Die freundliche Ansprache verwandelte den Jäger in einen anderen
Menschen. Seine Gestalt streckte sich, als wäre ihm alle Müdigkeit der
durchwachten Nacht aus den Gliedern geblasen. »Grad hab ich noch a
Stünderl nachgholt«, sagte er mit verlegenem Lachen, »denn dös is wahr,
Herr Fürst, heut nacht hab ich a bißl z'viel derwischt.« Kleinlaut, als
bedürfte diese Tatsache einer Entschuldigung, fügte er bei: »Enker Wein
is so viel stark. Allweil brummt's mir noch a wengerl unter die Haar.«
Das kam so drollig heraus, daß Ettingen lachen mußte. Auch der Förster
lachte und sagte gutmütig: »No also, leg dich halt wieder nieder auf
d'Ohrwaschln! Die gnädig Duhrlaucht gibt dir dienstfrei übern Tag. Aber
bis zur Abendpirsch mußt wieder a lichts Köpfl haben. Oder ich wasch dir
deine Schneckerln!«
»Wird's net brauchen!« stotterte Pepperl. »Und schlafen? Dös gibt's net!
Jetzt pack ich zamm und marschier aussi zum Sebensee.« Er wandte sich an
den Fürsten. »Wissen S', Duhrlaucht, beim Sebensee draußen, da steht
unser bester Hirsch. A Vierzehnergweih hat er droben, nix Schöners
gibt's nimmer auf der Welt. Heut am Abend schau ich mir sein Auszug an,
und wenn er am richtigen Fleckl steht, so müssen S' mit, Duhrlaucht,
gleich morgen in der Früh! Die Freud, Herr Fürst, daß S' Enkern ersten
Hirsch mit'm Pepperl schießen -- die Freud, die ^müssen^ S' mir machen!
Recht schön tät ich bitten drum. Gelten S', ja?«
»Ja, Pepperl, den holen wir uns morgen.«
In seiner Glückseligkeit schrie Pepperl einen klingenden Jauchzer in die
Sonne. Dabei fuhr er mit dem Kopf so derb gegen einen vorspringenden
Balken der Hütte, daß der Förster rief: »Hö, hö, hö, laß mir wenigstens
's Häusl noch stehn!«
»Ja, schiergar hätt ich's mit umgrissen!« lachte Pepperl, rieb sich die
Haare und verschwand mit brennendem Eifer in der Hütte.
Als er nach einer Weile, fertig für den Pirschgang, wieder aus der Tür
trat, war der Förster mit dem Jagdherrn schon im Wald verschwunden.
Lustig blinzelnd lugte Pepperl zum Fürstenhaus hinauf und gewahrte an
einem offenen Fenster den Kammerdiener. »Ja, Mannderl! Morgen fallt der
Vierzehner. Nacher kannst mich verklampern, wie d' magst!« Schon wollte
er mit langen Schritten seinen Weg beginnen. Da blieb er erschrocken
wieder stehen und blickte sorgenvoll zur Sennhütte hinunter. »So,
schön! Jetzt bleibt dös dumme Madl den ganzen Tag ohne Aufsicht! Mar und
Joseph, was tu ich denn da?« Zu dieser Sorge bekam der Praxmaler-Pepperl
zu merken, daß es im Himmel einen gütigen Herrgott und draußen in der
Leutasch einen gestrengen Bauern gab, der wöchentlich von der Tillfußer
Alm seine zwanzig Pfund Butter sehen wollte.
Drunten an der Sennhütte wurde die Türe gesperrt, und Burgi, mit der
hohen, gegen die Sonnenwärme dick vermummten Butterkraxe auf dem Rücken,
schritt über das Almfeld hinunter.
Ein Aufglänzen selbstloser Schutzengelfreude leuchtete über das Gesicht
des Jägers. »Gott sei Lob und Dank! 's Madl muß abtragen. Da kommt's vor
Abend nimmer zruck!« So rechnete Pepperl in Gedanken. »Derweil is der
Herr Fürst wieder daheim. Und da muß er bei der Arbeit sein, der
Gschniegelte!« Mit einem seelenvergnügten Jauchzer quittierte er das
Ergebnis dieser Rechnung und rief -- unverkennbare Schadenfreude im Ton
der Stimme -- über das Almfeld: »He! Burgi! Tu dein braven Vatern schön
grüßen, gelt!« Und mit langen Sprüngen hetzte er schräg durch den Wald
hinunter.
Es dauerte nicht lang, da erschien unter der Türe des Fürstenhauses der
Herr Kammerdiener in weiß und grün gestreifter Hausjacke, eine Zigarre
zwischen den Zähnen und ein weißes Hütchen auf dem schön frisierten
Kopf. Den Rauch in die Sonne blasend und dazwischen eine Arie aus
Rigoletto pfeifend, spazierte er über das Almfeld hin und her. Wie
zufällig geriet er vor die Sennhütte -- und fand die Tür verschlossen.
»Fräulein Burgi!« rief er leis durch die Ritzen der Bretter. »Fräulein
Burgi!«
Als er keine Antwort erhielt, wanderte er verstimmt davon. Beim
Jägerhäuschen blieb er stehen und blickte durch das offene Fenster.
Drinnen lag Mazegger angekleidet auf dem Bett, das Gesicht in die Arme
vergraben.
»Heda! Sie!«
Der Jäger erhob sich. Seine Augen waren heiß gerötet.
»Halten Sie sich fertig bis in einer Stunde. Sie haben einen Brief nach
Leutasch zu bringen, der noch heut mit der Post nach Innsbruck muß.«
Mazegger biß die Zähne übereinander.
Als gält' es ein hochwichtiges und unaufschiebbares Geschäft zu
erledigen, eilte Martin ins Fürstenhaus hinauf, holte aus seiner Kammer
ein Notizbuch und ein Zentimeterband, begab sich in das »Grafenstübchen«
und verriegelte hinter sich die Tür. Hier saß er eine Weile und
betrachtete nachdenklich den anspruchslos möblierten Raum und die
weißgetünchten Wände. Dann maß er alle Mauern und Fenster ab -- und begann
in sein Notizbuch eine lange Liste zu schreiben:
1. Zartgeblumte Seidentapete auf mattblauem Fond, für 46 qm Wandfläche;
Plafond 16 qm.
