Ettingen lachte. »Da möchte was Hübsches herauskommen.«

»Gewiß nichts Schlimmeres als bei meinem ersten Versuch.«

»Zu dem hat wohl Ihr Vater Sie veranlaßt?«

»Ja! Und das werde ich nie vergessen. Ich war damals noch ein Kind,

sieben Jahre, und Papa hatte eine Ulmer Dogge gekauft, die er zu einem

Bilde brauchte. Das Tier war so entsetzlich groß, daß ich Angst vor ihm

hatte. Ein paar Tage überwand ich's. Aber als der Hund einmal auf mich

zukam, fing ich zu schreien an: >Papa, Papa, ich fürchte mich vor dem

Hund!< Da lachte er, gab mir ein Blatt Papier und einen Rotstift und

sagte: >Versuch es, Lo, und zeichne den Hund, aber recht, recht genau

mußt du ihn ansehen!<«

»Und das haben Sie getan?«

»Ja!« Lächelnd blickte sie zu ihm auf. »Als das Kunstwerk fertig war,

meinte Mama, das wäre ein Lehnstuhl. Aber Papa sagte ganz ernst: >Nein,

Mutter, das ist ein guter, braver Hund, der keinem Kinde was zuleide

tut!< Und Papa hatte recht. Ich habe den Hund nicht mehr gefürchtet.

Jetzt wußte ich, daß er schöne braune Augen hatte, und daß er die Lippe

verziehen konnte, als ob er lachen möchte. Wir haben den Hund viele

Jahre gehabt, auch hier in Leutasch noch, und als er im Alter so leidend

wurde, daß man ihn aus Erbarmen erschießen mußte, das ist für uns alle

ein trauriger Tag gewesen. Besonders für Papa.«

Ettingen nickte. »Ihr Vater muß ein großer Tierfreund gewesen sein und

muß für das Seelenleben der Tiere ein seltenes Verständnis besessen

haben.« Er sah den fragenden Blick ihrer Augen und fügte bei: »Daß ich

diese Beobachtung machen konnte, das ist nur der bescheidenste Teil des

Gewinnes, den der heutige Tag mir brachte. Soll ich Ihnen sagen, woher

ich komme? Wo ich zwei Stunden verbrachte, die ich nie vergessen werde?

Im Haus Ihres Vaters!«

Sie atmete tief und sah mit schimmernden Augen über den Weiher hin. Und

es zitterte ihr die Hand, mit der sie die Palette hielt.

»Sie schweigen? Und fragen nicht, welchen Eindruck ich von der Kunst

Ihres Vaters empfing?«

»Nein!« erwiderte sie leis und beugte sich über die Leinwand, als wollte

sie die Arbeit wieder beginnen.

»Nein?« Fast schien es, als hätte ihn dieses Wort verletzt. Doch er

lächelte schon wieder. »Halten Sie mein Kunstverständnis für so

zweifelhaft, daß es bei einem Urteil über die Bedeutung Ihres Vaters

nicht in Frage kommt?«

Da blickte sie zu ihm auf, fast erschrocken. Dieser Blick gab ihr die

Ruhe wieder, und es lag nur noch ein wenig Beklommenheit in ihrer

Stimme, als sie sagte: »Daß Sie mich so sehr mißverstehen könnten, das

glaub ich nicht. Wer die Natur liebt wie Sie, muß doch auch Verständnis

und Liebe für die Kunst haben. Und daß ich ein hartes Wort über meinen

Vater nicht hören würde, das wußte ich doch. Hätten Sie nicht Anteil an

seinem Schicksal genommen, so hätten Sie unser Haus nicht besucht. Und

würden Sie nicht anerkennend über seine Arbeit urteilen, so hätten Sie

zu mir von diesem Besuche nicht gesprochen. Aber wie gut Sie auch von

meinem Vater denken mögen, ich selbst denke doch wohl noch besser von

ihm. Für Sie kann er immer nur der Künstler sein, von dem Sie das oder

jenes halten. Für mich ist er auch der Vater, das Liebste, was ich auf

der Welt besaß. Und hätten Sie über ihn -- nicht einen Tadel, nur ein

Befremden geäußert --, nicht über sein Denken und Fühlen, denn da müssen

Sie ihn verstanden haben -- vielleicht nur über seine Art zu sehen, über

die Eigenart seines Schaffens --, ich hätt es doch wie einen Tadel

empfunden, und mir, seinem Kinde, hätte das wehgetan, gerade von Ihnen!

