Lächelnd nickte der Fürst ihm zu. »Ausgeschlafen, Pepperl?«

Die freundliche Ansprache verwandelte den Jäger in einen anderen

Menschen. Seine Gestalt streckte sich, als wäre ihm alle Müdigkeit der

durchwachten Nacht aus den Gliedern geblasen. »Grad hab ich noch a

Stünderl nachgholt«, sagte er mit verlegenem Lachen, »denn dös is wahr,

Herr Fürst, heut nacht hab ich a bißl z'viel derwischt.« Kleinlaut, als

bedürfte diese Tatsache einer Entschuldigung, fügte er bei: »Enker Wein

is so viel stark. Allweil brummt's mir noch a wengerl unter die Haar.«

Das kam so drollig heraus, daß Ettingen lachen mußte. Auch der Förster

lachte und sagte gutmütig: »No also, leg dich halt wieder nieder auf

d'Ohrwaschln! Die gnädig Duhrlaucht gibt dir dienstfrei übern Tag. Aber

bis zur Abendpirsch mußt wieder a lichts Köpfl haben. Oder ich wasch dir

deine Schneckerln!«

»Wird's net brauchen!« stotterte Pepperl. »Und schlafen? Dös gibt's net!

Jetzt pack ich zamm und marschier aussi zum Sebensee.« Er wandte sich an

den Fürsten. »Wissen S', Duhrlaucht, beim Sebensee draußen, da steht

unser bester Hirsch. A Vierzehnergweih hat er droben, nix Schöners

gibt's nimmer auf der Welt. Heut am Abend schau ich mir sein Auszug an,

und wenn er am richtigen Fleckl steht, so müssen S' mit, Duhrlaucht,

gleich morgen in der Früh! Die Freud, Herr Fürst, daß S' Enkern ersten

Hirsch mit'm Pepperl schießen -- die Freud, die ^müssen^ S' mir machen!

Recht schön tät ich bitten drum. Gelten S', ja?«

»Ja, Pepperl, den holen wir uns morgen.«

In seiner Glückseligkeit schrie Pepperl einen klingenden Jauchzer in die

Sonne. Dabei fuhr er mit dem Kopf so derb gegen einen vorspringenden

Balken der Hütte, daß der Förster rief: »Hö, hö, hö, laß mir wenigstens

's Häusl noch stehn!«

»Ja, schiergar hätt ich's mit umgrissen!« lachte Pepperl, rieb sich die

Haare und verschwand mit brennendem Eifer in der Hütte.

Als er nach einer Weile, fertig für den Pirschgang, wieder aus der Tür

trat, war der Förster mit dem Jagdherrn schon im Wald verschwunden.

Lustig blinzelnd lugte Pepperl zum Fürstenhaus hinauf und gewahrte an

einem offenen Fenster den Kammerdiener. »Ja, Mannderl! Morgen fallt der

Vierzehner. Nacher kannst mich verklampern, wie d' magst!« Schon wollte

er mit langen Schritten seinen Weg beginnen. Da blieb er erschrocken

wieder stehen und blickte sorgenvoll zur Sennhütte hinunter. »So,

schön! Jetzt bleibt dös dumme Madl den ganzen Tag ohne Aufsicht! Mar und

Joseph, was tu ich denn da?« Zu dieser Sorge bekam der Praxmaler-Pepperl

zu merken, daß es im Himmel einen gütigen Herrgott und draußen in der

Leutasch einen gestrengen Bauern gab, der wöchentlich von der Tillfußer

Alm seine zwanzig Pfund Butter sehen wollte.

Drunten an der Sennhütte wurde die Türe gesperrt, und Burgi, mit der

hohen, gegen die Sonnenwärme dick vermummten Butterkraxe auf dem Rücken,

schritt über das Almfeld hinunter.

Ein Aufglänzen selbstloser Schutzengelfreude leuchtete über das Gesicht

des Jägers. »Gott sei Lob und Dank! 's Madl muß abtragen. Da kommt's vor

Abend nimmer zruck!« So rechnete Pepperl in Gedanken. »Derweil is der

Herr Fürst wieder daheim. Und da muß er bei der Arbeit sein, der

Gschniegelte!« Mit einem seelenvergnügten Jauchzer quittierte er das

Ergebnis dieser Rechnung und rief -- unverkennbare Schadenfreude im Ton

der Stimme -- über das Almfeld: »He! Burgi! Tu dein braven Vatern schön

grüßen, gelt!« Und mit langen Sprüngen hetzte er schräg durch den Wald

hinunter.

Es dauerte nicht lang, da erschien unter der Türe des Fürstenhauses der

Herr Kammerdiener in weiß und grün gestreifter Hausjacke, eine Zigarre

zwischen den Zähnen und ein weißes Hütchen auf dem schön frisierten

Kopf. Den Rauch in die Sonne blasend und dazwischen eine Arie aus

Rigoletto pfeifend, spazierte er über das Almfeld hin und her. Wie

zufällig geriet er vor die Sennhütte -- und fand die Tür verschlossen.

»Fräulein Burgi!« rief er leis durch die Ritzen der Bretter. »Fräulein

Burgi!«

Als er keine Antwort erhielt, wanderte er verstimmt davon. Beim

Jägerhäuschen blieb er stehen und blickte durch das offene Fenster.

Drinnen lag Mazegger angekleidet auf dem Bett, das Gesicht in die Arme

vergraben.

»Heda! Sie!«

Der Jäger erhob sich. Seine Augen waren heiß gerötet.

»Halten Sie sich fertig bis in einer Stunde. Sie haben einen Brief nach

Leutasch zu bringen, der noch heut mit der Post nach Innsbruck muß.«

Mazegger biß die Zähne übereinander.

Als gält' es ein hochwichtiges und unaufschiebbares Geschäft zu

erledigen, eilte Martin ins Fürstenhaus hinauf, holte aus seiner Kammer

ein Notizbuch und ein Zentimeterband, begab sich in das »Grafenstübchen«

und verriegelte hinter sich die Tür. Hier saß er eine Weile und

betrachtete nachdenklich den anspruchslos möblierten Raum und die

weißgetünchten Wände. Dann maß er alle Mauern und Fenster ab -- und begann

in sein Notizbuch eine lange Liste zu schreiben:

1. Zartgeblumte Seidentapete auf mattblauem Fond, für 46 qm Wandfläche;

Plafond 16 qm.