2. Für zwei Fenster seidene Gardinen von etwas tieferem Blau; Spitzen
als Unterlage; Leisten in Weiß und Silber; Stores in gedämpftem Rosa
oder zartem Heliotrop, mit allem Zubehör.
3. Portieren für eine Tür, Stoff und Farbe der Gardinen; ohne Spitzen;
mit allem Zubehör.
4. Englischer Teppich, 16 qm, 4:4, dem Blumenmuster der Tapete
entsprechend.
So schrieb und schrieb er, bis die Liste über fünf Seiten seines
Notizbuches angewachsen war. Dann verließ er das Stübchen, versperrte
die Tür und steckte den Schlüssel zu sich.
Eine halbe Stunde später trug Mazegger einen Brief davon, der an einen
Hotelier in Innsbruck adressiert war. --
Für fünf Uhr nachmittags war das Diner befohlen. Wenige Minuten früher
kehrte der Fürst zurück.
Trotz der siebenstündigen Wanderung, die kreuz und quer durch Wälder und
Latschenfelder und über steile Almen gegangen war, verriet seine Haltung
keine Spur von Müdigkeit. Sein Gang war fester als am Morgen, seine
Augen hatten Leben und Feuer, und die heiße Julisonne hatte ihm das
Gesicht verbrannt, daß es glühte -- nur die Stirne, soweit sie im
Schatten der Hutkrempe lag, war weiß geblieben.
»Martin!« rief er dem Diener zu, der in seiner schwarzen Gala schon
wartend am Zauntor stand. »Nur flink die Suppe! Mich hungert.«
Mit einem Sprung nahm der Fürst die drei Stufen, die zur Haustür
hinaufführten.
Eine minder gute Laune schien Förster Kluibenschädl von dem weiten Weg
nach Hause zu bringen. Beim Steigen mußte ihm ein kleines Malheur
passiert sein: von der Lederhose, die auch sonst sehr übel zugerichtet
war, hing ein handgroßer Rißlappen herunter. Ohne beim Försterhäuschen
anzuhalten, ging er auf die Jägerhütte zu; es gewitterte in seinen
kleinen Blitzaugen. Als er die Hütte leer fand, lachte er.
»So so? Net daheim bist? Aber wart nur, Bürscherl, auf d' Nacht, da
kommst mir schon!«
Nach einer Weile kräuselte sich vom Dach des Försterhäuschens der blaue
Rauch mit spielenden Ringeln hinauf in die linde, reine, sonnige
Abendluft.
Der einsame Koch -- an Stelle der blessierten Lederhose trug er ein graues
Beinkleid von wahrhaft vorsintflutlichem Schnitt, mit großen Buckeln an
den Knien -- hatte den Schmarrenteig angerührt und ließ ihn aus der
Holzschüssel in das prasselnde Schmalz rinnen.
Nachdem er gespeist und das Geschirr wieder säuberlich gespült hatte,
nahm er das Geheimnis von Woodcastle aus der Schublade und begann zu
lesen. Recht zum Übel für seine ärgerliche Stimmung kam er da gerade an
das Kapitel, in dem die Feinde Lord Fitzgeralds, über ihren gelungenen
Schurkenstreich triumphierend, sich zu einem üppigen Mahl
zusammenfanden, bei dem die Austern mit Chablis, der Lachs mit Burgunder
und die gebratenen Fasanen mit Champagner begossen wurden. Den Leser
empörte diese ungerechte Verteilung der irdischen Freuden: während der
gute, schuldlose Lord im tiefsten Kerker »lechzete«, inzwischen
schwelgten und schlemmten die »ruchlosen Buben« auf seine Kosten!
»Himmelkreuzteufel noch amal! Da sollt doch der liebe Herrgott
dreinfahren mit'm Dreschflegel. Müssen denn die schlechten Kerln allweil
obenauf sein und die Guten allweil unterliegen? Meiner Seel! Da könnt
ein' 's Leben verdrießen!« Das Geheimnis von Woodcastle sauste wieder in
einen finsteren Winkel der Schublade.
Seufzend erhob sich der Förster, nahm die zerrissene Lederhose vom
Zapfenbrett und betrachtete den Schaden. »Flicken wir s' halt wieder!«
Aus einer Truhe, die unter dem Bett stand, holte er sein
»Nahtereischachterl« hervor, und da es im Stübchen schon dämmerig wurde,
setzte er sich mit seiner Flickerei auf die Schwelle der Hüttentür.
Es wurde ihm schon heiß, noch ehe die Arbeit recht begonnen hatte. Auch
die gröbste Nadel, die er besaß, war zu »gring« für seine dicken Finger;
er konnte sie kaum fassen und halten; der grobe Zwirn wollte nicht durch
die Öse gleiten und dröselte sich auf; und weil der Förster den doppelt
genommenen Faden zu stark gewichst hatte, glitschte er ihm beim
Schlingen des Knotens immer wieder aus. Endlich war er soweit, um den
ersten Stich zu machen. Da stach er sich auch gleich in den Finger.
Seufzend leckte er den kleinen Blutstropfen ab, hielt den Finger übers
Knie und klopfte ihn mit der Faust. Dann nähte er weiter. Nach jedem
Stich zog er so grimmig an, daß der Faden sich spannte wie eine Saite.
Dabei wurde die Naht so pfriemig wie ein schlecht geheilter
Studentenschmiß.
Als die harte Arbeit mit Not und Seufzen vollendet war, begann es schon
zu dunkeln. Da sah er am Fenster der Jägerhütte den Lampenschein
aufblinken. »So, Bürscherl, bist daheim? Jetzt kommst mir aber grad in
Wurf!« Er trug die geflickte Hose und das Nähzeug in die Stube und ging
hinüber zum Jägerhaus.
Mazegger kniete vor dem eisernen Sparherd, um Feuer anzuschüren.
»Du? Wo warst denn heut?«
Zögernd erhob sich der Jäger. Er schien es gleich zu merken, daß sich
ein Gewitter über ihm entladen sollte. »Der Kammerdiener hat mir einen
Brief übergeben. Den hab ich nach Leutasch getragen.«
»So? Da kannst freilich aufs Wild net aufgschaut haben. Aber was hast
denn gestern gsehen? Auf der Abendpirsch?«
»Nichts.«
»So? Gar nix? Und gegen Leutasch naus bist gwesen? Im Hämmermoos?«
Mazegger wandte sich zum Herd und nickte.
