Mazegger gab keine Antwort. Während er hinunterschritt zu seiner Hütte,
sahen ihm die anderen verwundert nach.
^Fünfzehntes Kapitel^
Warm leuchtete die Mittagssonne in das weiße Zimmer. Mit glühendem
Gesichtl lag der kleine Patient in den Kissen, nachdenklich und
verträumt. Soviel auch die beiden plauderten, die an seinem Bette
saßen -- Gustl sprach kein Wort. Und wenn ihn die Schwester fragte: »Warum
bist du so still, Bubi? Hast du Schmerzen?« -- dann schüttelte er den
Kopf und sah sie mit glänzenden Augen an.
Nebenan, im Wohnzimmer des Fürsten, deckte Martin den Tisch. Das hatte
Ettingen so angeordnet, damit Lo in der Nähe des Bruders bleiben könnte.
Lautlos verrichtete der Lakai seine Arbeit und lauschte dabei mit seinen
Fuchsohren auf jedes Wort, das im anstoßenden Zimmer gesprochen wurde.
Doch er hörte nichts, was er für seine getreuen Zwecke in Vormerkung
hätte nehmen können. Da wurde, bald mit ruhigem Ernst, bald wieder mit
heiterem Geplauder, von Natur und Kunst gesprochen, von Leben und
Menschen, von Dorf und Stadt, vom Sebensee und vom Leutascher Tal, von
einem sonnigen Morgen und einer stürmischen Nacht. Aber so unverfänglich
auch für Martins Ohren diese Gespräche waren, er zog doch immer wieder
die Brauen hoch. Nicht der Text, sondern der Ton machte für ihn die
Musik. Diese beiden Stimmen hatten immer einen so seltsam innerlichen
Klang, als läge in jedem gesprochenen Wort noch etwas heimlich
Verborgenes.
Der Tisch war bereit. Martin wartete mit der Uhr in der Hand. Punkt ein
Uhr trat er mit Würde über die Schwelle des anstoßenden Zimmers.
»_Monsieur le prince est servi!_«
Ohne das Geplauder zu unterbrechen, erhob sich Ettingen und reichte Lo
den Arm. Bei der Tür nickte er dem Patienten lächelnd zu: »Ich sorge
schon für dich!« Als sie in das Wohnzimmer traten, sah Ettingen den
Tisch an und fragte erstaunt: »Aber Martin? Da sind ja nur zwei Gedecke?
Wo ist der Förster?«
Keine Miene zuckte in dem ernsten Gesicht des Lakaien. »Ich dachte --
wenn aber Durchlaucht befehlen --«
»Natürlich!« Ettingen ging mit Lo zum Tisch. Da sah er auf dem Gesims
des Waffenschrankes ein Bild stehen, in olivgrünem, von matten Goldfäden
durchzogenem Rahmen: die mit zarten Farben überhauchte Radierung nach
dem Böcklinschen Gemälde. »Mein >Schweigen<! Wahrhaftig! Da hab ich es!«
rief er in Freude. »Martin? Wann ist das Bild gekommen?«
»Gestern, Durchlaucht. Ich hab es ausgepackt. Da ich nicht wußte,
welchen Platz Durchlaucht für das Bild befehlen, hab ich es einstweilen
hierhergestellt.«
»Gut! Ich danke, Martin!«
Der Lakai verließ das Zimmer.
Ettingen rückte das Bild gegen das Fenster, damit es in besserem Lichte
stünde. Dabei sah er nicht, daß über Lolos Züge ein Schatten von Wehmut
ging, als hätte der Anblick des Bildes eine schmerzliche Erinnerung in
ihr geweckt.
»Sehen Sie, Fräulein: ein Bild, das ich liebe! Das Schweigen im Walde,
von Meister Böcklin.«
Lo nickte.
»Nicht wahr, ein herrliches Bild? Wie das redet in seiner Ruhe, in der
Fülle seiner stummen Gedanken!«
»Ja! Das Kunstwerk eines Meisters, der nicht nur zeigen will, der auch
viel zu sagen hat.«
»Und wie wenig er braucht, um viel zu sagen! Ein paar Baumstämme,
fast ohne Äste. Und dennoch glaubt man den ganzen, tiefen,
vielhundertjährigen Wald zu sehen. Und dieser Gegensatz der Beleuchtung:
hier im Wald das Dunkel des Abends, fast schon die Nacht, und draußen in
der Ferne noch der leuchtende Himmel. Und die kleinen und scheuen
Lichter, die von draußen hereinschleichen durch die dichten Zweige. Sind
sie nicht wie sehnsüchtige Träume? Wie die Wünsche eines Menschen, der
das grelle Licht und den wirren, schmerzenden Lärm des Tages satt bekam
und nach Frieden verlangt, nach Ruhe, nach stiller Schönheit? Und wie
reichlich der Wald das alles gibt! Ich hab es erlebt an mir selbst!
