Er wollte der Magd eine Banknote reichen. Aber sie schüttelte den Kopf,
nahm den Rechen von der Wand und begann auf dem Kiesweg die Trittspuren
zu ebnen, die der Förster mit seinen schweren Schuhen zurückgelassen
hatte.
Ettingen, dem das Blut ins Gesicht gestiegen war, zerknüllte den Schein
in der Hand. Und als sich draußen auf der Straße ein alter, weißbärtiger
Bauer, der im Schatten der Holunderhecke saß, etwas schwerfällig erhob
und den mürben Deckel zog, warf ihm der Fürst die Banknote zu. Der Alte
riß die rotgeränderten Augen auf. Dann versuchte er mit seiner heiseren,
zitterigen Stimme einen Jauchzer. Das machte den Förster aufmerksam. »Ui
jögerl, Duhrlaucht! Haben S' dem Brenntlinger was geben? No, ich dank
schön! Der kauft sich wieder an saubern Dampus dafür.« Nach wenigen
Schritten kamen sie zu einer Stelle, an der sich von der Straße ein
Fußweg gegen die Felder abzweigte. »Gehen wir lieber über d' Wiesen
naus!« meinte der Förster. »'s Dorf haben S' ja gsehen. Und drüben im
Weiherwald, bei der Fischzucht, kriegen wir den schönsten Schatten.« Sie
wanderten über die vom frischen Heugeruch umdufteten Wiesen hin. Immer
wieder blickte Ettingen nach den im Sonnenglanz verschwimmenden
Baumkronen zurück, über deren leuchtendes Gezweig sich blinkend das
grüne Schieferdach erhob. Dann plötzlich unterbrach er das Schweigen:
»Sagen Sie mir, wie starb dieser Mann?«
»Der Herr Petri? Ja, Duhrlaucht, dös is a rechts Unglück gwesen! Der
Mann is dagstanden wie a Baum im besten Saft. Und den hat d'
Nächstenlieb am Gwissen. Im letzten Herbst war's -- da is in der Leutasch
und im Geißtal a Wolkenbruch niedergangen, daß ich meiner Lebtag so was
net mitgmacht hab. Wie S' da die Wiesen sehen, is alles an einziger Bach
gwesen, mit Gröll und Baumstämm, die's dahertrieben hat. Und droben, wo
sich 's Tal a bißl zuspitzt, da war's am ärgsten! Zwei Häuser hat's
mitgnommen, gleich am ersten Abend. Und am andern Tag, wie 's Wasser von
die Geißtaler Berg herkommen is, da hat ein' 's Grausen packt. Wie die
Verruckten sind d' Leut umanander grennt und haben völlig ihr bißl
Verstand verloren. Bloß an einziger hat 's Köpfl in der Höh bhalten.«
»Herr Petri!«
»Ja! Gschafft hat er wie a Holzknecht, und Ratschläg hat er gfunden, wie
man's dem traumhappeten Mannderl gar net zutraut hätt! Sell droben, wo
's Geißtal anfangt und von links und rechts zwei Waldhügel einisteigen
gegen 's Wasserbett -- da, hat er gsagt, da müssen wir an Riegel legen und
's Wasser brechen, damit's den Gwalt verliert. Mit die ersten Leut, die
beinander waren, hat er d' Arbeit gleich angfangt, und derweil is d'
Fräuln Lo im Galopp auf ihrem Muli von eim Haus zum andern gritten und
hat aus'm ganzen Tal alle Mannsleut zammgrufen, daß in der ersten Nacht
noch über zweihundert Menschen bei der Arbeit waren! Am linken Ufer vom
Wildbach is der Herr Petri gstanden mit seine hundert Leut. Und mit eim
Sprachrohr, dös er aus einer Baumrinden gmacht hat, hat er 's Kommando
ummi gschrien über 's Wasser, wo die andern hundert gschafft haben. D'
Weibsbilder haben 's Pech und 's Staudenwerk zammtragen müssen und 's
Feuer unterhalten, daß man zur Arbeit gsehen hat in der Nacht. Und d'
Manner und die Buben haben die Bäum gschlagen zum Wehr. In der Fruh um
zehne, am zweiten Tag, da haben die ersten Bäum im Wasser schon ghalten,
und wie's auf'n Abend gangen is, hat man schon hoffen können: 's Wehr
verhebt den ärgsten Schub. Aber d' Leut sind fertig gwesen mit ihrer
Kraft, und schier mit Gwalt hat der Herr Petri die letzten noch bei der
Arbeit halten müssen. Wo's am schiechsten ausgschaut hat, da is er
allweil vorndran gwesen. >Mut, Leut, nur Mut<, hat er allweil gschrien
und hat schon kaum nimmer reden können, >nur diese letzte Nacht noch,
dann ist geholfen!< Und recht hat er bhalten! Am dritten Tag in der Früh
hat sich 's Wasser gegen 's Geißtal auffi zum Stauen angfangt und is mit
aller Ruh über die Wehrbäum abglaufen, und die ganzen Häuser sind aus
der Gfahr gwesen!«
Sie hatten den Wald erreicht und traten in den Schatten.
