleine Dämchen in einen

Aufruhr von Entzücken, kniff ihren Reisegefährten in den Arm und

zwitscherte: »_Ah, Jean! Voilà un chasseur du prince! Ah! Ah! Un superbe

colosse! Ah! N'est-ce pas qu'il est le vrai tyrolien? Un type de la

race, et assez joli, pour faire se retourner les femmes dans les

rues[1]!_«

Sie guckte nach allen Seiten, klatschte wie ein Kind in die Hände und

blitzte mit ihren Schwarzaugen wieder den Jäger an.

»_Ah! Ah! C'est charmant! C'est drôle, tout ça! Jean! Jean! Nous ferons

un tas de bêtise à la campagne_[2]« Und während der Wagen an der Hütte

vorüberfuhr, grüßte sie lachend mit dem Handschuh. »_Bon jour, monsieur!

Bon jour!_«

Pepperl riß die Augen auf und wurde rot. Französisch hatte er wohl in

der Leutascher Dorfschule nicht gelernt, nicht einmal ordentlich

Deutsch. Aber soviel hatte er doch verstanden, um zu merken, was von

dieser »Auslandrischen« zu denken war. »Teufi, Teufi, Teufi! Die geht

scharf ins Zeug!« Mit dieser Erkenntnis war die Sache für ihn erledigt.

Er sah noch den dritten, mit großen Koffern beladenen Wagen

vorüberfahren, dann kehrte er seufzend in die Stube zurück, um die

Pfanne auf den Herd zu stellen. Dann war's mit seiner Kocherei wieder zu

Ende. Die Wagen kamen vom Jagdhaus zurück, die Kutscher fragten nach der

Stallung, und Pepperl mußte sie führen, mußte ihnen helfen. Während er

wortkarg das Geschwatz der Kutscher anhörte, kam Mazegger über die

Lichtung herauf. Vor der Remise blieb er stehen, erregt, und musterte

die Wagen.

Pepperl sah ihn an und fragte: »Toni? Was hast denn? Bist denn krank? Du

schaust ja aus wie a Gspenst!«

»So?« Mazegger atmete schwer. »Und die Wagen da? Sind die Damen, die ich

gesehen hab, zum Fürsten gekommen?«

»Natürlich, zu wem denn sonst?«

»Und die schöne Frau, die im Vierspänner war? Wer ist denn die?«

»Was weiß denn ich?« brummte Pepperl.

Mazegger stand noch eine Weile und lauschte auf das Gespräch, das die

Kutscher im Stall miteinander führten. Sie sprachen von einer »lustigen

Französin«, von einem »Kasperl mit Haxen« und von einer »Frau Baronin«,

über die der Postillon des Vierspänners das Urteil fällte: »A säuberers

Frauenzimmer hab ich meiner Lebtag noch net gsehen. Was die für Augen

hat! Kruzitürken! So eine hätt der Teufi schicken müssen, wie er den

heiligen Antoni hat versuchen lassen!«

Mazegger lächelte und spähte gegen das Fürstenhaus hinauf. Als er in

seine Hütte trat, warf er die Büchse auf das Bett, verriegelte die Tür

und riß mit zitternden Händen das kleine Fenster auf. In der dunklen

Stubenecke setzte er sich rittlings auf einen Sessel und legte neben

sich das Fernrohr auf den Herd. Durch das offene Fenster konnte er das

Fürstenhaus und den ganzen Weg überblicken, der von droben

herunterführte zum Fremdenhaus. Er sah den Praxmaler-Pepperl mit einem

Kutscher drei rotlederne Koffer ins Fremdenhaus hinuntertragen. Martin

erschien mit jenem Herrn, dem der »unsinnige Gamsbart« wie ein

Generalsbusch auf dem Spitzhut schwankte. Um die Schultern hatte er

einen leichten Staubmantel hängen, offen, so daß man den grün und

rehbraun karierten Jagdanzug sehen konnte, dessen Kniehosen sich mit

handbreiten Hirschlederborten um die moosgrünen Strümpfe schlossen. In

der Hand trug er ein Lederetui, das sich ansah wie eine plattgedrückte

Pfanne. Er war von mittelgroßer Gestalt, rund genährt und dennoch von

unruhiger Beweglichkeit, mit eigentümlich wiegendem Gang.

Mazegger richtete das Fernrohr und sah durch das Glas ein nicht mehr

junges, aber rosiges, vergnügt zufriedenes Gesicht mit großen

wasserblauen Augen. Das aschblonde Haar war wellig in die Schläfen

gekämmt, eine dicke Locke stahl sich an der Stirne unter dem Hutrand

hervor, und auf den roten Lippen saß ein kunstvoll dressiertes

Schnurrbärtchen, das sich kräuselte wie eine zierliche Arabeske.

Martin schien die Gegend zu erklären, und bei allem, was er sagte, ließ

der Fremde ein wunderliches Lachen hören, hoch und kichernd, wie das

Hämmern eines Spechtes.

Nun kamen die beiden über den Weg herunter.

»Ah ja, die Gegend ist wirklich großartig! So was von Beag! Was? Und

schaugn S' den Wald an, Moatin, so was von Grrrünitätt!« sagte der

Fremde zwischen Lachen und Getänzel in einer Sprache, die an den Jargon

der Wiener Fiaker anklang und manchmal an den Ton der Börse erinnerte.

»Aber Aufenthalt und Verpflegsqualitätt? Schlechte Zensur? Was?

Ainigermaaasen prrrimitifff, scheint mir? Nuuuhr für Natuuuhr, fescher

Walzer mit Variationen in Moll für Geißtaler Jagdhausgebrauch. Nna, die

Jagd, hoff ich, rrreißt alles heraus! Prima? Was?«

»Ja, Herr von Sensburg, die Jagd soll vorzüglich sein. Durchlaucht haben

zwar die Pirsche noch wenig frequentiert, aber es ist Durchlaucht doch

gelungen, gleich auf dem ersten Pirschgang einen schönen Hirsch --«

»^Guten^ Hirsch!«

»-- einen guten Hirsch und bei der nächsten Pirsche zwei kapitale

Gemsböcke zur Strecke zu bringen.«

»Aber! Moatin! Sie schröcklicher Keal! ^Gamsböck^ haaßt's! Schenieren

Sie sich! Ainigermaaasen mangelhafte Weidmannsbüldung? Was? Hehehehe!«

»Verzeihen Herr von Sensburg -- und bitte, wollen Sie mir nicht das

Racket zu tragen geben?«

»Sssss! Zucker! Nicht anrühren! So was will getragen sein! Hehehehe!