2. Für zwei Fenster seidene Gardinen von etwas tieferem Blau; Spitzen

als Unterlage; Leisten in Weiß und Silber; Stores in gedämpftem Rosa

oder zartem Heliotrop, mit allem Zubehör.

3. Portieren für eine Tür, Stoff und Farbe der Gardinen; ohne Spitzen;

mit allem Zubehör.

4. Englischer Teppich, 16 qm, 4:4, dem Blumenmuster der Tapete

entsprechend.

So schrieb und schrieb er, bis die Liste über fünf Seiten seines

Notizbuches angewachsen war. Dann verließ er das Stübchen, versperrte

die Tür und steckte den Schlüssel zu sich.

Eine halbe Stunde später trug Mazegger einen Brief davon, der an einen

Hotelier in Innsbruck adressiert war. --

Für fünf Uhr nachmittags war das Diner befohlen. Wenige Minuten früher

kehrte der Fürst zurück.

Trotz der siebenstündigen Wanderung, die kreuz und quer durch Wälder und

Latschenfelder und über steile Almen gegangen war, verriet seine Haltung

keine Spur von Müdigkeit. Sein Gang war fester als am Morgen, seine

Augen hatten Leben und Feuer, und die heiße Julisonne hatte ihm das

Gesicht verbrannt, daß es glühte -- nur die Stirne, soweit sie im

Schatten der Hutkrempe lag, war weiß geblieben.

»Martin!« rief er dem Diener zu, der in seiner schwarzen Gala schon

wartend am Zauntor stand. »Nur flink die Suppe! Mich hungert.«

Mit einem Sprung nahm der Fürst die drei Stufen, die zur Haustür

hinaufführten.

Eine minder gute Laune schien Förster Kluibenschädl von dem weiten Weg

nach Hause zu bringen. Beim Steigen mußte ihm ein kleines Malheur

passiert sein: von der Lederhose, die auch sonst sehr übel zugerichtet

war, hing ein handgroßer Rißlappen herunter. Ohne beim Försterhäuschen

anzuhalten, ging er auf die Jägerhütte zu; es gewitterte in seinen

kleinen Blitzaugen. Als er die Hütte leer fand, lachte er.

»So so? Net daheim bist? Aber wart nur, Bürscherl, auf d' Nacht, da

kommst mir schon!«

Nach einer Weile kräuselte sich vom Dach des Försterhäuschens der blaue

Rauch mit spielenden Ringeln hinauf in die linde, reine, sonnige

Abendluft.

Der einsame Koch -- an Stelle der blessierten Lederhose trug er ein graues

Beinkleid von wahrhaft vorsintflutlichem Schnitt, mit großen Buckeln an

den Knien -- hatte den Schmarrenteig angerührt und ließ ihn aus der

Holzschüssel in das prasselnde Schmalz rinnen.

Nachdem er gespeist und das Geschirr wieder säuberlich gespült hatte,

nahm er das Geheimnis von Woodcastle aus der Schublade und begann zu

lesen. Recht zum Übel für seine ärgerliche Stimmung kam er da gerade an

das Kapitel, in dem die Feinde Lord Fitzgeralds, über ihren gelungenen

Schurkenstreich triumphierend, sich zu einem üppigen Mahl

zusammenfanden, bei dem die Austern mit Chablis, der Lachs mit Burgunder

und die gebratenen Fasanen mit Champagner begossen wurden. Den Leser

empörte diese ungerechte Verteilung der irdischen Freuden: während der

gute, schuldlose Lord im tiefsten Kerker »lechzete«, inzwischen

schwelgten und schlemmten die »ruchlosen Buben« auf seine Kosten!

»Himmelkreuzteufel noch amal! Da sollt doch der liebe Herrgott

dreinfahren mit'm Dreschflegel. Müssen denn die schlechten Kerln allweil

obenauf sein und die Guten allweil unterliegen? Meiner Seel! Da könnt

ein' 's Leben verdrießen!« Das Geheimnis von Woodcastle sauste wieder in

einen finsteren Winkel der Schublade.

Seufzend erhob sich der Förster, nahm die zerrissene Lederhose vom

Zapfenbrett und betrachtete den Schaden. »Flicken wir s' halt wieder!«

Aus einer Truhe, die unter dem Bett stand, holte er sein

»Nahtereischachterl« hervor, und da es im Stübchen schon dämmerig wurde,

setzte er sich mit seiner Flickerei auf die Schwelle der Hüttentür.

Es wurde ihm schon heiß, noch ehe die Arbeit recht begonnen hatte. Auch

die gröbste Nadel, die er besaß, war zu »gring« für seine dicken Finger;

er konnte sie kaum fassen und halten; der grobe Zwirn wollte nicht durch

die Öse gleiten und dröselte sich auf; und weil der Förster den doppelt

genommenen Faden zu stark gewichst hatte, glitschte er ihm beim

Schlingen des Knotens immer wieder aus. Endlich war er soweit, um den

ersten Stich zu machen. Da stach er sich auch gleich in den Finger.

Seufzend leckte er den kleinen Blutstropfen ab, hielt den Finger übers

Knie und klopfte ihn mit der Faust. Dann nähte er weiter. Nach jedem

Stich zog er so grimmig an, daß der Faden sich spannte wie eine Saite.

Dabei wurde die Naht so pfriemig wie ein schlecht geheilter

Studentenschmiß.

Als die harte Arbeit mit Not und Seufzen vollendet war, begann es schon

zu dunkeln. Da sah er am Fenster der Jägerhütte den Lampenschein

aufblinken. »So, Bürscherl, bist daheim? Jetzt kommst mir aber grad in

Wurf!« Er trug die geflickte Hose und das Nähzeug in die Stube und ging

hinüber zum Jägerhaus.

Mazegger kniete vor dem eisernen Sparherd, um Feuer anzuschüren.

»Du? Wo warst denn heut?«

Zögernd erhob sich der Jäger. Er schien es gleich zu merken, daß sich

ein Gewitter über ihm entladen sollte. »Der Kammerdiener hat mir einen

Brief übergeben. Den hab ich nach Leutasch getragen.«

»So? Da kannst freilich aufs Wild net aufgschaut haben. Aber was hast

denn gestern gsehen? Auf der Abendpirsch?«

»Nichts.«

»So? Gar nix? Und gegen Leutasch naus bist gwesen? Im Hämmermoos?«

Mazegger wandte sich zum Herd und nickte.

