Martin runzelte die Brauen. »Was soll das heißen?«

»Es is nur, daß der Herr Kammerdiener weiß, wie er dran is mit mir.«

Pepperl trat von der Tür weg. »So!«

»Sie scheinen zu glauben, daß ich an Ihr unqualifizierbares Benehmen von

neulich eine Minute später noch gedacht habe? Da tun Sie sich zuviel

Ehre an, junger Mann.«

»Is schon möglich! Unsereins halt eben a bißl was auf Ehr. Deswegen

zwick ich Ihnen von der Ihrigen nix ab. Die tat mir net in d'Joppen

passen.«

Martin zuckte hochmütig die Schultern, und während er zur Tür

hinausschritt, grüßte er freundlich: »Adieu Burgerl!«

»Bhüt Ihnen Gott, Herr Martin!« klang es so dünn wie ein Zwirnsfaden vom

Herd herüber.

Draußen waren Martins Schritte schon verhallt, und Pepperl stand immer

noch stumm und regungslos neben der Tür.

Burgi tat, als wäre der Jäger Luft für sie. Bald hantierte sie mit dem

Geschirr, bald wieder legte sie ein frisches Scheit in das flackernde

Feuer, und bei allem drehte sie der Tür immer den Rücken zu.

»Jiija!« sagte Pepperl endlich, ging auf den Tisch zu, setzte sich auf

den leer gewordenen Stuhl und begann in aller Gemütsruhe sein Pfeiflein

zu stopfen. Als diese umständliche Arbeit erledigt war, hob er das Bein

und strich an der Schattenseite seiner Lederhose das Zündholz an. »Ja,

ja, ja, ja!« nickte er vor sich hin, während er nachdenklich den

brennenden Schwefel betrachtete. »So geht's auf der Welt!« Mit langen

Zügen begann er zu paffen.

Burgi schoß einen wütenden Blick nach dem Jäger. »Mußt denn du allweil

grad bei mir da sitzen?«

»Da gfallt's mir halt, weißt!«

»Wär mir schon lieber, es tät dir woanders gfallen.«

»^Die^ Zeit kann auch noch kommen.«

»Hoffentlich bleibt's net gar z'lang aus!«

»Is schon möglich. Es gibt Sacherln auf der Welt, die haben gschwinde

Füß.«

Unter trockenem Lachen faßte Burgi den langen Holzlöffel, um den Inhalt

des Kessels aufzurühren. Eine Weile hörte man nur das Knistern des

Feuers und das angestrengte Paffen des Praxmaler-Pepperl. Dieses

Schweigen zog sich immer zäher in die Länge.

»Heut macht's an staden Tag!« sagte Pepperl endlich. »Plauschen wir

lieber a bißl was!« Ein kurzes Auflachen. »No also, wie geht's, wie

steht's denn allweil, Frau Jagdverwalterin? Haben S' heut den

herrschaftlichen Stall schon ausgputzt? Ja?«

Burgi fuhr auf wie von einer Natter gestochen. Im ersten Augenblick

wußte sie nicht, was sie sagen sollte. Dann trat sie schneidig auf den

Jäger zu, beugte den Kopf bis zu seiner Nase hinunter und zischelte ihm

ins Gesicht: »Du! Jetzt will ich dir was sagen! Um alles andere frag ich

net -- aber beim Herrn Martin seiner Privatsach, die er mir anvertraut

hat, da hab ich d' Hand drauf geben, daß nix weiterkommt. Und dös möcht

ich mir verbitten, daß ^du^ jetzt an Tratsch machst, und daß's hintnach

heißen tät: ^ich^ hab's gsagt! Verstehst mich?«

Pepperl blies ihr den Rauch ins Gesicht, daß sie husten mußte. »Dös kann

ich halten, wie ich mag. Ich hab nix versprochen.«

»So? So?« Fuchtelnd wehrte sie mit beiden Händen den Rauch von sich ab.

»Gleichschauen tät's dir schon, dir, daß d' umanand rennst in der ganzen

Gegend und alles ausschreist! Gelt?«

Das Blut stieg ihm ins Gesicht, doch er blieb ruhig. »So? Schaut's mir

gleich? No ja!« Und paff, hatte sie wieder eine Wolke unter der Nase.

»Jetzt hör amal auf!« fuhr sie ihn hustend an. »Blas mir net allweil

dein Stinkadores ins Gsicht!«

»Freilich, du vertragst halt bloß so a feins Zigarettendampfl. Übrigens,

wenn dir sonst kei' Sorg net aufliegt, als daß ich an Tratsch mach, da

kannst dich trösten. Lugen red ich net weiter. Denn daß ich den

Schwindel mit der Jagdverwaltung glaub, für so strohkalbldumm möcht ich

mich von die Leut net halten lassen.«

Burgi atmete erleichtert auf und kehrte zum Herd zurück. Einen »Tratsch«

brauchte sie nicht zu fürchten, das wußte sie jetzt. Und über das Loch,

das Pepperl mit dem Wörtlein »Schwindel« in ihre halbe Hoffnung gerissen

hatte, machten ihre Gedanken einen großen Sprung. »Bist ihm halt

neidisch, gelt?«

»Dem? Na!«

»Und ärgern tust dich, daß er sich mit ^dir^ net abgibt.«

»Ich hab halt nix so >Urrwixikäs< und >Härzikäs<, wie er's gern hat.«

»Natürlich, so a Lümmel wie du!«

»Freilich! Ich hab's ja hören können, daß dir net leicht einer so zwider

is wie ich.«

»So?« Die Schadenfreude blitzte in ihren Augen. »Hast es aufgschnappt?

Ich hab's eh nur gsagt, damit du's hörst.«

»Geh?«

»Ja! Meinst, ich hab dich net umraspeln hören hinter der Wand da

draußen?« Als sie die verdutzten Augen sah, die er machte, versetzte

sie der Wahrheit einen gelinden Puff und sagte: »Hätt's da herin was zum

Verheimlichen geben, meinst, ich hätt den Herrn Martin weiterreden

lassen, wenn ich weiß, wer draußen steht mit die gspitzten Luser!

Übrigens, schenieren möcht ich mich! Mit die Ohrwascheln umanand

rutschen hinter der Mauer! Aber -- >Der Lauscher an der Wand hört die

eigene Schand!< -- Kennst es ja, dös Sprüchl, gelt?«

»Ja!« Pepperl biß in die Pfeifenspitze, daß es knirschte. »Schand hab

ich gnug ghört. Aber net die meinig.«

»Du!«

Das Wort war wie ein Dolch. Und das brennende Scheit, das Burgi gerade

tiefer ins Feuer schieben wollte, hatte sie in der Hand behalten und aus

der Glut gerissen. Der Rauch quoll an ihr hinauf, und die Flamme

züngelte nach ihrer Schürze.

Da war es um Pepperls Ruhe geschehen. Ein Sprung, und er stand an ihrer

Seite, riß ihr das Scheit aus der Hand, um es ins Feuer zu werfen, und

schrie ihr mit aller Überzeugung eines ehrlichen Menschen ins Gesicht:

»Madl! Er schmiert dich an! Der!«

Sie wurde bleich. »So was laß ich mir net sagen! Von dir schon gar net.

Und zum Anschmieren ghören zwei. Da müßt ich auch noch dabei sein. Aber

weil ^du^ vom Herrn Martin bloß allweil 's Schlechte glaubst, deswegen

mußt noch lang net recht haben!«

»Madl! Madl!« Pepperl fuhr ihr mit den fuchtelnden Händen fast ins

Gesicht. »Wie kannst denn so was glauben! Der? Und Jagdverwalter? Da

macht man ehnder an Pudel zum Pfarrer! Und wieviel hat er gsagt?