Da brach das Gewitter los. »Du Lugenschüppel, du gottverlassener! Da
schau her!« Der Förster griff in die Joppentasche und warf dem Jäger die
Sichel einer Spielhahnfeder vor die Füße. »Da hast dein Federl wieder!
Am Steig zum Steinernen Hüttl droben hab ich's gefunden. Warum lügst
mich denn so an?«
Brennende Röte war über das bleiche Gesicht des Jägers geflogen. Seine
Augen funkelten.
Der Förster betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Dabei verrauchte
sein Zorn, und er sagte mit ruhigem Ernst: »Toni! Jetzt will ich dir die
letzte Verwarnung geben. 's Lugen vertrag ich net. Alles kann ich eim
Jager verzeihen, a Jager is auch nur a schwacher Mensch. Aber 's Maul
wenn er aufmacht im Dienst, muß ich a wahrs Wörtl hören. Und drum sag
ich dir's jetzt als dein Fürgsetzter: lügst noch an einzigsmal, so
kannst deine sieben Zwetschgen packen.«
Schweigend starrte der Jäger in die Lampenflamme und nagte an der Lippe.
»So! Und jetzt reden wir noch von was anderm mitanander, weißt, Tonerl,
als Mensch und Mensch.«
Mazegger drehte langsam das Gesicht über die Schulter, und seine Augen
wurden klein.
»Ich bin dir gut gwesen, Toni, wie ich gut bin zu alle Leut. Ost, wenn
du deine gachzornigen Streich so gmacht hast, hab ich mir denkt: trag's
ihm net nach, er is verwildert, hat als Kind viel Unglück erfahren, hat
d' Mutter hergeben müssen und hat den Vater verloren. Aber wer in
verstandsame Jahr kommt, muß in ihm a bißl aufrichten, was bucklet
graten is. In dir, Toni, wachst sich was aus, was mir Sorgen macht. Und
da fallt dir jetzt noch so an Unsinn ins Blut --«
Der Jäger fuhr auf: »Herr Förster!« Es blitzte in seinen Augen. »Sagen
Sie mir meintwegen als Vorgesetzter, was Sie wollen. Das muß ich
anhören. Was über den Dienst hinaus und mich allein angeht, bitt ich in
Ruh zu lassen!«
»So?« Dem Förster schwollen an den Schläfen die Adern; seine Stimme
blieb ruhig. »So sag ich dir's halt im Dienst: mach du deine Pirschweg
und lauf net allweil deiner Narretei nach, statt dem Jagdschutz! Meinst,
ich weiß net, warum mich gestern wieder anglogen hast und heimlich beim
Steinernen Hüttl droben warst? Ich müßt ein' Eselstritt von einer
Hirschfährten net unterscheiden können. 's Fräuln wird auf der Alm
droben gmalt haben, und da bist ihr wieder nachgstiegen. Toni! Denk a
bißl, wer du bist und wer dös Fräuln is! Ja, schau mich nur an! Und laß
mir dös Fräuln in Ruh! Sonst hast es mit mir z'tun. Brock dir a Blüml,
dös für dich gwachsen is am Weg! Aber streck deine Hand net aus nach eim
Sterndl, dös am Himmel glanzt.«
Mazegger lachte, und ein häßlicher Zug legte sich um seinen Mund. »Ein
Sterndl? So? Da muß freilich ein anderer kommen! Vielleicht so einer wie
unser gnädiger Herr Fürst? Bieten Sie 's ihm doch an! Er hat ihr gestern
eh schon nachspekuliert mit seine hochfürstlichen Augen --«
Weiter kam Mazegger nicht; eine schallende Ohrfeige schnitt ihm die
höhnische Rede ab. Einen Augenblick stand er mit aschfahlem Gesicht.
Dann sprang er wie ein wütendes Raubtier dem Förster an den Hals.
»Du! Ah, schau! So einer bist du!« Sie rangen miteinander, und es
gehörte die zähe Kraft des schweren Mannes dazu, um die Fäuste von sich
abzuwehren, die seinen Hals umschlossen. Ein Ruck, ein Schwung dieser
stählernen Arme, und Mazegger taumelte gegen die Wand. »So, du!« Schwer
atmend brachte Kluibenschädl den aufgerissenen Hemdkragen wieder in
Ordnung. »Über vier Wochen such dir an anderen Dienst! Müßt ich mich net
schenieren, daß ich dem Herrn Fürsten den Grund sag, so tät ich dich
heut auf d' Nacht noch davonjagen. Dem Herrn Fürsten z'lieb soll's
heißen, daß du selber kündigt hast! Verstehst? Und solang 's Fräuln am
Sebensee draußen is, gehst mir nimmer aussi! Dös sag ich dir!« Er drehte
dem Jäger den Rücken und schritt zur Tür.
Leichenblaß und zitternd an allen Gliedern starrte Mazegger ihm nach.
Als der Förster schon in der Tür verschwinden wollte, riß der Jäger das
Messer von der Hüfte. Er machte auch einen Schritt. Dann sank ihm der
Arm. Er schleuderte das Messer fort und preßte die Faust an seine Stirn.
Das hatte der Förster nicht mehr gesehen. Er stand schon draußen in der
Nacht und spuckte aus, als hätte er damit einen symbolischen Punkt
hinter die erledigte Geschichte der letzten Minuten gesetzt. Unschlüssig
blickte er zum Fürstenhaus hinauf, dessen Fenster hell in den dunklen
Abend leuchteten. Ob er nicht doch seinem Herrn den Vorfall melden
sollte? Er schüttelte den Kopf zu diesem Gedanken, ging in seine Hütte
und zündete in dem finsteren Stübchen die Lampe an. Als er auf dem Bett
die geflickte Lederhose liegen sah, nahm er sie und betrachtete beim
Lampenschein die wulstige Naht. »Sakra, Sakra«, brummte er seufzend vor
sich hin, »die wird mich drucken!« Er hängte die Lederhose an den
Kleiderrechen und sah sie mißtrauisch noch einmal an. Dann holte er das
Geheimnis von Woodcastle aus der Tischlade.
