Mazegger fragte unsicher: »Darf ich das Bildl sehen?«

»Gewiß!« Sie legte das Blatt auf den Tisch. »Ich schenk es Ihnen.«

Zögernd, als wäre ihm die Sache nicht ganz geheuer, griff Mazegger nach

dem Blatt. Kaum hatte er einen Blick auf das Bild geworfen, da schoß ihm

das Blut ins Gesicht. »^Das^ bin ich? Und solche Augen hab ich?«

»Ja, Mazegger! Jetzt kenn ich Sie und fürchte mich nicht mehr!« Sie ging

zur Hütte.

Er zerknüllte das Blatt in seiner Faust und schleuderte den Knäuel mit

einem Fluch unter die Büsche des Gartenzaunes. Wie sie nach ihrer

hilflosen Angst diese stolze, sichere Ruhe gefunden hatte, das verstand

er nicht. Aber er fühlte, daß alles für ihn verloren war und daß sie ihn

fortschickte wie einen geprügelten Hund. Mit dem unsicheren Schritt

eines Betrunkenen nahm er seine Büchse. Als er den Garten verlassen

hatte und über das Latschenfeld hinunterstieg, erkannte er auf der

feuchten Erde die Trittspuren zweier Männer. Die plumpe breite Sohle mit

dem schweren Eisenbeschläg und dem Nagelkreuz in der Mitte -- das war die

Fährte Praxmalers. Aber die andere Spur? Dieser schlanke, schmale Fuß?

»Ach so?« Mit galligem Lachen nickte Mazegger vor sich hin. Und während

der Zorn in seinen Augen funkelte, zerstörte er mit einem Fußtritt die

Fährte.

Hastig schritt er über das Latschenfeld und trat in den Wald. Im Dunkel

der Bäume blieb er stehen. Und als er das Mädchen aus der Hütte treten

sah, lachte er, hob die Büchse, spannte den Hahn und legte das Gewehr an

die Wange.

Man konnte hören, wie Lo mit dem Bruder plauderte, während sie an einem

Fenster die Läden schloß.

Zielend, den Finger am Drücker, folgte Mazegger mit dem Lauf der Büchse

jedem Schritt des Mädchens, in seiner Eifersucht mit grausamer Freude

den Gedanken genießend: Ein leiser Druck nur, und auch der andere wird

sie nicht haben! Keiner!

Gustl war in der Tür erschienen, hemdärmelig, mit den Händen in den

Taschen des Lederhöschens. »Und wann, Lo, wann gehen wir morgen?«

»Um sechs Uhr früh.«

»Ach Gott!«

»Ja, Bubi, wir müssen bis Mittag zu Hause sein.«

»Freilich, ja, und ich freu mich doch selber heim! Aber weißt du, in der

Früh, da beißen sie so gern. Vielleicht hätt ich noch eine bekommen,

eine recht schöne, oder zwei. Die hätten wir dem Muttl bringen können.«

»Dann steh nur um vier Uhr auf! Da hast du zwei Stunden Zeit, bis ich

gepackt und die Hütte geräumt habe.« Lo war zur Tür zurückgekommen. Den

Arm um die Schulter des Bruders legend, wollte sie in die Hütte treten.

In dem bleichen Gesicht des Jägers spannte sich jeder Zug. Die Pein, die

in ihm wühlte, redete aus seinem brennenden Blick: »Tu ich es? Nein?

Oder ja?« Fester, als wäre der Entschluß zur Tat in ihm aufgestiegen,

preßte er das Gewehr an die Wange.

Da hörte er hinter sich das Brechen eines dürren Reises und ein Geräusch

wie von einem leichten Schritt. Erschrocken ließ er die Büchse sinken

und spähte scheu um sich her. Der Wald war öde -- aber da fiel ein

Tannenzapfen aus einem Wipfel herunter, und schnalzend, mit weitem

Sprung, schwang sich ein Eichhörnchen von dem Baum hinüber zum

nächsten.

Einen Fluch murmelnd, hob Mazegger die Büchse wieder.

An der Hütte droben hatte sich schon die Tür geschlossen. Der Garten war

leer. Im Abendwinde tönten leis die Glocken des Harfenbaumes.

Gallig lachte Mazegger vor sich hin, warf die Büchse hinter die Schulter

und schritt durch den Wald hinunter.

Es wurde finstere Nacht, bis er zu den ersten Häusern von Ehrwald kam.

Lange mußte er am Haus des Jägers an die Tür trommeln, bis ihm geöffnet

wurde. »Was is denn?« fragte Beinößl aus dem schwarzen Hausflur.

»Ich bin's!«

»Der Toni! Was willst?«

»Treibjagd ist morgen. Um drei müssen wir droben sein beim Sebener

Almzaun.«

»So? Da können wir allweil noch schlafen a paar Stündln. Aber Bett hab

ich keins für dich, mußt dich halt aufs Ofenbankl legen, wir schlafen eh

schon z'viert in zwei Trücherln.« Er mit dem Buben in einem Bett, die

Frau mit dem Mädel im anderen.

Als sie in die finstere, von schwülem Dunst erfüllte Stube traten,

fragte das Weib, was es gäbe. »Nix! Drah dich nur wieder um, Alte! Der

Mazegger is da.« Die Bettstelle krachte. Beinößl schob seinen Gast im

Dunkel zur Ofenbank und nahm ihm die Büchse ab, um sie an den Rechen zu

hängen. »Na hörst, Toni, du hast ja den Hahn gspannt! So was, du mit

deim Leichtsinn, du richtest heilig noch amal an Unglück an!«

Mazegger schwieg.

Drei Stunden vergingen. Der Hausherr schnarchte wie ein Bär, sein Weib

sang die Oberstimme dazu, und ein paarmal seufzten die beiden Kinder,

wenn sie die harte Bettkante spürten und sich umdrehten.

Um ein Uhr rasselte der Wecker. Mazegger hatte noch kein Auge

geschlossen. Eine Viertelstunde später traten die beiden Jäger in die

Nacht hinaus. »Gut wird's heut«, sagte Beinößl,»droben liegt der

Seenebel.« Sie stiegen bergwärts in der Nacht, und Beinößl kürzte den

mühsamen Weg mit heiterem Geschwatz -- er war einer von jenen

»Gscheiten«, die den Zwirnsfaden des Lebens lustig um die Finger

wickeln, so kurz und dünn er auch geraten ist.