Viertausend Gulden? Ja! Viertausend Pfifferling mit Schneckensoß und den

Buckel voll Prügel zum Eintunken! Dös verdient er! Der!« Der Brustton,

mit welchem Pepperl predigte, schien den zornigen Trotz des Mädels schon

ins Wanken zu bringen. Aber was der Jäger im heißen Eifer weiter noch

vorbrachte, verdarb wieder alles. »Meinst, ich hab's net gmerkt, gleich

am ersten Abend, wie er dich angschaut hat? Kümmern tut's mich freilich

nix. Ich? Und von dir was mögen? Ah na! Fallt mir net ein! Aber als gute

Seel, hab ich mir denkt, muß ich dös dumme Madl doch a bißl verwarnigen.

Drum hab ich in der Nacht an deiner Kammer klopft. Ja! Sonst wegen nix.

Aber hast dir ja nix sagen lassen. Natürlich, und jetzt is der Teufel

los! Jetzt hat er dich anplauscht. Und glauben tust ihm auch schon und

möchtest am liebsten gleich mit alle zwei Füß ins Unglück einihupfen,

gelt? Aber da is noch was gut dafür! Da bin ich noch da! Verstehst mich?

Du gehst mich net ^so^ viel an, weißt! Aber die gute Repadazion von

unserer Gegend liegt mir am Gwissen. Und daß 's bei die Leut umanand

heißen soll: auf der Tillfußer Alm, wo d' Jager hausen, geht's zu wie

auf der ungraden Hochzeit, die der Pfarr verschlafen hat -- dös laß ich

net zu! Verstehst mich!«

»Du, mir scheint, dir hat d' Sonn a bißl z'heiß aufs Dachl brennt!« fiel

Burgi mit zornbebender Stimme ein. »Komm her, du, ich kühl dich ab!« Und

ehe Pepperl den Sinn dieser Worte zu deuten vermochte, hatte sie den

Tränkzuber gepackt und schüttete dem Jäger einen Guß ins Gesicht, daß

das Wasser in plätschernden Fäden an ihm hinuntertroff.

»So? No, wart nur, du!« Pepperl schüttelte sich, daß die Tropfen nach

allen Seiten flogen. »Wir zwei sind fertig mitanander! Du und ich! Für

ewige Zeiten! Jetzt soll dir an andrer ins Gewissen reden! Jetzt muß

dein Vater her! Dein Vater soll's wissen, wie's steht um dich! Ja, schau

mich nur an, du! Heut noch laß ich ihm Botschaft sagen. Dein Vater muß

her! Und jetzt bin ich fertig, so!« Er quetschte das Wasser aus den

Ärmeln und schleuderte die Tropfen von den Händen. »Mich siehst nimmer

in deiner Hütten!«

Wie er zur Tür hinauskam, das schien er selber nicht recht zu wissen.

Er merkte nur plötzlich, daß er draußen in der Sonne stand, und da

schob er das Hütl zurück und griff sich an die Stirn, als müßte

er sich erst besinnen, was denn eigentlich geschehen wäre. Der

Anblick seiner pritschelnassen Kleider schien ihm alles wieder in

Erinnerung zu bringen. »An saubern Dank hat man von der moräulischen

Gwissenhaftigkeit!« Er zog die Joppe herunter, trocknete mit dem

Sacktuch das Gesicht und drückte das Wasser aus der Lederhose, die sich

anfühlte wie ein vollgesogener Schwamm. Und da er in dem Zustand, in

dem er sich befand, das Försterhäuschen nicht betreten wollte, sprang er

gegen den Wald hinunter und legte sich auf einer kleinen, versteckten

Lichtung in die Sonne, um trocken zu werden. »Grad zerreißen könnt ich

dös Weiberleut!« murrte er mit geballten Fäusten vor sich hin, als er

zwischen den Stauden hockte und sich von der Mittagshitze braten ließ.

Er hatte »seine Schuldigkeit getan«, hatte sein Gewissen entlastet. Aber

der Ausdruck seiner Züge war nicht der friedliche des guten Hirten, der

sein bedrohtes Schäflein gerettet weiß.

Es dauerte eine gute Stunde, bis Pepperl in der sommerlichen

Backofenhitze trocken wurde -- wenn auch nicht trocken bis auf die Haut.

»Unterschichtig« klebte ihm noch das Gewand am Körper, aber auswendig,

meinte er, »tut's es schon!«

Um nur ja nicht an der Sennhütte vorüber zu müssen, machte er zum

Försterhäuschen einen weiten Umweg durch den Wald, bis hinunter zum

Bach. Da begegnete ihm der Bote, der für den Fürsten die Post aus

Leutasch gebracht hatte und jetzt wieder heimwanderte. Pepperls Augen

funkelten vor Freude. »So! Du kommst mir recht. Kannst mir Botschaft

tragen?«

»Was denn?«

»Triffst den alten Brenntlinger heut noch?«

»Der Burgi ihren Vater?«

»Ja.«

»Heut nimmer, na! Aber morgen, wann ich am Wirtshaus vorbeikomm, da

hockt er schon drin.«

»Richt ihm aus, daß ich ihm ganz ebbes Wichtigs sagen muß. Er soll mich

aufsuchen. Je bälder, je lieber.«

»Sagen tu ich's ihm schon.« Der Mann lachte. »Ob ihm der Schnaps aber

Urlaub gibt, dös weiß ich net.«

»Versprich ihm halt, daß er bei mir auch sein Stamperl kriegt.«

»No, da kann's sein, daß er kommt!«

Pepperl lüftete die Joppe, lachte spöttisch vor sich hin und spähte

durch den Wald hinauf. »Gelt, sag's ihm fein ^gwiß^! Ich tu dir an

andersmal auch wieder an Gfallen dafür. Und tummel dich, daß d'

heimkommst und den Postwagen net versaumst. Hast viel mitkriegt vom

Herrn Fürsten?«

»Schier gar nix, na! Bloß a Telegramm, dös er gschwind noch gschrieben

hat, grad jetzt, wie er heimkommen is.«

»No also, da mußt doppelt flinke Füß machen! Bhüt dich Gott!«

Während Pepperl seine Lederhose auf ihre »unterschichtige« Feuchtigkeit

prüfte, wanderte der Bote davon.

Die Depesche, die er mit forttrug, war an den Grafen Sternfeldt

adressiert und lautete: »Erkundige Dich, bitte, nach einem Maler

Emmerich Petri, der vor zehn oder fünfzehn Jahren in München lebte.

Jedes Wort, das Du über ihn erfahren kannst, hat Interesse für mich.

Dank und herzlichen Gruß. Ich bin gesund und guter Dinge, wie ein Fisch

in klarem Wasser. -- Heinz.«

^Achtes Kapitel^

Ein stiller Tag verging, an dem das Blau des Himmels gegen die Nebel

kämpfte, die überall aus der Luft herauswuchsen und sich wie graue

Kappen über alle Zinnen der Berge stülpten.

Gegen Abend begann es zu regnen.

Förster Kluibenschädl war im Fürstenhaus zu Tisch geladen. Als er sich

nach heiter verplaudertem Mahl von seinem Jagdherrn verabschiedete,

erbat er sich Urlaub für den nächsten Tag. Neue Jagdsteige wären zu

bauen, und da müßte die Zustimmung der weideberechtigten Gemeinde

eingeholt werden.

»Sie gehen nach Leutasch?« fragte der Fürst. »Wollen Sie mich

mitnehmen?«

»Wollen? Ich bitt, Duhrlaucht, es wär mir ja die größte Ehr! Aber 's

Wetter, mein' ich, wird Mannderln machen. Und viel is in der Leutasch

draußen net zum Sehen.«

Ettingen lächelte.