Dieses Schweigen im Walde, wenn draußen der Tag versinkt -- wie das
heilt! Wie das beruhigt! Wie schön das ist! Man hört keinen Laut.
Dennoch fühlt man, als hätte dieses Schweigen hundert Stimmen. Jede
redet zu uns und sagt uns ein neues Wort. Wie muß der Künstler allen
Zauber der Waldstille empfunden haben, um ihn so überzeugend zu
verkörpern: in der ernsten Schönheit dieser Waldfee, die auf dem
Einhorn reitet! Hat dieses Tier nicht etwas Urweltliches an sich?
Gerade so wie der Wald, wie alles Werden und Wandern in der Natur?
Und sehen Sie nur: wie dieses Horchen auf das Ewige, dieses träumende
Märchenlauschen aus den schönen Augen der Waldfrau redet!«
»Das? Eine Waldfrau? Eine Verkörperung aller Schönheit des von Ruhe
erfüllten Waldes? Meinen Sie?« fragte Lo beklommen. »Ich habe das
Gefühl, daß Sie in dieses Bild etwas hineinlegen, was aus ^Ihnen^ kommt.
Das ist milder und freundlicher als der Gedanke dieser Gestalt. Der ist
viel strenger. Ich meine, daß sich der Künstler dachte: das ist die
Natur, die Natur selbst! Jetzt ruht sie, hat die Hände im Schoß und
betrachtet, was sie in hundert Jahren, die bei ihr eine Minute heißen,
geschaffen hat. In solcher Ruhe ist ihr Auge schön, träumerisch und
sinnend. Aber --«
»Ein Aber?« fiel ihr Ettingen mit lächelndem Schreck ins Wort.
»Fräulein Lo, ich warne Sie! Über diese Augen dürfen Sie mir nichts
Böses sagen. Ich habe dieses Bild immer bewundert. Um dieser Augen
willen hab ich es liebgewonnen. Den Blick solcher Augen hab ich gesehen,
in Wirklichkeit! Den hab ich erlebt. Ich selbst! An diese Augen glaub
ich. Aber sprechen Sie, ich bitte, was wollten Sie sagen?«
Sie war befangen und vermochte nicht gleich zu sprechen. »Diese Augen
sind schön, jetzt in der Ruhe, in dem Wohlgefallen, das die Natur an
ihrer eigenen Schöpfung empfinden muß! Aber sehen Sie den Körper dieses
Weibes an! Dieses Übermenschliche an ihm! Die ruhende Kraft! Um den
herrischen Mund liegt etwas Gewalttätiges und unerbittlich Grausames.
Und das ^mußte^ der Künstler so zeigen, denn die Natur ist grausam,
wenigstens im Sinne von uns Menschen, die wir den Schmerz so schwer
ertragen. An der Natur ist die Unerbittlichkeit eine Eigenschaft wie die
Schönheit, wie die Kraft, wie jede andere. Die Natur ^muß^ grausam sein,
wenn sie das Verbrauchte beseitigen und das Neue schaffen, wenn sie
bestehen und nicht altern will. So schön die Natur in der Ruhe sein
kann, es redet doch immer etwas aus ihrem Gesicht wie eine unheimliche
Drohung. So wirkt auch dieses Bild auf mich. Es weckt ein Gefühl in mir
wie Angst, wie das Bangen vor einer Gefahr, die mir nah ist, und an die
ich doch nicht glauben kann, weil ich soviel Schönheit sehe.«
Sinnend betrachtete Ettingen das Bild. »Sie haben recht. Jetzt, da Sie