Als sie die Ehrwalder Alm überstiegen hatten und die Höhe des

Sebenwaldes erreichten, sahen sie im dünnen Morgennebel den Schein des

Feuers, das die beim Almzaun wartenden Treiber auf der Lichtung

angezündet hatten, um »Glut für die Pfeifen« zu haben. In dem

Augenblick, als die beiden Jäger zum Feuer kamen, gab's einen Schreck.

Einer der Treiber hatte an einem brennenden Reis seinen Stummel

angepafft, das Flämmchen ausgeblasen und das glühende Holz über die

Schulter geworfen. In der Luft flammte das Reis wieder auf und fiel in

einen Haufen dürren Zeuges. Das brannte wie Zunder. Nach allen Seiten

lief und züngelte die Flamme und erreichte den Almzaun, aus dem eine

knisternde Lohe aufschlug. Zu Tod erschrocken arbeiteten die Leute aus

Leibeskräften, um das Feuer zu ersticken. Ein Glück war es, daß die

unteren Reisigschichten des Walles noch feucht waren vom Gewitterregen.

Sonst hätte keine Arbeit mehr geholfen, auch nicht die flinkste, und der

ganze Almzaun wäre in Flammen aufgegangen.

Als das Feuer gelöscht war, halfen sie alle zusammen, um den Zaun

wiederherzustellen und das ausgebrannte Loch mit zusammengeschlepptem

Reisig zu füllen. In jener wohligen Erregung, die jedem schadlos

überstandenen Schreck zu folgen pflegt, wurde breit erörtert, welch ein

»schönes« Unglück da hätte entstehen können. Brennt der Zaun einmal, von

einer Felswand über das schmale Tal hinüber bis zur anderen, dann brennt

auch der ganze Sebenwald bis über den See hinauf, und alles Jungvieh,

das droben im Seetal auf der Weide steht, ist verloren. Wenn auch der

Brand nicht höher gehen kann als bis zu den letzten Latschenfeldern, und

wenn auch das Vieh hinaufflüchtet in die Felsenkare -- droben erstickt es

im Rauch. »Kreuzsakra!« meinte Beinößl. »Da möcht ich net droben sein im

Seetal! Oder ich müßt den letzten Juchezer machen und 's Leben so billig

verkaufen wie an alten Strumpf!«

Draußen im Karwendelgebirg, erzählte ein anderer, wäre vor Jahren ein

großer Waldbrand durch einen Almzaun entstanden, in den der Blitz

geschlagen hätte. Ähnliche Fälle erzählten zwei andere, und man kam zu

dem Schluß, daß es auch im Geißtal an der Zeit wäre, diese

»Zunderhecken« durch Legmauern aus Steinen zu ersetzen, wie es längst

schon überall geschehen wäre, wo die Leute Verstand und kein Sägmehl im

»Hirnkastl« hätten. »Daß man an die alten Bräuch hängt, dös is ja gut

und schön, aber a bißl Furtschritt is net ohne!«

Plötzlich verstummte diese Weisheit -- der Förster kam mit den zwei

Leutascher Jägern. Wohl begann es schon Tag zu werden, aber der Nebel

verschleierte den Aschenhaufen, und so merkte der Förster nicht, was

geschehen war. Er ließ die Jäger und Treiber im Halbkreis Aufstellung

nehmen: »Also, Leut! Daß wir unserer lieben Duhrlaucht heut a saubers

Jagderl machen! Am Almzaun auffi wird die Treiberketten angstellt. Den

Losschuß mach ich Punkt halb sechse. Da is die Duhrlaucht auf'm Stand,

und da wird sich auch der Nebel schon verzogen haben. Und wie der

Losschuß fallt, fangen wir 's Drucken an. Und langsam, Leut, langsam,

nur langsam, daß die Hirsch net aussifahren zum Loch wie die narrischen

Mäus. Verstanden? Also, in Gottsnamen, packen wir's an!«

Neben dem Almzaun stiegen sie bergan, während das Frühlicht zu wachsen

und der Nebel sich schon zu verziehen begann. Hinter den halblaut

Schwatzenden blieb Mazegger unschlüssig zurück. Sein Gesicht war

übernächtig, seine Augen lagen tief, von dunklen Ringen umzogen. Sein

Flackerblick hing an dem kalt gewordenen Aschenhaufen, glitt hinüber zum

Almzaun und folgte dem braunen Reisigwall bergauf und wieder bergab,

über das ganze schmale Tal, von einer Felswand bis zur anderen.

Dann nickte er vor sich hin, und langsam stieg er hinter den anderen

her.

^Vierzehntes Kapitel^

Zögernd schwammen die Schleier des Morgennebels durch das Geißtal hinans

und wurden immer dünner. Eine Waldzunge nach der anderen gaben sie frei,

enthüllten hier eine sonnbeglänzte Bergzinne, dort ein Almfeld in blauem

Schatten, und selbst schon angestrahlt und durchwärmt von der steigenden

Sonne, verwandelte sich ihr trübes Grau in zarten Schimmerduft, der

spurlos in den Lüften zerfloß.

Fast war das ganze Tal schon nebelfrei, und mit leuchtender Klarheit

spannte sich der Morgenhimmel über Tal und Berge, als Ettingen und

Praxmaler gegen sechs Uhr morgens in der Talsohle das breite Kiesbett

der Ache überschritten, um durch einen steilen Waldstreif emporzusteigen

zum Fürstenstand. Der lag am Waldsaum auf einem Latschenrücken und

gewährte freien Ausblick über eine von Erlengestrüpp erfüllte Mulde und

eine spärlich bewachsene Lawinengasse, die sich vom Fuß der steilen

Felswand hinunterzog bis ins Tal. Drunten sah man das weiße Kiesfeld und

eine lange Strecke des Pfades, der zum Sebensee führte. Über dunkle

Fichtenhügel konnte man hinausblicken zum Sebenwald und zu der vom

Seeufer aufsteigenden Sonnenspitze, die ihren goldumstrahlten Felskegel

schlank in den blauen Himmel hob.

Den Stand, auf dem zwischen den Wurzeln einer Fichte ein bequemer Sitz

gerichtet war, umzog eine kleine Legmauer als Deckung für die Jäger.

