Da begriff sie und platzte los: »Am End gar Sie, Herr Martin!«

Er nickte.

»Hören S', da därf man Ihnen gratalieren!«

»Nicht wahr? Aber -- ^einen^ Haken hat die Sache noch.«

»Was denn für ein'?«

»Der Verwalter hier, das muß einer sein, der verheiratet ist.«

»No ja, so heiraten S' halt. Für so an Posten kann man's riskrieren.«

»So? Meinst du?«

Sie merkte gar nicht, daß er sie duzte.

»Aber wo find ich so schnell eine, die mich nimmt?«

»Ui jegerl!« sagte sie ernst. »Bei so was greift doch jede zu mit alle

zwei Händ.«

»Na ja! Aber ich kenn eben keine.« Martin legte den Arm um Burgis Hüfte.

»Und jetzt sag mal, Burgerl? Möchtest du mir nicht eine suchen helfen?«

»Ich?« Nun lachte sie, als hätte sie in ihrem Leben was Lustigeres nicht

gehört. »O du mein lieber Herrgott! Mit so einer, wie s' mir bekannt

sind, da wären S' sauber aufgricht! Sie! Und a Bauernmadl!«

»Na, weißt du, das wird doch wohl nicht anders gehen. Eine vom Land werd

ich mir nehmen müssen. Eine, die sich auf den Stall versteht. Von Kühen

und Pferden versteh ich nichts, rein gar nichts. Das muß eben dann meine

Frau übernehmen.«

»Ah ja!« Das leuchtete ihr ein. »Dös is wahr, da brauchen S' eine, die

ihr Sach versteht und ghörig schaffen kann.«

»Na also! Und da mußt du mir suchen helfen! Denk mal ein bißchen nach!

Ich mein' immer, daß du gar nicht weit zu suchen brauchst, um so eine

für mich zu finden, so recht eine Hübsche, Frische, Gesunde!«

Sie fühlte den zärtlichen Druck seines Armes, spürte seinen heißen Atem,

sah seine dürstenden Augen -- und da begriff sie. Das wirkte, als hätte

der Blitz vor ihr eingeschlagen. Sie versuchte erschrocken, seinen Arm

von sich abzuwehren. Bei diesem Befreiungsversuche schien ihr die rechte

Kraft zu fehlen. Er gelang nicht.

Was in ihr vorging, war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. Ihr erster

Gedanke war Unglaube. Der Menschenverstand in ihrem hübschen Zauskopf

war, so anspruchslos ihn die Natur auch geschaffen hatte, doch zu

gesund, um sie nicht vor dem groben Köder zu warnen, den sie vor ihren

Augen winken sah. Aber sie hätte nicht das praktisch rechnende Kind

des Dorfes sein müssen, wenn ihr neben allem Zweifel nicht auch die

Erwägung gekommen wäre: »Vielleicht is doch was dran! Und ^wenn^

was dran is, därf ich mir's net verscherzen!« Und sie hätte nicht das

arme, mit aller Not des Lebens kämpfende Mädel sein dürfen, um nicht

auch die scheue Sehnsucht zu empfinden, die der Traum vom großen

Los erweckt. Ihr Herz war frei, sie dachte an keinen andern -- der

Praxmaler-Pepperl war ihr ja »so zwider wie net leicht einer«. Und wenn

der gesunde Verstand ihr auch sagte: »Glaub dem Schmalger nix, er lügt

dich an!« -- so hinderte das nicht, daß in ihrem sumsenden Köpfl ein

winkendes Luftschloß zu glänzen begann. Sie sah das zweistöckige Haus,

den Garten mit Sellerie und Kopfsalat, die große Wiese, den Stall mit

Pferden und Kühen. Sie sah den Vater, den sie seit Jahren ernährte,

unbesoffen und zufrieden in seinem Stübchen. Sie sah sich im seidenen

Kleid zur Kirche gehen und im ersten Betstuhl knien. Sie sah sich am

Sonntagnachmittag beim Kaffee sitzen, während die Tür sich auftat und

die Jäger zum Rapport erschienen, voran der Praxmaler-Pepperl, der

höflich das Hütl von den trauernden Kreuzerschneckerln herunterzog:

»Recht schön guten Abend, Frau Jagdverwalterin!« --

Bei diesem Traumbild stotterte sie zu Tod erschrocken: »Mar und Joseph!«

Sie hatte plötzlich an das Rauchloch da drüben denken müssen, in dem die

Sonne verschwunden war. »Lassen S' mich aus! Ich bitt Ihnen, lieber Herr

Martin, lassen S' mich aus!«

»Aber Burgerl, Kind, sag mir doch --« Martin versuchte, das Mädel auf

seinen Schoß zu ziehen. Da verfinsterte sich die Tür, und eine Stimme,

die kaum merklich bebte und dennoch ganz anders war als die gewohnte

Stimme des Praxmaler-Pepperl, klang in die Dämmerung herein: »Recht

schön guten Abend beinander!« Im gleichen Augenblick stand Burgi schon

am Herd und begann im Kessel ein verzweifeltes Rühren.

Martin streckte die Beine, brannte sich eine frische Zigarette an und

schielte über das flackernde Zündholz nach dem Jäger.

Pepperl stand wie ein Baum unter der Tür, die Daumen in die Hosenträger

eingehakt. »Sie, Herr Kammerdiener! Tummeln S' Ihnen! Der Herr Fürst

wird gleich heimkommen.«

»Also ist er noch nicht da? Na, dann wird's nicht so pressieren!« meinte

Martin. Er stäubte eine Aschenflocke von seinem Frack, erhob sich, zog

die Weste herunter und ging zur Tür. »Wollen Sie gefälligst den Weg

freigeben?«

Pepperl rührte sich nicht. »Ja, gleich! Aber z'erst noch a Wörtl!

Neulich auf d' Nacht hab ich an Rausch ghabt. Und da hab ich mich a bißl

unghörig aufgführt. Dös reut mich, ja! Aber heut bin ich nüchtern.«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 46 / 71 题