es gesagt haben, fühl ich es auch. Dieser harte, herb geschlossene Mund
scheint sagen zu wollen: sieh, wieviel Schönheit dich umgibt in der Ruhe
des Waldes, aber dieses stille Träumen wird nicht mehr lange dauern, der
Wald hat seinen Zweck erfüllt und ließ den Samen fallen, aus dem das
Neue wächst -- komme morgen wieder, und was du heute noch siehst, wird
alles verschwunden sein, gefallen im Sturm, versunken in Asche! Sehen
Sie nur, dieser Baum! Der hat schon eine Wunde wie von einem schweren
Steinschlag. Wie er blutet! Der Baum muß sterben. Und das Eichhörnchen,
das über den Stamm hinaufklettert, wie in Schreck und Angst? Ich habe
nie recht begriffen, was der Künstler mit diesem Tierchen wollte. Jetzt
versteh ich es. Das kleine Ding empfindet die Gefahr, die aus dem
schweigenden Gesicht der Natur zu ihm redet, und weiß in seiner dunklen
Sorge nicht, wohin es sein winziges Leben flüchten soll. Armes
Geschöpf!« Er schwieg eine Weile. Dann sagte er plötzlich: »Da Sie den
Gedanken dieses Bildes so tief erfassen -- wie müßte erst das Original auf
Sie wirken, mit der Kraft seiner Farbe!«
»Das hab ich gesehen.«
»Wo? Und wann?«
»Vor vier Jahren, im Sommer, als Papa mich mit nach München nahm,
um die Ausstellung im Glaspalast zu besuchen. Da war auch dieses
Bild. Und noch drei andere Werke Böcklins, das >Schloß am Meer<, die
>Toteninsel< und das >Spiel der Wellen<.«
»Welchen Eindruck müssen diese Bilder auf Sie gemacht haben!«
»Ich habe das noch heute so in Erinnerung, als hätt ich es gestern
erlebt.« Lolos Stimme wurde leiser. »Ich denke nicht gern an jenen Tag.
Es knüpft sich an ihn eine Erinnerung, die mir weh tut.«
»Fräulein?«
»Als Papa diese Bilder sah, wurde er seltsam still. Dann nahm er meine
Hand, drückte sie, daß es mich schmerzte, und sagte: >Sieh, Lo, was ich
immer will, ^der^ da, der kann es! ^Das^ ist ein Großer! Das ist
Kunst!< Dabei war sein Gesicht so vergrämt, so trostlos -- er hat lang
gebraucht, um das zu überwinden.« Mit feuchtem Blick sah Lo zu Ettingen
auf. »Daß er so gering von seiner eigenen Kraft und so groß von dem
Können des anderen denken konnte? Das spricht doch für ihn selbst?
Hochmütig ist nur der Stümper, nur der Unfähige kann Neid empfinden.
Wer in sich selbst das rechte, heilige Feuer brennen fühlt, kann mit
neidloser Bewunderung zu der reicheren Kraft eines Größeren aufblicken.«
Ettingen fühlte ihre beklommene Erregung. Das schmerzte ihn, und er
suchte nach einem Wort, das sie beruhigen könnte. »Ihr Vater hatte
unrecht, sich so klein zu fühlen! Ein Bild wie das da hätte auch Ihr
Vater schaffen können, der die Natur so sehr verstand -- gerade Ihr
Vater -- wenn auch in anderer Form, doch mit dem gleichen, künstlerischen
Wert, mit der gleichen Fülle der Gedanken!«
»Mit dem gleichen Gedanken?« Sie schüttelte den Kopf. »Mein Vater? Nein!