»Gwiß is's wahr: wär der Herr Petri net gwesen, so hätt unser Leutascher
Dörfl heut um a Dutzend Häuser weniger. Aber teuer hat er's zahlen
müssen, sein christliches Werk. Ausghalten hat er am gleichen Fleck zwei
Nächt und anderthalb Tag, tropfnaß bis auf d' Haut. Nach der zweiten
Nacht in der Fruh, wie er noch d' Schildwachen aufgstellt hat am Wehr,
hat er sich gahlings verfärbt, und seine Knie haben auslassen. Es wird
gleich wieder besser, hat er gmeint und hat sich an Trunk Wein von der
Fräuln geben lassen, die so verschrocken war, daß ihr 's Gsichtl ganz
weiß worden is. A halbs Stündl hat er noch ausghalten. Nacher hat ihn 's
Fräuln heimgführt auf'm Muli. Und da hat's kein Helfen nimmer geben.
Lungenentzündung, hat der Dokter gsagt. Die ganze Nacht sind d' Leut ums
Haus rum gstanden und haben gmeint, es müßt und müßt ihm wieder besser
gehn. Auf Mittag um elfe hat er sein letzten Schnaufer gmacht. Und der
Dokter hat mir gsagt: so hätt er noch nie kein Menschen net sterben
sehen! Im ärgsten Fieber hat er die Bsinnung net verloren, hat bloß
allweil dös arme Frauerl tröstet, hat plauscht mit'm Büberl, als ob gar
nix wär, und 's Fräuln hat er allweil bei der Hand ghalten und hat's
anglacht ein ums andermal. Z'letzt hat er noch von seim Gartl draußen am
Sebensee gredt. Und dös sind seine letzten Wörtln gwesen: >Meine
Blumen!< Nacher hat er aufgschnauft und d' Augen zugmacht wie einer der
weiß: jetzt fahr ich grad auf in Himmel, jetzt geht's mir gut!«
Ettingen sagte leise vor sich hin: »Wer so zu leben wüßte, um sterben zu
können wie dieser Mann!«
»Ja, Duhrlaucht, recht haben S'! So sollt sich der Mensch sein Leben
einrichten, daß er d' Augen zumachen könnt in jeder Stund und lachen
dabei! Aber der Mensch is so viel dumm. Und leben heißt narrisch sein.
Was den richtigen Wert hat, schlagt man um kein Kreuzer net an, und für
jeden nixigen Pfifferling legt man seim Leben a Zentnergwicht auf'n
Buckel. Bagaschi überanand! Und ich ghör selber dazu!«
Der Pfad hatte im Wald auf eine Höhe geführt. Man sah in ein schmales
Tal hinunter, aus dem drei große Weiher mit sonnglänzendem Spiegel durch
die Bäume heraufleuchteten. Ein sanftes Murmeln klang von den Teichen
her wie das Geplätscher vieler Quellen.
Der Förster blieb stehen und spähte durch den Wald hinunter. »Da,
Duhrlaucht! Da schauen S' abi: bei die Ursprüng drunten malt d' Fräuln
Petri an ihrem Taferl!«
Ettingens Augen leuchteten auf, und ohne ein Wort zu sagen, stieg er
rasch durch den Wald hinunter gegen die Weiher.
^Neuntes Kapitel^
Als der Wald ein wenig lichter wurde, konnte Ettingen zwischen den
Weihern ein großes Blockhaus sehen, eine Schilfhütte, und am Ausgang des
schmalen Tales ein villenartiges Gebäude.
Das wäre die Fischzuchtanstalt, erklärte der Förster und meinte: »Weil
wir schon grad da sind, dös müssen S' Ihnen anschauen, Duhrlaucht! Wie
die jungen Fischerln gfüttert und aufzogen werden, dös is lieb zum
Betrachten. Wenn S' Lust haben, lauf ich und schau, daß ich an
Fischknecht find, der Ihnen rumführt.« Er wartete eine Antwort nicht ab
und eilte schräg durch den Wald davon.