»Es wär net der Müh wert, daß Duhrlaucht naß werden.«

»Ich hoffe, das Wetter bessert sich wieder bis morgen, und dann gehen

wir.«

Der Wunsch des Fürsten erfüllte sich. Die halbe Nacht währte das Strömen

und Gießen, aber der Morgen brachte wieder klares Wetter, sonnig und

dennoch kühl.

Auf zehn Uhr morgens war der Abmarsch nach Leutasch festgesetzt -- für

Pepperl ein triftiger Grund, schon um neun Uhr von der Frühpirsche

heimzukehren. Wenn der Fürst das Jagdhaus verließ, hatte der

Kammerdiener einen freien Tag, und da mußte ein Riegel vor die Tür der

Sennhütte geschoben werden. Freilich war Pepperl mit »der da drunten«

für alle Ewigkeit »fertig«. Aber er hatte nun einmal die

»Verantwortigung« auf sich genommen, und solch eine Gewissenspflicht

wirft ein ehrlicher Christenmensch nicht von sich ab, bevor er nicht

sicher ist, daß ein anderer sie auf seine Schultern nimmt. Für diesen

anderen war bereits gesorgt. »Leicht kommt er schon heut, der

Brenntlinger? Da bin ich's endlich amal los, die verwünschte Sorg! Bei

so was hat man Tag und Nacht kei' Ruh!«

Als Pepperl in die Hüttenstube trat, machte Kluibenschädl sich

wegfertig. »Gelten S', Herr Förstner, heut därf ich mich ausschnaufen

und daheim bleiben?«

»Ja, Bub! Hast a paar harte Täg hinteranander ghabt. Laß dir d' Ruh heut

schmecken!«

»Ruh?« brummte Pepperl vor sich hin, während der Förster zum Fürstenhaus

hinaufstieg. »Wenn ich mein Schmarren drunten hab, hock ich mit'm

Gheimnis vom Wohdekastl vors Hüttentürl her. Den ganzen Tag! Da kommt

mir nix aus.«

Eine Viertelstunde später wanderte Ettingen mit dem Förster über das

Almfeld hinunter. Als sie an der Sennhütte vorübergingen, kam Burgi mit

einem Schaff Wasser vom Brunnen und grüßte stumm, bevor sie in den Stall

trat. »Ist das die Sennerin?« fragte Ettingen. »Ein hübsches Mädel!«

»Ja, gar net übel! Aber was in dös Madl einigfahren is, dös weiß der

Kuckuck. Sonst hat's den ganzen Tag allweil gsungen wie a Starl im

Fruhjahr. Jetzt macht's a Gsicht wie neun Tag Regenwetter. Sie muß krank

sein!«

»Oder verliebt. Das gäb eine schmucke Jägersfrau.«

»Die?« Kluibenschädl machte große Augen. »Die hat ja nix!«

Ettingen lachte. »Was haben? Gehört das zum Glück? Auch hier im Dorf?

Ich dachte, daß die Leute in den Bergen das Leben natürlicher nehmen als

wir verbildeten Kulturkinder der Stadt.«

»Die Bauern? O du mein! Wann a Bauer heiret, wird um jeden Kuhschwanz

ghandelt. Und d' Leut haben recht. Von der Lieb hat noch keiner zehrt.

Steigen d' Sorgen zum Fenster eini, so fahrt d' Liebsfreud auf'm

Besenstiel zur Haustür aussi! Und nachher wird grauft und gscholten.«

Ettingen sah den Förster von der Seite an. »Sie waren wohl nie

verliebt?«

»Ich?« Kluibenschädl schlug ein Kreuz. »Gott soll mich bewahren!« Dem

Ton dieser Worte war es anzumerken, daß der Förster über eine böse

Erinnerung seines Lebens wegsprang. »Na na! Mein Dienst, meine Berg und

mein Wald! Mehr verlang ich mir nimmer im Leben.«

Ettingen nickte.

»Schauen S' ihn nur an, unsern Wald! Kann's denn was Schöners geben?

Oft, wenn mich 's Leben völlig verdrossen hat, da hab ich mir gsagt:

>Marsch, Brüderl, naus in dein Wald, da verleidst es schon wieder!<« Er

lachte. »Und wahr is gwesen. Wieder lustig bin ich worden. Noch

jedsmal!«

Sie waren aus dem Schatten des Waldes in die Sonne getreten und hatten

die Straße erreicht, die am Ufer des rauschenden Wildbaches hinlief. Die

beiden Wegstunden bis zum Dorfe vergingen dem Fürsten so rasch, daß er,

als das weite Wiesental der Leutasch sich vor ihnen öffnete, verwundert

fragte: »Wir sind schon da?«

Sie konnten das schöne Tal bis zu den Bergen, die es in der Ferne

begrenzten, frei überblicken. Gleich blinkenden Silberwürfeln lagen die

weißgetünchten Häuser zwischen dem Grün der Obstgärten, zwischen dem

gelben Geröll des Bachlaufes und den Goldgevierten der reifenden

Haferfelder. Auf den Wiesen waren die Leute mit dem Heu beschäftigt, und

die kleinen Figürchen in Hemdärmeln, die Wagen, die beladen wurden, die

Zugtiere, alles flimmerte im Sonnenglanz. Eine Kette sanft gerundeter

Waldberge schloß das Wiesental, und hinter ihren zierlichen Wipfelkämmen

hoben sich die Felsenpaläste des Karwendelgebirges empor, die einsame

Seefeldspitze und am Horizont die langgestreckten Inntaler Berge, deren

fernste Zinnen nur noch wie bläulicher Hauch in die schimmernde Luft

gezeichnet waren.

Bei den ersten Häusern sagte der Förster: »Duhrlaucht! Vor wir ins Dorf

einimarschieren, müssen S' mir was versprechen!«

»Was?«

»Daß ich wegen die Steigbauten allein mit'm Bürgermeister reden därf. Zu

dem laß ich Ihnen net in d' Stuben eini.«

»Halten Sie es nicht für gut, daß ich als Jagdherr selbst mit den Leuten

spreche?«

»Gott bewahr! Wann die Bauern an Jagdherrn sehen, wissen s' gleich gar

nimmer, was s' verlangen müssen. Schaut wo a Zehner aussi, so reißt der

Bauer d' Augen gleich auf für an Tausender. Deswegen is er net

schlechter und net besser wie andere Leut. Aber einbilden tut er sich:

er is der Gscheite, und der Stadtherr is allweil der Dumme. Und hat er

ihn übers Ohr ghaut, so lacht er ihn hintnach aus. Jetzt gar noch a

Jagdpächter! Der is eh schon der Kiniglhaas! Von dem wird abigrissen,

was runter geht an Woll. Na na! Bleiben S' davon, Duhrlaucht! Sie mit

Ihrer Güt möchten schön grupft ins Jagdhaus zruckkommen! Aber a Stündl

wird's allweil dauern, bis ich d' Erlaubnis für unsere Steigbauten ohne

Blutgeld aussidruckt hab. Wie wollen S' Ihnen denn derweil unterhalten,

Duhrlaucht?«

»Ich mache einen Spaziergang durch das Dorf. Oder -- neulich am Sebensee

hab ich eine junge Dame kennengelernt, ein Fräulein Petri --«

»Ah so! Die Fräuln Lo?« Der Förster blieb stehen, und es leuchtete warm

in seinen Augen. »Net, Duhrlaucht, die muß Ihnen doch gfallen haben? Dös

is a Frauenzimmerl, dös sogar ich gelten laß, und dös will viel sagen!