Während Pepperl den Wettermantel über den Sitz breitete und den

Feldstecher aus dem Futteral nahm, blickte Ettingen immer dort hinaus,

wo jener schlanke, sonnige Fels in die Lüfte stieg.

»So, Duhrlaucht, jetzt haben S' a nobels Platzl!«

Ettingen ließ sich nieder, und Pepperl, der sich seinem Herrn zu Füßen

setzte, zeigte ihm die beiden Wildwechsel, von denen der eine unter der

Felswand hinlief, während der andere schräg über die Lawinengasse

hinunterging ins Tal und gegen das Kiesbett des Baches. »Auf dem, mein'

ich, auf dem sollt was anlaufen!«

Ettingen nickte. Und Pepperl schwieg. Während aus den Augen seines Herrn

ein frohes Träumen redete, ein freudiges Ausgenießen der schönen

Morgenstunde, sprach grämliche Verdrossenheit aus dem Gesicht des

Jägers. Für ihn lag der Fürstenstand auf einem unbequemen Platz. Wenn er

den Hals streckte, konnte er draußen im Geißtal den Tillfußer Almwald

sehen und zwischen den Wipfeln den Flaggenmast, dessen drei Fahnen sich

wie eine Reihe winziger Farbenkleckse vom Grün des Hintergrundes

abhoben. Immer wieder beugte Pepperl sich vor, von der unbequemen

Stellung begann ihn das Genick zu schmerzen, und immer schwerer seufzte

er. Scheu hatte er schon ein paarmal zu seinem Herrn aufgeguckt, als

läge ihm was auf der Seele, was nicht heraus wollte. Und plötzlich sagte

er mit einem Ton, als ging' es um Wohl und Weh eines Menschen: »Ja,

Duhrlaucht, passen S' auf, heut schießen S' an ^guten^ Hirsch!«

Ettingen hörte nicht.

Pepperl drückte die Hand in den Nacken. »Ja, ja! Heut kommt was! Unser

Jagdl is gut. Aber kosten tut's! Dös is a sauberer Haufen Geld, der da

verwaltet werden muß! ^Verwaltet^!« Immer weiter öffneten sich Pepperls

Augen, während er in heißer Spannung zu seinem Herrn hinaufguckte. »So

an Jagdbezirk verwalten! Teufi Teufi, Teufi! Dös macht Arbeit! Und

verstehn muß man's. Dös is d' Hauptsach. Aber der Förstner, gelten S',

der versteht's! Der macht alles allein. Der braucht kein andern. Der

versteht's halt, gelt?«

»Ein tüchtiger Jäger«, sagte Ettingen, »auf den man sich verlassen kann,

in allen Dingen!«

Aus Pepperls Augen blitzte die Freude, und in allen Tonarten begann er

das Lob des Försters zu singen, um mit der diplomatischen Wendung zu

schließen: »Aber no, freilich, vom Land einer is er halt doch, und da

kennt er sich halt net so aus mit die fürnehmen Sacherln, wissen S'! Und

da hab ich mir schon diemal denkt: kunnt sein, daß der Herr Fürst amal

ein' anstellt, so an Herrischen, an Jagdverwalter, oder wie man's

heißt -- wie sag ich denn gleich -- no ja, wie der Herr Martin einer is?«

»Martin? Und Jagdverwalter?« Das war eine Vorstellung, die den Fürsten

lachen machte. »Nein! Wenn ein Jagdverwalter nötig wäre, wüßt ich mir

einen anderen zu finden. Aber der Förster macht seine Sache so gut, daß

ich mir das besser gar nicht wünschen kann.«

Pepperl grinste im Triumph seiner Schadenfreude wie ein Indianer, der

den Skalp des Todfeindes eroberte. »Wart, Frau Verwalterin, heut auf'n

Abend kriegst was z'hören!« dachte er und streckte den Hals, daß ihm die

Schultern fast aus der Joppe sprangen. »Aber jetzt, Duhrlaucht, jetzt

müssen S' Ihnen stad halten! Die Zeit wird kritisch. Allbot kann was

daherspringen.«

Lautlos saßen sie eine halbe Stunde.

Da ließ sich aus dem Waldstreif hinter der Lawinengasse das leise Rollen

von Steinen hören. Pepperl, jetzt ganz bei der Sache, spitzte die Ohren.

Im gleichen Augenblick faßte Ettingen mit hastigem Griff den

Feldstecher. Doch während der Jäger hinüberspähte zum Wald, hielt

Ettingen das Glas nach dem Tal gerichtet.

Dort unten auf dem Pfad war Lolo Petri erschienen, den Basthut mit einem

Kranz von Blumen geschmückt. Ihr folgte der Bruder, dessen Hütl unter

Almrosen ganz verschwand; er führte an losem Zügel den Esel, der mit dem

Gepäck und mit einem riesigen Busch von Rosen und anderen Blumen beladen

war.

»Obacht!« flüsterte Pepperl, der drüben aus dem Waldsaum ein Alttier

sichernd auf die Lichtung treten sah. Als aber Ettingen die Büchse nicht

faßte, blickte der Jäger verwundert auf. Da sah er, wie seinem Herrn das

Glas in den Händen zitterte. Mar und Joseph, dachte Pepperl, der kriegt

's Hirschfieber! Er zischelte: »Net aufregen, Duhrlaucht! Bloß d' Ruh

net verlieren bei so was! Heut haben S' Glück, passen S' auf! Lassen S'

dös Frauenzimmer nur schön vorbei!« Er meinte das Alttier. »Und Obacht

geben! Da kommt schon was nach!« Es wurde lebendig drüben im Wald, und

dem Alttier folgte ein Rudel, bei dem ein paar schwache Hirsche waren.

»Es is nix Gscheits dabei! Nur warten!« flüsterte Pepperl so leis wie

ein Hauch.

Ettingen sah und hörte nicht, was um ihn vorging, sondern folgte mit dem

Glas jedem Schritt des Mädchens dort unten.