Da brach das Gewitter los. »Du Lugenschüppel, du gottverlassener! Da

schau her!« Der Förster griff in die Joppentasche und warf dem Jäger die

Sichel einer Spielhahnfeder vor die Füße. »Da hast dein Federl wieder!

Am Steig zum Steinernen Hüttl droben hab ich's gefunden. Warum lügst

mich denn so an?«

Brennende Röte war über das bleiche Gesicht des Jägers geflogen. Seine

Augen funkelten.

Der Förster betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Dabei verrauchte

sein Zorn, und er sagte mit ruhigem Ernst: »Toni! Jetzt will ich dir die

letzte Verwarnung geben. 's Lugen vertrag ich net. Alles kann ich eim

Jager verzeihen, a Jager is auch nur a schwacher Mensch. Aber 's Maul

wenn er aufmacht im Dienst, muß ich a wahrs Wörtl hören. Und drum sag

ich dir's jetzt als dein Fürgsetzter: lügst noch an einzigsmal, so

kannst deine sieben Zwetschgen packen.«

Schweigend starrte der Jäger in die Lampenflamme und nagte an der Lippe.

»So! Und jetzt reden wir noch von was anderm mitanander, weißt, Tonerl,

als Mensch und Mensch.«

Mazegger drehte langsam das Gesicht über die Schulter, und seine Augen

wurden klein.

»Ich bin dir gut gwesen, Toni, wie ich gut bin zu alle Leut. Ost, wenn

du deine gachzornigen Streich so gmacht hast, hab ich mir denkt: trag's

ihm net nach, er is verwildert, hat als Kind viel Unglück erfahren, hat

d' Mutter hergeben müssen und hat den Vater verloren. Aber wer in

verstandsame Jahr kommt, muß in ihm a bißl aufrichten, was bucklet

graten is. In dir, Toni, wachst sich was aus, was mir Sorgen macht. Und

da fallt dir jetzt noch so an Unsinn ins Blut --«

Der Jäger fuhr auf: »Herr Förster!« Es blitzte in seinen Augen. »Sagen

Sie mir meintwegen als Vorgesetzter, was Sie wollen. Das muß ich

anhören. Was über den Dienst hinaus und mich allein angeht, bitt ich in

Ruh zu lassen!«

»So?« Dem Förster schwollen an den Schläfen die Adern; seine Stimme

blieb ruhig. »So sag ich dir's halt im Dienst: mach du deine Pirschweg

und lauf net allweil deiner Narretei nach, statt dem Jagdschutz! Meinst,

ich weiß net, warum mich gestern wieder anglogen hast und heimlich beim

Steinernen Hüttl droben warst? Ich müßt ein' Eselstritt von einer

Hirschfährten net unterscheiden können. 's Fräuln wird auf der Alm

droben gmalt haben, und da bist ihr wieder nachgstiegen. Toni! Denk a

bißl, wer du bist und wer dös Fräuln is! Ja, schau mich nur an! Und laß

mir dös Fräuln in Ruh! Sonst hast es mit mir z'tun. Brock dir a Blüml,

dös für dich gwachsen is am Weg! Aber streck deine Hand net aus nach eim

Sterndl, dös am Himmel glanzt.«

Mazegger lachte, und ein häßlicher Zug legte sich um seinen Mund. »Ein

Sterndl? So? Da muß freilich ein anderer kommen! Vielleicht so einer wie

unser gnädiger Herr Fürst? Bieten Sie 's ihm doch an! Er hat ihr gestern

eh schon nachspekuliert mit seine hochfürstlichen Augen --«

Weiter kam Mazegger nicht; eine schallende Ohrfeige schnitt ihm die

höhnische Rede ab. Einen Augenblick stand er mit aschfahlem Gesicht.

Dann sprang er wie ein wütendes Raubtier dem Förster an den Hals.

»Du! Ah, schau! So einer bist du!« Sie rangen miteinander, und es

gehörte die zähe Kraft des schweren Mannes dazu, um die Fäuste von sich

abzuwehren, die seinen Hals umschlossen. Ein Ruck, ein Schwung dieser

stählernen Arme, und Mazegger taumelte gegen die Wand. »So, du!« Schwer

atmend brachte Kluibenschädl den aufgerissenen Hemdkragen wieder in

Ordnung. »Über vier Wochen such dir an anderen Dienst! Müßt ich mich net

schenieren, daß ich dem Herrn Fürsten den Grund sag, so tät ich dich

heut auf d' Nacht noch davonjagen. Dem Herrn Fürsten z'lieb soll's

heißen, daß du selber kündigt hast! Verstehst? Und solang 's Fräuln am

Sebensee draußen is, gehst mir nimmer aussi! Dös sag ich dir!« Er drehte

dem Jäger den Rücken und schritt zur Tür.

Leichenblaß und zitternd an allen Gliedern starrte Mazegger ihm nach.

Als der Förster schon in der Tür verschwinden wollte, riß der Jäger das

Messer von der Hüfte. Er machte auch einen Schritt. Dann sank ihm der

Arm. Er schleuderte das Messer fort und preßte die Faust an seine Stirn.

Das hatte der Förster nicht mehr gesehen. Er stand schon draußen in der

Nacht und spuckte aus, als hätte er damit einen symbolischen Punkt

hinter die erledigte Geschichte der letzten Minuten gesetzt. Unschlüssig

blickte er zum Fürstenhaus hinauf, dessen Fenster hell in den dunklen

Abend leuchteten. Ob er nicht doch seinem Herrn den Vorfall melden

sollte? Er schüttelte den Kopf zu diesem Gedanken, ging in seine Hütte

und zündete in dem finsteren Stübchen die Lampe an. Als er auf dem Bett

die geflickte Lederhose liegen sah, nahm er sie und betrachtete beim

Lampenschein die wulstige Naht. »Sakra, Sakra«, brummte er seufzend vor

sich hin, »die wird mich drucken!« Er hängte die Lederhose an den

Kleiderrechen und sah sie mißtrauisch noch einmal an. Dann holte er das

Geheimnis von Woodcastle aus der Tischlade.

