»Das ist ^Ihr^ Name?«
»Ja! -- >Mein lieber Heinz! Der Kunstaugur, dem ich die Nachforschungen
nach Deinem Emmerich Petri übertrug, war soeben bei mir. Da Deine
Anfrage etwas merkwürdig Dringendes hatte, nehme ich in meiner
Freundschaft einen Anlauf zur Verschwendung und depeschiere Dir ein
ganzes Kapitel moderner Kunstgeschichte. Dein Petri stammt aus einer
Allgäuer Bauernfamilie, verlor als Knabe die Eltern und bekam zum
Vormund einen Pfarrer, der den Erlös des kleinen Bauerngutes auf den
Acker der Kirche säen wollte und den begabten Jungen in eine geistliche
Präparandenschule steckte. Mit neunzehn Jahren lief Petri der frommen
Gesellschaft davon, ein Beweis, daß er zu denken und als Mensch zu
empfinden verstand. Er wollte Künstler werden und besuchte zwei Jahre
die Akademie. Seine Professoren sprachen ihm alles Talent ab und
meinten, er hätte klüger getan, Kaplan zu werden. Mit zähem Ehrgeiz
stellte er sich auf freie Füße, ging seine eigenen Wege, arbeitete mit
eisernem Fleiß und begann ein paar Jahre später im Münchener Kunstverein
auszustellen, ganz wunderliche Bilder, seltsam in Technik und Farbe,
befremdend durch ihre Gedanken, kindlich und kühn zugleich, mit einer
Vorliebe für fabulöse und didaktische Stoffe, in denen sich Hellenismus
und freidenkendes Christentum eigenartig verschmolzen. Man verstand ihn
nicht, schüttelte den Kopf und lachte. Ein Jahrzehnt lang kämpfte der
Mann erbittert um Anerkennung. Schließlich scheint ihn die Geduld
verlassen zu haben. Vor etwa vierzehn Jahren wanderte er mit seiner
Familie aus München davon, niemand weiß, wohin. An seiner Kunst
verzweifelnd, scheint er sie aufgegeben zu haben. Man hat seit jener
Zeit kein Bild mehr von ihm gesehen. Das ist schade, denn seine Zeit
wäre jetzt gekommen.<«
Ettingen unterbrach sich, drückte Lolos Hand und stammelte in Erregung:
»^Seine^ Zeit! Hören Sie, Lo!«
Ein Lächeln irrte um ihren Mund; sie konnte nicht sprechen und nickte
nur.
Mit fliegender Stimme las er weiter: »>Das ganze Unglück dieses Mannes
war, daß er um zwanzig Jahre zu früh geboren wurde und mit den Anfängen
seiner eigenartigen Kunst in eine Zeit der ausgetretenen Geleise kam.
Die Zeit hat sich geändert, gründlich, und heute verlangt man von der
Kunst vor allem Persönlichkeit. Da kommt gerade jener zur stärksten
Geltung, der seine eigenen Wege geht und sich vom Gesicht der
Durchschnittsmacher unterscheidet. Der Meistertitel wird vor Namen
gesetzt, zu denen vor einem Jahrzehnt noch alle Welt den Kopf
schüttelte. Einer von diesen spät Erkannten ist Hans Thoma, der auch die
Spießrutengasse des Münchener Kunstvereins kennenlernte, und den sie
heute mit Ehrfurcht den >tiefen Träumer< nennen. Vor zwei Jahren, in
einer kritischen Beleuchtung Thomas, erinnerte sich zum erstenmal ein
Münchener Kritikus an einen >Vorläufer des Meisters<, an Emmerich Petri.
Immer häufiger wurde in der letzten Zeit dieser Name genannt. Von
Kunsthändlern wurde das eine und andere seiner Werke ausgegraben und
wanderte von Stadt zu Stadt. Im vorigen Sommer erfuhr man, daß ein
Frankfurter Kunstfreund, dessen Spezialität das Sammeln künstlerischer
Originalitäten ist, im Besitze einer aus 27 Bildern bestehenden
Kollektion des neuerkannten Meisters wäre, und im Herbst, Ende
September, wurden diese Bilder zu einer >Separatausstellung von Werken
Emmerich Petris' nach Berlin gebracht, um die Kunstwelt in Aufruhr und
Begeisterung zu versetzen.<« Ettingen vermochte nicht weiterzulesen.