Weil ich das fürchtete, deshalb schwieg ich.« Sie legte die Palette fort

und erhob sich. »Aber ich sehe ein, daß ich unrecht hatte. Verzeihen Sie

mir!«

Ettingen nahm ihre beiden Hände und sah ihr so herzlich in die Augen,

daß sie vor diesem Blick in Verwirrung geriet. »Soll jetzt in Ihrem

Herzen nicht ein leiser Zweifel zurückbleiben, dann muß ich sprechen!«

Er hörte Stimmen, und als er aufblickte, sah er am Ufer des großen

Weihers den Förster mit dem Fischer um die Waldecke biegen. »Schade! Da

kommen Leute, die mich holen. Aber ich hoffe noch die Stunde zu finden,

die mich ungestört mit Ihnen plaudern läßt. Ich habe Ihnen viel mehr

zu sagen, als ich jetzt in ein paar Worte fassen kann. Und habe manche

Frage zu stellen, die Sie mir beantworten müssen, über das Leben Ihres

Vaters, über den Entwicklungsgang seines Schaffens, über die Zeit, in

der diese Bilder entstanden. Ich denke nicht sonderlich gut von der

Urteilsfähigkeit der Welt, die mit dem Tage lebt und schreit. Aber sie

hat trotz allem Augen und hat doch auch ein Herz. Und wäre Ihr Vater

vor seiner Flucht in die Berge als Künstler schon der gleiche gewesen,

der er war, als er den Hermeskopf mit der Viper und den Jesusknaben mit

den Faunkindern schuf -- die Welt hätte ihn anerkennen ^müssen^, mehr

noch, ihn bewundern und lieben!« Fester umspannte er ihre zitternden

Hände. »Ihr Vater war ein großer Künstler. Ich schränke dieses Wort

durchaus nicht ein, wenn ich sage, daß in ihm der Mensch und Dichter

vielleicht noch größer war als der Maler. Ich kann Ihnen gar nicht

schildern, welch einen tiefen Eindruck ich heut aus Ihrem Hause mit

forttrug. Es war ein Eindruck, der den Wunsch in mir weckte: hätt ich

diesen seltenen Menschen doch gekannt, hätt ich doch mit ihm leben

dürfen! Aber ich glaube doch, daß ich ihn kenne. Ich habe schon so viel

von seinem Leben erfahren, durch Sie und durch andere. Seit heute weiß

ich auch, wie er starb -- wie nur ein großer und guter und starker

Mensch zu sterben vermag, der seinem Leben keinen Vorwurf zu machen

hat. Und ich habe in seinem Haus die Luft des reinen Glückes geatmet,

das er sich und den Seinen erkämpfte, habe gesehen, was er schuf -- und

ich kenne sein Kind. Nun weiß ich, wer Ihr Vater war, und kann Ihnen

nachfühlen, was Sie bei jedem Gedanken an ihn empfinden müssen. Sie

sind ein glückliches Kind!« Er küßte ihre Hand, und rasch, als möchte

er jede störende Begegnung von ihr fernhalten, ging er auf die beiden

Männer zu, die schon über das Wehr des letzten Weihers kamen.

Unbeweglich, die großen schönen Augen feucht umschleiert, stand Lolo

Petri am Ufer und blickte über das Wasser zum Wehr hinüber. Sie sah nur

den einen, der von ihr gegangen war, sah nicht, daß der Förster ihr

zuwinkte mit dem Hut, und hörte den Gruß nicht, den er laut, um das

Wasser zu übertönen, zu ihr herüberschrie. So stand sie, bis die drei

Männer im Tor eines Blockhauses verschwanden. Dann atmete sie auf, und

wie in einem Sturm von Empfinden preßte sie die Hand, die er geküßt

hatte, an ihre Lippen -- als möchte sie ihm danken für seine Worte und

wüßte keinen anderen Dank als diesen. Dann kam es über sie wie treibende

Ungeduld. Sie klappte den Feldstuhl zusammen, brachte den Malkasten in

Ordnung und schabte hastig mit einem Messer das ganze fertige, noch

nasse Bildchen von der Leinwand fort, daß auf dem Tuche nur noch ein

trüber Schimmer der entfernten Farben zurückblieb. Während sie die

zerlegte Staffelei mit dem Sessel zusammenschnallte, blickte sie nach

dem Stand der Sonne. »In einer Stunde müssen sie kommen!«

Das Malgerät an einem Riemen tragend, eilte sie zwischen Wald und Wasser

das kleine Tal hinunter und folgte einem Fußpfad, bis sie die von

Leutasch nach Seefeld führende Landstraße erreichte. Einen Fuhrmann, der

ihr mit leerem Wagen entgegenkam, bat sie, ihr Malgerät mit ins Dorf zu

nehmen -- und sie brauchte den Mann nicht viel zu bitten, man sah es ihm

an, daß es ihm Freude machte, ihr eine Gefälligkeit erweisen zu können.