Ettingen blieb unter den letzten Bäumen stehen. Doch er schien kein Auge
für das liebliche Bild des kleinen Tals zu haben. Und das hätte doch
einen Blick verdient. Von stillem Fichtenwald begrenzt und von blumigen
Grasborten umzogen, lagen drei Weiher mit glitzernden Spiegeln
stufenförmig übereinander, so daß sich aus dem einen das Wasser mit
blitzendem Gefäll in den anderen ergoß. Weiße Seerosen und grüne Blätter
schwammen mit sachter Bewegung im Wasser, und bald hier, bald dort
sprang eine silberne Forelle auf. Vom obersten Weiher zog sich gegen den
Wald eine schräge Felswand hin, die in allen Farben schimmerte und
gleich einem Sieb von hundert Löchern durchbrochen war, aus deren jedem
ein weißes Brünnlein sprudelte. Dieses sonnige Waldidyll mit allem
Gefunkel und Lichtgezitter des rauschenden Wassers gab ein Bild, das
einen Künstler zur Nachgestaltung reizen konnte. Und Lolo Petri saß auch
vor der Staffelei so ganz in ihre Arbeit vertieft, daß sie die Schritte
nicht hörte, die sich ihr näherten.
Sie trug jenes ländliche Gewand, das sie damals an jenem ersten Abend
getragen hatte, im Tillfußer Wald.
Ettingen war dicht zu ihr herangetreten und sah ihr über die Schulter
auf die kleine Leinwand, die einen Teil der Felsplatte mit den
sprudelnden Quellen in fast vollendeter Arbeit zeigte; es war kein Bild,
das hier entstehen sollte -- nur ein Versuch, das Lichtgefunkel des über
die rauhen Felsformen rinnenden Wassers festzuhalten. Und dieser Versuch
war ihr gelungen. Wie diese Farben leuchteten! Wie sie zu zittern und zu
rinnen schienen! Ettingen staunte über die Kraft des Lichtes und über
die Wahrheit in dieser verblüffenden Wiedergabe der Natur. Wie hatte
dieses Mädchen ihm sagen dürfen, daß sie keine Künstlerin wäre? Hatte
sie das aus übertriebener Bescheidenheit getan? Das sah ihr nicht
ähnlich. Also legte sie einen überstrengen Maßstab an sich selbst,
während sie von anderen Menschen so nachsichtig dachte? Oder kannte sie
ihr eigenes Talent nicht? Sollte ihr Vater dafür kein Auge gehabt, ihr
das nie mit einem Worte gesagt haben? Denn sie war doch seine Schülerin?
Bei diesem Gedanken fiel ihm auf, daß ihre Art zu malen auch nicht die
leiseste Ähnlichkeit mit der Art des Vaters hatte. Da war nichts
Absonderliches und Befremdendes, keine erträumte Farbe, keine fabulierte
Linie. Was die kleine Leinwand zeigte, war nichts anderes als eine treue
Wiederholung der Natur.
Plötzlich, als hätte sie seinen Atem gehört oder seine Nähe empfunden,
blickte sie auf. Leichte Röte huschte ihr über die Wangen, und sie erhob
sich. »Herr Fürst --«
Er grüßte und sah ihr in die Augen, noch ganz unter dem Eindruck, den er
aus ihrem Hause mit fortgetragen hatte und der ihm von der Erzählung des
Försters zurückgeblieben war. »Sehen Sie, Fräulein, damals am Sebensee,
das war nicht umsonst gesagt: auf Wiedersehn!«
Sie hatte nach der ersten leichten Verwirrung ihre ruhige Sicherheit
wiedergefunden und reichte ihm die Hand. »Ja! Und heute weiß ich auch,
wer Sie sind. Ich hab es noch an jenem Morgen erfahren, von einem Ihrer
Jäger. Und dann war's mir leid, daß ich Ihren Namen überhörte. Hätt ich
damals am Sebensee gewußt, wer Sie sind, dann hätt ich die gute
Gelegenheit gleich benutzt und hätte eine Bitte ausgesprochen, mit der
ich ohnehin zu Ihnen kommen mußte.«
»Zu mir? Mit einer Bitte? Die ist bewilligt, liebes Fräulein, bevor ich
sie kenne.«
»Sie ist auch nicht unbescheiden. Es handelt sich um unser Häuschen
draußen am See. Papa hätte, bevor er damals vor acht Jahren baute, den
Grund gerne gekauft. Aber das ging nicht. Der Grund ist ärarischer
Boden. Papa mußte zufrieden sein, daß er wenigstens die Erlaubnis bekam,
zu bauen, auf Widerruf und unter der Bedingung, daß der Jagdpächter
seine Erlaubnis gäbe.«
»Und diese Erlaubnis meines Vorgängers soll ich wiederholen?«
»Ja, ich bitte darum.«
Ettingen hielt noch immer ihre Hand in der seinen. »Schade, daß ich mein
Plazet nicht mit irgendeiner besonderen Feierlichkeit erteilen kann!