Im gleichen Augenblick kam der Praxmaler-Pepperl zur Tür hereingestürmt,

atemlos von einem zweistündigen Dauerlauf. »Herr Förstner! Der Hirsch is

heut am richtigen Fleck! Wenn der Herr Fürst morgen in der Früh mit mir

aussi marschiert zum Sebensee, kommt ihm der Hirsch auf hundert

Schritt.«

»No also, geh nur gleich nauf und mach Rapport!« Pepperl stellte die

Büchse fort und rannte davon. Als er nach einer Viertelstunde

zurückkam, berichtete er mit aller Freude, deren er in seiner

Erschöpfung noch fähig war: »Morgen kracht's. Der Herr Fürst geht mit.

Um zwei in der Fruh wird abmarschiert.« Ans Kochen und Essen dachte er

nimmer. So müde war er. Nur den Wecker stellte er. Dann stieß er die

Schuhe von den Füßen und warf sich angekleidet auf die Matratze.

Eine Minute, und er schlief bereits. Wohl war ihm droben im Fürstenhaus

der »Schwarzlackierte« begegnet. Aber der Gedanke an das »dumme

unbetreute Madl« und an Burgis »armen alten Vater« ging ihm unter in

diesem Bärenschlaf seiner Müdigkeit. Und während Pepperl sägte, saß

Kluibenschädl bei der Lampe und las im Geheimnis von Woodcastle das

spannende Kapitel von Lord Fitzgeralds wunderbarer Rettung. Und die

standhafte Liebe der jungen, »berückend schönen« Lady Maud wirkte so

zaubermächtig auf das Herz des Lesers, daß er dem Dichter sogar den Tod

des armen Lion verzieh.

Er las noch immer, als gegen halb zwei Uhr morgens mit Gerassel der

Wecker ging.

»He! Pepperl! Auf!«

Der Erwachende machte große Augen. »Mar und Joseph! Herr Förstner! Halb

zwei? Und Sie schlafen noch net?«

»Na!« Kluibenschädl wischte sich die Tränen seiner Rührung aus den

Augen. »Aber jetzt haben s' anander, der Lord und die Laadi. Jetzt kann

ich meine Augen zumachen!« Langsam begann er sich zu entkleiden.

»Pepperl, dös Büchl mußt lesen! So was is schön: wenn zwei treue

Liebsleut nach aller Gfahr anander kriegen. Da könnt man schier selber

wieder ans Heiraten denken!« Er seufzte. »Wenn alle Weibsbilder so wären

wie die Laadi!« Trübselig schüttelte er den Kopf und tauchte, während

Pepperl in die Schuhe fuhr, bis an die Nasenspitze unter die Decke.

Ein paar Minuten, und Praxmaler war wegfertig. Als er die brennende

Kerze in die Laterne steckte, fragte er plötzlich: »Bleiben Sie heut

daheim, Herr Förstner?«

»Ja.«

»Da sollten S' Ihnen doch a bißl um den Herrn Kammerdiener kümmern.«

»Warum denn?« klang's mit Gähnen unter der Decke hervor.

»Weil er Langweil haben muß, wenn der Herr Fürst net daheim is.«

»Soll er halt 's Gheimnis vom Wohdekastl lesen!«

»Plauschen, mein' ich, tut er lieber.«

»Soll er mit der Köchin plauschen!«

»Oder mit der Burgi? Net?« Pepperls Hände zitterten, daß die Laterne

klirrte.

»Meintwegen! Mir is alles recht.«

»Aber wissen S', der Burgi gfallt er net recht. Die kann die Stadtischen

net leiden. Und wann er plauscht mit ihr, da könnt s' ihm leicht an

unbschaffens Wörtl sagen, dös ihn verdrießt. Ich mein', da sollten S'

dabei sein. Daß sich 's Madl a bißl zruckhalt, wissen S'!«

»Ja, ja, is schon recht! Laß mich nur jetzt in Ruh! Und schau, daß der

Herr Fürst den Hirsch kriegt! Und halt dich ordentlich auf der Pirsch,

gelt! Daß d' mir kei' Schand net machst!«

»Na, na, da wird sich nix fehlen!« Pepperl holte noch einen schweren

Seufzer aus dem tiefen Brunnen seiner Sorge herauf. Dann ging er. Vor

dem Jagdhaus wartete er mit der Laterne, bis der Fürst aus der Tür trat.

»So, da bin ich, Praxmaler! Es scheint, wir werden gutes Pirschwetter

haben.«

»A Morgen, Duhrlaucht, wie er net schöner sein könnt!«

Martin war hinter dem Fürsten in der Tür erschienen und fragte: »Bis um

welche Stunde werden Durchlaucht wieder zurück sein?«

»Das weiß ich nicht. Pepperl, was meinen Sie?«

Pepperl zog diplomatisch die Achseln auf und schmunzelte, wie man bei

einem glücklichen Einfall lächelt. »Da wird sich was Gnaus net sagen

lassen. Jagd is Jagd. Da kann's gehn, wie's mag. Es kann lang dauern,

aber wir können auch in aller Fruh schon daheim sein. Ja, Herr

Kammerdiener, rühren S' Ihnen nur net weg von Ihrem Posten, damit S' net

am End den Herrn Fürsten verpassen, wann er gahlings heimkommt. So! Und

jetzt geben S' mir Ihr Büxl, Duhrlaucht! Da marschieren S' leichter.

So! Hab die Ehre, Herr Kammerdiener!«

Auch Martin lächelte, während er geschmeidig den Rücken krümmte.

»Weidmanns Heil, Durchlaucht!«

»Weidmanns Dank!«

^Fünftes Kapitel^

Sie wanderten hinaus in die Nacht, Pepperl mit der gesenkten Laterne

voran und hinter ihm der Fürst, etwas unsicher auf dem holprigen Weg,

über den die schwankende Laterne ihren trüben, gaukelnden Schimmer warf.

Aber es währte nicht lang, und das Auge des Fürsten hatte sich an die

Dunkelheit gewöhnt, sein Schritt an den rauhen Pfad.

»Sie können die Laterne löschen«, sagte er, »das Licht stört mich nur.

Ich hab es gerne, in der Nacht zu gehen.«

Pepperl blies die Kerze aus, verbarg die Laterne in einem Busch und ließ

seinen Herrn vorangehen auf dem Weg, der sich in dem schütteren Walde

mit mattem Grau von dem schwarzen Rasen abhob.