In sachter Steigung klomm die Straße durch den Wald hinauf, und Lolo

folgte ihr mit so erregter Hast, daß ihr die Wangen zu brennen begannen.

Als sie die Höhe erreichte, öffnete sich vor ihr eine Waldwiese. An

einem Quellbach, der sich an die Straße heranschlängelte, waren die Ufer

reich mit Blumen bewachsen. Lolo begann zu pflücken, und während sie am

Saum der Wiese hinging, sammelte sie zu ihrem Strauß noch immer neue

Blumen. Sie erreichte wieder den Wald und ließ sich im Schatten der

Bäume nieder, um die Blüten zu ordnen. Nur ihre Hände waren bei dieser

Arbeit, nicht die Gedanken. Bald spielte ein träumendes Lächeln um ihren

Mund, bald wieder blickte sie ernst in den blauen Schatten des Waldes.

Nun ließ sie den Strauß, den sie gebunden hatte, in den Schoß fallen.

»Vater! Vater!« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in

Schluchzen aus. Das war kein Weinen in Schmerz -- es war ein Weinen in

heißer Freude.

Jetzt fuhr sie lauschend auf, sprang zurück auf die Straße und jauchzte.

Aus dem Tal, in das sich der Wald hinuntersenkte, antwortete eine

Knabenstimme, hoch und schrill, wie der Ton einer Weidenpfeife.

»Ja! Ja! Sie sind es!« stammelte Lo und begann zu laufen. Eine kleine,

mit einem Pferd bespannte Kutsche kam. Der Knecht ging neben dem Wagen

her, um dem Rößlein die Last über den Berg hinauf zu erleichtern. In der

Kutsche saßen eine Frau und ein Knabe, der mit beiden Armen winkte.

Mit klingender Stimme rief Lo den Namen des Bruders. Und da ließ sich

der kleine Bursch nicht länger im Wagen halten, sprang auf die Straße,

noch ehe der Knecht das Pferd zum Stehen brachte, warf das Hütl in die

Kutsche zurück und begann den Berg hinauf zu rennen, daß ihm die Mutter

in Sorge nachrief: »Gustl! Gustl! Nur langsam! Ich bitte dich! Sie

wartet ja, bis du kommst!« Der Junge hörte nicht, rannte und rannte, und

schon auf hundert Schritt vor der Schwester breitete er die Arme aus und

jubelte: »Lo! Lo! Meine liebe, gute, gute Lo!« Mit so wilder Freude flog

er an ihre Brust, daß sie wankte unter dem Ansturm dieses schmächtigen

Knabenkörpers. Wortlos hielt sie ihn umschlungen. Als sie sich

aufrichtete, hing er mit erloschenem Atem an ihrem Hals, hielt die Wange

an ihre Brust gedrückt und brachte nur mühsam die Worte heraus: »Ach,

Lo, ich kann dir's gar nicht sagen, wie ich mich freue! Weil ich dich

wiederhabe! Dich, Lo! Dich! Weißt du, es ist so nett vom lieben Gott,

daß er die Ferien erschaffen hat!«

Lächelnd kühlte sie ihm mit ihrem Tuch die Wangen und hielt ihn

umschlungen, bis er ruhiger wurde. Dann gab sie ihm die Blumen.

»Lo? Für mich?«

»Für dich und für die Mutter.«

»Ich danke, danke dir, Lo!«

Da nahm sie sein Gesicht zwischen die Hände und sah ihm lang in die

Augen. Wie zwei klare Sterne blickten die leuchtenden Knabenaugen zu ihr

empor. Sie atmete auf und sagte leis: »Ja! Du bist es! Du kommst wieder

heim, wie du gegangen bist!« Lächelnd schob sie ihn ein wenig von sich

und betrachtete sein hager aufgeschossenes Figürchen in dem

saubergehaltenen schwarzen Anzug und in den engen Höschen, die ihm zu

kurz geworden. »Und wie du gewachsen bist!«

»Ja!« sagte er stolz und reckte sich. »Jetzt reich' ich dir schon fast

an die Schulter.«

Die Kutsche kam, und jubelnd schwenkte der Junge seine Blumen. »Muttl!