Aber mit der Fräuln Lo, da wird's schlecht ausschaun heut. Die is an so

eim Tag allweil im Wald oder z'höchst in die Berg droben. Die treffen S'

heut net daheim, Duhrlaucht!«

»Die junge Dame hat mir manches von ihrem Vater erzählt, und das

merkwürdige Schicksal dieses Mannes interessiert mich lebhaft. Es wäre

mir eine Freude, die Bilder zu sehen, die von ihm noch vorhanden sind.«

»Nix leichter wie dös! D' Frau Petri hat die größte Freud, wann einer

kommt und die Sachen anschaut.«

»Sind die Bilder verkäuflich?«

»Na, Duhrlaucht, da wird sich nix machen lassen. Es hätt schon oft a

Sommerfrischler so a Taferl gern mitgnommen. Aber was vom Herrn Petri

noch da is, dös halten die zwei Frauenleutln fest wie mit eiserne Händ.«

»Also ist die Familie in guten Verhältnissen und hat ohne Sorge zu

leben?«

»Aber gwiß. Erstens amal sind s' zfrieden mit allem und verstehen sich

drauf, wie man 's Leben schön sparsam einrichten muß. Und nacher haben

s' auch a bißl was. Der Herr Petri is a fleißigs Mannsbild gwesen. Der

hat sich in die fufzehn Jahr bei uns da schön was verdient. So gut wie

der hat's net leicht einer verstanden, wie man die Marterln macht, die

Votivitaferln und die Heiligen an die Häuser. Von der ganzen Gegend hat

er die Kundschaft kriegt und is gut zahlt worden, acht Gulden für a

Marterl, zwölfe für an ganzen Heiligen. Freilich, diemal hat er seine

narrischen Zeiten ghabt und hat wochenlang bloß für ihm selber gmalen.

Da hat er Sachen gmacht, auf die der Herr Pfarr net gut zum reden war.

Und ich muß selber sagen -- ich bin keiner von die Mucker, die meinen, es

müßt alles zuknöpfelt sein bis zum Nasenspitzl -- aber da hat er vor drei,

vier Jahr so an Endstrumm Tafel gmalen: die Versuchung Christi -- und da

hat er a Frauenzimmer vor unsern Heiland hingstellt -- Kreuzsakra, die

hätt a Gwandl brauchen können! Und so was hängt er mitten in d'

Wohnstuben eini, daß 's jeder Mensch gleich sehen hat müssen. Was sagen

S' jetzt zu so was, Duhrlaucht?«

Ettingen schwieg.

»Aber da is der Pfarr eingruckt über ihn! Da hat's in dem stillen

Häuserl a hitzigs Stündl geben. Z'erst is der Herr Petri grob worden.

Und 's Grobsein, dös hat er doch sonst net in der Manier ghabt, is

allweil a guter, freundschäftlicher Patron gwesen. Aber selbigsmal hätt

er den Pfarr bald zur Tür aussi gworfen. Der hat aber net auslassen und

hat ihm androht, daß er ihn aussidruckt zum Dorf, wann dös Bild net

wegkommt. Da müssen dem Herrn Petri doch die Grausbirn aufgstiegen sein.

Gahlings hat er 's Gsicht in d' Händ einidruckt und hat zum weinen

angfangen.«

In Gedanken nickte Ettingen vor sich hin, als verstünde er diese Tränen

und die zerbrochene Seele, aus der sie geflossen waren. »Und das Bild?«

»Dös is verschwunden. Was er angstellt hat damit, dös weiß ich net.

Gsehen hab ich's nimmer derzeit. Und a Glück war's für'n Herrn Petri,

daß er selbigsmal in der Feuerkapellen den schönen heiligen Laurenzi am

Bratspieß gmalen hat, dem aus'm Göscherl raus a Bandl geht, wo

draufgschrieben is, was der Heilige im Martyri gsagt hat zu die

Schindersknecht: >Schüret das Feuer noch heißer, es brennet mich nicht,

denn mir ist kühl!< Ja, der schöne Laurenzi, der hat den Pfarr wieder

ausgsöhnt. Aber wissen S', Duhrlaucht -- der Pfarr hat mir's selber

gsagt -- dös unschenierte Frauenzimmer hätt ihn noch gar net amal so arg

verdrossen. Was den Pfarr am schiechsten g'ärgert hat, dös war der

Teufel. Der is viel schöner gmalen gwesen als wie der Heiland. Und dös

geht ja doch net, daß eim der höllische Versucher besser gfallt als wie

der Herrgott. Na na! Der Herr Petri wär gscheiter bei seine Heiligen

blieben. Auf die hat er sich verstanden. Schauen S', Duhrlaucht, da

kommt grad so a Haus, dös er gmalen hat!«

Ein großer Bauernhof trat mit der fensterreichen Giebelfront an die

Straße vor. Bis unter das Dach war die Wand mit Darstellungen aus dem

Leben der heiligen Maria geschmückt.

Ettingen mußte etwas anderes erwartet haben, als es hier zu sehen gab;

der erste Blick auf die bunte Bilderei enttäuschte ihn so sehr, daß er

schweigend den Kopf schüttelte. Diese Heiligen mit ihren blauen und

grünen Mänteln, mit ihren roten Gesichtern und schwefelgelben

Strahlenkronen, mit ihren eckigen Bewegungen und grellen Farben

unterschieden sich wenig von den handwerksmäßigen Malereien, die in den

Gebirgsdörfern zahlreich auf den Wänden der Häuser zu finden sind. Hatte

der Künstler seine Sache nicht besser verstanden? War er von jenen

Unglücklichen einer, die zum Schaffen allen Willen haben, und denen nur

eines fehlt: die Kraft? Hatte er sich, ein schwärmerischer Stümper, in

die Rolle des verkannten Genies hineingeredet, für dessen Geisteshöhe

und Seelentiefe der »Unverstand des Pöbels« zu kurze Augen hat -- in eine

Rolle, in der ihn alle verlachten, zwei Menschen ausgenommen: die Frau,

die in ihm den Gatten liebte, und das Kind, das in ihm den Vater

vergötterte?

Während Ettingen in Gedanken diese Fragen stellte, fiel seinem Blick ein

nebensächliches Detail auf, das ihn fesselte: ein kleines, stilisiert

geflecktes, drolliges Hündchen, das die flüchtende Maria am Mantel

zurückhalten will -- ein Hündchen von einer Rasse, die der Natur nicht

eingefallen war, nur der spielenden Laune einer krausen

Künstlerphantasie. Und wie dieses unmögliche Tierchen lebte! Wie es die

Füße zornig in den Sand stemmte! Wie es an dem Mantel zerrte, als ob es

sagen wollte: »Du heilige Frau, wenn auch die Menschen dich verkannten,

ich, das Tier, ich fühle, wer du bist, und möchte dich bitten, dich

zwingen: bleib!«

Und dort das kosende Taubenpaar! Oder waren es weiße Raben? Wie

natürlich ihre Schwingen sich bewegten! Mit wie zärtlichem Leben sie

sich aneinanderschmiegten! Und jener Star? Oder war's ein Spatz, der in

die Tinte gefallen? Wie er wütend eine Blumenknospe der Girlande

zerzauste, die sich in sonderbaren Schlangenwindungen um alle figuralen

Szenen ringelte! Das waren Blätter von seltsamer Form, Blumen von

merkwürdiger Farbe und wunderlicher Gestalt -- Blumen, die sich ansahen

wie werdende Vögel und Schmetterlinge -- und dennoch waren es Blumen, die

auf gesunder Erde gewachsen und nicht nur zu blühen, auch zu duften

schienen.