Regungslos, wie versteinert saß das Mädchen. Nur in ihren Augen war
Leben, und tonlos flüsterte sie vor sich hin. »Im Herbst -- Ende
September --«
Um diese gleiche Zeit war jener Wolkenbruch in der Leutasch
niedergegangen, zwei Tage und Nächte hatte Emmerich Petri gearbeitet,
»wie ein Holzknecht«, und hatte die Rettung von ein paar armseligen
Hütten mit seinem Leben bezahlt.
»Im Herbst! Ende September!«
Ettingen empfand die Tragik dieses Wortes, und die Kehle war ihm wie
zugeschnürt, so daß er mit Gewalt seine Stimme zwingen mußte, um lesen
zu können: »>Die Ausstellung war ein Erfolg, so einstimmig, wie er noch
selten einem Künstler zuteil wurde. Dem Frankfurter Sammler, der die
Bilder vor fünfzehn und zwanzig Jahren um eine Bagatelle erworben hatte,
wurden hohe Summen geboten, aber der Mann war stolz auf seinen Besitz
und verkaufte nicht ein einziges Bild. Alle Journale brachten
ausführliche Besprechungen des Meisters, man bezeichnete ihn als eine an
Gedankentiefe mit Böcklin verwandte Natur, als dessen milderen Bruder.
Böcklin wäre die strenge Kraft, Petri die träumende Liebe. Und überall
die Frage: Wo ist dieser Mann? Wer weiß von ihm? Wo lebt er?<«
Erschrocken legte Ettingen die Blätter nieder. »Fräulein!«
Blaß, an allen Gliedern zitternd, hatte Lo sich erhoben, als wäre es
über ihre Kraft gegangen, dieses Wort zu hören. Ein Sturz von Tränen
brach ihr aus den Augen, mit einem Schluchzen, das ihren Körper
schüttelte wie Frost.
»Fräulein! Allmächtiger Gott! Ich bitte Sie, liebes Fräulein --« Ettingen
legte den Arm um ihre Schultern wie ein Bruder, der die Schwester
beruhigen will. Sie schien in diesem Sturm von Erregung nichts anderes
zu denken als nur das eine: er fühlt mit mir -- und da überließ sie sich
willenlos seinem Arm, und weinend barg sie das Gesicht an seiner Brust.
Aus dem anstoßenden Zimmer klang mit erschrockenem Ton die Stimme des
Knaben: »Lo! Ach Gott, Lo! Was hast du? Warum weinst du denn?«
»Sorg dich nicht, Bubi!« rief Ettingen. »Was deine Schwester weinen
macht, ist Freude!« Er streichelte mit scheuer Hand ihr schimmerndes
Haar, richtete sie auf und sagte leis: »Ich verstehe Ihr schönes,
kindliches Gefühl. Ihre Freude mischt sich mit dem schmerzvollen
Gedanken, daß Ihr Vater sterben mußte, bevor ihm die Welt den verdienten
Lorbeer reichte. Aber ^wie^ er starb! Das muß Ihrem Herzen sagen, daß er
die Augen nicht geschlossen hat, ohne tief in seinem Innersten zu
glauben: ich habe nicht umsonst gewirkt, ich kann nicht sterben, ich
werde weiterleben! Sonst hätte er die Welt nicht so verlassen können,
mit dieser Ruhe, mit diesem Lächeln, mit diesen letzten Worten: >Meine
Blumen!< Das galt nicht nur den Blumen da draußen am See. Dieses Wort
hat allem gegolten, was aus der Tiefe seiner Seele heraufblühte und
reines, köstliches Leben wurde. Das wird seinen Namen tragen, wird
dauern als eine Freude für die Menschen! Ihr Vater ist nicht gestorben:
er lebt! -- Nein, Lo, Sie dürfen nicht weinen! Sie müssen sich aufrichten
und stolz sein auf Ihren Vater, stolz auf den Namen, den er Ihnen gab
und dessen Sie würdig sind. Dieser Name ist Adel, wie ich besseren nicht
kenne!«
Aus Tränen blickte sie zu ihm auf. Wie schön sie war, bei diesem
Lächeln, mit dem sie den Schmerz überwand und schon die Versöhnung
fühlte, den Stolz und die Freude! Lange sah sie ihn schweigend an, bevor
sie sprechen konnte. »Wie gut Sie mit mir sind! Und ich stehe so arm vor
Ihnen, so schwach, in meinem Schmerz zuerst und jetzt in meiner Freude!