Nna alsdann, zwaa Gamsböck? _A la bonheur_! Da sind ja die Aussichten

großoatig! Sie, Moatin, da mach ich gleich muagen die easte Piasch!

Aber einen feschen Jager bitt ich mir aus. Bei mir wird schoaf

gestiegen! Schoarrfff! Und wann ich am Abend den Gams hambring,

bitt ich mir aus, daß a bißl aufgmischt wird in diesem sterilen k.

k. Landeswinkel! Hehehehe! Wissen S', was ich haben möcht? So eine

zwanglose _fête champêtre_! Stilvoll mit Erdgeruch! Jager, Holzknecht,

Sennerinnen, stramm gwaxene Diandln, Ziederngspüll und Natuajodler,

kuaz, was man sagt: eine Hetz! Aber ächt, das bitt ich mir aus! Kan

Salontiroler! Den Wein zahl ich! _Crédit en blanc_! Wenn's nur eine

Hetz wiad! Die Baronin soll sich amusieren! Hehehehe! Und ich hab

eine volkstümliche Ader, ich mische mich gean unter die haiteren

Öllemente derer, die dort unten wohnen! Aber sagen S', Moatin, ich hab

schon immer da beim Herauffahren diese bucklige Gegend beaugenwinkelt

-- wo wird sich denn da für ein zivilisiertes Menschenkind ein nur

ainigermaaasen brauchbarer Lawn fürs Tennis finden?«

»Ich glaube, dort unten auf der Lichtung, da ist eine ziemlich ebene

Stelle.«

»Anschauen!«

Die beiden Stimmen verhallten hinter der Jägerhütte.

Mazegger legte das Fernrohr auf den Herd. Eine Weile saß er regungslos

und starrte zum Jagdhaus hinauf. Dann lehnte er sich müd an die Wand

zurück und preßte die Handballen in die Augenhöhlen, wie einer, der

seit Nächten keinen Schlaf gefunden und den die Augen schmerzen.

Eine Stunde verging. Martin, der grünverschnürte Leibjäger und

Praxmaler liefen immer hin und her zwischen der Fürstenvilla und dem

Fremdenhaus. Droben in der Haustür erschien ein paarmal die kleine

Französin, guckte neugierig nach den Jägerhütten oder schwatzte eine

Minute mit den beiden Dienern.

Eben standen die drei wieder beisammen, als der Förster über das

Almfeld heraufgestiegen kam. Er gewahrte die fremden Leute, schlug ein

flinkeres Tempo an und trat an das offene Fenster der Jägerhütte.

»He! Toni!«

Mazegger stand am Tisch und reinigte mit einem Lappen den Lauf seiner

Büchse.

»Was sind dös für Leut da droben? Is wer kommen? A Bsuch zum Herrn

Fürsten?«

»Ja, mir scheint.«

»Wer denn?«

»Ein Herr Sensburg. Und eine Baronin.« Mazegger wandte das Gesicht über

die Schulter. »Die Kutscher sagen: die wär so schön wie der selbig

Engel, der grad noch rechtzeitig vom Himmel gefallen wär, um dem

heiligen Antoni aus der Versuchung zu helfen.« Die Fäuste des Jägers

umklammerten die Büchse. »Sonst wär vielleicht der Teufel Herr über ihn

worden!«

»Geh, du Narr, was redst denn da für a Zeug daher!« brummte der

Förster. Dann sah er zum Jagdhaus hinauf und kraute sich hinter den

Ohren. »So, schön! Jetzt is d' Überraschung da, und der Herr Fürst is

net daheim!« Er ging zu seiner Hütte und traf mit Pepperl zusammen, der

in gereizter Stimmung war.

»Grüß Gott, Herr Förstner! Und gut, daß S' da sind!« Pepperl trat in

die Hütte und griff nach der Büchse. »Ich muß auf d' Abendpirsch!«

»No, no, no! Was hast denn?«

»Schwarze Mucken im Schädel. Die muß ich ausfliegen lassen.«

»Du tust ja grad wie a verliebter Kaplan, der net heiraten därf.«

»So?« Brennende Röte flog über das Gesicht des Jägers. »Kunnt schon

sein, daß ich weiß, wie dem z'mut is!«

Kopfschüttelnd sah ihm der Förster nach. Dann ging er zum Stall

hinunter. Noch hatte er den Platz nicht erreicht, wo die Wagen standen,

als er auf dem Weg, der von der Ache über die Lichtung heraufführte,

zwei Reiter auf abgehetzten Pferden kommen sah. Den einen erkannte

Kluibenschädl auf den ersten Blick -- das war Graf Goni Sternfeldt. Den

Hut schwingend, in Freude, lief der Förster ihm entgegen. »Herr Graf!

Ja, grüß Ihnen Gott, Herr Graf! Wie kommen denn Sie daher?«

Sternfeldt winkte mit der Reitpeitsche und versetzte dem Pferd einen

Hieb. Das Tier war ausgepumpt und konnte nicht mehr; es machte nur ein

paar kurze Galoppsprünge und fiel wieder in müden Schritt. Der Reiter

saß ohne Spur von Ermüdung im Sattel, trotz des schweren vierstündigen

Rittes und trotz seiner fünfzig Jahre. Er trug einen flachen Strohhut,

einen lichtbraunen Sommeranzug von modischem Schnitt und Lackschuhe,

alles grau verstaubt -- ein Anzug, der eher für einen behaglichen Bummel

auf dem Bürgersteig der Großstadt passen mochte als für einen Ritt, der

dem Pferde den weißen Schaum aus Hals und Flanken getrieben hatte.

Der lebhaften Gestalt nach hätte man den Grafen für einen Dreißiger

nehmen können. Aber Haar und Bart -- ein glattgeschnittener Spitzbart,

der das schmale Gesicht verlängerte -- waren schon völlig ergraut, beinahe

weiß. Die klugen grauen Augen waren von wulstigen Brauen überschattet,

das einzig Derbe in diesem vornehm gezeichneten Rassegesicht. Die

Anstrengung des Rittes hatte das Gesicht gerötet, dessen ernste Erregung

die sarkastischen Linien nicht verwischen konnte, die tief um den

feingeschnittenen Spöttermund und um die Augenwinkel gezogen waren.