Wer dieses naiv gedankenvolle, so unwirkliche und doch so lebendig

berührende Beiwerk schaffen konnte, mußte auch die künstlerische Kraft

besessen haben, um die Gestalten dieser Heiligen leben und sprechen zu

machen. Und wenn er sich selbst verleugnet und diesen schreienden Unwert

gepinselt hatte, weshalb tat er es? Weil er sich nach dem Geschmack der

Besteller richten mußte, um zu verdienen? Oder weil er in Selbstironie

sich sagte: »Jene anderen, die mich verstießen, mußten nehmen, was ich

zu geben hatte -- euch aber, ihr Einfältigen des Geistes, will ich geben,

was ihr verlangt von mir!« Ob nun das eine oder das andere der Fall

war -- die Arbeit, die der weltflüchtige Künstler auf der Wand dieses

Bauernhauses geleistet hatte, mußte ein Martyrium gewesen sein.

Je länger Ettingen die grellen Schildereien und ihr schönes Beiwerk

betrachtete, desto deutlicher erwachte in seiner Erinnerung jedes Wort,

das er draußen am Sebensee gehört hatte. Und aus dem Anblick dieser

Farben floß eine Stimmung auf ihn über, die er empfand wie einen

Schmerz. Er wandte sich ab und folgte schweigend der Straße.

Der Förster musterte das nachdenkliche Gesicht seines Herrn. »Mir

scheint, Duhrlaucht, die Heiligen haben Ihnen net gfallen?«

Da lächelte Ettingen wieder. »Sie gefallen doch dem Pfarrer und gewiß

auch dem Bauer, der sie bezahlte. Da sind sie wohl so, wie sie sein

müssen. Aber sagen Sie mir, lieber Förster -- der Teufel auf jenem Bilde

war so schön, daß er den Pfarrer ärgerte?«

»Ja! A bißl a verruckts Frauenzimmer hätte sich in so an Satanas über

Hals und Kopf verlieben können!«

»Sie sind doch ein guter Christ?«

»Ich?« Der Förster war über diese Frage ganz verblüfft. »No ja, es

tut's! Der Mensch is a schwachs Röhrl. Aber gar so leicht laß ich mich

net biegen von der Sünd, und mit Wissen tu ich nix Unrechts.«

»Wenn nun der Teufel erschiene, um Sie zu versuchen?«

»Mar und Joseph! Duhrlaucht! Malen S' ihn net an d' Wand!«

»Und er käme, wie ihn der Pfarrer von der Kanzel herab den Bauern

schildert: mit schwarzer Kaminfegerfratze und langer Zunge, mit

Ziegenhörnern, Kuhschweif und Pferdefüßen? Würden Sie sich von dem

verführen lassen?«

»Na, Duhrlaucht! Da möcht ich gschwind sagen: >Pfui Teufel, fahr ab,

du!<«

»Nun also? Muß denn die Versuchung nicht schön sein, wenn sie uns

gewinnen will? Zu unterlassen, was wir selbst für abscheulich halten,

das ist doch kein Verdienst. Wenn wir uns einer Sünde in die Arme

werfen? Welche Entschuldigung hätten wir denn, wenn nicht die eine: daß

die Sünde schön war?« Ettingens Stimme bebte, als hätten seine Worte

noch einen anderen Sinn als nur jenen, den der Förster hören konnte.

Der runzelte die Stirn, ein Zeichen, daß ihm ein Gedanke zu schaffen

machte. Dann rückte er verlegen den Hut. »Duhrlaucht! Jetzt haben S'

mich auf ebbes bracht. Aber so is der Mensch! Zu meine Jagdghilfen kann

ich allweil sagen: ^z'erst^ denken und ^nachher^ reden! Und ich

selber hab jetzt grad so blind in Tag einigredt. Jetzt schaut sich die

Sach mit dem Herrn Petri seiner Versuchungstafel anders an. Dös is ja

grad, als ob er sagen hätt wollen: >Schauts amal her, so wunderschön

is die Verführung zu unserm Heiland kommen, und dengerst hat er sich

zruckghalten -- da nehmts enk a Beispiel dran!< Ja, meiner Seel, da is

eigentlich der Herr Petri viel christlicher gwesen als wie der Pfarr!«

Ettingen schien auf die Worte des Försters nicht mehr gehört zu haben;

plötzlich verhielt er den Schritt und sagte erregt: »^Das^ hier? Das muß

das Haus sein! Nicht wahr?«

Sie hatten einen grünen Staketenzaun erreicht; gleichlaufend mit einer

gestutzten Holunderhecke umschloß er einen kleinen Besitz, der sich

zwischen den anderen Häusern und Gehöften ausnahm wie ein schöngefaßter

Schmuckstein neben den grauen Kieseln der Straße. Das Haus, das im

Garten stand, war früher wohl ein bescheidener Bauernhof gewesen. Das

verriet noch die an den Wohntrakt angebaute Tenne. Aber es hatte größere

Fenster und ein grünliches Schieferdach bekommen, dessen Kanten und

Firste geschmückt waren mit wunderlichen Tierzieraten. Das Unterdach und

die vorspringenden Balken, das Tennentor, die Kreuzstöcke und

Fensterläden waren blaugrün bemalt und mit weißen und blaßroten

Linienornamenten ausgezeichnet. Vor allen Fenstern, durch deren

spiegelnde Scheiben die schneeweißen Vorhänge herausleuchteten, waren

zierlich gegitterte Blumenbretter mit blühenden Stöcken angebracht, und

daneben verschwanden die weißen Mauern unter dem Grün der sorgsam

gezogenen Obstspaliere, deren Zweige von der Erde bis zum Schatten des

Daches mit reifenden Früchten behangen waren.

Heiter und farbig, schmuck und freundlich, erhob sich das kleine Haus

wie auf einem breiten Sockel blühender Blumen. Geranienbüsche zogen sich

am Fuß der Mauern hin, und der Vorgarten war in vier große Beete

geteilt, mit Rosen und Nelken in allen Farben. Zwei lange Blumenbeete

liefen zu beiden Seiten des Hauses gegen den weiten Hintergarten,

zwischen dessen Obstbäumen und Gemüsebeeten eine große schattige Laube

und ein luftiges Sommerhäuschen stand, das ganz aus wunderlich

gewachsenen Ästen geschränkt und geflochten war. Silberweiße Kieswege

schieden die Beete voneinander und umzogen in der Mitte des Vorgartens

ein mit Tropfsteinen ausgelegtes Wasserbassin, in dem zwei murmelnde

Brünnlein über eine moosige Felsgruppe niederrannen. Aus diesen Felsen

erhob sich ein hoher, buntbemalter Balken und trug das Taubenhaus, das

mit seinen Türmchen und Erkern sich ansah wie das Modell einer gotischen

Burg. Überall in den Kronen der Bäume und auf schlanken Stangen waren

Starenhäuschen und Meisenkästen angebracht, und mit dem Gezwitscher der

hundert Vögel, die hier nisteten, mischte sich das Geflatter und Gurren

der weißen Tauben.

Wie einen Gedanken schließend, der ihn auf dem Wege begleitet hatte,

schüttelte Ettingen den Kopf und murmelte: »Nein! So wohnt kein

Verzweifelter! So wohnen nur zufriedene Menschen, die ihr Glück gefunden

und über die stille Schönheit ihres Lebens hinaus keinen Wunsch mehr

haben.«

Der Förster wollte in den Garten treten, blieb stehen und sagte: »Ich

bitt schön, Duhrlaucht, wenn d' Frau Petri daheim is -- tun S' das Frauerl

net viel um ihren Seligen fragen! Da wird ihr 's Reden a bißl hart.« Er

ging auf das Haus zu und sprach eine Magd an, die mit eisernem Rechen

die Wege ebnete. Dann kam er wieder. »Es is kein Mensch net daheim,

außer der Hausmagd.« Er öffnete vor seinem Herrn das grüne Gitter. »'s

Fräuln is in der Fruh vom Sebensee heimkommen, aber sie is schon wieder

fort, in d' Fischzucht ummi. Und d' Frau is heut auf Innsbrucki abi, ihr

Studenterl heimholen in d' Vakanz.«

»Fräulein Petri hat einen Bruder?«

»Ja! A vierzehnjährigs Bürscherl. Gustl heißt er. Der is den dritten

Winter auf'm Gymnasi drunt. A liebs Manderl! Und gsund. 's richtige

Gebirgsblut, ja! Is a Leutascher! Gleich nach'm ersten Jahr is er

kommen, wie s' heraußen waren. Und ganz seim Vatern schlagt er nach. Wie

das Büberl den Wald schon gern hat! Allweil draußen mit der Schwester!