Fast versteh ich das nicht. Diese Nachricht hätte mich ruhiger finden
sollen. Was mein Vater war, hab ich immer schon gewußt. Das hat mir doch
nicht die Welt erst sagen müssen. Und nun hat es mich doch so
überwältigt -- als wär ich eine andere geworden -- als wäre etwas in mir,
über das ich keinen Willen und keine Macht mehr habe --« Sie hielt seinen
Blick nicht aus, und verwirrte Unruhe stammelte in ihren Worten: »Sehen
Sie nur, ich weiß kaum, was ich rede, weiß nicht einmal, wie ich dafür
danken soll, daß gerade Sie es waren, von dem ich diese Nachricht hören
durfte. Und wenn ich Ihnen sagen könnte --« Ihre Stimme erlosch.
»Mir sagen, was Sie fühlen? Die Freude, die Sie empfinden, könnten Sie
mir mit hundert Worten nicht besser sagen als mit diesem Schweigen
jetzt!«
»Freude! Ja! Das ist Freude, die sich nicht sagen läßt!« Tief atmend hob
sie die Augen zu ihm. »Darf ich noch eine Bitte haben?«
»Ob Sie dürfen?« Er drückte ihre Hände.
»Schenken Sie mir diese Blätter!« Nun kamen ihr die Worte immer
hastiger, in glühender Erregung. »Ich möchte sie meiner Mutter bringen.
Möchte heim, zu meiner Mutter! Jede Minute, um die ich ihr diese
Nachricht später bringe, ist eine Sünde an ihr. Ich darf nicht bleiben.
Schenken Sie mir diese Blätter und lassen Sie mich gehen! Ich bitte!«
»Ja, Fräulein, ja! Nehmen Sie!« Er reichte ihr die Blätter. »Ich seh es
ein, daß Sie nicht bleiben dürfen. Und Ihr Bruder -- ich will selbst
hinunter und werde sorgen dafür, daß Sie ihn gut und sicher nach Hause
bringen und auf dem Heimweg alle Hilfe haben! Bleiben Sie bei ihm -- ich
komme dann und hol ihn!« Er eilte davon.
Sie stand und lauschte auf seinen Schritt -- und lächelte und preßte die
Blätter an ihre Brust.
»Lo? Soll ich aufstehen? Ich kann schon!« klang aus dem anderen Zimmer
die erregte Stimme des Bruders. Da flog sie zu ihm, umschlang ihn, und
wieder kamen ihr die Tränen. »Ach, Lo! Um Gottes willen! Ich bitt dich,
was hast du denn?«
»Freude hab ich! Freude! Weil jetzt die Menschen wissen, was unser Vater
war!«
Gustl sah die Schwester mit großen Augen an. »Haben denn das die
Menschen nicht gewußt? Er hat doch die Bilder gemalt. Ein Bild sieht
man doch. Da muß man doch wissen, daß ein Künstler das gemacht hat.«
»Ja, Kind, wer die rechten Augen hat, der sieht es! Aber es gibt auch
Menschen, die sehen können und dennoch blind sind. Komm nur, komm, wir
müssen heim! Zur Mutter heim!«
Als Gustl angekleidet war -- am verbundenen Fuß nur den Strumpf, ohne
Schuh --, versuchte er ein paar Schritte zu gehen. Das gelang nicht
recht. Da kam auch Ettingen schon zurück, hob den Knaben auf und trug
ihn hinunter.