Ehe das Pferd noch anhielt, sprang er aus dem Sattel und warf die Zügel

dem Reitknecht zu, der ihm folgte. »Grüß Sie Gott, lieber Förster!«

»Grüß Gott, Herr Graf!« Kluibenschädl quetschte die Hand, die ihm

Sternfeldt gereicht hatte. »Weil S' nur wieder da sind, Herr Graf! Und

die Freud, die der Herr Fürst haben wird! An Zwölfender hat er auch

schon! Und zwei sakrische Gamsböck!«

Dieser weidmännische Erfolg schien den Grafen nicht sonderlich zu

interessieren. Er fragte hastig und erregt: »Der Fürst hat heute Besuch

bekommen? Natürlich, da stehen ja die Wagen. Aber sagen Sie mir --«

Sternfeldt zog den Förster aus der Hörweite des Reitknechtes. »Wie hat

der Fürst diesen Besuch empfangen?«

»Der Herr Fürst weiß noch gar nix von der Überraschung, die heut

eintroffen is. Er is net daheim!«

»Nicht daheim? Und daß sie heute kommt? Das wußte er nicht?«

»Net a Wörtl! Na!«

»Gott sei Dank! Und wo ist er?«

»Draußen im Sebenwald. Aber jeden Augenblick muß er heimkommen.«

»Ich muß ihn sprechen, bevor er nach Hause kommt. Welchen Weg müssen wir

nehmen?«

»Da über d' Lichtung aussi, durch'n Tillfußer Wald.«

»Und er hat keinen anderen Heimweg? Wir müssen ihn treffen? Sicher?«

»Vom Sebenwald eini, da gibt's kein andern Weg.«

Der Graf wandte sich an den Reitknecht. »Führen Sie die Pferde in den

Stall!« Er reichte ihm eine Banknote. »Das gehört Ihnen für die halbe

Stunde, die wir gewonnen haben. Aber jetzt sorgen Sie für die Tiere so

gut wie möglich! Sie sollen frottiert werden, bis sie völlig trocken

sind, und sollen kein Futter und keinen Trunk bekommen, bevor sie nicht

ruhige Lungen haben! -- Kommen Sie, Herr Förster!«

Während Graf Sternfeldt über die Lichtung hinausschritt gegen den Wald,

klopfte er mit der Reitpeitsche den Staub von den Beinkleidern. Und

Förster Kluibenschädl murrte: »Sakra! Da muß was los sein! Mir scheint,

die Gschicht mit der Überraschung stimmt net ganz!«

Fußnoten:

[1] Ach, Jean, sehen Sie doch, ein fürstlicher Jäger! Und solch

ein prachtvoller Riese! Ein echter Tiroler, nicht wahr? Ein Typus der

Rasse! Und so hübsch, daß sich die Weiber auf der Straße nach ihm

umdrehen müssen.

[2] Ach, wie reizend! Wie drollig das alles ist, Jean, Jean,

wir wollen lustige Streiche nach dem Dutzend machen, hier in der

Sommerfrische!

^Siebzehntes Kapitel^

In lautloser Stille lag der Tillfußer Wald. Unter den Bäumen war tiefer

Schatten, doch um die Wipfel glühte noch der Glanz der Sonne, die sinken

wollte. Wie goldfunkelnde Riesenmauern, von purpurnen Schattenlinien

durchzogen, standen die grellbeleuchteten Berge hinter den Lücken des

Waldes.

Auf einem Baum, den der Sturm geworfen hatte, saßen Graf Sternfeldt und

der Förster. Nicht weit von ihnen zweigte sich der Pfad -- der eine Weg

führte zur Jagdhütte im Sebenwald, der andere zur Sebenalpe und zum

See. Diesen letzteren Pfad konnte man auf eine weite Strecke übersehen.

Je länger die beiden warten mußten, desto ungeduldiger wurde Sternfeldt.

»Endlich! Da kommt er!« Der Graf erhob sich. »Bleiben Sie, Herr Förster,

ich geh ihm entgegen!«

In Gedanken versunken, behaglich schlendernden Ganges, kam Ettingen über

den Pfad heruntergeschritten. Sein Hut war rings um die Krempe mit

Blüten besteckt, mit Edelrosen vom Sebensee.

»Heinz!«

Ettingen blickte auf, als könnte er dem Klang dieser Stimme nicht

glauben. Da leuchtete ihm die Freude aus den Augen. »Goni! Du?« Er stieß

den Bergstock in die Erde und streckte dem Freund die Hände entgegen.

»Du? Wahrhaftig? Goni, die Freude, die ich habe! Sagen kann ich das

nicht -- aber sieh mich an, und du mußt es fühlen!«

»Ja, Heinz!« Tiefe Bewegung klang aus der Stimme des Grafen. »So

deutlich wie in diesem Augenblick hab ich es noch nie empfunden, daß du

mir gut bist!«

»Goni? Hast du je daran gezweifelt?«

»Nein. Aber wer Geld besitzt, will auch wissen, wieviel es wert ist, und

freut sich der Stunde, die ihn zählen läßt. Solch eine Zählstunde war

jetzt der Blick in deine Augen! Aber dich so sehen zu dürfen, das hat

noch eine andere Freude für mich. Heinz? Was ist aus dir geworden?«

»Ein gesunder, froher Mensch. Das hab ich dem Wald zu danken. Und dir!

Du warst es, der diesen herrlichen Fleck Erde für mich aussuchte. Und du

weißt nicht, was du da alles für mich gefunden hast! Ich danke dir,

Goni! Aber was machst du denn für Augen?« Lachend beugte Ettingen das

Gesicht bis dicht vor die Nase des Freundes. »Ich bin es schon!

Wirklich! Ja, ja, ja!«

»Daß du so gesund vor mir stehst, so sonnverbrannt, so lachend? Das

allein ist es nicht! An dir ist was Neues. Wär ich dir so in der Stadt

begegnet, ohne zu ahnen, daß du das bist, ich glaube, ich hätte dich auf

den ersten Blick gar nicht erkannt. Wie ein ganz anderer stehst du da!