Ruhig und sorglos trat das Rudel auf die Lichtung. Plötzlich wandten

alle Tiere die Köpfe gegen den Wald zurück, wurden flüchtig, und

zwischen den hohen Erlenbüschen der Mulde verschwindend, nahmen sie den

Wechsel gegen das Tal. »Der Hirsch kommt! Richten S' Ihnen!« zischelte

Pepperl. »Der Hirsch, Mar und Joseph, und ^was^ für einer!«

Deutlich konnte Ettingen durch das Glas das Gesicht des Mädchens sehen,

ihr Lächeln, die Bewegung ihrer Lippen, wenn sie mit dem Bruder

plauderte. Nun hatten die Geschwister den steilen Rain erreicht, über

den sie niedersteigen mußten, um das Kiesbett zu überschreiten. Da

plötzlich sah Ettingen im Glas ein flüchtendes Rudel Hochwild

auftauchen. Links und rechts von den beiden Geschwistern jagten die

Tiere vorüber, erschrocken wollte Lo nach dem Zügel des Esels greifen,

aber da scheute der Graue schon und rannte mit bockenden Sprüngen über

den Rain in das Kiesbett hinunter, den Knaben am Riemen mit sich

schleifend. Erblassend sprang Ettingen auf, und den Feldstecher

wegschleudernd, stammelte er: »Um Gottes willen! Das gibt ein Unglück!

Praxmaler! Kommen Sie! Schnell! Ich fürchte --« Er hatte den Bergstock

gefaßt, schwang sich über die Mauer -- und während er hinuntereilte über

den steilen Hang, stand drüben auf der Lichtung ein Hirsch mit

herrlichem Geweih, äugte dem springenden Menschen dort unten nach,

trollte ein paar Schritte, äugte wieder und verschwand in den Latschen.

Jetzt ermunterte Pepperl sich aus seiner sprachlosen Verblüffung und

schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Mar und Joseph! O du heilige

Fasnacht! Rennt mir der Fürst davon und fürcht sich vor eim Hirschen!

Teufi, Teufi, Teufi --«

Da klang aus dem Wald herauf die schreiende Stimme seines Herrn:

»Praxmaler! Kommen Sie! Schnell!« Es war in dieser Stimme ein Ton, der

den Jäger ahnen ließ, daß hier doch wohl etwas anderes geschehen wäre

als nur ein drolliges Jägerstücklein. In Sorge begann er zu rennen und

erreichte das Kiesbett in dem Augenblick, als Ettingen und Lolo Petri

den Knaben fanden. Lo war blaß vor Schreck, als sie den Kopf des Knaben

aufhob an ihre Brust. Die Sache schien übler auszusehen als sie war.

Gustl zitterte wohl, doch er lächelte, um die Schwester zu trösten, und

sagte: »Sorg dich nicht! Mir ist nichts geschehen. Gewiß nicht! Und

Schmerzen hab ich ^gar^ keine.« Im Gesicht und an den Händen hatte

er ein paar leichte Schürfwunden, sonst schien er unverletzt. Doch als

sie ihn aufrichteten, konnte er nicht stehen und wäre wieder zu Boden

gesunken, hätte ihn Ettingen nicht aufgefangen. »Kind! Kind!« stammelte

Lo.

»Beruhigen Sie sich, Fräulein«, sagte Ettingen, obwohl ihm selbst vor

Erregung die Stimme kaum gehorchte, »es kann nicht so schlimm sein! Der

Fuß ist nicht gebrochen. Hier eine Untersuchung vorzunehmen und den

armen Jungen zu quälen, das ist nutzlos. Kommen Sie, wir tragen ihn zum

Jagdhaus, da kann alles leichter und besser für ihn geschehen! Kommen

Sie!« Bei diesen Worten hatte er Gustl schon auf seine Arme gehoben und

eilte mit ihm über das Kiesbett hinüber gegen den Weg.

Pepperl erbot sich, den Knaben zu tragen. Auch bei raschem Gang war's

eine halbe Stunde bis zum Jagdhaus, und »so a Bub hat sein Gwicht«. Aber

Ettingen schüttelte den Kopf. »Der Junge trägt sich wie eine Feder so

leicht!« Auch Lo mahnte mit scheuer Bitte, daß Ettingen den Dienst des

Jägers annehmen und seine Kräfte schonen möchte. Er sah ihr in die

Augen, schüttelte wieder den Kopf und flüsterte dem Knaben zu: »Leg nur

die Arme um meinen Hals, Bubi! So! Nicht wahr, so ist's bequemer?«

»Ja.«

Während sie auf ebenem Pfad durch den Wald hinauseilten, klang hinter

ihnen auf dem Latschengehäng das Klopfen und halblaute Rufen der

anmarschierenden Treiber: »Hup hup hup! Brrrr! Hup hup!« Pepperl guckte

sich einmal um, und da wollte es ein böser Zufall, daß er zwei gute

Hirsche gemütlich über die Lawinengasse spazieren sah. »Teufi, Teufi,

Teufi, drei Hirschen hätten wir haben können!« träumte seine Jägerseele

mit Kummer.

Ettingen plauderte während des ganzen Weges mit dem Knaben. Gustl hielt

sich wie ein kleiner Held, verbiß den Schmerz und schwatzte

unverdrossen, um der Schwester alle Sorge auszureden. Viel mehr als sein

verletzter Fuß beschäftigte ihn die Frage, was wohl aus Hansi, dem

Grauen, geworden wäre.

»Der kommt schon wieder!« tröstete Lo.

»Ja, schon, aber die Forellen, Lo! Die Forellen! Wenn er mit dem Netz

einen halben Tag in der Sonne herumläuft, hab ich sie umsonst für Muttl

gefangen!« In Schmerz verzog sich der Mund des Knaben, und das Wasser

schoß ihm in die Augen; doch er seufzte nur: »Ach Gott, ach Gott, die

schönen Forellen!«

Sie hatten das Jagdhaus fast erreicht, als Hansi nachgetrottet kam, in

höchst nervöser Stimmung. An den locker gewordenen Gurten war ihm die

Packtasche mit dem Almrosenbusch unter den Bauch gerutscht, und weil ihn

die Zweige kitzelten, schlug er fortwährend mit den Hinterfüßen aus,

schüttelte die Ohren und machte drollige Sprünge.

Als Pepperl den Esel in den Stall führte, rief Ettingen dem Jäger nach:

»Tragen Sie das Fischnetz gleich in die Küche hinauf! Man soll die

Forellen auf Eis legen, damit sie nicht verderben.« Seine Stimme klang

gepreßt, so daß Lo ihm besorgt in das erhitzte Gesicht blickte. Er hatte

doch wohl seiner Kraft zuviel zugemutet. Als er den Knaben über den

letzten Hang zum Jagdhaus hinauftrug, ging sein Atem müd, und seine Arme

zitterten.