Vor der Tür, im Hof, stand Hansi schon bereit, gesattelt und mit
hochgeschnallten Bügeln. Die Treiber hatten das Gepäck der Geschwister
in ihre Rucksäcke genommen und die Almrosen darübergebunden. Einer trug
das Fischnetz mit den in grünes Reis gehüllten Forellen. Auch die zwei
Leutascher Jäger waren zum Abmarsch bereit, und seitwärts an der Mauer
stand Pepperl, schweigsam, die Hände hinter dem Rücken, die gerunzelte
Stirn umhangen von aufgedröselten Kreuzerschneckerln.
Nur Mazegger fehlte. Drunten in seiner Hütte stand er am Fenster, das
aschfahle Gesicht an die Scheibe gedrückt. Als er Lolo Petri und seinen
Herrn, der den Knaben trug, aus der Tür kommen sah, trat er mit
geballten Fäusten tiefer in die Stube zurück.
Ettingen hob den Knaben in den Sattel und schob ihm die Bügel an die
Füße. »Also, Bubi, jetzt mach uns keine Sorgen mehr und schau, daß du
gut heimkommst!« Er reichte ihm die Hand.
»Ich dank schön, Herr Fürst! Sie waren so lieb zu mir! Ich dank schön!«
Lachend streichelte ihm Ettingen die Hand. »Dank? Was dir einfällt! Sieh
nur, daß du bald wieder springen kannst! Das ist mir der liebste Dank.
Und wenn es deine Mutter erlaubt, dann komm ein paar Tage zu mir auf
Besuch ins Jagdhaus! Willst du?«
Gustl wurde rot übers ganze Gesicht. »Wenn Sie erlauben, bin ich schon
so frei!«
»Also, auf Wiedersehen!«
Ettingen wandte sich zu Lo. Inmitten der vielen Leute, die um sie
herstanden, schieden die beiden mit einem Händedruck, mit einem stummen
Blick.
Ein Jäger sollte den Grauen führen. Aber Lo überließ diese Sorge keinem
anderen, sie nahm den Zügel selbst.
Während Hansi den Knaben über das Almfeld hinuntertrug, umringt von den
schwatzenden Treibern und Jägern, stand Ettingen mit den Armen über den
Zaun gelehnt und blickte lächelnd dem kleinen Reiter und seiner
Schwester nach.
Den beiden folgten noch zwei andere Augen -- aus Mazeggers Hütte --, mit
einem Blick, in dem die Eifersucht mit drohendem Feuer brannte.
Wo der Pfad vom Almfeld einbog in den Wald, bat Lo die Männer,
vorauszugehen, damit der Graue in ruhigen Schritt käme. Sie verhielt das
Tier eine Weile und sah mit leuchtenden Augen zum Fürstenhaus hinauf. Da
hörte sie den Bruder flüstern: »Du, Lo? Weißt du, warum er so lieb war
zu mir?«
»Weil er gut ist.«
»Ja, schon -- aber _noch_ wegen was. Weil er _dich_ liebhat.«
Wie eine Flamme schlug es über ihre Wangen, doch heftig schüttelte sie
den Kopf.
»Aber ja!« behauptete Gustl in heißem Eifer. »Hast du denn das nicht
gemerkt?«
»Nein, nein, nein!« stammelte sie erschrocken und zog den Grauen in den
Wald.
»Nicht? Das hast du nicht gemerkt? Hör, Lo, dann bist du aber auch eine
von denen, die sehen können und doch blind sind!«
Längst schon waren die beiden im dunklen Schatten des Waldes
verschwunden, und immer noch stand Ettingen über den Zaun gelehnt. Eine
Weile hörte er noch die Stimmen der Männer aus dem Tal herauf. Dann
verstummten auch die. Nur der Wildbach rauschte dort unten, sanft und
heimlich, durch den Wald gedämpft. Stille Sonne über dem Almfeld, über
den Hüttendächern und allen Bäumen. Ein paar silberne Fäden flogen, und
schwärmende Insekten huschten gleich winzigen Funken durch die blaue
Luft.
Plötzlich ging ein Dröhnen durch das Tal hin, wie von einem mächtigen
Donnerschlag mit rollendem Echo.