Und der neue Heinz gefällt mir! Aus deinen Augen redet Leben und Wille

zur Freude -- nein, jetzt habe ich keine Sorge mehr um dich. Jetzt kann

ich dir sagen, warum ich kam. Ich bringe dir eine Nachricht, Heinz! Denk

dir -- sie ist da!«

»Wer?«

»Aber Heinz! Errätst du denn nicht?«

»Nein! Wer ist da?«

»Diese Frage begreif ich nicht. Aber du hättest mir kein Wort sagen

können, das ich lieber gehört hätte, als dieses ahnungslose: >Wer?< --

Die Pranckha ist da. Draußen im Jagdhaus.«

Der Fürst erblaßte. So standen sie eine Weile schweigend voreinander.

Dann stammelte Ettingen: »Das ist stark!«

Sternfeldt lachte. »Du weißt doch aus Erfahrung: in Dingen, die stark

sind, ist sie groß!«

»Sie kam allein?«

»Gott bewahre! Sie muß den Schein wahren. Um so mehr, da sie >ehrbare<

Absichten zu haben scheint.«

»Sie ist mit dir gekommen?«

»Heinz! Das ist eine Frage, die mich verdrießen könnte!«

»Sei mir nicht bös! Ich weiß in meiner Empörung nicht mehr, was ich

rede.«

»Empörung? Wirklich? Was dich blaß machte und dir das Blut wieder ins

Gesicht treibt? Ist das nur Empörung?«

»Was sonst? Aber ja, Goni, ich will ehrlich sein, es ist noch etwas

anderes!« sagte Ettingen mit bebender Stimme. »Was ich jetzt empfinde,

ist wie Schmerz. Dieses Vergangene, dieses Häßliche -- vor einer Stunde

noch war es so ganz vergessen, als wär es nie gewesen. Nun steht es

plötzlich da vor mir! Ich hatte das Gefühl wie nach einem Bad, als wär

ich reingewaschen an Leib und Seele. Und jetzt? -- Mir ekelt! -- Aber

wenn sie nicht allein kam? Mit wem kam sie?«

»Mit dem kleinen süßen Mucki.«

»Den soll ich auch noch ertragen?« Ettingen lachte in Zorn. »Die

Geschichte fängt an, mich zu erheitern. Aber du? Daß ^du^ mit ihnen

kamst?«

»^Mit^ ihnen? Nein! ^Nach^ ihnen! Gestern mittag brachte mir der

biedere Mann, von dem ich in meiner ahnungsvollen Vorsicht ihre Villa

überwachen ließ, die Nachricht: mit dem Frühzug sind sie abgereist,

Salonwagen nach Innsbruck. Am Abend saß ich im Coupé, kam heute mittag

in Innsbruck an. Drei Stunden früher waren sie vom Hotel Europe

abgefahren. Ich erinnerte mich an Shakespeare: ein Königreich für ein

Pferd. Und da bin ich! Und bin neugierig, was du tun wirst? -- Nun?«

»Ich bin ratlos, Goni!«

»Ich wüßte dir einen Rat. Aber du befolgst ihn nicht.«

»Ja, Goni! Jeden, den du mir gibst!«

»Dort steht der Förster. Laß dich von ihm nach Ehrwald führen, jetzt

gleich! Drunten nimm dir einen Wagen, fahre nach Garmisch, nach München!

Oder bleibe in Ehrwald, bis ich dich wieder rufe. Was du brauchst,

schick ich dir noch heute hinunter, durch einen Jäger, nicht durch

Martin!« Sternfeldt lachte. »So schmerzlich es für dich sein wird, aber

von diesem Ehrenmann wirst du dich trennen müssen. Er ist ihr Helfer

gewesen.«

»Martin?«

»Ja! Er hat dich neulich auf die Jagd geschickt, und während du fort

warst, wurde meine Stube in ein Boudoir für die Pranckha verwandelt!

Also? Soll ich den Förster rufen? Und willst du noch ein übriges tun, so

schreib mir auf eine Visitenkarte: >Mache mein Haus rein, Goni, und ich

werde dir dankbar sein!< -- Willst du?«

»Nein!«

»Siehst du, wie ich dich kenne?«

»Sie ist unter meinem Dach, sie ist mein Gast. Und ich habe diese Frau

geliebt. Eine Roheit an ihr begehen, um sie abzuschütteln? Nein! Das

kann ich nicht.«

»Roheit? Ich danke für das Kompliment. Aber ich bin nicht gekränkt. Ich

vermute sogar, daß du schon morgen für meinen Rat empfänglicher sein

wirst. Du hast sie geliebt, ja! Und daß du von dieser Liebe geheilt

bist, das glaub ich auch. Nur die Blindheit ist dir geblieben. Aber ich,

Heinz, ich habe diese Person gehaßt. Um deinetwillen! Und der Haß hat

Augen. Ich kenne sie. Besser als du. Ohne Gewaltstreich wirst du mit der

nicht fertig. Sei vornehm, wohlerzogen, höflich, und in drei Tagen hat

sie dich wieder eingefangen.«

»Da irrst du dich.«

»Beweis es mir, und ich leiste dir Abbitte. Aber nun weißt du, daß die

beiden unter deinem Dach sind, und deiner vornehmen Seele muß es als

Unhöflichkeit erscheinen: liebe Gäste so lange warten zu lassen. Komm!«

Lachend ging Sternfeldt auf Kluibenschädl zu. »Na also, lieber Förster,

fertig zum Heimweg! Unsere gute Durchlaucht hat über ernste Dinge

nachzudenken. Aber wir beide plaudern? Ja? Was macht die Jagd? Und wo

ist der Zwölfender gefallen?«

»Droben beim Sebensee, Herr Graf! Und wann S' dös Gweih sehen --«

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie laute Stimmen im Wald

vernahmen. Über den Weg, der zur bayerischen Grenze, zur Knorrhütte und

zur Zugspitze führte, kam mit Lachen, Schwatzen und Singen eine lustige

Touristengesellschaft herunter, vier junge Leute mit dick angepackten

Rucksäcken, und zwei hübsche Mädchen, zu deren runden, vergnügten

Grübchengesichtern die Maskerade des ländlichen Kostüms nicht übel

paßte. Pfundweis trugen sie die Blumen auf Hüten und Bergstöcken.

Ob das der richtige Weg nach der Tillfuß-Alpe wäre? fragten sie den

Förster.

Nur immer gradaus, und sie könnten nicht fehlen.

Und ob in der Sennhütte für sechs Leute Platz zum Übernachten wäre?