Im gleichen Augenblick kam der Praxmaler-Pepperl zur Tür hereingestürmt,
atemlos von einem zweistündigen Dauerlauf. »Herr Förstner! Der Hirsch is
heut am richtigen Fleck! Wenn der Herr Fürst morgen in der Früh mit mir
aussi marschiert zum Sebensee, kommt ihm der Hirsch auf hundert
Schritt.«
»No also, geh nur gleich nauf und mach Rapport!« Pepperl stellte die
Büchse fort und rannte davon. Als er nach einer Viertelstunde
zurückkam, berichtete er mit aller Freude, deren er in seiner
Erschöpfung noch fähig war: »Morgen kracht's. Der Herr Fürst geht mit.
Um zwei in der Fruh wird abmarschiert.« Ans Kochen und Essen dachte er
nimmer. So müde war er. Nur den Wecker stellte er. Dann stieß er die
Schuhe von den Füßen und warf sich angekleidet auf die Matratze.
Eine Minute, und er schlief bereits. Wohl war ihm droben im Fürstenhaus
der »Schwarzlackierte« begegnet. Aber der Gedanke an das »dumme
unbetreute Madl« und an Burgis »armen alten Vater« ging ihm unter in
diesem Bärenschlaf seiner Müdigkeit. Und während Pepperl sägte, saß
Kluibenschädl bei der Lampe und las im Geheimnis von Woodcastle das
spannende Kapitel von Lord Fitzgeralds wunderbarer Rettung. Und die
standhafte Liebe der jungen, »berückend schönen« Lady Maud wirkte so
zaubermächtig auf das Herz des Lesers, daß er dem Dichter sogar den Tod
des armen Lion verzieh.
Er las noch immer, als gegen halb zwei Uhr morgens mit Gerassel der
Wecker ging.
»He! Pepperl! Auf!«
Der Erwachende machte große Augen. »Mar und Joseph! Herr Förstner! Halb
zwei? Und Sie schlafen noch net?«
»Na!« Kluibenschädl wischte sich die Tränen seiner Rührung aus den
Augen. »Aber jetzt haben s' anander, der Lord und die Laadi. Jetzt kann
ich meine Augen zumachen!« Langsam begann er sich zu entkleiden.
»Pepperl, dös Büchl mußt lesen! So was is schön: wenn zwei treue
Liebsleut nach aller Gfahr anander kriegen. Da könnt man schier selber
wieder ans Heiraten denken!« Er seufzte. »Wenn alle Weibsbilder so wären
wie die Laadi!« Trübselig schüttelte er den Kopf und tauchte, während
Pepperl in die Schuhe fuhr, bis an die Nasenspitze unter die Decke.
Ein paar Minuten, und Praxmaler war wegfertig. Als er die brennende
Kerze in die Laterne steckte, fragte er plötzlich: »Bleiben Sie heut
daheim, Herr Förstner?«
»Ja.«
»Da sollten S' Ihnen doch a bißl um den Herrn Kammerdiener kümmern.«
»Warum denn?« klang's mit Gähnen unter der Decke hervor.
»Weil er Langweil haben muß, wenn der Herr Fürst net daheim is.«
»Soll er halt 's Gheimnis vom Wohdekastl lesen!«
»Plauschen, mein' ich, tut er lieber.«
»Soll er mit der Köchin plauschen!«
»Oder mit der Burgi? Net?« Pepperls Hände zitterten, daß die Laterne
klirrte.
»Meintwegen! Mir is alles recht.«
»Aber wissen S', der Burgi gfallt er net recht. Die kann die Stadtischen
net leiden. Und wann er plauscht mit ihr, da könnt s' ihm leicht an
unbschaffens Wörtl sagen, dös ihn verdrießt. Ich mein', da sollten S'
dabei sein. Daß sich 's Madl a bißl zruckhalt, wissen S'!«
»Ja, ja, is schon recht! Laß mich nur jetzt in Ruh! Und schau, daß der
Herr Fürst den Hirsch kriegt! Und halt dich ordentlich auf der Pirsch,
gelt! Daß d' mir kei' Schand net machst!«
»Na, na, da wird sich nix fehlen!« Pepperl holte noch einen schweren
Seufzer aus dem tiefen Brunnen seiner Sorge herauf. Dann ging er. Vor
dem Jagdhaus wartete er mit der Laterne, bis der Fürst aus der Tür trat.
»So, da bin ich, Praxmaler! Es scheint, wir werden gutes Pirschwetter
haben.«
»A Morgen, Duhrlaucht, wie er net schöner sein könnt!«
Martin war hinter dem Fürsten in der Tür erschienen und fragte: »Bis um
welche Stunde werden Durchlaucht wieder zurück sein?«
»Das weiß ich nicht. Pepperl, was meinen Sie?«
Pepperl zog diplomatisch die Achseln auf und schmunzelte, wie man bei
einem glücklichen Einfall lächelt. »Da wird sich was Gnaus net sagen
lassen. Jagd is Jagd. Da kann's gehn, wie's mag. Es kann lang dauern,
aber wir können auch in aller Fruh schon daheim sein. Ja, Herr
Kammerdiener, rühren S' Ihnen nur net weg von Ihrem Posten, damit S' net
am End den Herrn Fürsten verpassen, wann er gahlings heimkommt. So! Und
jetzt geben S' mir Ihr Büxl, Duhrlaucht! Da marschieren S' leichter.
So! Hab die Ehre, Herr Kammerdiener!«
Auch Martin lächelte, während er geschmeidig den Rücken krümmte.
»Weidmanns Heil, Durchlaucht!«
»Weidmanns Dank!«
^Fünftes Kapitel^
Sie wanderten hinaus in die Nacht, Pepperl mit der gesenkten Laterne
voran und hinter ihm der Fürst, etwas unsicher auf dem holprigen Weg,
über den die schwankende Laterne ihren trüben, gaukelnden Schimmer warf.
Aber es währte nicht lang, und das Auge des Fürsten hatte sich an die
Dunkelheit gewöhnt, sein Schritt an den rauhen Pfad.
»Sie können die Laterne löschen«, sagte er, »das Licht stört mich nur.
Ich hab es gerne, in der Nacht zu gehen.«
Pepperl blies die Kerze aus, verbarg die Laterne in einem Busch und ließ
seinen Herrn vorangehen auf dem Weg, der sich in dem schütteren Walde
mit mattem Grau von dem schwarzen Rasen abhob.
Die Nacht war windstill; bald laut, bald wieder leiser werdend,
plauderte der Wildbach wie im Halbschlaf; in tiefer Schwärze stieg der
schweigende Wald bergan, und über den grauen Wänden funkelten am
stahlblauen Himmel die zahllosen Sterne. Die Milchstraße, die draußen
in der dunstigen Ebene auch in hellen Nächten nur matt erkennbar ist,
schlängelte sich über den Sternenhimmel hin wie ein lichter Silberstrom,
unterbrochen von schwarzen Inseln.