Erstaunt sah Ettingen zum wolkenlosen Himmel auf. Da gewahrte er, daß
über dem Wildbach drüben, am Fuß der steilen Hochwand, brauner Staub in
dichten Wolken aufwirbelte. Ein Stück der Felswand hatte sich gelöst und
hatte eine Zunge des sonnigen Waldes unter Schutt begraben.
»Wie das kommen kann? Die Zerstörung, mitten in der Stille, in
friedlicher Sonne?« Ernst nickte Ettingen vor sich hin, während da
drüben der Staub verdampfte. »Das Schweigen im Walde! -- Ja! So redet
dieses Bild. Sie hat recht gesehen.«
Die Küchenmagd, der Lakai und die Köchin kamen aus dem Haus gerannt, um
zu sehen, was es gegeben hätte. Nur drunten bei der Sennhütte und bei
dem Jägerhäuschen zeigte sich niemand. Da trieb die Neugier oder die
Sorge keinen vor die Tür. Die waren es gewöhnt, daß das so kommt, so
plötzlich. Drum hörten sie es kaum.
Kluibenschädl, der sich auf die Matratze gestreckt hatte, um seinen
Schwips zu verschlafen, fragte gähnend: »So? Hat's wieder kracht?«
»'s wird halt a Trümml abigfallen sein!« meinte Pepperl in seinem
Trauerwinkel und fügte mit philosophischem Seufzer bei: »Auf d' Letzt
muß alles abi!«
^Sechzehntes Kapitel^
Praxmaler machte sich, als der Abend kam, zu einem Pirschgang fertig.
Dabei erwachte der Förster, dessen gut ausgeschlafene Laune recht
auffällig abstach gegen die trübe Kummermiene des Jägers. »Machst noch
allweil a Gsicht wie die Katz, wann's dunnert? Tu dich wegen die drei
Hirschen doch net gar so abikränken! Es is ja schön, wenn sich a Jager
über 's Jagdpech von seim Herrn betrübt. Aber Maß und Ziel muß der
Mensch in allem halten! Sei gscheit, Pepperl! Der Herr Fürst schießt
schon wieder an guten Hirsch!«
»Ja, wollen wir's hoffen!« seufzte Pepperl und trollte zur Tür hinaus.
Die Augen steif in das Blau des Himmels bohrend, ging er an der
Sennhütte vorüber.
In der Almstube nahm Burgi gerade Abschied von ihrem nüchtern gewordenen
Vater. Sie hatte die Kleider des Alten leidlich wieder instand gesetzt,
in dem mürben Zeug alle Löcher geflickt und gab nun dem Vater ein
Binkerl guter Lehren mit auf den Weg, wie die Mutter einem Kind, das zum
erstenmal wallfahren geht. »Sei zfrieden, Vater! Dein Essen und alles
hast ja! Und tu mir d' Fremdenleut net anbetteln auf der Straß. Da hat
kein Mensch mehr an Rischpekt vor dir! Und schenkt dir wer an Kreuzer
aus Gutigkeit, den muß man doch net stantipeh in d' Wirtsstuben
einitragen! Spar dir die paar Nedscherln lieber zamm aufs Gwand! Ja?
Tust mir's versprechen, Vater?«
»Ja, ja, ja! Alls versprich ich! Alls!« Der Alte schnaufte, als er die
Predigt überstanden hatte und sich endlich drücken konnte. Während er
über das Almfeld hinunterwackelte, schielte er zu den Fenstern des
Jagdhauses hinauf und murmelte kauend: »Dem Herrn Fürsten -- so a
Nobliger, ja -- dem hätt ich gern was verexpliziert.«
Burgi blieb auf der Schwelle stehen, bis sie den Vater im Wald
verschwinden sah. Dann kehrte sie in die Stube zurück und machte sich an
die Arbeit, still und verdrossen. Als es Abend wurde und die Kühe
gemolken waren, mußte sie von der frischen Milch eine Kanne voll
hinauftragen in die Küche des Fürstenhauses. Während sie droben um die
Ecke verschwand, kam Martin mit dem Förster, den er zum Abendtisch
gerufen hatte. Kluibenschädl trat ins Haus, Martin blieb vor der Tür
stehen und lauschte gegen den Hof. Schmunzelnd schlich er auf den Zehen
an der Mauer hin.