Die Nacht war windstill; bald laut, bald wieder leiser werdend,

plauderte der Wildbach wie im Halbschlaf; in tiefer Schwärze stieg der

schweigende Wald bergan, und über den grauen Wänden funkelten am

stahlblauen Himmel die zahllosen Sterne. Die Milchstraße, die draußen

in der dunstigen Ebene auch in hellen Nächten nur matt erkennbar ist,

schlängelte sich über den Sternenhimmel hin wie ein lichter Silberstrom,

unterbrochen von schwarzen Inseln.

Zuweilen ging ein sanftes Hauchen durch die finsteren Bäume, als hätte

die Natur im Schlummer wohlig aufgeatmet. Und wenn es kam, dieses kurze

linde Hauchen, trug es von den Almen den Wohlgeruch der Brunellen ins

Tal herunter, einen süßen Duft, der an köstliches Gewürz erinnerte.

Immer wieder blieb Ettingen stehen, auf den Bergstock gestützt, und

träumte hinein in das nächtliche Schweigen des Waldes.

»Wie schön! Und soviel Ruhe!«

Als er leis diese Worte vor sich hin murmelte, zuckte es über die langen

Bergwände der Hohen Munde wie ein falbes Leuchten. Das währte nur einen

Augenblick, doch alle Farben des Waldes, der Felsen und Almen erwachten

in dieser Sekunde, um mit der nächsten wieder in Schlaf und Finsternis

zu versinken.

»Was war das? Der Himmel ist klar --«

»Weit draußen im Flachland muß a Wetter stehn. Da draußen hat's blitzt.

Dös war der Widerschein.«

Ettingen lauschte, als müßte er den fernen Donner hören. In den

sternfunkelnden Lüften blieb's ruhig und still.

Er lächelte. »Sturm und Wetter da draußen. Hier die Ruhe! Das Schweigen

im Wald!«

Sie schritten weiter.

Zwei Stunden waren sie fast gewandert, und über den östlichen Bergen

begann sich schon der Himmel zu lichten, als ihnen durch den Wald, in

dem der Weg immer steiler wurde, leichte Nebelschleier langsam

entgegenschwebten.

»Das Wetter von da draußen schickt seine Vorreiter in die Berge herein«,

sagte Ettingen, »der Tag wird trüb werden.«

»Gott bewahr, Duhrlaucht! An schönern Tag haben S' noch nie net gsehn!

Der Nebel da, dös is bloß der Seedampf. Wissen S', zwischen die Felsen

droben, da liegt der Firnschnee umanand. Da bleibt auch im heißen Sommer

d'Nacht schön frisch. Und in der Fruh, da fangt der Sebensee zum Rauchen

an. Dös muß so sein, dös is 's allerfeinste Wetterzeichen.«

Es währte nicht lang, und sie waren völlig eingehüllt von den ziehenden

Dämpfen. Man konnte auf zwanzig Schritte kaum noch einen Baum

unterscheiden. Daß in den Lüften der Tag erwachte, sah man nur an dem

Grau des Nebels, der immer lichter und lichter wurde.

»Wie lange haben wir noch zu steigen?« fragte Ettingen.

»A Viertelstündl. Da is schon der See.«

Aber vom See war keine Spur zu gewahren. Es hoben sich nur ein paar

grobe Felsblöcke des Ufers von dem weißlichen Rauch mit verschwommenem

Dunkel ab, man hörte das leise Geplätscher, mit dem das Wasser die

Steine umspülte, und tief aus dem Ehrwalder Tal herauf summte das

Brausen des Wasserfalles, der den Abstrom des Sees hinunterwarf über

turmhohe Wände.

Der Pfad stieg immer mehr und verlor sich in ein steiles Latschenfeld.

Als die Jäger einmal rasteten, hörten sie auf dem Weg die Steine

klirren. Wie ein dunkler Schatten huschte ein großes Tier an ihnen

vorüber und verschwand im Rauch.

»War das ein Stück Hochwild?«

»Ja, ja, wird schon so was gwesen sein!« Pepperl schmunzelte. Er brachte

es nicht übers Herz, seinem Jagdherrn ins Gesicht zu sagen, daß er im

Nebel einen Maulesel für Hochwild angesehen hätte. »Gar weit haben wir

nimmer hin bis zum Hirsch, jetzt müssen wir d' Füß a bißl in acht

nehmen.«

Lautlos kletterten die beiden Jäger zwischen den Latschen hinauf. Je

höher sie kamen, desto häufiger schüttelte Pepperl den Kopf. »Jetzt

dürft sich der Nebel bald verziehen! Oder es spuckt in der Fechtschul!«

Minute um Minute verging, und es wurde nicht lichter. Wohl hauchte

manchmal ein frischer Windzug von den unsichtbaren Wänden nieder, aber

der Nebel lag fest und wollte nicht weichen.

Sie hatten im steilen Latschenfeld einen Rasenbuckel erreicht, als

Pepperl flüsternd im Klettern innehielt: »Jetzt können wir nimmer

weiter! Der Hirsch muß in der Näh sein, auf'n schönsten Schuß. Was

machen wir jetzt? Teufi, Teufi, Teufi! Wenn's schief geht, Duhrlaucht,

kann ich nix dafür! So a Hundsnebel, so a miserabliger!«

Ettingen tröstete leise: »Machen Sie sich keine Sorgen, Pepperl! Wenn

auch die Pirsche fehlschlägt, der Weg war wunderschön und hat mir Freude

gemacht.«

»Der Weg? No ja, a schöner Weg is auch was Schöns. Aber lieber wär mir

der Hirsch. Wenn nur der Teufel den Nebel kreuzweis reiten möcht!«

Als wäre der fromme Wunsch des Jägers an die richtige Adresse geraten,

so fuhr im gleichen Augenblick ein scharfer Windstoß über das

Latschenfeld herunter und riß die wallenden Schleier entzwei.

»Mar und Joseph!« lispelte Pepperl. »Duhrlaucht! Der Hirsch!«

Kaum hundert Schritte von den Jägern entfernt, kam der Hirsch gemächlich

durch die Latschen gezogen und gabelte mit dem mächtigen Geweih wie

spielend in die Büsche. Doch ehe Praxmaler die Büchse spannen und dem

Fürsten reichen konnte, war der Nebel schon wieder zusammengeflossen,

alles grau verhüllend.