»Natürlich! Auf'm Heuboden halt! Da liegen S' gut!«

Das wirkte auf die heitere Gesellschaft, als hätte man ihr eine

köstliche Sache in Aussicht gestellt. Lachend und singend wanderten die

jungen Leute davon und begrüßten das Ziel ihres Marsches mit Jauchzern

und Jodelrufen, von denen mancher etwas zweifelhaft ausfiel. Das gab

Anlaß zu neuer Heiterkeit. Schwatzend musterten sie die Wagen, guckten

in den Stall und grüßten einen Kutscher: »Guten Abend, Herr Vetter!« Als

sie an Mazeggers Hütte vorüberkamen, blickte eines der Mädchen neugierig

durch das offene Fenster in die Stube. Kichernd fuhr die Kleine zurück,

winkte ihrer Freundin und flüsterte: »Du, da mußt hineinschauen, da

sitzt einer drin, der macht ein Gesicht wie der Hamlet nach dem Monolog:

Sein oder Nichtsein!« Als die andere mit lachenden Augen in die Stube

spähte, fuhr Mazegger auf: »Was wollen Sie? Machen Sie, daß Sie

weiterkommen!« Die Folge war, daß von den jungen Touristen einer nach

dem anderen ans Fenster trat und sich höflich verbeugte: »Habe die

Ehre!« Und dann ging's mit Gelächter hinunter zur Sennhütte.

Mazegger hatte im ersten Zorn das Fenster zugeschlagen. Als die lustigen

Stimmen verklangen, öffnete er die Scheiben wieder und kehrte zu seinem

Lauerposten neben dem Herd zurück.

Rittlings saß er auf dem Holzstuhl. Seine Augen schienen nichts anderes

zu sehen als Tür und Fenster des Fürstenhauses.

Da schoß ihm das Blut ins Gesicht, und hastig griff er nach dem

Fernrohr.

In der Tür des Jagdhauses war Baronin Pranckha erschienen. Während sie

über die Stufen herunterstieg in den Hof, stützte sie sich auf die

Goldkrücke ihres Spitzenschirmes. Sie trug eine Sportmütze aus

schottischer Seide und ein weißes Lodenkleid mit breitem Ledergürtel von

schillerndem Kupferglanz. Faltenlos, wie angegossen, umschmiegte der

linde Stoff den schönen Frauenkörper, der bei aller Grazie leicht zur

Fülle neigte. Der langsame Gang war von weichlicher Geschmeidigkeit; bei

jedem Schritt, bei jeder leisen Bewegung der Arme, bei jedem Wenden und

Neigen des Kopfes schien der ganze Körper mitbewegt. Und wie dieses Haar

in der Sonne schimmerte! Es war nicht blond, nicht rot, es hatte den

dunklen Farbenglanz, den sterbende Blätter an einem schönen Herbsttag

haben. In seiner kapriziösen Modefrisur, in dem lockeren Gewell, das

sich über die Schläfe hinauslegte, umschloß dieses Haar gleich einer

leuchtenden Goldhaube ein rundes Gesichtchen, wie von Watteau gemalt,

weiß und rot, mit zarten Grübchen und bläulichen Schatten, mit den klar

gezeichneten Sicheln der dunklen Brauen und mit heißen Lippen. Diese

Farben wirkten wie Natur. Waren sie Kunst, dann verstand sich diese Frau

wie eine Meisterin auf das _corriger la beauté_. Bei der rosigen Frische

dieser Farben hatte das Gesichtchen etwas jugendlich Unreifes, fast

Kindliches. Dem widersprachen aber die feinen, wie mit der Nadelspitze

gezogenen Linien an den Mundwinkeln. Und die Augen! Ihre Farbe war ein

erloschenes Blau. Doch in der matten Iris brannten die großen Pupillen

schwarz und feurig wie die Beeren der Tollkirsche.

Und wie diese Augen in nervöser Ungeduld flackerten, während sie beim

Hoftor stand, mit der Schirmspitze im Sand wühlte und immer

hinunterspähte über den Weg! Dann plötzlich lachte sie, mit perlender

Stimme, vergnügt wie ein Kind, das in gereizter Laune mit einem

Spielzeug überrascht wird.

Sensburg kam über den Weg herauf, »jagerisch« maskiert, mit Joppe,

grüner Weste und kurzer Lederhose, mit genagelten Schuhen und mit

Wadenstrümpfen, die mit dicker Wolle unternäht waren, um hinter

den Knien den »echten« Buckel zu machen. An der Joppe trug er

Hirschhornknöpfe, die ein spannenlanges Knopfloch brauchten, und an

der Uhrkette baumelten silbergefaßte Adlerklauen, Hirschgranen und

Murmeltierzähne. Die Knie mußte er mit irgendeiner Tinktur gefärbt

haben; sie waren wie Kastanien so braun. Er ging nach der Art eines

Holzknechtes, breitspurig und die Arme schlenkernd.

Mazegger konnte das heitere Lachen der schönen Frau und ihre Stimme

hören, als sie in einer fremden Sprache -- es war Englisch -- dem

anderen etwas sagte. Das mußte ein Kompliment gewesen sein, denn der

»Jagerische« verbeugte sich geschmeichelt, und um seiner Rolle recht

getreu zu werden, versuchte er das Wortkauen eines steirischen Kretins

nachzuahmen. Dann fiel er, nach ein paar englischen Floskeln, wieder

in den Wiener Fiakerton und lachte: »So ein Gstell? Was? Is ein Gstell!

Eisssen! Und echter man kann nicht! Aber Sie, Baronin? Ausschauen

tun S' heint wieder, ich sag Ihnen, Baroninderl, großoatig! Zucker!«

Galant umtänzelte Sensburg die schöne Frau und begann mit gustiöser

Ausführlichkeit ihre Reize zu preisen. »Und denken, daß diese heazige

Schennheit für einen anderen blütt? Das ist schmeazhaft, Baronin,

wiaklich schmeazhaft!« Er verdrehte die Augen und seufzte. Um die

schöne Frau wieder lachen zu machen, spielte er eine drollige Pantomime

als hoffnungslos schmachtender Seladon. Es schien in dieser Posse

auch ein Funke von Ernst zu glimmen: die ohnmächtige Sehnsucht eines

verliebten Narren, der begehrt, was unerreichbar ist.

Sah sie dieses Flämmchen brennen, und hatte sie Ursache, zu wünschen,

daß es nicht erlosch? Lächelnd reichte sie ihm die Hand, an der in der

Sonne die Ringe blitzten, und ließ sie küssen. Plaudernd und lachend

wanderten sie im Hof des Jagdhauses auf und nieder, und sooft sie

kehrtmachten, tänzelte Sensburg auf die linke Seite der Baronin.