Da kam die Sennerin mit der leeren Kanne zurück.
»Mein schönes Kind?« Und da hatte er sie schon um die Hüfte genommen
und wollte sie küssen. Erschrocken gab sie ihm einen Stoß vor die Brust,
und dann kam noch was anderes nach. Das klatschte, daß es an der Mauer
ein Echo gab wie von einem Peitschenknall. »^Sie^ lassen mich in Ruh!
Gelten S'! Und wann S' Jagdverwalter werden, können S' Ihnere Küh selber
melchen! Sie!« Ruhig wischte Burgi am Rock die Hand ab und ging ihrer
Wege.
Martin kühlte in seiner Stube das Gesicht mit kaltem Wasser. Aber die
Wange brannte ihm noch feuerrot, als er bei der Tafel die Bouillon
servierte.
»Martin?« fragte der Fürst. »Was hast du im Gesicht?«
»Es scheint, Durchlaucht, daß ich mir eine Verkühlung zuzog. Ich habe
Zahnweh.«
»Gegen Zähntweh weiß ich a Mittel!« fiel der Förster ein. »Da machen S'
aus Baumwoll a Kügerl. Dös spießen S' an a Hölzl und nacher zünden S' es
an. Wann's halb verbrennt is, löschen S' es aus, und den Rauchen, der
aufgeht, den schnupfen S' ins rechte Nasenloch auffi -- weil Ihnen der
Zahn auf der ^linken^ Seit wehtut, wissen S'! Ja, dös hilft!«
Ettingen lachte. »Versuchen kannst du es ja! Aber ich meine, es wird
besser sein, du gehst an die Hausapotheke und legst dir etwas Chloroform
auf den Zahn.«
Ob Martin das eine oder das andere Mittel versuchte, geholfen hat
keines. Bis spät in die Nacht ging er noch immer mit der geschwollenen
Backe herum.
Funkelnd standen am tiefblauen Himmel schon die Sterne, als Pepperl nach
Hause kam. Die Glieder waren ihm wie zerschlagen, und ohne ans Nachtmahl
zu denken, streckte er sich auf die Matratze, auf welcher Kluibenschädl
in seinem sorglosen Bärenschlummer schon fleißig die Säge zog. Rücken an
Rücken lagen die beiden, und schlaflos seufzte der Jäger nach links in
die finstere Stube, während der Förster nach rechts herum gegen die
Holzwand schnarchte. Die Bretter tönten wie ein Geigenboden, wenn die
tiefste Saite gestrichen wird.
Am anderen Morgen brachen die beiden zusammen auf, um bei den
Steigarbeiten Nachschau zu halten. Als sie gegen Mittag heimkehrten,
hörte der Förster von Martin, daß die Durchlaucht ganz allein einen
Ausflug zum Sebenwald unternommen hätte und vor Abend nicht heimkommen
würde. Zu dieser Nachricht schüttelte der Förster verwundert den Kopf.
»Wie kann er denn pirschen? Jetzt in der Sonn? Er wird doch net denken,
daß ihm einer von die drei Hirschen ums Mittagläuten übern Weg lauft?«
Sein Staunen wuchs bei der Nachricht, daß der Fürst die Büchse gar nicht
mitgenommen hätte. »Was tut er denn nacher draußen?«
Martin lächelte. »Träumen!« Aber das Lächeln gelang ihm nicht -- seine
Wange war noch immer ein bißchen gespannt, vom Zahnweh.
Förster Kluibenschädl, um den schönen Hunger, den er heimgebracht hatte,
für den guten Abendtisch im Fürstenhaus zu sparen, ging in die Sennhütte
hinunter und ließ sich, nur für den Durst, eine Schüssel Milch reichen.
Er tat ein paar lange Züge, wobei er an Burgi die Mahnung richtete:
»Jetzt könntst amal wieder an anders Gsicht hermachen! Oder hast so a
mitleidigs Herz? Tut's dich kränken, daß der Herr Kammerdiener Zähntweh
hat?«