Martin kam aus der Sennhütte gelaufen, mit dunkelrotem Gesicht, als

hätt' es dort unten mit dem »unbehüteten Madl« eine Szene gegeben, die

nicht ganz nach seinen Wünschen ausgefallen war. Verwundert musterte er

seinen Herrn und das schöne Mädchen.

»Schnell, Martin! Hinauf! Und richte das Bett im Grafenzimmer!«

Erschrocken verfärbte sich der Lakai; doch wortlos eilte er ins Haus.

Im Flur kam Martin seinem Herrn über die halbe Treppe entgegen und

stotterte: »Ich bitte um Vergebung, Durchlaucht, das Zimmer ist

abgesperrt, und im Augenblick weiß ich nicht, wo die Leute den Schlüssel

haben.«

»Aber Mensch! So mache doch ^mein^ Zimmer auf! Siehst du denn nicht --«

Martin rannte, und als sein Herr mit dem Knaben in das sonnige, weiße

Zimmer trat, war das Bett schon abgedeckt. Während Lo dem Bruder half,

sich zu entkleiden, brachte Ettingen das ganze Haus in Aufruhr. Der

Lakai, die Köchin und die Küchenmagd, alles mußte laufen und bringen:

Wasser, Eis, Verbandzeug, Kognak, den ganzen Inhalt der Hausapotheke.

Als Lo den verletzten Fuß des Knaben untersucht hatte, atmete sie auf.

Der Knöchel war geschwollen und glühte, aber die Sache war unbedenklich:

eine Bänderzerrung, die, obwohl sie schmerzhaft war, in wenigen Tagen

wieder gut sein konnte. Ein paar Stunden Ruhe, meinte Lo, und Hansi

könnte den Knaben heimbringen, ohne daß sich das Übel verschlimmern

würde.

»Jetzt muß ich dir ein wenig wehtun, Bubi! Aber du wirst sehen, das

hilft!«

»Ja, Lo, mach nur, was du meinst!«

Sie begann die Geschwulst zu massieren. So schmerzhaft das auch war, der

Junge überwand es ohne einen Laut und ärgerte sich, weil ihm wider

Willen die Tränen in die Augen kamen. Dann wurde der Knöchel bandagiert,

und drüber kam der Eisumschlag. Die Schürfwunden im Gesicht und an den

Händen wurden mit Karbollösung gereinigt und mit Pflästerchen verklebt.

Lächelnd sah Ettingen dem Mädchen zu. »Sie machen das alles wie ein

gelernter Arzt!«

»Hier in den Bergen, wo man eine Tagreise bis zum Doktor hat, lernt sich

das von selbst. Und ich hatte einen guten Lehrer. Der verstand sich auf

alles, was Hilfe heißt.«

»Ihr Vater?«

»Ja.« Sie küßte den Knaben auf die Stirn. »Brav hast du dich gehalten!«

Die seidene Steppdecke glättend, richtete sie sich auf. Als wäre erst

jetzt alle Sorge von ihr gewichen, streifte sie mit ihren schlanken

schönen Händen die Zaushärchen von den Schläfen zurück. Sie blickte im

Zimmer umher, und eine leise Verwirrung schien sie zu überkommen. In

jäher Bewegung streckte sie Ettingen die Hände hin, blickte mit

glänzenden Augen zu ihm auf und sagte leis: »Wie gut Sie mit ihm waren!

Ich danke Ihnen.«

Er nahm ihre Hände. »Dank? Nein! Der Schuldige bin doch ich, mit dieser

dummen Jagd. Aber weil nur alles noch leidlich gut vorüberging!

Wirklich, jetzt atme ich auf. Und freue mich, daß ich Sie hier habe

unter meinem Dach. So hübsch ist es freilich nicht bei mir, wie ich es

bei Ihnen fand, da draußen, in der schönen Sturmnacht!« Noch immer hielt

er ihre Hände fest, und lächelnd sahen sie sich in die Augen.

Gustl, der mit der Wange auf den Händen lag, lind in die Kissen

geschmiegt, guckte staunend an den beiden hinauf, und das verpflasterte

Gesichtchen des Knaben färbte sich dunkelrot.

Lautlos trat Martin in das Zimmer, um Ordnung zu machen. Er schien keine

Augen zu haben, nur Hände, die geräuschlos hantierten. Als er mit dem

Wasserbecken und mit den Tüchern über dem Arm das Zimmer verlassen

hatte, sah er die geschlossene Tür an und wiegte den Kopf. Studierend

stieg er über die Treppe hinunter. In der Küche legte die Jungfer Köchin

gerade die drei Forellen, die Pepperl gebracht hatte, in den Eiskasten,

als Martin eintrat. Beim Anblick des Kammerdieners gab es dem Jäger

einen »Riß«, halb vor Wut und halb vor Schadenfreude; aber er mußte der

Köchin Antwort geben, als sie fragte: »Hat denn unsere Durchlaucht das

Fräuln schon gekannt?«

»Gut auch noch! Z'erst hat er's droben am Sebensee troffen, neulich is

er draußen gwesen bei ihr in der Luitasch, und gestern nacht, wie dös

Wetter gwesen is, haben wir unterstehn müssen bei ihr, vom Abend bis auf

d' Fruh. Ja, unser Duhrlaucht und d' Fräuln Petri, die zwei verstehn

anander! Was die für austipfelte Sachen reden! Da reißt unsereiner

d'Luser auf, sperrangelweit.«

Martin schien diesem Gespräch keine Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum

aber hatte er die Küche verlassen, als er in seine Stube eilte und

hinter sich die Tür verschloß. Nachdem er an den Fenstern die Vorhänge

zugezogen hatte, schrieb er eine Depesche in englischer Sprache, nur die

Adresse deutsch: »Baronin Pranckha, Hietzing, Wien. -- Soeben flog der

edle Falk mit weißer Taube in den Waldhorst. Erkenne Gefahr und warne.«

»_The faithful!_« unterschrieb er -- »der Getreue!« -- und schob die

Depesche in die Tasche, um sie bei der Hand zu haben, wenn der Postbote

käme. --

Draußen vor dem Fenster ging Pepperl vorüber. Er machte langsame

Schritte, und immer wieder schielte er zur Sennhütte hinunter, aus

deren Schindeldach der Herdrauch quoll. Am liebsten wäre Pepperl

in seiner Schadenfreude schnurstracks hinuntergelaufen, um dem

»verloffenen Lampl« mit allem Hochgenusse menschlicher Bosheit ins

Gesicht zu schreien: »Jagdverwalterin? Ja! Schmarrn!« Aber da lagen

ihm zwei verwünschte Worte wie eiserne Riegel im Weg: »Wir sind fertig

mitanander!« und »Mich siehst nimmer!« Daß er nach solchen Worten noch

einmal die Schwelle dort unten überschreiten sollte -- das war eine

heikle Sache für einen, der in sich die Überzeugung trägt: »A bißl

was muß der Mensch halten auf dös, was er sagt!« Und was ging ihn die

ganze Geschichte weiter noch an? »Nix! Rein ^gar^ nix!« Für ihn

hatte die Sache nur noch ein theoretisches Interesse, zu dem sich das

angenehm prickelnde Bewußtsein gesellte: »Ich hab ^recht^ gehabt!«

Jetzt konnte die Sache da unten ausfallen, wie sie wollte -- er stand

groß da! Mit dem Gefühl der Befriedigung, das den Praxmaler-Pepperl bei

diesem Gedanken überkommen hatte, wollte er schon ins Försterhäuschen

treten. Da hörte er über das Almfeld herauf das Klirren eines

Bergstockes. Und am Waldsaum drunten erschien ein alter, weißbärtiger

Bauer, gebeugt und etwas unsicheren Ganges. »Jesses! Da kommt er!«

stotterte Pepperl, als er Burgis Vater erkannte. Mit langen Sprüngen

rannte er über das Almfeld hinunter und schrie: »Brenntlinger! He!

Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!«

Der Alte blieb stehen und guckte mit den stumpfen, rotgeränderten Augen.

Sein gebrochener, von einem sechzigjährigen Leben in Armut

mürbgeklopfter Körper steckte in einer übel zugerichteten Hülle. Es

schien, als hätte der »gute alte Brenntlinger« eine der letzten Nächte

im Straßengraben zugebracht und die Zeit noch nicht gefunden, die grauen

Federn dieses harten Bettes von sich abzubürsten.

Im Heuschuppen auf der Alm geboren, hatte er den Anstieg seines Lebens

als Hüterbub begonnen, war Galtviehsenn geworden, und mit vierzig

Jahren, als Milchviehsenn bei einem Jahreslohn von 137 Gulden 45

Kreuzern, hatte er geheiratet. Das kleine Burgerl in der Wiege konnte

die Hochzeit der Eltern mitfeiern. Fünfzehn Jährlein später, als Burgi

aus der Feiertagsschule kam, starb die Brenntlingerin an einem Leiden,

das kein Doktor kurieren konnte, weil man keinen holte. Und während sich

das junge Mädel hineinwuchs in die Almenarbeit, wurden dem Brenntlinger

von Jahr zu Jahr die Knochen immer müder. Nun hatte er seinen Strohsack

im Gemeindehaus liegen, und seinem Leben blühte nur noch jene einzige

Blume, die nicht nach Honig, sondern nach Trebern duftet. Am liebsten

hätte Burgi den Vater jeden Sommer zu sich in die Sennhütte genommen.

Dagegen wehrten sich die Almbauern, die den unnützen Kostgänger nicht

auf ihrer Milchschüssel haben wollten. Also gab sie ihn, für fünf Gulden

im Monat, beim Flurjäger in die Kost. Auf die Hand durfte sie dem Alten

kein Geld geben, keinen Kreuzer. Sonst hätte er nie an seinen Hunger,

nur immer an seinen Durst gedacht. Kein Wunder also, daß Brenntlinger

mit einem Juchezer das große Los begrüßte, das er neulich beim Haus des

Maler-Emmerle gezogen hatte. Zehn Gulden! Das hatte einen achttägigen

Rausch gegeben. Keinen zehntägigen, nein, da hatte Pepperl sich

verrechnet. Denn der gute alte Brenntlinger liebte nicht nur seinen

Namensvetter, den Gebrannten, er liebte als braver Vater auch sein Kind.

Bevor er vom Haus des Maler-Emmerle den Weg zum Buschenwirt genommen

hatte, war er beim Kramer eingetreten und hatte um zwei Gulden für sein

Mädel ein seidenes »Tüchl« gekauft. Das brachte er nun mit, an seiner

Vaterbrust verwahrt und sorgfältig in das »Sonntagsblatt für das

katholische Volk« gewickelt. Aber auch noch etwas anderes brachte er mit

auf die Alm: einen halb ausgeschlafenen Katzenjammer, einen dürmeligen

Kopf und einen so unsicheren Schritt, daß man Zweifel hegen konnte, ob

der »gute alte Vater« sich für das Wohl und Wehe seines Kindes so

energisch auf die Füße stellen würde, wie es der Praxmaler-Pepperl von

ihm erwartete.

»Brenntlinger! He! Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!«

Die aufgeregte Stimme drang nicht nur in die halbtauben Ohren des Alten,

sie drang auch durch die Mauern der Sennhütte. Mit einem Sprung war

Burgi bei der Tür. »Vater! Jesus Maria! Vater! Ja grüß dich Gott! Wo

kommst denn her?« Da sah sie den Jäger wie einen Narren über das Almfeld

herunterspringen. Sie erschrak. Nicht weil sie ein schlechtes Gewissen

hatte, nein! Wenn ihr der Herr Jagdverwalter _in spe_ beim Herd und am

Kammerfenster auch schon ein Dutzend Küsse und drüber abgeschwatzt und

gestohlen hatte -- ein Kuß in Ehren ist keine Sünd, am allerwenigsten ein

Kuß von einem, der Jagdverwalter wird und »positivi« heiraten will. Und

wenn auch dem »süßen Schmalger« nicht über den Schritt zu trauen

war -- einen, der »solchene Aussichten« hat, den mußte man doch wohl ein

bisserl warm halten. Das riet nicht nur die Klugheit, dazu reizte auch

ganz besonders der Gedanke, daß sich ein anderer grasgrün ärgern würde,

wenn schließlich aus der »Sach« doch etwas werden sollte. Ein schlechtes

Gewissen also hatte die Burgi nicht. Ganz im Gegenteil. Dennoch erschrak

sie. Und als sie den Pepperl so rennen sah, hatte sie nur den einen

Gedanken: die erste beim Vater zu sein! Sie machte einen Sprung wie ein

Heuschreck, der die Sense blitzen sieht, und rannte, was sie rennen

konnte. Auch Pepperl machte hurtige Beine. So liefen die beiden

miteinander um die Wette, wie zwei Jagdhunde um einen Hirsch.