Sieh doch! Sieh! Die hat uns Lo gebracht!«

Das Mädchen eilte dem Wagen entgegen und faßte die Hand der Mutter.

Frau Petri hatte schon graue Haare, die glattgescheitelt unter dem

schwarzen, altmodischen Kapotthut hervorsahen. In weißem Oval, wie aus

Wachs gebildet, hob sich aus den schwarzen Bändern das schmale

Faltengesicht, das von Kummer und Schmerzen erzählte, die nur zur Ruhe

kamen, doch nicht überwunden sind. Aber so welk und müde dieses Gesicht

auch war, es zeigte noch Spuren einstiger Schönheit und glich mit seinen

feinen, vornehmen Zügen dem Antlitz der Tochter. Nur andere Augen hatte

die Mutter, von mattem Blau -- Augen, die nicht anders blicken konnten als

in Sorge. Und sie hatte ihrer Tochter kaum ins Gesicht gesehen, als sie

schon beklommen fragte: »Kind? Was ist dir? Du bist anders als sonst!

Ich bitte dich, sag mir, ist etwas geschehen? Was hast du?«

»Mutter!« Lo umklammerte die Hand der alten Frau, während sie neben der

Kutsche herging; sie war so erregt, daß sie nicht zu sprechen vermochte.

»Aber Hans!« schmollte Frau Petri mit dem Kutscher. »So halten Sie doch

den Wagen an. Lo kann doch nicht immer so nebenherlaufen!«

Der Knecht hielt das Pferd an und suchte auf der kahlen Straße nach

einem Stein, den er unter das Rad legen könnte.

»Was hast du, Kind? Aber so sprich doch!«

»Mutter! Denke nur, wer heute bei uns war. In unserem Hause! Er, Mutter!

Er!«

»Er? Wie soll ich denn das wissen, wer das ist?«

»Aber Mutter! Ich habe dir doch heute früh erzählt von ihm. Daß ich ihn

draußen am Sebensee kennenlernte. Und daß ich soviel vom Vater mit ihm

gesprochen habe.«

»Der Fürst?« fragte Frau Petri betroffen.

»Heute kam er zu uns, um Vaters Bilder zu sehen.«

»Und du warst bei ihm?«

»Nein! Aber ich traf ihn. Bei den Weihern. Ach, Mutter! Wärst du doch

nur bei mir gewesen! Hättest du nur gehört, wie er vom Vater gesprochen

hat! Das wäre für dich eine Freude gewesen. Eine Freude! Weißt du, was

er sagte? Ein großer Künstler, den die Welt hätte bewundern und lieben

müssen! Und vielleicht war der Mensch und Dichter in ihm noch größer als

der Maler! Das sagte er. Wort für Wort. Wir, Mutter, wir wissen es ja!

Aber daß es nun auch die anderen erkennen und sagen! Ach, Mutter, dieses

Wort war ein Geschenk für mich, so schön, ich kann es dir gar nicht

sagen!«

Frau Petri schwieg, und während sie zitternd die Hand ihres Kindes

umklammert hielt, fielen ihre glitzernden Zähren auf das Hutband.

Da sagte der Kutscher: »Liebe Frau, jetzt muß ich aber weiterfahren, 's

Rößl kann den Wagen auf der steilen Straßen nimmer derhalten!«

Frau Petri seufzte. »Ach, Lo! Warum kommt das so spät? Zu spät für

^ihn^!« Sie trocknete die Augen und sagte begütigend zum Kutscher:

»Ja, Hans, fahren Sie nur weiter! Aber du, Lo?«

»Fahre nur voraus, Mutter! Ich gehe mit Gustl.«

»Wo ist er denn?«

»Dort, im Wald. Einem Schmetterling läuft er nach oder einem

Eichhörnchen.«

»Ach, wie sich der Bub wieder erhitzen wird!« Frau Petri reichte dem

Mädchen den Hut des Jungen und ein seidenes Tuch. »Er soll den Hut

gleich aufsetzen, wenn er auf die Straße kommt. Hier zieht es. Und bind

ihm das Tuch um! Tust du es aber auch wirklich?«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 49 / 71 题