Zuweilen ging ein sanftes Hauchen durch die finsteren Bäume, als hätte
die Natur im Schlummer wohlig aufgeatmet. Und wenn es kam, dieses kurze
linde Hauchen, trug es von den Almen den Wohlgeruch der Brunellen ins
Tal herunter, einen süßen Duft, der an köstliches Gewürz erinnerte.
Immer wieder blieb Ettingen stehen, auf den Bergstock gestützt, und
träumte hinein in das nächtliche Schweigen des Waldes.
»Wie schön! Und soviel Ruhe!«
Als er leis diese Worte vor sich hin murmelte, zuckte es über die langen
Bergwände der Hohen Munde wie ein falbes Leuchten. Das währte nur einen
Augenblick, doch alle Farben des Waldes, der Felsen und Almen erwachten
in dieser Sekunde, um mit der nächsten wieder in Schlaf und Finsternis
zu versinken.
»Was war das? Der Himmel ist klar --«
»Weit draußen im Flachland muß a Wetter stehn. Da draußen hat's blitzt.
Dös war der Widerschein.«
Ettingen lauschte, als müßte er den fernen Donner hören. In den
sternfunkelnden Lüften blieb's ruhig und still.
Er lächelte. »Sturm und Wetter da draußen. Hier die Ruhe! Das Schweigen
im Wald!«
Sie schritten weiter.
Zwei Stunden waren sie fast gewandert, und über den östlichen Bergen
begann sich schon der Himmel zu lichten, als ihnen durch den Wald, in
dem der Weg immer steiler wurde, leichte Nebelschleier langsam
entgegenschwebten.
»Das Wetter von da draußen schickt seine Vorreiter in die Berge herein«,
sagte Ettingen, »der Tag wird trüb werden.«
»Gott bewahr, Duhrlaucht! An schönern Tag haben S' noch nie net gsehn!
Der Nebel da, dös is bloß der Seedampf. Wissen S', zwischen die Felsen
droben, da liegt der Firnschnee umanand. Da bleibt auch im heißen Sommer
d'Nacht schön frisch. Und in der Fruh, da fangt der Sebensee zum Rauchen
an. Dös muß so sein, dös is 's allerfeinste Wetterzeichen.«
Es währte nicht lang, und sie waren völlig eingehüllt von den ziehenden
Dämpfen. Man konnte auf zwanzig Schritte kaum noch einen Baum
unterscheiden. Daß in den Lüften der Tag erwachte, sah man nur an dem
Grau des Nebels, der immer lichter und lichter wurde.
»Wie lange haben wir noch zu steigen?« fragte Ettingen.
»A Viertelstündl. Da is schon der See.«
Aber vom See war keine Spur zu gewahren. Es hoben sich nur ein paar
grobe Felsblöcke des Ufers von dem weißlichen Rauch mit verschwommenem
Dunkel ab, man hörte das leise Geplätscher, mit dem das Wasser die
Steine umspülte, und tief aus dem Ehrwalder Tal herauf summte das
Brausen des Wasserfalles, der den Abstrom des Sees hinunterwarf über
turmhohe Wände.
Der Pfad stieg immer mehr und verlor sich in ein steiles Latschenfeld.
Als die Jäger einmal rasteten, hörten sie auf dem Weg die Steine
klirren. Wie ein dunkler Schatten huschte ein großes Tier an ihnen
vorüber und verschwand im Rauch.
»War das ein Stück Hochwild?«
»Ja, ja, wird schon so was gwesen sein!« Pepperl schmunzelte. Er brachte
es nicht übers Herz, seinem Jagdherrn ins Gesicht zu sagen, daß er im
Nebel einen Maulesel für Hochwild angesehen hätte. »Gar weit haben wir
nimmer hin bis zum Hirsch, jetzt müssen wir d' Füß a bißl in acht
nehmen.«
Lautlos kletterten die beiden Jäger zwischen den Latschen hinauf. Je
höher sie kamen, desto häufiger schüttelte Pepperl den Kopf. »Jetzt
dürft sich der Nebel bald verziehen! Oder es spuckt in der Fechtschul!«
Minute um Minute verging, und es wurde nicht lichter. Wohl hauchte
manchmal ein frischer Windzug von den unsichtbaren Wänden nieder, aber
der Nebel lag fest und wollte nicht weichen.
Sie hatten im steilen Latschenfeld einen Rasenbuckel erreicht, als
Pepperl flüsternd im Klettern innehielt: »Jetzt können wir nimmer
weiter! Der Hirsch muß in der Näh sein, auf'n schönsten Schuß. Was
machen wir jetzt? Teufi, Teufi, Teufi! Wenn's schief geht, Duhrlaucht,
kann ich nix dafür! So a Hundsnebel, so a miserabliger!«
Ettingen tröstete leise: »Machen Sie sich keine Sorgen, Pepperl! Wenn
auch die Pirsche fehlschlägt, der Weg war wunderschön und hat mir Freude
gemacht.«
»Der Weg? No ja, a schöner Weg is auch was Schöns. Aber lieber wär mir
der Hirsch. Wenn nur der Teufel den Nebel kreuzweis reiten möcht!«
Als wäre der fromme Wunsch des Jägers an die richtige Adresse geraten,
so fuhr im gleichen Augenblick ein scharfer Windstoß über das
Latschenfeld herunter und riß die wallenden Schleier entzwei.
»Mar und Joseph!« lispelte Pepperl. »Duhrlaucht! Der Hirsch!«
Kaum hundert Schritte von den Jägern entfernt, kam der Hirsch gemächlich
durch die Latschen gezogen und gabelte mit dem mächtigen Geweih wie
spielend in die Büsche. Doch ehe Praxmaler die Büchse spannen und dem
Fürsten reichen konnte, war der Nebel schon wieder zusammengeflossen,
alles grau verhüllend.