Gleichzeitig erreichten sie den Alten. Keuchend packte ihn Burgi am

linken, Pepperl am rechten Arm.

»Vater! Zu mir kommst.«

»Na! Zu mir! Ich hab dich bstellt.«

»Zu mir kommst, Vater! Zu mir in d'Hütten!«

»Z'erst zu mir! Ich muß dir ebbes sagen, was pressant is!«

Der Alte stotterte immer: »Tuts mich net derreißen, Kinder! Net

derreißen! Tuts mich net derreißen!«

Mit Zerren und Streiten hatten sie den Alten bis zur Sennhütte gebracht.

Burgi blieb Siegerin. Sie schob den Vater über die Schwelle, schlug die

Tür zu und stieß den hölzernen Riegel vor. Für diesen Riegel hatte

Pepperl nur ein Lachen. Wie da zu helfen war, das wußte er. Erst

verschnaufte er ein bißchen, dann zog er das Messer aus der Tasche,

schob die Klinge in den Türspalt und begann zu schieben. Aber

merkwürdig! Der Riegel wollte nicht weichen wie sonst. Verwundert guckte

Pepperl näher zu und sah statt des alten, morschen Holzstückes, mit dem

die Tür seit einem halben Jahrhundert zufrieden gewesen war, eine

blinkende Latte durch die Spalte schimmern. Wann war dieser neue Riegel

an die Tür gekommen? Und warum? Diese beiden Fragen gaben dem

Praxmaler-Pepperl heiß zu denken.

In der Sennstube hatte Burgi den Vater zum Herd geführt. Da sah sie den

Zustand seiner Kleider. »Vater! Um Gottswillen! Wie schaust denn aus!«

»Ich? Warum?«

»Vater!« Wie ernst das klang! »Hast mir im Frühjahr net versprochen, daß

dich halten willst? Und heut kommst mir daher, daß ich mich schamen muß,

wenn dich an ordentlicher Mensch anschaut!« Burgi fuhr sich mit der

Faust über die Augen. »Da mußt wieder an saubern ghabt haben!«

»Na na na na, net wahr is! Ich hab kein ghabt. Gwiß net! Heut net. Na!«

stotterte Vater Brenntlinger, während er an seinem Hut die ausgefranste

Krempe untersuchte.

Sie glaubte ihm nicht. »Wann ich nur schon wieder draußen wär bei dir!

Es taugt mir eh nimmer da heroben.« Sie holte die Holzbürste, die zum

Scheuern der Milchgeschirre diente. »Geh her, laß dich a bißl abputzen!«

Seufzend zog sie den Vater in die Fensterhelle, kniete vor ihm nieder

und begann von unten herauf die Arbeit. »Und so, wie heut, so kommst mir

nimmer!«

»Na na na na.«

»Tust mir's versprechen? Auf der Mutter ihr Andenken!«

»Ja, Burgele, ja! Und weil dein Vater so viel gern hast, ja --« er wühlte

an der Brust herum und brachte das Päcklein zum Vorschein, »ja, drum hab

ich dir was mitbracht, schau!« Langsam löste er mit seinen zitterigen

Händen den Papierumschlag und entfaltete das seidene Tüchl.

»Jesses! Vater!« Das Mädel wurde rot vor Freude. Aber erschrocken fragte

sie gleich: »Um Gottswillen, Vater, was hast denn für dös Tüchl zahlen

müssen?«

»Zwei, ja, zwei Gugulden, ja!«

»Zwei Gulden! Vater! Mar und Joseph! Wo hast denn so viel Geld herghabt?

Du wirst doch um Gottswillen net bettelt haben?«

»Na na na na! Für'n Müllertoni, ja, für'n Toni bin ich auf Seefeld,

weißt, a Botengangl auf Seefeld ummi!«

»Und da hat dir der Toni zwei Gulden geben?« forschte sie mißtrauisch.

»Zwei Gulden?«

»Ein', der Toni, weißt! Und der Posthalter den andern, ja, der

Posthalter!«

Sie war nur halb beschwichtigt. Aber möglich schien ihr die Sache doch,

und sie ^wollte^ glauben, um an dem schönen Tüchl ihre Freude haben zu

können. »Geh? Is wahr? Und da hast die zwei sauer verdienten Gulden für

mich verspart! Da muß ich dir schon a Vergeltsgott sagen!«

»Ja ja ja, und 's Tüchl, gelt, dös gfallt dir?« kicherte Vater

Brenntlinger, froh, dem Verhör so glücklich entronnen zu sein.

Sie prüfte die Seide, hielt das Tuch ans Licht und versuchte, wie es

sich falten ließe. »Aber geh, jetzt setz dich her, jetzt koch ich dir

gleich was auf! Magst saure Nocken? Tut dich hungern? Gelt?«

»Ja, hungern, ja, und saure Nocken, ja, die kunnt ich brauchen. Und

weißt, a bißl dürsten, ja, a bißl dürsten tut mich.«

»Da hol ich dir gleich a Schüsserl Milli.«

»Milli?« Der Alte bewegte den Mund, als hätte er eine bittere Zunge. »So

so? Milli krieg ich? Milli?«

Burgi war in die Kammer getreten. Ehe sie die Milchschüssel holte, legte

sie vor dem Spiegelscherben, der neben dem Fenster an die Wand gepickt

war, das seidene Tuch zur Probe um den Hals.

»Milli krieg ich? So so? Milli?« Als hätte dieser Gedanke einen

Zusammenhang mit dem Praxmaler-Pepperl, so guckte sich der Alte

plötzlich um, wo denn der Jäger geblieben wäre. Und als er sah, daß an

der Tür gewackelt wurde, ging er hin und schob den Riegel zurück. Ehe

die Tür noch richtig offen war, drängte Pepperl sich schon mit beiden

Ellbogen herein.

