Pepperl seufzte. »Wer weiß, ob ich's net so auch verdient hätt!«

»Na na! Ich bin dir schon wieder gut! Ös seids halt lustig gwesen!

Schwamm drüber! Gut Nacht!«

Schweigend starrte Pepperl die Kerze an und stocherte mit dem kleinen

Finger in die Flamme. Dann seufzte er wieder, blies das Licht aus, legte

die Joppe über einen Stuhl, streifte die Hosenträger von den Schultern

und kroch unter die Decke.

Schon nach kurzer Weile verriet ein sanftes Schnarchen, daß Förster

Kluibenschädl seinen Schlummer wiedergefunden hatte. Pepperl lag mit

offenen Augen und kaute an einem Seegrasstengel, den er aus der Matratze

gezogen hatte.

»Teufi, Teufi, Teufi! Morgen in der Fruh, bis ich heimkomm von der

Pirsch, da hat er mich schon verklampert!« -- Und was der Herr Fürst wohl

sagen würde? -- »Nobel, Pepperl, nobel! Fein hast dich aufgführt!«

Er dachte sich diese Worte nicht, nein, er hörte sie, hörte so klar die

ernste Stimme seines Herrn und sah so deutlich seine vorwurfsvollen

Augen auf sich gerichtet, daß ihm vor Zerknirschung und Reue der Schweiß

aus den Schläfen brach. Und wie sollte er sich verteidigen? Wie seinen

Herrn wieder freundlich stimmen? »Teufi, Teufi, Teufi! Was tu ich denn

nur?« Da fiel ihm der herrliche Vierzehnender ein, der in den

Latschenfeldern über dem Sebensee seinen Standort hatte. Wenn es das

Glück wollte, daß er den Fürsten auf diesen Staatshirsch zu Schuß

bringen könnte, gleich bei der ersten Pirsch! Solche Weidmannsfreude

würde den Groll seines Herrn gewiß besänftigen, oder ihn doch in eine

Stimmung bringen, in der sich Pepperl alle Reue über seine »rauschige

Lümmelei« vom Herzen schwatzen und sich halbwegs verteidigen konnte.

Aber wie verteidigen?

Daß ihm der Blick, mit dem der Kammerdiener die Sennerin gemustert

hatte, wie Feuer ins Blut gefahren war? Das konnte er doch dem Fürsten

unmöglich sagen. Was hat sich ein Jäger um die Augen zu kümmern, die der

fürstliche Herr Kammerdiener macht? Und was ging den Praxmaler-Pepperl

die Burgi an? Gott behüt! Das wär doch die reine Narretei! Wenn ein

Jäger, der selber nicht viel mehr als seine Büchse hat, an so was

denkt, muß er doch ein bißchen rechnen, muß schauen, daß er sich ein

Bröserl einheiratet. Die Burgi? Ui jegerl! Wenn sich die nicht im Winter

ein Paar Strümpfe strickt, dann kann sie im Sommer barfuß laufen! Das

Mädel eine hungrige Sennerin und der Vater ein alter Notnickel, der für

fünfzig Kreuzer Monatszins in einem Stüberl hauste, in dem die Mäuse am

Strohsack nagen mußten, weil's was anderes nicht zu knuspern gab! »Na!

Da dank ich schön! So was fallt mir net ein!« Und was seine Mutter sagen

würde, wenn er eines Tages mit der Nachricht käme: »Du, Mutter, ich denk

mir, ich nimm die Burgi!« Das alte Weibl würde vor Schreck und Jammer

die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: »Ja Bub, ja Pepperl, bist denn

narrisch? Hast selber nix zum Beißen, vierhundert Gulden liegen vom

Vater her noch Schulden auf unserem Häusl, und da bringst mir so a

Weibsbild, dös bloß an einzigen Rock für Kirch und Arbet hat!«

Gott bewahre! Für solch einen Narrenstreich war der Praxmaler-Pepperl

viel zu gescheit! Und überhaupt, wenn er an die Burgi hätte denken

wollen -- sie war doch auf der Tillfußer Alm schon Sennerin im zweiten

Sommer -- da hätte er doch nicht warten müssen bis ^heut^! Bis ihm der

fürstliche Herr Kammerdiener die Nase auf das Butterlaibl stieß! Daß die

Burgi ein mudelsauberes Mädel war, das brauchte sich Pepperl von keinem

anderen sagen zu lassen, am allerwenigsten von so einem. Er hatte doch

selber Augen im Kopf. Aber zum Heiraten gehört eben mehr als ein rotes

Göscherl. Diese praktische Weisheit steckte dem Pepperl so tief im Blut,

daß er an die Burgi gar nicht denken ^konnte^!