Er war in seinem Wesen ein völlig anderer. In allen Bildern Böcklins
liegt etwas Herbes und Unerbittliches, bei aller Schönheit, die er
schuf. In ihm ist ein Stück Natur, die das Schöne nur erschafft mit dem
Gedanken an die Zerstörung, der es verfallen muß. Sie kennen doch gewiß
das Selbstporträt Böcklins?«
»Auf dem er sich malte, wie ihm der Tod sein Geheimnis ins Ohr
flüstert?«
»Ja! Dieser Todesgedanke redet bei ihm aus allen Bildern, verläßt ihn
nie und macht, daß er gering vom Wert des Lebens und von der Schwäche
alles Menschlichen denkt. Deshalb wählt er auch mit Vorliebe seine
Stoffe aus einer Zeit, in der die Kraft noch alles war und das Leben
sich abspielte wie ein wilder leidenschaftlicher Kampf. Sehen Sie nur
dieses Bild an! Scheint dieses Weib nicht sagen zu wollen: >Sieh her,
kleiner Mensch, wie groß und stark ich bin! Ich zwinge das wilde Tier,
das mich tragen soll, wohin es mir beliebt. Willst du herrschen und ein
König deines Lebens werden, dann mußt du sein, wie die Natur ist, stark
und rücksichtslos!< -- Das ist ein Gedanke, den mein Vater als Künstler
nicht aussprechen konnte.«
»Auch nicht als Mensch!« fiel Ettingen ein, mit einer Wärme, die
nicht nur aus seiner Stimme, auch aus seinen Augen redete. »Was ich
vorhin sagte, war ein törichtes Wort. Vielleicht war es auch ein wenig
unehrlich. Ich wollte Ihnen über eine schmerzliche Stimmung weghelfen
und sehe, daß Sie so überflüssiger Hilfe nicht bedürfen. Ihr Vater,
ja, war anders als der Große, der dieses Bild da schuf. Deshalb nicht
der Kleinere und Schwächere. Es ist etwas Schönes um die Kraft, die
den Sieg erzwingt. Aber Sieg ist auch Glück. Und Glück hat nicht
jeder, der es verdient. Und solche Mißgunst der launischen Göttin mit
einem stolzen Lächeln zu verwinden, wie das Ihr Vater konnte -- alle
Enttäuschung des Lebens zu erfahren und doch dem Leben so gut zu sein,
als Künstler die Anerkennung der Welt entbehren zu müssen und doch sich
selbst getreu zu bleiben -- wer ^das^ vermochte, in dem war Kraft,
die höher wiegt als der Ruhm eines Sieges!«
Wie dankbar sie zu ihm aufblickte! »Ja, getreu, sich und denen, die er
liebte -- das ist er geblieben. Aber der Eindruck, den Böcklin auf ihn
übte, hat etwas in ihn hineingedrückt, das er mit Gewalt wieder von sich
abstoßen mußte: die Versuchung, diesen schönen Lebensfrieden, den er
gefunden hatte, zu opfern, um den Kampf wieder aufzunehmen und auch zu
siegen. Wie der da gesiegt hat! Mama und ich, wir wollten ihn bestärken
und haben ihm zugeredet: Versuch es noch einmal! Aber da nahm er uns um
den Hals und sagte: >Nein!< Und alles, was in ihm wühlte, hat er sich
mit einem Bild von der Seele gemalt. Das haben Sie nicht gesehen, als
Sie bei uns waren. Es ist das Beste, was er schuf. Und er hatte nur
Kummer davon, sogar hier im Dorf. Wenn Sie wieder nach Leutasch
kommen -- darf ich es Ihnen zeigen?«
»Ja, Fräulein, ich bitte!« Er nahm ihre Hände. »Und das >Schweigen< dort
wollen wir gegen die Wand drehen.«
»Weshalb?«
»Es hat in Ihnen die Erinnerung an einen Kummer Ihres Vaters geweckt.
Ich weiß nicht, was ich dafür gäbe, wenn Sie das Bild nicht bei mir
gesehen hätten! Aber wissen Sie, weshalb ich es kommen ließ? Weil meine
erste Begegnung mit Ihnen mich an dieses Bild erinnerte. Da draußen, im
Tillfußer Forst! Wissen Sie noch? Jener stille, wundervolle Abend im
Schweigen des Waldes? Wie Sie damals geritten kamen und Ihre Augen so
tief und ruhig blickten -- das war schön! Und weil ich das wieder sehen
wollte, hab ich mir das Bild da kommen lassen, an das ich bei unserer
Begegnung denken mußte. Aber das Bild? Nein! Das ist etwas anderes. Sie
haben recht: ich trug in die Auffassung dieses Bildes etwas hinein, was
freundlicher und milder ist. Das ist so, wie ^Sie^ sind. Und diese
Erinnerung, die ich in mir bewahre, vertausch ich nicht gegen alle
künstlerische Größe dieses Bildes da!«
Wortlos stand sie vor ihm, von dunkler Glut übergossen.
Da tappte der Förster ins Zimmer, und als er sah, daß Ettingen die Hände
des Mädchens in den seinen hielt, sagte er lachend: »No also, da kann
ich ja gleich mitgratalieren, daß die Gschicht im Griesfeld so
glimpflich abgangen is!« Er pries den guten Schutzengel, den der »kleine
Herr Petri« haben müsse, und rief dem Patienten von der Schwelle des
Schlafzimmers ein paar lustige Worte zu. Aber bei aller Freude, die er
über den glücklichen Ausfall der »Gschicht« zum besten gab, fuhr ihm
doch immer wieder der Gedanke an die »ausgrutschte« Treibjagd durch den
Kopf. Auch während der Mahlzeit sang er noch immer dieses Lied seines
Jägerschmerzes: »Drei Hirsch! Sakra, sakra! Drei Hirsch hätten wir haben
können! Drunt in der Hütten hockt der Pepperl und macht an Kopf -- so hab
ich ihn meiner Lebtag noch net gsehen! Wie der sich kränken muß um die
drei Hirschen! Dös muß schon schauderhaft sein! Aber Ihnen, Duhrlaucht,
merkt man gar nix an. Sie müssen die drei Hirschen leicht verschmerzt
haben.« Er fuhr sich mit der Serviette über den Schnauzbart und lachte.