»Du, Jager, du, zu dir bin ich kommen, weißt, du hast mir was

versprechen lassen, ja!«

»Was ich versprochen hab, dös kriegst! Z'erst aber muß ich reden mit

dir. Da setz dich her an' Tisch!«

Als die beiden sich auf die Holzbank niederließen, trat Burgi mit der

Milchschüssel in die Stube. Den ersten Schreck über die Stimme, die

sich in der Sennhütte hören ließ, schien sie in der Kammer übertaucht zu

haben. Wohl brannte ihr das Gesicht wie Feuer, doch mit spöttischer Ruhe

sagte sie: »Ah, da schau her! Der Pepperl!«

Sie stellte dem Vater die Schüssel hin und legte den Brotlaib mit Messer

und Löffel daneben. Dann stemmte sie die Fäuste in die Hüften und lachte

dem Jäger höhnisch ins Gesicht. »Hat mir net einer gsagt: du gingst mir

nimmer eini in d' Hütten?«

Pepperl verfärbte sich und brüllte: »Bis ich zu ^dir^ komm, da kannst

^lang^ warten! Bloß zu deim Vater bin ich kommen. Weil ich z'reden

hab mit ihm. Verstehst mich?«

»No also! Leg dir kein Maulkorb an! Kannst alles sagen! Ob's wahr is

oder verlogen! Net amal auflusen tu ich! Na!« Mit spöttischem Lachen

ging sie zum Herd und nahm eine Holzschüssel von der Wand, um den

Nockenteig anzurühren.

Die Neugier schien keine von den schlechten Eigenschaften des

Brenntlinger zu sein. Während die zwei jungen Leute so heiß miteinander

hachelten, gähnte er ein um das andere Mal und schnitt das Schwarzbrot

mit großen Brocken in die Milch. Eben wollte er den ersten Schub

verladen, als ihn Pepperl so energisch am Arm packte, daß der Brocken

vom Löffel wieder in die Schüssel fiel.

»Jetzt, Brenntlinger, jetzt paß auf.«

»Ja, ja! Red nur zu!« Der Alte holte mit dem Löffel aus. »Aber essen

mußt mich lassen! Essen, weißt!«

»Der Appetit wird dir vergehn! Dir! Wann d' solchene Sachen hörst! Du

bist der Vater. Dich geht's am ärgsten an! Und dir z'lieb hab ich mich

dreingmischt! Daß ich dir an Kummer verspar, du guter alter Teufi, du!«

»A Teufi, was, a Teufi bin ich?« kicherte Vater Brenntlinger und wischte

sich die verschüttete Milch von der Joppe. »Ich hab doch keine Hörndln!«

»Jetzt lach net! Mir is blutig ernst! Und dir geht's an d' Ehr! Da,

schau dir's an, dein Töchterl! Die führt sich nobel auf!« Vom Herd

herüber ließ sich ein höhnisches Lachen hören. »Lachen kann s' auch

noch! Die! Und der arme Vater kann sich d' Augen ausweinen! Drum laß

dich verwarnigen, du guter Mann, du braver! Und red a Wörtl, solang's

noch Zeit is! Denn daß ich dir's ehrlich sag: in deiner Burgl ihrer

Hütten geht's zu, als ob die Gomorringer ausgruckt wären!«

»Was? Wer?« Der gute brave Mann schluckte einen Brocken. »Wer is

ausgruckt?«

»Die Gomorringer! Die von der selbigen Stadt, wo's Pech und Schwefel hat

regnen müssen. Und warum? Dös wirst schon wissen!«

Der Kochlöffel in der Hand der Sennerin machte einen verdächtigen Zuck,

tauchte aber wieder in den Nockenteig.

Studierend schüttelte der Alte den weißen Kopf. »Na, du, dös mußt mir

schon besser verexplizieren, ja!«

Pepperl schnaufte in schwüler Hitze. »Teufi, Teufi, Teufi, hat man mit

dir a Gefrett!« Mit beiden Händen fuchtelte er dem Alten vor der Nase

herum. »Dös weißt doch, daß unser Herr Fürst jetzt da is?«

»Ja freilich, ja, der Herr Fürst! So so? Was für a Fürst is denn der?«

»Der unser Jagd in Pacht hat!«

»A Jager? So so? A Jagerfürst! Und, ja --« Der Alte legte den Löffel

nieder, und seine Augen erweiterten sich. »Du, Pepperl, sag, is enker

Fürst net mitn, mitn Förstner in der Luitasch gwesen? Vor acht Täg?«

»Freilich is er draußen gwesen. Aber dös ghört net daher. Dös geht dich

nix an.«

»Geht mich, ja, gegeht mich schon was an!« versicherte Brenntlinger mit

solchem Eifer, daß er zu stottern begann. »Wenn dös der Füfürst gwesen

is -- zu dem geh ich auffi. Dem muß ich, ja, muß ich was

verexpipilixieren.«

Pepperl verlor die Geduld. »Kreuz Teufi, jetzt hör amal auf und lus mir

zu! Wann d' auffi gehst zum Fürsten, wirst aussi gschmissen vom Herrn

Kammerdiener. Verstehst mich!«

»Kammerdiener? So so? Und is der auch so, ja, so nobel, der?«

»Der wird wohl nobel sein!« Pepperl lachte mit zornrotem Gesicht. »Hat

seidene Hösln an! Und Schnallenschuh! Wie der Mesner bei der Leich.«

»Schnallenschuh? Und seidene Hösln?« staunte der Alte. »Ah, der muß aber

nobel sein!«

»Und gestriegelte Haar hat er! Und deiner Burgi steigt er nach?

Verstehst mich? Deiner Burgi steigt er nach!«

Langsam drehte Brenntlinger sich auf der Bank herum und fragte mit

aufgeregtem Stottern: »Bu -- Buburgi? Is dös wahr?«

»Ja, dös is wahr!« erklärte Burgi und warf eine Handvoll Salz in den

Nockenteig.

»Hörst es jetzt?« schrie Pepperl wie ein Verrückter. »Wahr is, was ich

gsagt hab! Und anschmalgen tut er's! Anschmalgen, daß er's heiraten

tät!«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 54 / 71 题