Pepperl zitterte vor Aufregung an allen Gliedern und flüsterte: »Teufi,
Teufi, Teufi, jetzt is gfehlt! Jetzt hat er uns gleich im Wind. Und
nacher bhüt dich Gott, Hirscherl!«
Da hörten sie in nächster Nähe das Brechen von Zweigen und den Schritt
des Wildes. Wie ein großer, grauer Schemen tauchte dicht vor ihnen der
Hirsch im Nebel auf. Nun verhoffte er und wandte sich zur Flucht -- aber
da krachte auch schon der Schuß. Im Nebel war der Hall der Büchse dumpf
und kurz, man hörte kein Echo, nur ein mattes Gepolter im Geröll, über
das der Hirsch gegen das Seetal hinunter flüchtete. Dann Stille.
Dem Praxmaler-Pepperl klopfte das Herz, daß man es hören konnte wie
dumpfen Hammerschlag. Und die Hände um die Ohren höhlend, lauschte er
talwärts.
Scharf blies der Wind von den Felsen. Der Nebel kräuselte sich um die
Büsche und flatterte, wurde lichter und lichter, und in der Höhe begann
es schon zu schimmern wie mattes Blau und wie ein Rätsel des
Sonnenglanzes. Da rissen die Schleier entzwei -- wie sich ein Vorhang
teilt, der ein heiliges Wunder verhüllte. Leuchtende Matten sah man, ein
steiles Latschenfeld in blauem Schatten, hier eine graue Wand und dort
eine Reihe scharfgeschnittener Spitzen, rosig angeflogen vom Schein der
Morgensonne. Nur wenige Minuten, und die Höhe, auf der die Jäger ruhten,
war völlig nebelfrei. Groß und schweigend dehnte sich rings um sie her
die Felsenwildnis, in mächtigem Halbkreis umzogen von starrendem Gewänd.
Ihnen zu Füßen lag der Nebel ausgegossen, flach und weiß wie Milch, und
drüben stiegen aus dem Meer dieser silbernen Dünste die Steinkolosse der
Wetterschrofen auf, über deren wild zerrissenen Grat die goldleuchtenden
Schneegehänge der Zugspitze herüberblinkten.
Immer rascher zog und streckte sich der Nebel, und während seine
tieferen Massen gegen Osten hinausströmten über das Geißtal, lösten
seine höheren Ränder und Zungen sich auf in blaue Luft. Allmählich
enthüllten sich im Westen die schön gewellten Waldberge von Lermoos und
Reutte, das Ehrwalder Tal entschleierte sich mit seinem blitzenden Bach,
mit seinen Wiesen und ausgestreuten Häusern. Schon sah man die Ehrwalder
Alm, auf der sich mit dem fernen Gebrüll der Rinder die jauchzende
Stimme eines Hirtenbuben mischte. Schon stachen die Wipfel des
Sebenwaldes schlank und spitz aus dem Nebel heraus. Noch eine kurze
Weile, und aus den in Luft und Sonne zerfließenden Dünsten leuchtete ein
stilles grünes Wasserauge aus der Tiefe herauf: der Sebensee, ein
kreisrundes Felsenbecken, erfüllt mit einer Flut von so kristallener
Klarheit, daß man jeden Steinblock und jeden versunkenen Baum auf dem
Grunde deutlich unterscheiden konnte. Steinhalden und flache Almfelder
umsäumten auf der einen Seite den See, auf der anderen wurde sein Ufer
gebildet durch mächtige Felsklötze, durch schroffe Wände und steile
Latschenbeete, zwischen deren vereinzelten Zirbenbäumen und Fichten das
Schindeldach einer kleinen Hütte leuchtete.
»Solch einen Morgen zu sehen! Ist das nicht schöner als alle Jagd?«
Zum Glück für den weidmännischen Respekt, den ein Jäger vor seinem
Jagdherrn haben soll, überhörte Pepperl diese stille, lächelnde
Weisheit. Denn ehe der Fürst noch ausgesprochen hatte, war Praxmaler
aufgesprungen, als hätte er plötzlich bemerkt, daß er auf glühenden
Kohlen säße.
»Mar und Joseph! Duhrlaucht! Der Hirsch! Da drunten liegt der Hirsch!«
Die Freude schien den Pepperl in einen Wahnsinnigen verwandelt zu haben.
»Jesses Maria! Da liegt der Hirsch! Da liegt er ja! Da liegt er! Da
liegt er!« Ein Jauchzer, daß alle Wände widerhallten von diesem
jubelnden Schrei. Und in der einen Hand den Bergstock, in der anderen
die Büchse, hetzte Pepperl über Büsche und Geröll hinunter, daß es
anzusehen war, als müßte er sich bei jedem Sprung überstürzen, um Hals
und Beine zu brechen. Jetzt verschwand er in den Latschen. Ein heller
Jauchzer kündete, daß er mit gesunden Gliedern den Hirsch erreicht
hatte.
Nun stieg auch Ettingen hinunter, und als er die Mulde erreichte,
zwischen deren Büschen der Hirsch, mit der Kugel im Herzen, verendet
niedergebrochen war, kam Pepperl ihm schon entgegen, mit einem Sträußl
blühender Almrosen in der zitternden Hand. Die Augen des Jägers blitzten
vor Freude, seine Wangen brannten vor Erregung. »Gratalier, Herr Fürst!
Gratalier zum ersten Hirsch bei uns! Da kommen S' her! Schauen S' ihn
an! Was dös für a Hirsch is! A Gweih hat er droben -- Teufi, Teufi,
Teufi, is dös a Gweih! Und den Schuß, den er hat! Im Nebel so an Schuß
machen! Wie naufzirkelt aufs Blatt! Gelten S', Duhrlaucht? Gelten S',
dös freut Ihnen? Gelten S', ja? Und schauen S', Duhrlaucht -- weil S'
jetzt die allerschönste Freud haben -- jetzt muß ich gleich was
raussagen! Gestern auf d' Nacht, meiner Seel, es is wahr: da hab ich
mich schauderhaft aufgführt! An Rausch hab ich ghabt, daß ich mich
selber schenier! Und im Rausch, da bin ich mit'm Herrn Kammerdiener
zammgwachsen und hab ihm schieche Sachen gesagt. Schieche Sachen,
Duhrlaucht, schieche Sachen!« Er schnaufte wie ein von schwerer Bürde
Erlöster. »Jetzt is's heraußen! Gott sei Dank!« In Zerknirschung guckte
er an seinem Herrn hinauf. »Ich bitt schön, Duhrlaucht, tun S' mir halt
gnädig verzeihen! Gschehen soll's nimmer, da leg ich mei Hand dafür ins
Feuer! Tun S' mir halt verzeihen! Gelten S', ja?«
Lächelnd hatte Ettingen diese drollig wirkende Beichte angehört. Nun
klopfte er dem Jäger freundlich auf die Schulter. »Ja, Pepperl, die
Sünde soll vergeben und vergessen sein! Aber nehmen Sie ein andermal
Ihren Durst in festere Zügel! Und nun sagen Sie mir -- hat Ihnen Martin
Ursache gegeben, daß Sie grob gegen ihn wurden?«
Eine dunkle Blutwelle schoß dem Jäger ins Gesicht, aber er sagte
entschieden: »Na, na, Duhrlaucht, gwiß net! Der angfangt hat, der bin
schon ich gwesen!« Ein Glück, daß sich Ettingen zu dem erlegten Hirsch
wandte, um das Geweih zu betrachten. Länger hätte Pepperl den
forschenden Blick seines Herrn kaum ertragen, ohne in Verlegenheit zu
geraten. Nun atmete er erleichtert auf, kreuzte die Fäuste über der
Brust und tat einen dankbaren Blick zum Himmel, wie einer, der sagen
will: »Gott sei Dank, jetzt bin ich wieder gsund!« Dann warf er die
Joppe ab und zog das Messer, um an dem erlegten Hirsch das weidmännische
Handwerk zu üben.