»Gwiß wahr, Duhrlaucht, ausschauen tun S' wie 's Leben, und die gsunde
Freud lacht Ihnen aus die Augen raus! Gelt, dös müssen S' eingstehn:
unser Lüftl daheraußen, dös schlagt Ihnen an!«
»Ja, lieber Förster! Hier im Bergwald bin ich gesund geworden an Leib
und Seele! Glücklich und froh!«
»Hab ich's net gsagt! Unser Wald! Ui jögerl, unser Wald! Was ^der^ alles
kann! Duhrlaucht, den müssen wir leben lassen! Unser Wald soll leben!«
Lachend hob Kluibenschädl das Glas und stieß mit dem Fürsten an. »Was is
denn, Fräulein Lo? Haben S' net ghört? Der Wald soll leben! Wär net
ohne, wann ^Sie^ da net mittäten! Was is denn? Warum sind S' denn so
mäuserlstad? Und heiß muß Ihnen sein! Sie brennen ja, wie 's Kerzl vor
der Mutter Gottes! Soooo! Schön 's Glaserl nehmen! Schön anstößen!
Derrrr Wald soll leben!« Die Gläser klangen zusammen, und das heitere
Lachen wandelte sich zu einem frohbelebten Geplauder, das die ganze
Mahlzeit begleitete. Der Förster in seiner vergnügten Laune schmauste
dazu mit so gesundem Hunger, daß die Platten leer wurden, obwohl ihn
seine Tafelgenossen bei diesem »Schönwettermachen« mangelhaft
unterstützten. Sie tranken auch kaum einen Tropfen, diese beiden, und
dennoch waren sie in einer Stimmung, als wäre ihnen das Feuer eines
köstlichen Trankes ins Blut gedrungen.
Immer wieder erhob sich Ettingen, um nach dem kleinen Patienten zu sehen
und jeden Teller zu begleiten, den Martin ins weiße Zimmer trug. Nach
einem solchen Besuche gab er lachend das Bulletin aus: »Fortschreitende
Besserung, der hohe Kranke erfreut sich eines gesegneten Appetits.«
Als das Dessert genommen war, verabschiedete sich der Förster mit einem
großen Kompliment und einem kleinen Schwips. Martin brachte die Post,
aber Ettingen sagte: »Das hat Zeit, lege nur alles auf den Schreibtisch
hinüber!«
»Es ist eine Depesche dabei, Durchlaucht!«
»So gib sie her!« Beim Anblick der sechs engbeschriebenen Blätter sagte
Ettingen lachend: »Eine Depesche? Das ist ja ein Brief!« Kaum hatte er
zu lesen begonnen, als er in freudiger Erregung aufblickte: »Und das muß
heute kommen! Gerade heut!«
»Sie haben eine gute Nachricht erhalten?«
»Eine gute nur? Mehr als das! Eine Nachricht, die mir doppelte Freude
macht, weil sie gerade heute kam, jetzt, während Sie bei mir sind! Denn
diese Nachricht, Fräulein, ist auch eine Freude für Sie! Eine große
Freude! Hören Sie!« In heißem Eifer schob er alles beiseite, was vor ihm
auf dem Tische war, und faßte Lolos Hand. »Aber bevor ich lese, muß ich
Ihnen sagen, wie ich zu dieser Nachricht komme. Damals, als ich Sie
kennenlernte, draußen beim Sebensee, unter dem klingenden Baum, sprachen
wir doch soviel von Ihrem Vater. Das weckte meine Teilnahme für sein
Schicksal und seine Kunst. Und als ich heimkam, depeschierte ich an
einen Freund in Wien, mir alles mitzuteilen, was er über Emmerich Petri
erfahren könnte. Und das ist die Antwort!«
Zitternd saß sie vor ihm, mit den Augen in banger Spannung an seinen
Lippen hängend.