Da sah Mazegger durch das Fernrohr, daß die schöne Frau verstummte.

Ihre Züge veränderten und spannten sich, ihre Augen wurden größer.

Diese Erregung löste sich in ein bezauberndes Lächeln, als sie mit

Sensburg zum Hoftor ging. Im gleichen Augenblick hörte Mazegger die

Stimme des Fürsten, der mit Sternfeldt an der Hütte vorüberkam.

Mazegger huschte zum Fenster, kniete auf den Boden nieder und stützte

das Fernrohr, damit es in seinen unruhigen Händen nicht zittern konnte.

Schwer atmend richtete er das Glas auf das Gesicht der schönen Frau und

belauerte jeden Blick ihrer Augen.

Den Grafen schien sie nicht gern zu sehen; als er sich lächelnd vor ihr

verbeugte, nagte sie mit den kleinen blinkenden Zähnen an der Lippe.

Ganz verwandelt schien sie, als sie auf den Fürsten zutrat, dem Sensburg

schwatzend entgegengegangen war. Wie sie da lächelte, wie alles lebte

und sprühte in ihrem Gesicht! Und dieser Blick! Wie eine Bitte, welche

schenkt, demütig und sieghaft -- ein Blick, der zu sagen schien: »Ich

will dich, darum bist du mein!«

Da verfinsterte sich das Glas, Mazegger sah nichts mehr, und als er

aufblickte, stand der Förster vor dem Fenster.

Kluibenschädl machte verblüffte Augen. »Was treibst du denn da? Unsere

Herrenleut ausspionieren? So was laß bleiben, gelt! Und Uhr hast wohl

keine? Sechse is's! Schau, daß in Dienst kommst!«

Wortlos erhob sich Mazegger, schob das Glas zusammen, richtete sich für

den Pirschgang und schritt über das Almfeld hinunter. Als er den Wald

erreichte, blieb er stehen und blickte nach dem Jagdhaus hinauf. Der

Hof war leer, der Fürst und seine Gäste waren ins Haus getreten.

Mazegger nahm den Hut ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

Es schien, als wäre er ein anderer geworden. Sein Gesicht brannte,

und er atmete wie einer, dem eine Kette von den Gliedern fiel. »Die

erlöst mich von ihm! Wenn ^die^ ihm ihre Augen hinmacht, ^muß^ er

vergessen! Alles!« Hastig schritt er hinein in den Schatten des Waldes.

Der Förster war zu seiner Hütte gegangen und schürte im Herd ein

Feuer an. Er schien zu denken, daß man ihn heute nicht zur Tafel

rufen würde. »Schad um den gsparten Hunger!« Aber als er die Pfanne

von der Wand herunternahm, erschien Martin in seiner schwarzen Gala:

»Durchlaucht lassen zur Tafel bitten!« Während die beiden hinaufgingen

zum Jagdhaus, sagte der Förster: »Sie, Herr Kammerdiener! Ihnen hab ich

an ernstlichen Vorhalt z' machen. Einige Andeutigungen des Herrn Grafen

Sternfeldt lassen mich vermuten, daß Sie mich, wie man zu sagen pflegt,

über den Löffel balbiert haben -- mit derselbigen >Überraschung<! Ich

muß mir so was für die Zukunft entschieden verbitten! Solchene Sachen

mag ich net.«

Martin erwiderte kein Wort. Er warf nur einen scheuen Blick zu den

offenen Fenstern des Speisezimmers hinauf, wie in Sorge, daß irgend

jemand die geharnischte Erklärung des Försters gehört haben könnte. Es

war überhaupt in seinem Wesen etwas Ängstliches, als hätte er die

Ahnung, daß ihm heute noch eine Unbehaglichkeit bevorstünde.

Sie traten ins Haus.

Von den Stimmen bei der Tafel drang nur ein undeutlicher Hall in den Hof

herunter. Am besten unterschied man die Stimme des Edlen von Sensburg,

der das große Wort zu führen schien. Häufig hörte man auch ein helles,

perlendes Lachen. Die Fiakerspäße des »kleinen süßen Mucki« schienen die

schöne Frau in heitere Laune zu versetzen. --

Je ruhiger der schöne Abend um die Mauern des Jagdhauses dämmerte, desto

lauter ging es drunten in der Sennhütte zu, in der sich die junge

Touristengesellschaft gemütlich eingerichtet hatte. Vergnügtes Schwatzen

wechselte mit Gesang, lustiges Kreischen mit lautem Gelächter, und dazu

klimperte und klang eine Zither.

Als es dunkel wurde, kehrte Pepperl von der Pirsche zurück. Lange stand

er vor der Tür des Försterhäuschens und lauschte zur Sennhütte hinunter,

bis er wütend vor sich hin brummte: »So a Madl! Daß die doch allweil ihr

Gaudi haben muß! Mit ander Leut!« Seufzend trat er in die Hütte, legte

sein Jagdzeug ab und setzte sich vor die Tür.

Wenn in der Sennhütte die jungen Stimmen recht übermütig

durcheinanderschrien, drückte Pepperl die Hände über die Ohren.

Es war finstere Nacht geworden, als Martin mit einer Laterne über den

Weg herunterkam, um Herrn von Sensburg zum Fremdenhaus zu führen.

Ein paar Minuten später erschien der Förster und hörte von der Sennhütte

her das Singen und Jodeln. Fast wäre er in der Finsternis über Pepperls

Beine gestolpert. »Geh, du Leimsieder! Was hockst denn da in der Nacht?

Wo's so lustig zugeht bei der Burgi drunt? Mach weiter, geh a wengerl

abi und tu dich unterhalten. Brauchen kannst es, du mit deiner

maulhenkolischen Traurigkeit allweil!«

Pepperl war ein allzu gehorsamer Jäger, als daß er einem so klaren

Befehl seines Vorgesetzten hätte widersprechen können. »No ja, wenn S'

meinen, es muß sein, in Gottsnamen, geh ich halt abi!«

»Aber bleib net z'lang! Morgen in der Fruh um fünfe mußt mit'm Herrn von

Sensburg zur Gamspirsch auffi!«

»Mit dem? Da dank ich schön! Vor dem laufen die Gamsböck auf tausend

Schritt davon! Wo soll ich denn hin mit ihm? Zum Sebensee?«

»Na, na! Grad hat's der Herr Fürst gsagt: überall kann er hingehn, bloß

net zum Sebensee. Gehst halt hin, wo d' meinst, er verdirbt nix. Und

schießen kannst ihn lassen, auf was er mag. Treffen tut er eh nix, der!