»Das seh ich nicht gerne«, sagte Ettingen, »bei dieser Arbeit laß ich
Sie lieber allein. Ich steige zum See hinunter und warte dort, bis Sie
nachkommen.«
Die Büchse zurücklassend, folgte er einem Almsteig, der in Windungen
durch das Latschenfeld zum Seeufer hinunterführte. Als er zu den lichter
stehenden Bäumen kam, vernahm er den süßen Schlag einer Ringdrossel. Er
lächelte. Der zärtliche Vogelruf erweckte in ihm die Erinnerung an jenen
ersten Abend, an jene seltsame Begegnung im schweigenden Wald.
In Gedanken versunken, folgte er dem Pfad und blickte erst wieder auf,
als er den See erreichte. Still und schimmernd lag die grüne Flut zu
seinen Füßen, durchsichtig wie Glas. Die glatte Oberfläche war
durchzogen von langen Silberstrichen und spiegelte mit reinen Linien
und grün behauchten Farben alle Felsblöcke des Ufers, die Bäume und
einen sonnbeglänzten Berg. Hunderte von den kleinen Blütenkelchen der
Alpenrose waren ausgestreut über den See und schwammen gleich winzigen
Blutstropfen im stillen Grün.
Lange stand Ettingen in Schauen vertieft, bevor er dem linken Ufer
folgte, auf dem sich zwischen Wasser und steilem Berggehäng ein
halbverschütteter Pfad erkennen ließ.
Durch eine tiefgeschnittene Bergscharte glänzte schon die Sonne herein
ins Seetal und durchleuchtete am Ufer einen breiten Streif des Wassers.
Große Forellen standen so dicht am Spiegel, daß ihre sacht spielenden
Rückenflossen halb aus dem Wasser ragten. Wenn sie den einsamen Wanderer
gewahrten, machten sie eine jähe Wendung, schwammen pfeilschnell der
grünen Tiefe zu, und wo sie gestanden, blieb eine silberblitzende Linie
zurück.
Ettingen hatte den Pfad verloren und konnte nicht mehr weiter. Ein
hoher, überhängender Felsblock stieg vor ihm aus dem Wasser auf und
sperrte den Weg. Aber die Nische, die der mächtige Steinwall bildete,
bot ein freundliches Plätzchen zum Rasten -- und das mußte auch schon ein
anderer gefunden haben, denn unter dem Fels war eine Bank aus Steinen
zusammengetragen und mit Fichtenzweigen und Moos belegt.
Er ließ sich nieder. Hatte der Weg ihm so warm gemacht? Er fühlte ein
heißes Brennen auf den Wangen und schöpfte mit der Hand von dem kalten
Wasser, um die Glut seines Gesichtes zu kühlen.
Dann saß er, die Arme übers Knie gelegt, und während er träumend in die
stille grüne Flut blickte, spann er lächelnd die Gedanken weiter, die
ihn begleitet hatten, seit er den Schlag der Drossel vernommen.
Und seltsam! Wie kann nur eine Erinnerung sich so lebhaft vor den Augen
gestalten? Als wäre sie aus seiner Seele herausgetreten in die Luft, vor
seinen Füßen versunken im See! Zwischen dem Spiegelbild der Alpenrosen,
die über den Saum des Felsens niederhingen, sah das schöne »Schweigen im
Walde« aus der Flut zu ihm herauf wie ein ernstes Nixengesichtchen mit
großen Augen! Die lockig aufgelösten Haare, die das Gesicht
umschwankten, schienen im grünen Wasser zu schwimmen und aus der Tiefe
heraufzustreben. Jetzt kam eine Hand und strich die Locken zurück -- im
gleichen Augenblick verschwand das Gesicht, und jäh erweckt aus seiner
träumenden Märchenstimmung, fuhr Ettingen betroffen auf. Nicht seine
eigenen Gedanken hatte er gesehen, sondern ein Spiegelbild der
Wirklichkeit. Und als er hinaufspähte zum Rand des Felsens, hörte er das
Rieseln kleiner Steine und einen leichten Schritt, der sich entfernte.
Dann wieder Stille. Von den überhängenden Büschen flatterten ein paar
Almrosenkelche wie rote Käferchen durch die Luft herunter und fielen in
die Flut.
»Das schöne Wunder geht um! Auf jedem meiner Wege!« murmelte Ettingen
lächelnd vor sich hin und wanderte am Ufer zurück, um den verlorenen Weg
zu suchen.
Da fühlte er wieder jenes Brennen im Gesicht, und wieder schöpfte er
Wasser mit der Hand, um die schmerzenden Wangen zu kühlen.
Er fand den Pfad, der steil durch die Latschen hinaufkletterte und zur
Höhe des überhängenden Felsens führte. Und da versperrte ihm ein
lebendiger Riegel den Weg -- ein Esel, der von den dürren Ästen einer
altersmüden Fichte die zarten Fäden der Bartflechte herunterschmauste.
»So? Bist du auch da? Guten Morgen!«
Ettingen streckte die Hand, um das Grautier zu locken. Aber der Esel
machte scheue Augen, schüttelte trotzig die langen Ohren, schlug mit den
Hinterfüßen aus und sauste durch die Latschen gegen den See hinunter.