Solange ich Pächter der Jagd bin, und ich hoffe, das noch lange zu
bleiben, sollen Sie ungestört bei Ihren Blumen wohnen.« Seine Stimme und
seine Augen wurden ernst. »Und bei Ihren Erinnerungen!«
»Ich danke Ihnen.«
»Aber ^eine^ Bedingung muß ich stellen.«
Ihre Hand befreiend, blickte sie zu ihm auf.
»Die Bedingung, daß Sie gute Nachbarschaft mit mir halten wollen. Und
daß es mir vergönnt ist, ab und zu ein Stündchen bei Ihnen zu rasten und
mich wohl zu fühlen -- bei Ihren Blumen?«
»Daß ich Ihnen das verwehren könnte«, sagte sie lächelnd, »das haben Sie
doch nicht im Ernst gemeint?«
»Nein! Aber Sie stehen, Fräulein, und ich bitte sehr, daß Sie sich
durch mich nicht in Ihrer Arbeit stören lassen. Darf ich Ihnen ein wenig
zusehen?«
»Gern. Ich fürchte nur, Sie werden dabei nicht viel zu sehen haben.« Sie
nahm die Palette und ließ sich vor der Staffelei auf den kleinen
Feldstuhl nieder.
Als er sie eine Weile schweigend beobachtet hatte, wie sie aufmerksam
die Felswand mit den Quellen betrachtete und dann die kleinen weißen
Lichter in den Goldglanz des fließenden Wassers setzte, sagte er:
»Wissen Sie auch, Fräulein, daß Sie sich neulich vor mir verleugnet
haben?«
»Ich? Verleugnet?«
»Doch! Denn Sie ^sind^ eine Künstlerin!«
Sie schien sich nicht gleich an jenes Wort zu erinnern. Dann schüttelte
sie wieder den Kopf, ganz so entschieden wie damals. »Nein! Nur weil ich
ein bißchen malen gelernt habe? Das macht mich noch lange nicht zur
Künstlerin. Dazu fehlt mir alles, Talent, Gedanke und Phantasie. Ich,
eine Künstlerin? Nein! Und eine Handwerkerin will ich nicht sein. Ich
zeichne und male nicht aus Beruf. Ich tu es nur, um besser sehen zu
lernen, um mir das Schöne, das ich liebhabe, recht tief einzuprägen,
damit es Dauer hat in mir. Mit dem Betrachten allein kommt man der Natur
gegenüber nicht aus. Da sieht man nur, was jeder sieht, das
Oberflächliche, das zuerst in die Augen springt. Die stille Seele eines
solchen Bildes und den innersten Reiz übersieht man immer, auch wenn
man seine Wirkung fühlt, und deshalb will auch das Bild so schön, wie es
war, nicht in unserem Erinnern haften. Man hat immer was Verschwommenes
im Gedächtnis. Sie haben doch auch Verständnis für die Natur und Liebe
zu ihr. Ist es ihnen noch nie aufgefallen, daß Sie sich an ein schönes
Landschaftsbild schon wenige Stunden später nicht mehr genau erinnern
konnten? Man sieht noch irgendeine große Linie, irgendeine auffällige
Farbe. Aber das will in der Erinnerung nicht mehr wirken.«
»Ja, Fräulein, das ist wahr. Ich hielt das immer für einen Mangel an
Gedächtnis. Aber Sie mögen recht haben: es war Mangel an richtiger
Beobachtung.«
»Früher war das auch bei mir nicht anders. Aber wenn ich ein paar
Stunden geduldig vor solch einem Bild saß, wenn ich jede kleinste Linie
nachzuzeichnen, jeden Reiz des Lichtes und jeden Ton des Schattens
nachzuahmen versuchte -- gleichviel, ob mir das gelingt oder nicht --,
dann hab ich das Große und das Kleinste so genau gesehen, daß ich das
Bild ^habe^, in mir, fest und für immer. Und das Schöne so zu besitzen,
das ist eine große Freude, die das bißchen Mühe wert ist. Zeichnen Sie
nicht auch?«
»Ich? Nein!«
»Warum versuchen Sie es nicht einmal?«