Aber jetzt geh, Pepperl, und sei vergnügt!«

»No ja! Meintwegen!« Pepperl seufzte, als wäre für ihn der Weg zur

lustigen Sennhütte eine »viel härtere Sach« als die Gemspirsche, die ihm

für den kommenden Morgen drohte. Stolpernd verschwand er in der Nacht.

Der Förster zündete in der Hütte die Lampe an. Da hörte er einen Wagen

kommen. Es war ein Einspänner aus Innsbruck, der das Gepäck des Grafen

brachte. Kluibenschädl lief zum Jagdhaus hinauf. Am Wohnzimmer des

Fürsten mußte er ein paarmal pochen, bis man ihn hörte -- so erregt, wenn

auch mit gedämpften Stimmen, wurde da drin gesprochen.

Als der Förster den von einer großen Lampe erleuchteten Raum betrat, saß

Graf Sternfeldt in einem Fauteuil, und Ettingen stand mitten im Zimmer.

So hatte Kluibenschädl seinen Herrn noch nie gesehen: mit dieser

Zornader auf der Stirn, mit diesen blitzenden Augen. »Ich bitt um

Vergebung, Duhrlaucht, aber ich hab nur dem Herrn Grafen melden wollen,

daß seine Sachen eintroffen sind.«

Ettingen nickte, als hätte er nicht recht gehört. Und zum Fenster

tretend, preßte er die Hand an seine glühende Stirn.

»Ja, lieber Förster, ich danke Ihnen«, sagte Sternfeldt und erhob sich,

»lassen Sie drunten im Fremdenhaus die Sachen einstweilen in mein

Zimmer schaffen, ich komme gleich. Es ist Zeit für mich, daß ich mich

aufs Ohr lege. Ich bin müd und merke, daß ich meinen alten Knochen mit

diesem Ritt mehr zugemutet habe, als ihnen lieb ist. Na, hoffentlich

schlafe ich heut in meinem delogierten Bett so gut, als ob es noch an

seinem alten Platz stünde.« Lachend trat er zum Schreibtisch und brannte

eine Zigarre an. »Also, lieber Förster, ich komme gleich.«

Kluibenschädl streifte zum Abschied seinen Herrn mit einem scheu

besorgten Blick.

Eine Weile war's still im Zimmer. Ettingen blickte durch das Fenster in

die sternhelle Nacht hinaus. Obwohl die Scheiben geschlossen waren,

konnte er den heiteren Spektakel hören, den die junge Gesellschaft

drunten in der Sennhütte trieb.

Sternfeldt blies den Rauch seiner Zigarre vor sich hin und betrachtete

das erlöschende Zündholz, als wäre er neugierig, wie lang der kleine

Funke, der von der Flamme zurückgeblieben, noch glimmen würde.

Ettingen, an die Auseinandersetzung anknüpfend, in der sie durch den

Eintritt des Försters unterbrochen wurden, sagte: »Von allem, was du mir

vorgehalten, kann ich kein Wort widerlegen. Aber versetze dich in meine

Lage, Goni! Sie sind meine Gäste. Das bindet mir die Hände. Auch wenn

ich mir hundertmal sage: ich habe sie nicht gerufen. Das Zusammenleben

mit diesen beiden empfinde ich selbst wie etwas Unerträgliches. Und du

hast recht, am leichtesten wäre da mit einem rücksichtslosen Wort ein

Ende gemacht. Aber das bring ich nicht fertig. Ich kann meine Natur

nicht auf den Kopf stellen. Damit mußt du rechnen.«

»Ja, ich habe in meiner Rechnung einen Fehler gemacht. Während ich da

heraufritt, daß mir und dem Pferd der Atem ausging, hab ich mit jeder

Eigenschaft in dir gerechnet, nur nicht mit deiner Höflichkeit. Die ist

zu klassischer Vollendung ausgebildet. Wäre ich ein Dieb, ich würde bei

^dir^ einbrechen. Da wär ich eines liebenswürdigen Empfanges sicher.

Sollte dir der unhöfliche Gedanke kommen, mich aus dem Haus werfen zu

lassen, dann dürfte ich nur sagen: Mein Herr, ich bin unter Ihrem Dach

und fühle mich als Gast! Tableau! Und ich würde an deiner Tafel sitzen

und bekäme von dir die Schüssel gereicht wie heut die Pranckha.«

»Du marterst mich! Laß diese Scherze!«

»Ich? Scherzen? Mir ist so ernst, wie einem Menschen nur sein kann, der

einen Freund in Gefahr weiß.«

»Gefahr? Ach, geh doch!« erwiderte Ettingen fast unwillig. »Ich fühle

mich an Leib und Seele so frei, als hätte mich nie ein Wunsch meiner

Sinne an diese Frau gefesselt. Sie ist mir so völlig fremd geworden, daß

ich sie ansehen und mich erschrocken fragen kann: Wie war's nur möglich,

daß ich sie geliebt habe? -- Was fürchtest du also?«

»Ihre Schönheit! Denn schön ist sie. Das muß ich ihr lassen. Und noch

etwas anderes macht mich unruhig: deine Erregung. Wenn du deiner so

sicher bist, weshalb diese Erregung? Das versteh ich nicht.«

Ettingen antwortete nicht gleich. »Ja, du hast recht! Ich könnte doch

wirklich die Posse, die mir diese beiden Menschen ins Haus brachten, mit

kalter Ruhe an mir vorüberspielen lassen! Und doch ist ein Aufruhr in

mir --«

»Ja, Heinz, in dir ist etwas, das sich meinem Blick verschließt.

Und das beunruhigt mich. Es ist da noch etwas anderes als nur dein

Widerwille, den du übrigens bei Tisch zur Genüge hast merken lassen,

trotz deiner Höflichkeit als Wirt. Der süße Mucki war blind dafür.