Pepperl zitterte vor Aufregung an allen Gliedern und flüsterte: »Teufi,

Teufi, Teufi, jetzt is gfehlt! Jetzt hat er uns gleich im Wind. Und

nacher bhüt dich Gott, Hirscherl!«

Da hörten sie in nächster Nähe das Brechen von Zweigen und den Schritt

des Wildes. Wie ein großer, grauer Schemen tauchte dicht vor ihnen der

Hirsch im Nebel auf. Nun verhoffte er und wandte sich zur Flucht -- aber

da krachte auch schon der Schuß. Im Nebel war der Hall der Büchse dumpf

und kurz, man hörte kein Echo, nur ein mattes Gepolter im Geröll, über

das der Hirsch gegen das Seetal hinunter flüchtete. Dann Stille.

Dem Praxmaler-Pepperl klopfte das Herz, daß man es hören konnte wie

dumpfen Hammerschlag. Und die Hände um die Ohren höhlend, lauschte er

talwärts.

Scharf blies der Wind von den Felsen. Der Nebel kräuselte sich um die

Büsche und flatterte, wurde lichter und lichter, und in der Höhe begann

es schon zu schimmern wie mattes Blau und wie ein Rätsel des

Sonnenglanzes. Da rissen die Schleier entzwei -- wie sich ein Vorhang

teilt, der ein heiliges Wunder verhüllte. Leuchtende Matten sah man, ein

steiles Latschenfeld in blauem Schatten, hier eine graue Wand und dort

eine Reihe scharfgeschnittener Spitzen, rosig angeflogen vom Schein der

Morgensonne. Nur wenige Minuten, und die Höhe, auf der die Jäger ruhten,

war völlig nebelfrei. Groß und schweigend dehnte sich rings um sie her

die Felsenwildnis, in mächtigem Halbkreis umzogen von starrendem Gewänd.

Ihnen zu Füßen lag der Nebel ausgegossen, flach und weiß wie Milch, und

drüben stiegen aus dem Meer dieser silbernen Dünste die Steinkolosse der

Wetterschrofen auf, über deren wild zerrissenen Grat die goldleuchtenden

Schneegehänge der Zugspitze herüberblinkten.

Immer rascher zog und streckte sich der Nebel, und während seine

tieferen Massen gegen Osten hinausströmten über das Geißtal, lösten

seine höheren Ränder und Zungen sich auf in blaue Luft. Allmählich

enthüllten sich im Westen die schön gewellten Waldberge von Lermoos und

Reutte, das Ehrwalder Tal entschleierte sich mit seinem blitzenden Bach,

mit seinen Wiesen und ausgestreuten Häusern. Schon sah man die Ehrwalder

Alm, auf der sich mit dem fernen Gebrüll der Rinder die jauchzende

Stimme eines Hirtenbuben mischte. Schon stachen die Wipfel des

Sebenwaldes schlank und spitz aus dem Nebel heraus. Noch eine kurze

Weile, und aus den in Luft und Sonne zerfließenden Dünsten leuchtete ein

stilles grünes Wasserauge aus der Tiefe herauf: der Sebensee, ein

kreisrundes Felsenbecken, erfüllt mit einer Flut von so kristallener

Klarheit, daß man jeden Steinblock und jeden versunkenen Baum auf dem

Grunde deutlich unterscheiden konnte. Steinhalden und flache Almfelder

umsäumten auf der einen Seite den See, auf der anderen wurde sein Ufer

gebildet durch mächtige Felsklötze, durch schroffe Wände und steile

Latschenbeete, zwischen deren vereinzelten Zirbenbäumen und Fichten das

Schindeldach einer kleinen Hütte leuchtete.

»Solch einen Morgen zu sehen! Ist das nicht schöner als alle Jagd?«

Zum Glück für den weidmännischen Respekt, den ein Jäger vor seinem

Jagdherrn haben soll, überhörte Pepperl diese stille, lächelnde

Weisheit. Denn ehe der Fürst noch ausgesprochen hatte, war Praxmaler

aufgesprungen, als hätte er plötzlich bemerkt, daß er auf glühenden

Kohlen säße.

»Mar und Joseph! Duhrlaucht! Der Hirsch! Da drunten liegt der Hirsch!«

Die Freude schien den Pepperl in einen Wahnsinnigen verwandelt zu haben.

»Jesses Maria! Da liegt der Hirsch! Da liegt er ja! Da liegt er! Da

liegt er!« Ein Jauchzer, daß alle Wände widerhallten von diesem

jubelnden Schrei. Und in der einen Hand den Bergstock, in der anderen

die Büchse, hetzte Pepperl über Büsche und Geröll hinunter, daß es

anzusehen war, als müßte er sich bei jedem Sprung überstürzen, um Hals

und Beine zu brechen. Jetzt verschwand er in den Latschen. Ein heller

Jauchzer kündete, daß er mit gesunden Gliedern den Hirsch erreicht

hatte.

Nun stieg auch Ettingen hinunter, und als er die Mulde erreichte,

zwischen deren Büschen der Hirsch, mit der Kugel im Herzen, verendet

niedergebrochen war, kam Pepperl ihm schon entgegen, mit einem Sträußl

blühender Almrosen in der zitternden Hand. Die Augen des Jägers blitzten

vor Freude, seine Wangen brannten vor Erregung. »Gratalier, Herr Fürst!

Gratalier zum ersten Hirsch bei uns! Da kommen S' her! Schauen S' ihn

an! Was dös für a Hirsch is! A Gweih hat er droben -- Teufi, Teufi,

Teufi, is dös a Gweih! Und den Schuß, den er hat! Im Nebel so an Schuß

machen! Wie naufzirkelt aufs Blatt! Gelten S', Duhrlaucht? Gelten S',

dös freut Ihnen? Gelten S', ja? Und schauen S', Duhrlaucht -- weil S'

