Als er gegen neun Uhr die Tillfußer Alm erreichte und ins
Försterhäuschen trat, sah er den Praxmaler-Pepperl, mit einem nassen
Handtuch um die Stirn, in schwerem Schlaf auf der Matratze liegen.
»No also! Jetzt brummt ihm der Schädl! Ja ja, 's Leben hat allweil seine
Zwidrigkeiten, und aller Zucker schmeckt eim sauer auf d'Letzt!«
Lautlos, um den Schläfer nicht zu wecken, machte er Toilette zum
Frühstück, das heißt, er wischte mit einem Handtuch die Schuhe sauber
und bürstete einen Scheitel ins Haar.
Als er hinaufkam ins Herrenhaus, hatte er seine Freude an dem frischen
Aussehen des Fürsten, der fest und gut bis in den Morgen geschlafen
hatte. Und da gab's gleich was zu lachen. Weil der Fürst versicherte, er
hätte einen Schlaf getan wie ein Bauer, philosophierte der Förster
lustig: »Duhrlaucht, dös is gspaßig! Sie sagen: wie a Bauer! Und
unsereiner, wann er gut gschlafen hat, unsereiner sagt: heut hab ich
gschlafen wie a Fürst! Bschaut man's gnau, so hat's im Leben jedweder
gleich. Und jeder meint, der ander hat's besser.«
Während des Frühstücks behielt das Gespräch die heitere Stimmung, mit
der es begonnen hatte, und Ettingen amüsierte sich über die drollig
derben und doch von einem gesunden Kern erfüllten Lebensweisheiten, die
ihm dieser rauhborstige Philosoph in der Jägerjoppe zu hören gab.
Nach dem Frühstück machte Ettingen sich fertig für den
»Orientierungsmarsch«, der bis zum Abend dauern sollte. Martin war dem
Fürsten beim Umkleiden behilflich, und als er ihm die Schuhe zuschnürte,
sagte er mit dem süßesten seiner Töne: »Ich bitte um Vergebung, wenn ich
Durchlaucht eine Unbehaglichkeit bereite, aber ich sehe mich leider
gezwungen, gegen den Jäger Praxmaler Beschwerde zu führen. Der Mann hat
sich gestern mehr als ungehörig gegen mich benommen. Die Art, in der er
sich mit mir zu sprechen erlaubte --«
»War jedenfalls begründet!« unterbrach der Fürst. »Ich kenne dich, mein
guter Martin! Deshalb sag ich dir ein für allemal: Verschone mich hier
im Jagdhaus mit deinem Klatsch! Und laß die Jäger in Ruhe! So! Jetzt
kannst du mir den Hut bringen.«
Als der Fürst aus dem Jagdhaus trat, stand Kluibenschädl schon wegbereit
vor der Tür, mit der Büchse hinter dem Rücken.
Auf der Schwelle blieb der Fürst eine Weile stehen und blickte lächelnd
hinaus in den reinen Glanz des Morgens. »Wie schön! Und diese Luft!«
»Ja, bei uns, da schnauft man sich leicht! Und a Tagerl is dös heut! Da
müssen wir schon a bißl auffisteigen, damit S' die richtig Aussicht
kriegen. Gleich hinterm Jagdhaus haben wir den schönsten Reitsteig bis
zum Steinernen Hüttl!«
Der Fürst blickte auf, als wäre bei diesem Namen eine Erinnerung in ihm
wach geworden. »Zum Steinernen Hüttl?« Er lächelte. »Gut! Steigen wir
hinauf! Wohnen Leute da droben -- beim Steinernen Hüttl?«
»Aber freilich! Der Senn und sein Bub.«
»Sonst niemand?«
»Na! Kein Mensch sonst. Es steht bloß die einzig Sennhütten droben.«
»Aber gestern am Abend, als ich den kleinen Spaziergang machte, kam
jemand von dort oben herunter.« Wieder lächelte der Fürst. »Das war
nicht der Senn. Auch nicht sein Bub.«
»Wird halt a Tourist gwesen sein. Da droben is an Übergangl von der
Zugspitz rüber. Da kommen oft Touristen vom Bayrischen her. Der Weg is
net grob und is gut zum Gehn.«
»Auch für Damen?«
»Ah ja! Ich bin schon öfters einer begegnet. Und dös muß ich sagen: die
haben mir allweil gfallen. Ich bin net gut auf d' Weiberleut z'reden.
Aber wenn ich merk, daß eine ihr Freud an der lieben Natur und an die
Berg hat, da lupf ich mein Hütl net ungern. A bißl Grechtigkeit muß der
Mensch auch bei die Weiberleut gelten lassen.«
Sie waren zum Försterhäuschen gekommen, unter dessen Tür der
Praxmaler-Pepperl stand, mit hängenden Armen und einwärts gedrehten
Fußspitzen: das verkörperte schlechte Gewissen. Scheu blickte er seinem
Herrn entgegen, und dieser Blick schien in banger Sorge zu fragen: »Bin
ich jetzt schon verklampert oder net?«