Wo käme da die Eifersucht her? Zum Lachen! Eifersucht! Die Burgi und er,

sie waren halt zwei junge, lustige Leut, und da sitzt man gern beisammen

und kudert und lacht. Mehr will man nicht voneinander. Gott bewahr! Auf

Ehr und Seligkeit! Und das Lachen ist noch lang keine Sünd. »'s Leben is

eh nur lauter Plag, und hätt man dös bißl Lachen net, wär gar nix dran.«

Und aufs Lachen verstand sich die Burgi! Mit ihren Grübchen und ihren

Blitzäugerln! Wenn einer aufs Heiratsgut nicht anstehen müßt und könnt

die Burgi nehmen, wie sie geht und steht -- »Teufi, Teufi, Teufi! Der

krieget a lustigs Leben! Der wär zum Neiden!«

Als Pepperl zu diesem Gedanken kam, verspürte er auf der linken

Brustseite einen merkwürdig schmerzenden Druck. Er meinte, das käme von

der unbequemen Lage auf der harten Matratze, und wälzte sich auf die

andere Schulter. Aber das Mittel half nicht -- ganz natürlich, denn die

Matratze wurde nicht linder, weil der Praxmaler-Pepperl sich umgedreht

hatte.

Er atmete schwer, und unter der wollenen Decke begann ihm schwül zu

werden. So viel wie in dieser nächtlichen Stunde hatte er schon lange

nicht gedacht. Die ungewohnte Kopfarbeit machte ihn völlig schwitzen.

Aber nach aller Gedankenmühe war er doch wenigstens zu der beruhigenden

Überzeugung gekommen, daß er »von der Burgi nichts wollte« und daß es

»reine Narretei« war, wenn ihn seine Kameraden mit der Eifersucht

aufzogen. Was ihn zu der »rauschigen Wut« gegen den fürstlichen Herrn

Kammerdiener verführt hatte, war etwas ganz, ganz anderes! Der

Praxmaler-Pepperl war mit einem »gschamigen Gmüt« behaftet, und da hatte

jener Blick des Lakaien auf ihn gewirkt, als hätte man ihm eine Handvoll

Schmutz ins Gesicht geworfen. Das wäre auch so gewesen, wenn es sich um

ein Nannerl oder um eine Stasi gehandelt hätte. Wenn Menschen in der

Einsamkeit nebeneinander hausen, müssen sie füreinander einstehen in Not

und Gefahr, jedes ist verantwortlich für das Wohl und Wehe des anderen.

Und da sitzt nun solch ein junges, bildsauberes, dummes Ding in der

unbewachten Sennhütte, ist an nichts anderes gewöhnt als an den

gefahrlosen Verkehr mit »so unfürmigen Lümmeln«, wie der

Praxmaler-Pepperl einer war -- und da kommt nun so ein Pikfeiner aus der

Stadt, mit silbernen Schnallen auf den Schuhen, mit seidenen Strümpfen

und mit süßen Redensarten wie »Main scheenes Gindd!« -- ja du lieber

Herrgott, da ist doch ein Unglück geschehen, eh man sich umschaut! Und

da sollte Pepperl nicht die heilige Pflicht haben, das zu verhindern?

Der Burgi zulieb? Gott bewahr! Aber nun hatte das arme Mädel doch schon

die Mutter verloren, und ihr alter Vater stand auch nur noch ein

Katzensprüngl vom Grab entfernt! Freilich hatte Pepperl sich in den

vergangenen Jahren sehr wenig um den alten Brenntlinger gekümmert. Jetzt

aber war der gewissenhafte, unter Verantwortungsdruck und selbstlosem

Pflichtgefühl heftig schwitzende Praxmaler-Pepperl in seinen Gedanken

plötzlich ein Herz und eine Seele mit dem »guten, braven Mannderl«. Wohl

hatte der alte Brenntlinger eine bedenkliche Vorliebe für den

Doppeltgebrannten, aber er trug doch auch ein richtiges Vaterherz in

seiner Brust! Und was wird er sagen, wenn er's einmal erfahren muß -- das

ganze schreckliche Unglück der Burgi!

Bei dieser Vorstellung krampfte sich Pepperls Herz in stechender Qual

zusammen, wie sich ein Igel rollt, wenn der Hund ihn apportieren will.

Er dachte mit keinem Gedanken an die Burgi, Gott behüt, nur an den

armen, alten, braven Vater! Er sah ihn durch den Wald einherkommen,

wankend und gebeugt, wie zu Boden gedrückt durch die Last dieses

Kummers. Und nun stand der Unglückselige vor dem Praxmaler-Pepperl,

schaute ihn todestraurig mit den rotgeränderten Säuferaugen an, in denen

das Wasser glitzerte, und sagte mit seiner Stotterstimme: »Aber,

Pepepepepperl, hörst, das hätt ich mir doch net denkt von dir, daß d'

mir gar net aufpassen tust aufs Madl! Und jetzt schschschau dir dös

Unglück an!«

Dem Pepperl wurde fürchterlich weh um die selbstlose Menschenseele.