jetzt die allerschönste Freud haben -- jetzt muß ich gleich was

raussagen! Gestern auf d' Nacht, meiner Seel, es is wahr: da hab ich

mich schauderhaft aufgführt! An Rausch hab ich ghabt, daß ich mich

selber schenier! Und im Rausch, da bin ich mit'm Herrn Kammerdiener

zammgwachsen und hab ihm schieche Sachen gesagt. Schieche Sachen,

Duhrlaucht, schieche Sachen!« Er schnaufte wie ein von schwerer Bürde

Erlöster. »Jetzt is's heraußen! Gott sei Dank!« In Zerknirschung guckte

er an seinem Herrn hinauf. »Ich bitt schön, Duhrlaucht, tun S' mir halt

gnädig verzeihen! Gschehen soll's nimmer, da leg ich mei Hand dafür ins

Feuer! Tun S' mir halt verzeihen! Gelten S', ja?«

Lächelnd hatte Ettingen diese drollig wirkende Beichte angehört. Nun

klopfte er dem Jäger freundlich auf die Schulter. »Ja, Pepperl, die

Sünde soll vergeben und vergessen sein! Aber nehmen Sie ein andermal

Ihren Durst in festere Zügel! Und nun sagen Sie mir -- hat Ihnen Martin

Ursache gegeben, daß Sie grob gegen ihn wurden?«

Eine dunkle Blutwelle schoß dem Jäger ins Gesicht, aber er sagte

entschieden: »Na, na, Duhrlaucht, gwiß net! Der angfangt hat, der bin

schon ich gwesen!« Ein Glück, daß sich Ettingen zu dem erlegten Hirsch

wandte, um das Geweih zu betrachten. Länger hätte Pepperl den

forschenden Blick seines Herrn kaum ertragen, ohne in Verlegenheit zu

geraten. Nun atmete er erleichtert auf, kreuzte die Fäuste über der

Brust und tat einen dankbaren Blick zum Himmel, wie einer, der sagen

will: »Gott sei Dank, jetzt bin ich wieder gsund!« Dann warf er die

Joppe ab und zog das Messer, um an dem erlegten Hirsch das weidmännische

Handwerk zu üben.

»Das seh ich nicht gerne«, sagte Ettingen, »bei dieser Arbeit laß ich

Sie lieber allein. Ich steige zum See hinunter und warte dort, bis Sie

nachkommen.«

Die Büchse zurücklassend, folgte er einem Almsteig, der in Windungen

durch das Latschenfeld zum Seeufer hinunterführte. Als er zu den lichter

stehenden Bäumen kam, vernahm er den süßen Schlag einer Ringdrossel. Er

lächelte. Der zärtliche Vogelruf erweckte in ihm die Erinnerung an jenen

ersten Abend, an jene seltsame Begegnung im schweigenden Wald.

In Gedanken versunken, folgte er dem Pfad und blickte erst wieder auf,

als er den See erreichte. Still und schimmernd lag die grüne Flut zu

seinen Füßen, durchsichtig wie Glas. Die glatte Oberfläche war

durchzogen von langen Silberstrichen und spiegelte mit reinen Linien

und grün behauchten Farben alle Felsblöcke des Ufers, die Bäume und

einen sonnbeglänzten Berg. Hunderte von den kleinen Blütenkelchen der

Alpenrose waren ausgestreut über den See und schwammen gleich winzigen

Blutstropfen im stillen Grün.

Lange stand Ettingen in Schauen vertieft, bevor er dem linken Ufer

folgte, auf dem sich zwischen Wasser und steilem Berggehäng ein

halbverschütteter Pfad erkennen ließ.

Durch eine tiefgeschnittene Bergscharte glänzte schon die Sonne herein

ins Seetal und durchleuchtete am Ufer einen breiten Streif des Wassers.

Große Forellen standen so dicht am Spiegel, daß ihre sacht spielenden

Rückenflossen halb aus dem Wasser ragten. Wenn sie den einsamen Wanderer

gewahrten, machten sie eine jähe Wendung, schwammen pfeilschnell der

grünen Tiefe zu, und wo sie gestanden, blieb eine silberblitzende Linie

zurück.

Ettingen hatte den Pfad verloren und konnte nicht mehr weiter. Ein

hoher, überhängender Felsblock stieg vor ihm aus dem Wasser auf und

sperrte den Weg. Aber die Nische, die der mächtige Steinwall bildete,

bot ein freundliches Plätzchen zum Rasten -- und das mußte auch schon ein

anderer gefunden haben, denn unter dem Fels war eine Bank aus Steinen

zusammengetragen und mit Fichtenzweigen und Moos belegt.

Er ließ sich nieder. Hatte der Weg ihm so warm gemacht? Er fühlte ein

heißes Brennen auf den Wangen und schöpfte mit der Hand von dem kalten

Wasser, um die Glut seines Gesichtes zu kühlen.

Dann saß er, die Arme übers Knie gelegt, und während er träumend in die

stille grüne Flut blickte, spann er lächelnd die Gedanken weiter, die

ihn begleitet hatten, seit er den Schlag der Drossel vernommen.

Und seltsam! Wie kann nur eine Erinnerung sich so lebhaft vor den Augen

gestalten? Als wäre sie aus seiner Seele herausgetreten in die Luft, vor

seinen Füßen versunken im See! Zwischen dem Spiegelbild der Alpenrosen,

die über den Saum des Felsens niederhingen, sah das schöne »Schweigen im

Walde« aus der Flut zu ihm herauf wie ein ernstes Nixengesichtchen mit

großen Augen! Die lockig aufgelösten Haare, die das Gesicht

umschwankten, schienen im grünen Wasser zu schwimmen und aus der Tiefe

heraufzustreben. Jetzt kam eine Hand und strich die Locken zurück -- im

gleichen Augenblick verschwand das Gesicht, und jäh erweckt aus seiner

träumenden Märchenstimmung, fuhr Ettingen betroffen auf. Nicht seine

eigenen Gedanken hatte er gesehen, sondern ein Spiegelbild der

Wirklichkeit. Und als er hinaufspähte zum Rand des Felsens, hörte er das

Rieseln kleiner Steine und einen leichten Schritt, der sich entfernte.

Dann wieder Stille. Von den überhängenden Büschen flatterten ein paar

Almrosenkelche wie rote Käferchen durch die Luft herunter und fielen in

die Flut.

»Das schöne Wunder geht um! Auf jedem meiner Wege!« murmelte Ettingen

lächelnd vor sich hin und wanderte am Ufer zurück, um den verlorenen Weg

zu suchen.

Da fühlte er wieder jenes Brennen im Gesicht, und wieder schöpfte er

Wasser mit der Hand, um die schmerzenden Wangen zu kühlen.

Er fand den Pfad, der steil durch die Latschen hinaufkletterte und zur

Höhe des überhängenden Felsens führte. Und da versperrte ihm ein

lebendiger Riegel den Weg -- ein Esel, der von den dürren Ästen einer

altersmüden Fichte die zarten Fäden der Bartflechte herunterschmauste.

»So? Bist du auch da? Guten Morgen!«

Ettingen streckte die Hand, um das Grautier zu locken. Aber der Esel

machte scheue Augen, schüttelte trotzig die langen Ohren, schlug mit den

Hinterfüßen aus und sauste durch die Latschen gegen den See hinunter.