Und kaum sieht er ein von uns Jager, da hängt er eim schon am Kittel:

>Ich bitt schön, Herr Förster, darf ich mit?< Und anschauen tut er ein'

mit seine Guckerln -- da kannst net Na sagen!« Sie hatten das Haus

erreicht, und der Förster sprach die Magd an: »So, Nanni, jetzt tust mir

den Herrn schön rumführen im ganzen Haus und zeigst ihm jedes Taferl!«

»Wohl!« sagte das Mädel und lehnte den Rechen an das Spalier. Es war

eine derbe Bauerndirn mit unschönem, grobknochigem Gesicht, aber mit

hellblauen Augen, die gutmütig und zufrieden blickten; sie war einfach

und doch mit auffallender Sauberkeit gekleidet und trug die Haare so

fest geflochten, als wären die Zöpfe aus Eichenholz geschnitten.

Der Förster verabschiedete sich mit dem Versprechen, seinen Herrn in

einer Stunde wieder abzuholen.

Neben der Schwelle streifte die Magd ihre Schuhe ab, klopfte den Sand

von den blauen Strümpfen, schlüpfte in ein Paar Strohpantoffel, und die

Haustür öffnend, sagte sie: »So, Herr, kommen S'!«

Als ihr Ettingen in den Hausflur folgen wollte, gewahrte er über der

Tür, schon halb von den Zweigen des Spaliers überwachsen, eine

lateinische Inschrift -- drei Worte: _Hic rideo ego_! -- »Hier lache

^ich^!«

Welch eine Stunde reiner und tröstender Freude mußte es für jenen

Weltflüchtigen gewesen sein, als er auf der Schwelle dieser schönen

Heimstatt sich sagen konnte: »Das Lachen der anderen, das mich marterte,

ist fern und ich hör es nicht mehr. Hier lacht nur einer. Ein

Glücklicher, der die Ruhe fand! Und der bin ich!«

Ettingen nahm den Hut ab und trat ins Haus.

Schon im Flur hing bis an die Decke hinauf eine Leinwand neben der

anderen, jede von einer schmalen, braungebeizten Holzleiste umzogen:

Skizzen, unvollendete Studien und leicht untermalte Entwürfe, die oft

kaum das Motiv des Bildes erkennen ließen, das hier hätte entstehen

sollen. Blumenstudien wechselten mit Luftstimmungen, Felspartien mit

Waldszenen, naturtreue Tierskizzen mit mythologischen Träumereien.

Manche Leinwand zeigte deutlich, wie geduldig und liebevoll sich der

Künstler in das kleinste Detail eines Modells vertieft hatte. Oft war

die gleiche Blume ein dutzendmal nebeneinander gemalt, in verschiedenem

Licht, frisch erblühend mit Knospen, mit entblättertem Kelch, im Beginn

des Welkens, mit gebrochenem Stengel. Man sah, wie aufmerksam der

Künstler die Natur beobachtet hatte, um sie seinen Phantasiegebilden

dienstbar zu machen. So war auf einer Leinwand ein schwarz-und

rotgefleckter Bergsalamander abgebildet, wie er mühsam aus dem Gras auf

eine Steinscholle klettert -- und daneben, größer, doch ganz mit der

gleichen Körperbewegung, suchte ein fetter Triton, der triefend dem

Meer entstieg, ein Riff zu erklimmen. Eine andere Skizze zeigte eine

graue Hauskatze, die mit gekreuzten Pfoten liegt und funkelnden Blickes

eine grüne Mücke verfolgt, die ihr um die Nase summst; daneben der

Entwurf einer Sphinx, die aus der Waldschlucht einen Wanderer kommen

sieht, den es nach Rätseln gelüstet. Dieser tragische Vorwurf war in

einer Ecke der Leinwand lustig parodiert: die Sphinx, und vor ihr,

klein wie die Mücke, ein grüner Polizist mit der Pickelhaube, der auf

eine Tanne kletterte, um dem lächelnden Ungeheuer einen Polizeibefehl

vor die ^Nase^ zu halten.

Langsam ging Ettingen von einer Leinwand zur anderen, und inzwischen

stand die Magd geduldig und still in einer Ecke und zog immer wieder den

Saum der Schürze durch die Finger. Als Ettingen das letzte Bild

betrachtet hatte, öffnete sie vor ihm die Tür eines Zimmers.

»Der Frau Petri ihr Stüberl.«

Ein bescheidener Raum mit schlichtem Gerät. Durch eine offene Tür sah

man in das Nachbarstübchen, das den jungen Feriengast, das »Studenterl«,

zu erwarten schien, denn auf weißgedecktem Tische prangten ein

herrlicher Rosenstrauß und ein mandelgespickter Kuchen, von einem

Kränzlein frischer Bergblumen umschlungen.

Auch hier, in beiden Räumen, waren alle Wände mit Bildern bedeckt:

tanzende Nymphen, spielende Najaden; ein Faun, der die Zotten seiner

Bocksfüße kämmt und dazu ein Liedchen pfeift; ein Tritonweibchen, das in

eine Fischreuse geraten ist und den Ausweg nicht mehr findet; auf weißer

Marmorsäule ein Hermeskopf, dem eine Natter auf die Schulter kriecht;

der von Ekel geschüttelte Gott ist festgewachsen auf dem Stein und kann

nicht fliehen, er hat keine Arme, um die giftige Häßlichkeit von sich

abzuwehren.

Fast eine ganze Wand war von einem großen Gemälde bedeckt: von einem

Triptychon, dessen drei Bildflächen die Hauptszenen einer phantastischen

Geschichte zeigten, während die Zwischenszenen mit blassen Farben auf

die breiten Leisten der Holzumrahmung gemalt waren. Eine städtische

Gesellschaft junger Mädchen und modisch gekleideter Jünglinge hat sich

auf einer Bergpartie im Walde verirrt; sie nehmen das Unglück von der

heiteren Seite und trösten sich mit einem tollen Ringelreihen um die

Bäume; eine übermütige Schöne mit koketten Augen ist ihrem Galan, der

sie haschen wollte, davongeflattert -- wollte sie ihm wirklich entfliehen?

oder wollte sie ihn nur in das einsame Dunkel des Waldes locken?