Lachend sah ihm Ettingen nach: »Wenn deine märchenhafte Herrin nicht
freundlicher ist --«
Über den Zweigen einer Erlenstaude sah er ein dunkelblaues, noch
feuchtes Schwimmkleid und einen weißen Bademantel zum Trocknen
ausgebreitet.
Besonders empfindlich und verzärtelt schien sie nicht zu sein, die
schweigsame Waldfee! An solch einem frischen Bergmorgen in 1600 Meter
Höhe ein Seebad mit zehn Grad Reaumur? Das war ein etwas gruseliges
Vergnügen, gegen das sich unter Umständen auch eine gesunde Männerhaut
energisch wehren konnte. Und solch ein knospenhaftes, zierlich schlankes
Ding, das die Zwanzig kaum überschritten haben konnte. Schon
überschritten? Nein! Aus den großen, ruhigen Augen blickte wohl ein
klarer Lebensverstand, wie ihn frühe Jugend nicht besitzt. Doch die
schmalen Wangen hatten noch etwas Kindhaftes, und der schöne Mund
erzählte von der unberührten Reinheit einer Mädchenseele, die nur Sonne
erlebt habt konnte, keinen Sturm und Schmerz.
Wer sie sein mochte? Und was suchte und trieb sie hier? Daß sie die
Natur liebte, sich selbst genug war und sich wohl fühlte in der
Einsamkeit, das war ein gutes Zeugnis für ihr Wesen und ihre
Geistesbildung. Wer die Welt nicht nötig hat, ist immer reicher als die
Welt. Und die Einsamkeit verträgt nur jener, der sich selbst in jeder
Stunde etwas zu sagen hat.
Wer war sie? Vielleicht die Tochter stadtmüder Leute, die dort unten im
Ehrwalder Tal ihre Sommerfrische genossen? Nein! Wenn sie noch Eltern
hätte? Die würden ihrem Kinde solche Freizügigkeit nicht gestatten, auch
nicht einem Kinde, das neben eigenen Gedanken auch Mut und eigenen
Willen hat. Denn Mut gehört dazu, wenigstens für ein Mädchen, so einsam
in menschenferner Bergwildnis zu hausen.
Aus dem dichten Latschenfeld war Ettingen auf eine von wenigen alten
Wetterfichten überschattete Lichtung getreten, die einen freien,
herrlichen Ausblick bot über den See und gegen das Geißtal hinaus, über
den Sebenforst und das Ehrwalder Tal. Inmitten des Platzes erhob sich
ein kleines Blockhaus, aus dessen eisernem Kaminrohr sich milchblaue
Rauchwölklein emporkräuselten in die sonnige Morgenluft. Überall an den
Balken der Hütte schlangen sich Efeuranken bis unter das vorspringende
Dach, bildeten über der halboffenen Tür eine kleine Laube und ließen von
den Holzwänden nicht viel mehr gewahren als zwei kleine, mit grünen
Läden versehene Fenster, hinter deren blanken Scheiben rote Vorhänge
schimmerten. Neben der Tür zog sich an der Wand eine Holzbank hin, auf
der eine Messingpfanne zwischen hölzernen Tellern und weißem Teegeschirr
zum Trocknen in der Sonne stand. Ein Stangenzaun, an dem eine Zeile
junger Fichtenbäumchen angepflanzt war, zog sich im Geviert um die Hütte
und umschloß einen sorgsam gepflegten Garten, der sich mit seinen
leuchtenden Blumenbeeten und seinen weißen, kiesbestreuten Wegen gleich
einer lieblichen Oase von der wilden Unkultur der Umgebung abhob. Auf
diesen Beeten blühten keine Zierblumen, wie sie in den Gärten des Tales
heimisch sind. Eine kundige Gärtnerhand hatte hier gesammelt und durch
Pflege veredelt, was zwischen der Waldgrenze und den Schneefeldern der
Berge an Blumen gedeiht. Neben feurigen Alpenrosen schimmerten die
blauen Glocken des Enzian; Speik und Edelraute blühten neben dem
Almrausch, dessen zarte, rosige Dolden schon zu verwelken begannen,
Mardaun und Brunellen neben Arnika und zierlichen Orchisarten, und ein
aus Felsen aufgebauter Hügel trug in seinen mit Erde ausgefüllten
Spalten die kleinen blaßgrünen Stauden des Edelweiß, dessen Stöcke, nach
den frischen saftigen Blättern zu schließen, hier gut zu gedeihen
schienen, obwohl sie ohne Blüten waren. Die Farben dieser Bergblumen,
die hier in reicher Fülle gesammelt waren, hatten etwas Ungewöhnliches
und Seltsames, und zu dem überraschenden Anblick gesellte sich der
fremdartige, süße Duft, den die blühenden Beete in den reinen Morgen
hauchten.
Ein einziger Baum stand im Garten, in einer Ecke des Zaunes. Und der
wunderliche Wuchs dieses Baumes stimmte zu allem übrigen, als hätte ihn
die romantische Laune eines Künstlers unter Tausenden ausgewählt und
hierhergestellt, um den ungewöhnlichen Eindruck dieses Gartenbildes noch
zu erhöhen. Es war kein Baum -- es waren sieben Bäume in einem: eine
uralte riesige Zirbe, auf deren harfenförmig ausgebogenem Hauptstamm
sieben senkrecht nebeneinander aufsteigende Äste sich zu starken Stämmen
ausgewachsen hatten. Der Baum war anzusehen wie eine gewaltige grüne
Leier. Und diese Leier klang auch! Wenn der sachte Wind die Äste
bewegte, ging ein lindes Rauschen durch die zottigen Nadelbuschen, und
mit diesem Grundton klangen feine Glockenstimmchen zu einem weichen,
traumhaften Akkord zusammen.
Verwundert -- recht wie einer, der im Märchen die Pforte einer bezauberten
Stätte betritt -- zur Neugier gereizt und doch von einer seltsamen Scheu
zurückgehalten, stand Ettingen vor der Umfriedung des Gartens. Bald
glitt sein Blick über die Blumen hin, bald suchten seine Augen in den
Wipfeln des Harfenbaumes die tönenden Glöckchen, bald wieder musterte er
die Hütte und spähte nach Tür und Fenstern.