Lachend sah ihm Ettingen nach: »Wenn deine märchenhafte Herrin nicht

freundlicher ist --«

Über den Zweigen einer Erlenstaude sah er ein dunkelblaues, noch

feuchtes Schwimmkleid und einen weißen Bademantel zum Trocknen

ausgebreitet.

Besonders empfindlich und verzärtelt schien sie nicht zu sein, die

schweigsame Waldfee! An solch einem frischen Bergmorgen in 1600 Meter

Höhe ein Seebad mit zehn Grad Reaumur? Das war ein etwas gruseliges

Vergnügen, gegen das sich unter Umständen auch eine gesunde Männerhaut

energisch wehren konnte. Und solch ein knospenhaftes, zierlich schlankes

Ding, das die Zwanzig kaum überschritten haben konnte. Schon

überschritten? Nein! Aus den großen, ruhigen Augen blickte wohl ein

klarer Lebensverstand, wie ihn frühe Jugend nicht besitzt. Doch die

schmalen Wangen hatten noch etwas Kindhaftes, und der schöne Mund

erzählte von der unberührten Reinheit einer Mädchenseele, die nur Sonne

erlebt habt konnte, keinen Sturm und Schmerz.

Wer sie sein mochte? Und was suchte und trieb sie hier? Daß sie die

Natur liebte, sich selbst genug war und sich wohl fühlte in der

Einsamkeit, das war ein gutes Zeugnis für ihr Wesen und ihre

Geistesbildung. Wer die Welt nicht nötig hat, ist immer reicher als die

Welt. Und die Einsamkeit verträgt nur jener, der sich selbst in jeder

Stunde etwas zu sagen hat.

Wer war sie? Vielleicht die Tochter stadtmüder Leute, die dort unten im

Ehrwalder Tal ihre Sommerfrische genossen? Nein! Wenn sie noch Eltern

hätte? Die würden ihrem Kinde solche Freizügigkeit nicht gestatten, auch

nicht einem Kinde, das neben eigenen Gedanken auch Mut und eigenen

Willen hat. Denn Mut gehört dazu, wenigstens für ein Mädchen, so einsam

in menschenferner Bergwildnis zu hausen.

Aus dem dichten Latschenfeld war Ettingen auf eine von wenigen alten

Wetterfichten überschattete Lichtung getreten, die einen freien,

herrlichen Ausblick bot über den See und gegen das Geißtal hinaus, über

den Sebenforst und das Ehrwalder Tal. Inmitten des Platzes erhob sich

ein kleines Blockhaus, aus dessen eisernem Kaminrohr sich milchblaue

Rauchwölklein emporkräuselten in die sonnige Morgenluft. Überall an den

Balken der Hütte schlangen sich Efeuranken bis unter das vorspringende

Dach, bildeten über der halboffenen Tür eine kleine Laube und ließen von

den Holzwänden nicht viel mehr gewahren als zwei kleine, mit grünen

Läden versehene Fenster, hinter deren blanken Scheiben rote Vorhänge

schimmerten. Neben der Tür zog sich an der Wand eine Holzbank hin, auf

der eine Messingpfanne zwischen hölzernen Tellern und weißem Teegeschirr

zum Trocknen in der Sonne stand. Ein Stangenzaun, an dem eine Zeile

junger Fichtenbäumchen angepflanzt war, zog sich im Geviert um die Hütte

und umschloß einen sorgsam gepflegten Garten, der sich mit seinen

leuchtenden Blumenbeeten und seinen weißen, kiesbestreuten Wegen gleich

einer lieblichen Oase von der wilden Unkultur der Umgebung abhob. Auf

diesen Beeten blühten keine Zierblumen, wie sie in den Gärten des Tales

heimisch sind. Eine kundige Gärtnerhand hatte hier gesammelt und durch

Pflege veredelt, was zwischen der Waldgrenze und den Schneefeldern der

Berge an Blumen gedeiht. Neben feurigen Alpenrosen schimmerten die

blauen Glocken des Enzian; Speik und Edelraute blühten neben dem

Almrausch, dessen zarte, rosige Dolden schon zu verwelken begannen,

Mardaun und Brunellen neben Arnika und zierlichen Orchisarten, und ein

aus Felsen aufgebauter Hügel trug in seinen mit Erde ausgefüllten

Spalten die kleinen blaßgrünen Stauden des Edelweiß, dessen Stöcke, nach

den frischen saftigen Blättern zu schließen, hier gut zu gedeihen

schienen, obwohl sie ohne Blüten waren. Die Farben dieser Bergblumen,

die hier in reicher Fülle gesammelt waren, hatten etwas Ungewöhnliches

und Seltsames, und zu dem überraschenden Anblick gesellte sich der

fremdartige, süße Duft, den die blühenden Beete in den reinen Morgen

hauchten.

Ein einziger Baum stand im Garten, in einer Ecke des Zaunes. Und der

wunderliche Wuchs dieses Baumes stimmte zu allem übrigen, als hätte ihn

die romantische Laune eines Künstlers unter Tausenden ausgewählt und

hierhergestellt, um den ungewöhnlichen Eindruck dieses Gartenbildes noch

zu erhöhen. Es war kein Baum -- es waren sieben Bäume in einem: eine

uralte riesige Zirbe, auf deren harfenförmig ausgebogenem Hauptstamm

sieben senkrecht nebeneinander aufsteigende Äste sich zu starken Stämmen

ausgewachsen hatten. Der Baum war anzusehen wie eine gewaltige grüne

Leier. Und diese Leier klang auch! Wenn der sachte Wind die Äste

bewegte, ging ein lindes Rauschen durch die zottigen Nadelbuschen, und

mit diesem Grundton klangen feine Glockenstimmchen zu einem weichen,

traumhaften Akkord zusammen.

Verwundert -- recht wie einer, der im Märchen die Pforte einer bezauberten

Stätte betritt -- zur Neugier gereizt und doch von einer seltsamen Scheu

zurückgehalten, stand Ettingen vor der Umfriedung des Gartens. Bald

glitt sein Blick über die Blumen hin, bald suchten seine Augen in den

Wipfeln des Harfenbaumes die tönenden Glöckchen, bald wieder musterte er

die Hütte und spähte nach Tür und Fenstern.

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 39 / 71 题