Plötzlich sieht sie sich allein, verirrt sich noch weiter und gerät vor

eine tief in den Berg gesenkte Höhle, deren blaugrüne Dämmerung wie ein

Geheimnis ihre Neugier weckt; scheu und dennoch lächelnd tritt sie ein

und findet im Zwielicht der Höhle einen schlafenden Zentaur, halb

bedeckt vom Geröll der Felsen, halb überwachsen von Moos und Geschling;

noch redet aus ihren Zügen der erste Schreck, den sie empfunden, aber

schon regt sich in ihr die Spottlust der klugen Städterin und der

prickelnde Reiz, dieses Niegesehene, dieses unglaublich und unmöglich

Scheinende auf seine Wirklichkeit zu prüfen; sie zupfte den

Schlummernden am Bart; der Schläfer regt sich nicht; sie besteigt seinen

Rücken und schlägt ihn mit dem Fächer auf den Scheitel; da erwacht der

Zentaur und bäumt sich; in tollen Sprüngen trägt er die entsetzte

Reiterin durch den Wald und über steile Felsen, bis sie den Halt

verliert und stürzt; Groll in den gefurchten Brauen und doch einen Blick

des Erbarmens unter den Wimperschleiern seiner Augen betrachtet er die

Zerschmetterte, während ihre schreckensbleichen Gefährten schon

heraufklimmen durch den Bergwald; langsam, mit dem buschigen Schweif

die Flanken peitschend, steigt der Zentaur zum Grat des Berges empor und

schaut von einem schroffen Fels ins Tal hinunter, in dessen Tiefe man

die blutige Leiche hinausträgt durch den stillen Wald.

Lange stand Ettingen vor diesem Bild, erfüllt von fragenden Gedanken.

Erzählen zu wollen, und gleich eine ganze Tragödie, ob das nicht

außerhalb der Grenzen lag, die der darstellenden Kunst gezogen sind?

Aber er fühlte doch den Eindruck dieses Werkes, das klar und deutlich zu

ihm redete. Und ist denn in aller Kunst die reine, tiefe Wirkung nicht

ein Beweis? Hat sie denn einen anderen für ihren Wert? -- Und wie dieses

Bild wohl entstanden sein mochte? War es nur die Ausgeburt einer

träumenden Künstlerphantasie? Oder eine Tat des Zornes gegen jenen

irrenden »Unverstand«, der nur das Greifbare glauben will und mit Spott

und Gelächter beleidigt, was seinem banalen Urteil sich nicht

erschließen will auf den ersten Blick?

»Ja, Herr«, sagte die Magd, und das kam fast wie eine Antwort auf

Ettingens stumme Frage, »dö Gschicht da, dö is fein passiert! Dös hat

mir der Herr Petri selm verzählt. Und solchene Roßmanner gibt's fein,

ja -- im Griechenland drunt! Aber gelten S', da sind S' noch nie net

hinkommen?«

»Doch.«

Die blauen Augen der Magd erweiterten sich. »Und haben S' solchene

Roßmanner gsehen?«

»Nein. Aber dein Herr hat sie gesehen. Und ihm glaub ich auch, daß sie

leben.«

»Gelten S', ja? Der hat net lügen können!«

»Der? Und lügen? Nein! Hätte er lügen können, er wäre in der Stadt

geblieben und hätte gute Geschäfte gemacht.«

»So? Meinen S'?« Die Magd studierte. Aber sie gab die Mühe, das Rätsel

dieses Wortes zu lösen, gleich wieder auf. »Jetzt geben S' acht, jetzt

kommt erst 's Allerschönste, ja!« Sie ging in den Flur und öffnete die

Tür des Wohnzimmers. »Da herin, da haben wir die ^heiligen^ Sachen,

wissen S', weil der Herr Pfarr diemal zuspricht in der Stuben.«

Ettingen trat in einen hellen, freundlichen Wohnraum, dessen behagliches

Gerät dem Gaste zu sagen schien: »Hier fühle dich wohl!« In der

Herrgottsecke hing statt des Kreuzes ein Bild: auf weißem Grunde der

Kopf des Erlösers, ohne Dornenkrone und Heiligenschein, ein schmales,

bleiches, kummervolles Gesicht, die Wangen halb bedeckt von den schlicht

fallenden Haarsträhnen, mit großen und tiefen Augen, die schmerzvoll in

weite Ferne zu blicken schienen. -- Ob dieser Kopf nicht eine Studie zur

»Versuchung« war?

Sonst hingen im Zimmer nur drei Bilder. Zwei kleinere, die nicht

vollendet schienen: eine »Flucht nach Ägypten«, von stiller und

rührender Stimmung -- Maria sitzt erschöpft an einen Baum gelehnt, und

während Joseph mit Anstrengung das harte Brot zerbricht, zieht das mit

Schaum bedeckte Maultier grasend in den Wald; und eine »Heilige

Nacht« -- Maria mit dem Kindlein im Stall bei Kuh und Esel, denen ein

alter Hirte das Futter vorschüttet, während die Tiere nicht an Fraß

denken, sondern die Köpfe vom Barren abkehren und ihre staunenden

Glotzaugen auf das von Schimmer umflossene Kindlein richten.

Ein drittes, größeres Gemälde füllte die ganze Wand zwischen dem Ofen

und der Tür einer Nebenstube. Beim Anblick dieses Bildes glitt ein

leiser Ausruf der Bewunderung über Ettingens Lippen. So tief ergriff ihn

der Gedanke, der aus dieser Leinwand redete und mit naiver Allegorie zu

ihm sagte: »Wahrhafte Liebe fühlt Erbarmen auch für die häßliche Mißform

des Lebens, mildes Denken und reine Güte versöhnen sich auch mit aller

Roheit der ungezügelten Natur.«

Das Bild stellte eine von wüstem Dorngestrüpp umzogene Wiese dar, in der

Blüte des Frühlings. Mitten in leuchtenden Blumen sitzt ein Knabe, das

nackte, zarte Körperchen wie Silber schimmernd; aus einer Wolkenlücke

des Himmels fällt ein breiter Strahl der Sonne auf ihn nieder; zwei

verflochtene Dornzweige des nächsten Busches ragen in diesen Glanz und

schweben wie ein schimmerndes Kränzlein über dem Scheitel des Knaben;

kein anderes Zeichen sonst -- nur diese krönenden Dornen sagen: das ist

Jesus, welcher leiden wird um seiner Liebe willen. Und diese Liebe

redet schon aus dem Blick und Lächeln dieses Kindes, das seltsame

Gesellschaft fand. Aus den Dornbüschen, aus Erdlöchern und Sumpftümpeln

ist eine Schar von Faunkindern hervorgekrochen, kleine häßliche

Bürschlein mit plumpen, unentwickelten Bocksfüßen und schmutzig wie

Ferkel, die sich im Schlamm gewälzt. In Schreck oder Neugier starren die

einen auf das holde Wunder des göttlichen Knaben, andere greifen nach

Steinen und heben sie zum Wurf -- nur einer sitzt von den erregten Brüdern

entfernt, sucht eine Dornranke von sich abzulösen, die ihm ihre Stacheln

in die Hüfte bohrte, und der Schmerz, der aus seinem verzerrten Gesichte

redet, macht ihn gleichgültig gegen alles andere. Diesem Leidenden gilt

der gute Blick des Knaben, während er allen anderen, die ihn fürchten

oder bedrohen, herzlich die Arme öffnet: »Kommet zu mir, ich will euch

lieben!«

Keines von den anderen Bildern, die Ettingen gesehen, hatte so klar wie

dieses in ihm die Frage geweckt: »Wie war es möglich, diesen Künstler zu

verkennen, über ihn zu lachen?«

Mußte der Wert, der hier aus jeder Leinwand redete, nicht jeden

überzeugen? Oder hatte sich der Genius dieses Künstlers erst nach

seiner Weltflucht so reich entwickelt, aus der Bitterkeit seines

Schicksals heraus, in der stillen Ruhe, die er in diesem Winkel der

Berge gefunden, im Schweigen des Waldes? Hatte er in früheren Jahren

denen, die ihn verlachten, nichts anderes zu bieten vermocht als die

Form ohne den Kern, ohne die Gedankenfülle, die alle Wunderlichkeiten

seiner Technik übersehen ließ? Denn bei aller Wirkung, die Ettingen

fühlte, mußte er zugestehen, daß diese Bilder für den ersten Blick

etwas Befremdendes hatten, etwas kindlich Unbeholfenes, das mit dem

dargestellten großen Gedanken sich oft in einem Widerspruch befand,

über den man wohl den Kopf schütteln konnte. Es war an allen Bildern

etwas Flaches und Unkörperliches, es fehlte die Tiefe in der Luft,

jedes Detail war gleichwertig neben das andere gesetzt, als hätt'

es der Künstler nicht übers Herz gebracht, das Nebensächliche zum

Vorteil des Wichtigeren zu verkleinern und abzutönen. Auch lag ein

bläulich grüner Hauch wie zarter Schleier über allen Farben, auch über

dem hellsten Licht -- wie über einem Spiegelbild in grünem Wasser --

und das gab den Bildern etwas Naives, Vergilbtes und Altertümliches.