Dem geht nicht so leicht was durch die dicke Haut. Aber ^sie^ hat

gemerkt, wie sie dran ist. Der erste, lächelnde Empfang, den sie dir

bereitete, ließ mich vermuten, daß sie dich in aller Liebenswürdigkeit

ein paar Wochen blockieren will, um dich im Anblick ihrer Reize

knusperig zu rösten. Nun wird sie ihre Taktik ändern. Sie weiß, daß

deine Höflichkeit mit dem Ekel kämpft, und da ist sie klug genug, um

diese Stimmung in dir nicht wachsen zu lassen. Sie wird die gründliche

Aussprache, die du bei deiner vornehmen Gastlichkeit gerne vermeiden

möchtest, so rasch wie möglich herbeiführen.« Ein sarkastisches

Lächeln. »Vielleicht schneller, als du denkst! Mit einem Gewaltstreich,

den ich ihr zutraue.«

»Was meinst du damit?«

»Das soll ich dir noch erzählen?« Sternfeldt lachte. »Nein, lieber

Heinz!« Er zerdrückte die Zigarre in der Aschenschale und trat vor

Ettingen hin. Jeder spottende Zug war ausgelöscht in seinem Gesicht. »Du

^bist^ erregt! Mach draußen in der kühlen Nacht noch einen Bummel!

Oder -- auf deinem Schreibtisch liegt der Quartalbericht deines

Verwalters -- setz dich heute noch drüber, Heinz! Da hast du drei, vier

Stunden nüchterne Arbeit. Das wird dich beruhigen.« Wieder lächelte er.

»Dann geht's ja auch auf den Morgen zu. Ja, Heinz? Willst du das?«

Ettingen reichte dem Freunde die Hand, ohne ein Wort zu sagen.

»Na also, ruhige Nacht!«

Dunkle Röte war dem Fürsten ins Gesicht gestiegen, als hätte er jetzt

verstanden, wie der Rat des Freundes gemeint war.

»Goni? Du denkst nicht gut von mir!«

»Von dir? Doch, Heinz!« Sternfeldt lächelte. »Aber von ^ihr^ nicht.« Er

wollte schon die Tür öffnen. Der Ausdruck seiner Züge verriet, daß er

mit einem Entschluß kämpfte, der ihm nicht leicht wurde. Und dann

erwachte in seinen ernsten Augen ein Blick von so mildem Feuer, daß

Ettingen betroffen zu ihm aufsah.

Sternfeldt hob den linken Arm und streifte die Manschette zurück. »Sieh

her, Heinz, was ich habe!« Er trug am Handgelenk eine Goldkette mit

kleinem Medaillon. »Ein Talisman, den ich seit fünfzehn Jahren trage!

Es hat eine Zeit gegeben, in der ich ein Spielzeug jeder Stunde war,

die mir das Blut heiß machte. Dann kam eine Wandlung über mich, es ist

rein in mir geworden, klar und still. Seit damals trag ich diese Kette.

Der Talisman, den die Kapsel enthält, hat mich seit fünfzehn Jahren vor

aller Häßlichkeit des Lebens bewahrt. Und dieser Talisman hätte auch

Macht über ^dich^. Ich möchte ihn dir geben. Aber ich kann die Kette

nicht abnehmen, sie ist angeschmiedet an meinem Arm -- weißt du, ich

will sie mitnehmen auf meinen letzten Weg. Aber willst du nicht sehen,

was die Kapsel enthält?« Er trat zum Schreibtisch und hielt den Arm in

das Licht der Lampe. »Komm her, Heinz!«

Schweigend öffnete Ettingen die goldene Kapsel und sah in ihr das

Miniaturbild einer Frau, noch schön, obwohl sich schon graue Fäden in

das Braun der welligen Haare mischten, mit ernsten, ruhigen Augen und

einem Leidenszug um den lächelnden Mund. »Das Bild meiner Mutter?«

»Das sagst du wie in Schreck? Daß ich deine Mutter liebte? Hast du das

nie geahnt?«

»Und meine Mutter?« stammelte Heinz.

»Sie war mir gut. Ich glaube, sie wäre glücklich geworden an meiner

Seite. Aber sie ^war^ glücklich, auch ohne mich. In ihrer Liebe zu dir.

Und sie wies mich ab, weil sie ganz ihrem Sohne gehören wollte. Aus dir

einen Mann zu machen, frei, glücklich und stolz -- mehr wollte sie nicht

von ihrem Leben. Dafür konnte sie jedes Opfer bringen, auch das Opfer

ihres Frauenherzens. -- Heinz? Verpflichtet solche Liebe nicht? Und

begreifst du nun meine Sorge um dich? Soll deine Mutter umsonst gelebt

haben?«

»Goni --«

»Nein! Jetzt wollen wir nicht weiterreden. Nachdem ich dir das gesagt

habe, gibt es kein Wort mehr!« Sternfeldt legte die Hände auf Ettingens

Schultern und sah ihm in die Augen. »Gute Nacht, Heinz!« Dann ging er.

Ettingen blieb in einer Erregung zurück, die ihn erschütterte bis ins

innerste. Da weckte ihn ein Geräusch im anstoßenden Raum. Eine Furche

grub sich in seine brennende Stirn. Als er die Tür des Schlafzimmers

aufstieß, gewahrte er den Lakai, der das Bett für die Nachtruhe seines

Herrn bereitgemacht hatte und mit einem Sprühflakon durch das Zimmer

ging, um ein schwül duftendes Parfüm in die Luft zu stäuben. »Was

machen Sie da?« fragte Ettingen mit erzwungener Ruhe. »Ich habe Sie

nicht gerufen.«

»Bitte, Durchlaucht«, stotterte Martin, »mein Dienst --«

»Dienst? Bei mir? Ich habe Grund zu vermuten, daß Sie im Dienst der

Baronin Pranckha stehen. Fremde Dienerschaft will ich für meine Person

nicht belästigen. Sie können gehen. Morgen wird Praxmaler den Dienst

bei mir übernehmen.«

Mit aschfahlem Gesicht verbeugte sich Martin, und während er aus dem

Zimmer ging, riß Ettingen das Fenster auf. Die frische Nachtluft hauchte

in den schwülen Raum und trieb, als die Tür geöffnet wurde, den süßen

Wohlgeruch in den Flur hinaus und hinter dem Lakaien her, dessen

Frackschöße in der Zugluft wehten. Eine Weile stand Martin ratlos, mit

geballten Fäusten. Da sah er die kleine Französin aus dem Zimmer der

Baronin treten und hörte sie noch sagen: »_Je vous souhaite la bonne

nuit, madame[1]!_«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 58 / 71 题