^Wollte^ das der Künstler so? Oder konnte er nicht anders? Hatte

er Augen, die anders organisiert waren, als es sonst die Augen der

Menschen sind? Oder ^sah^ er richtig -- er verstand und kannte doch

die Natur wie keiner -- und ging mit dem Geschauten, bevor es durch

seine Seele den Weg auf die Leinwand fand, diene seltsame Wandlung vor

sich, bei der alles Häßliche sich verschönte und alles Wirkliche die

Form des Niegewesenen und des Erträumten gewann?

Aber wie man über diese äußerliche Seltsamkeit auch denken mochte -- der

gute, reine, tief empfindende Mensch, den man aus der wunderlichen

Sprache dieser Linien und Farben reden hörte, war denn nicht der die

Hauptsache? Die klare Schönheit seiner Gedanken, die Wärme seines

Herzens, dieses Träumen und Lächeln, dieses Stille und Schlichte, dieses

rührend Kindliche? Mußte das nicht jeden überzeugen, gewinnen und

bezwingen? Oder gehörte die rechte, stille Stunde dazu, um solche

Sprache zu hören, sie zu verstehen? --

Hätte Ettingen vor diesen Bildern das gleiche gedacht und empfunden,

wenn er im Lärm und Trubel einer Ausstellung an ihnen vorübergegangen

wäre, im Kopf den klappernden Alltag, beeinflußt vom Lachen und

Achselzucken der Unverständigen? Wie mag da manch einem Künstler

bitteres Unrecht geschehen, das bitterste gerade jenen, die das Beste zu

sagen haben und deren Stimme immer anders klingt als die Stimme der

großen Schreier auf dem Markt, die allen Ohren schnell geläufig ist!

Solch ein Unrecht hatte das Urteil der Welt an Emmerich Petri begangen.

Sie hatte über den merkwürdigen Hut gelacht, den er trug, und dabei

versäumt, ihm durch die Augen ins Herz zu sehen. --

War der Magd die schweigende Zeit, die Ettingen vor diesem letzten Bilde

stand, zu lang geworden? Oder hatte sie es ihm vom Gesicht abgelesen,

was er von den »Taferln« ihres Herrn dachte? »Gelten S'«, sagte sie

plötzlich, »unser Herr hat's können! Ja! Und kommen S' -- da därf ich

sonst kein' net einiführen -- aber Ihnen muß ich schon zeigen, wie er

ausgschaut hat.« Sie öffnete die Tür der Nebenstube. »Da hängt er,

schauen S', wie er sich selm verkonterfeit hat. Dös is der Fräuln Lolo

ihr Stüberl. Vor zwei Jahr auf Weihnächten hat sie's kriegt von ihm, die

Tafel da.«

Ettingen zögerte einzutreten, und lächelnd blickte er von der Schwelle

in den Raum. Es war von allen Zimmern, die er gesehen hatte, das

bescheidenste. Ein schmales Stübchen, mit einem einzigen Fenster nur.

Weiße Wände, das eiserne Bett mit weißem Tuch überhangen, ein kleiner

Tisch mit einfachem Holzstuhl vor dem Fenster, durch das die Blumen

hereinleuchteten, der Tür gegenüber ein Pianino und ein Holzgestell mit

Notenheften, neben der Tür ein bis zur Decke reichendes Bücherregal und

an der Rückwand des Stübchens eine große schwere Kommode, über der, als

einziger Schmuck des Raumes, das Selbstporträt des Künstlers hing,

umgeben von einem Kranze frischer Edelrosen. Und dieses Bild war für

Ettingen ein neues Rätsel. Er hatte ein schmales, feingeschnittenes

Gesicht zu sehen erwartet, einen Kopf, der auf einen Musiker raten ließ,

mit bleichen Wangen, tiefliegenden Augen und langem Haar. Und da sah er

einen derben, grobknochigen Kopf mit dichtem, kurzgeschnittenem

Braunhaar und starkem Bart, mit hoher, kräftig gewölbter Stirn und

gesundem, sonnverbranntem Gesicht, dem das schöne Antlitz der Tochter

in keinem Zuge glich. Nur die Augen, wenn sie auch von anderer Farbe

waren, hatten den gleichen träumerischen und warmen Blick, und um die

strenggeschnittenen Lippen spielte das gleiche sinnende und milde

Lächeln.

Das Bild war nur wenige Jahre alt; aber nach Zeichnung und Farbe hätte

man auf ein Werk aus der Zeit des jüngeren Holbein raten können. In

einer Ecke des graugrünen Hintergrunds sah man ein verschnörkeltes

weißes Schildchen, das eine rote Inschrift in lateinischer Sprache trug:

»Emmericus Petri, in seinem fünfzigsten Lebensjahre. Eines Menschen

Gesicht ist seine Seele nicht. Willst du das Wesen seines Geistes

erkennen, so betrachte seine Taten und seine Kinder.« Wie stolz mußte

dieser Mann auf seine Tochter gewesen sein, um auf diese Leinwand

schreiben zu dürfen: »Betrachtest du, was ich schuf, so wirst du mich

nur halb erkennen -- ganz wirst du nur an meinem Kinde sehen, wer ich

war!«

Während Ettingen noch vor dem Bilde stand, kam der Förster zurück, und

zwar in übelster Laune. Er hatte die Erlaubnis für die Steigbauten mit

schwerem »Blutgeld« vom Bürgermeister erkaufen müssen, der allen

Überredungskünsten des Försters nur immer die eine Weisheit

entgegengehalten hatte: »Der Herr Fürst kann zahlen! Der hat's!« Bei dem

Ärger, den Kluibenschädl von diesem »Scharfrichtergang« mitbrachte,

hatte er weder Sinn für die »Taferln« des »Maler-Emmerle«, noch für die

Stimmung seines Herrn, und schwatzte wortreich seinen Zorn heraus.

Ettingen schwieg zu allem und warf, bevor er das Stübchen verließ, noch

einen letzten Blick über die Wände und alles Gerät.

Draußen im Flur, als der Förster schon in den Garten getreten war,

fragte Ettingen das Mädchen: »Haben Sie mir alles gezeigt? Ich habe ein

Bild nicht gesehen, von dem mir erzählt wurde. Die Versuchung Christi?«

»Na, Herr, da weiß ich nix!« sagte die Magd. Aber sie wurde rot.

Also existierte das Bild noch!

Ettingen trat ins Freie, blickte wieder zu der Inschrift hinauf, die

über der Haustür stand, und nickte vor sich hin, als wollte er sagen:

»Ich sah, was du schufst, und kenne dein Kind. Nun weiß ich, wer du

warst, und weiß: du hattest ein Recht zur Freude!«

Da bot ihm die Magd eine schöne dunkle Rose und sagte verlegen: »Da,

Herr! Unser Fräuln, wenn s' daheim is und einer kommt, schenkt s'

allweil a Blüml her!«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 47 / 71 题