»Himmelkreuzteufi noch amal!« Er streckte drohend die Arme in die

Finsternis. »Zerreißen und schlitzen tu ich den Kerl in der Luft, wann

er 's Madl net in Ruh laßt!« Schnaufend schob er die wollene Decke von

der Brust. »Herrgott, so was von Hitz! Da steh ich schon lieber auf.

Schlafen kann ich eh nimmer.«

Achtsam, um den schnarchenden Bettkameraden nicht zu wecken, erhob er

sich, strich ein Zündholz an und sah nach der Uhr. Ein paar Minuten

fehlten noch bis drei. »No also, is ja eh schon Pirschzeit!« Sinnend

stand er in der finsteren Stube und starrte das Zündholz an, das sich im

Erlöschen krümmte wie ein feuriger Wurm. Dann packte er mit der einen

Hand seine Joppe und die Schuhe, mit der anderen den Hut, die Büchse und

den Rucksack.

Lautlos zog er hinter sich die Tür zu und machte sich unter freiem

Himmel zum Pirschgang fertig.

Schon begann im Osten ein mattes Dämmern, und die Sterne wollten

erlöschen. Schwarzgrau dehnte sich das betaute Almfeld, der Brunnen

plätscherte, und halblaut bimmelte die Glocke eines Rindes, das irgendwo

im Grase lag. Ganz deutlich unterschied man schon im Zwielicht die grobe

Mauer der Sennhütte und in dem trüben Morgengrau das schwarze

Fensterchen.

Dieses Fenster betrachtete Pepperl unter angestrengtem Nachdenken. Das

heilige Pflichtgefühl, die Verantwortung, die er dem alten Brenntlinger

gegenüber zu tragen hatte, war ihm mit solcher Heftigkeit

»eingeschossen«, daß er ganz unmöglich zur Morgenpirsche ausziehen

durfte, ohne dem »dalketen Madl« eine ernste Warnung zu erteilen.

Mit langen Sprüngen rannte er über das Almfeld hinunter, wie einer, der

gestohlen hat. Da hörte er im nahen Hegerhäuschen den rasselnden Wecker

gehen. Erschrocken hielt Pepperl inne. »Dös braucht ja keiner z'wissen,

daß ich ihr a bißl predigen muß!« Und just, als hinter den trüben

Scheiben des Jägerstübchens der Lichtschein aufging und Mazeggers

Silhouette im hellen Fenster erschien, drückte Pepperl sich um die Ecke

der Almhütte. Die verriegelte Tür verursachte dem Tugendwächter mit den

Kreuzerschneckerln nicht das geringste Kopfzerbrechen. Er kannte den

primitiven Mechanismus dieses Schlosses. Mit dem Messer fuhr er durch

eine Spalte der Bretter und hob innen ohne Mühe den Riegel auf. In der

Sennstube herrschte rabenschwarze Finsternis. Da war der Weg zu Burgis

Kammertür ohne einiges Stolpern und Gepolter nicht zu finden.

Hätte die junge Sennerin auch den Schlaf einer alten Bärin gehabt, sie

hätte bei diesem Spektakel erwachen müssen. »Mar und Joseph! Was is

denn?« klang die schlaftrunkene Stimme des Mädels aus der Kammer.

»Nix is 's! Gar nix! Na na! Bloß ich bin's!« flüsterte Pepperl durch die

Klumsen der Kammertür, sanft und freundlich, wie ein guter Hirte zu

seinem Schäflein reden muß. »A bißl was sagen muß ich dir! Ganz ebbes

Wichtigs! Geh, sei gscheit und komm a bißl aussi!«

»Fahr ab, du da draußen! Und laß mich schlafen!«

Diese widerspenstige Antwort brachte dem Praxmaler-Pepperl die bittere

Erkenntnis bei, welch eine undankbare Aufgabe es ist, den Menschen das

Gute zu predigen. Einige Sekunden blieb er lautlos vor der schwarzen Tür

stehen. Dann pochte er schüchtern mit dem Knöchel an die Bretter und

flüsterte: »Schau, Burgerl, tu net trutzen! Sei gscheit und mach a bißl

auf! Ich mein' dir's gut. Soviel sorgen tu ich mich um deintwegen.«

»Schlafen laß mich!«

»Na, Burgerl! Heut därf ich dich net schlafen lassen! Ich muß dir a paar

Wörtln sagen. Ich hab die Verpflichtigung.«

»Was? Verpflichtung? Ja, freilich«, klang es gereizt aus der Kammer,

»die Verpflichtung hast, daß dich niederlegst auf deine Ohrwaschln und

dein Dampus verschlafst!«

»Auf Ehr und Seligkeit, Madl, ich bin so nüchtern wie der Pfarr vor der

Fruhmeß!«

»Laß die heiligen Sachen aus'm Spiel! So was vertrag ich net. Z'mittelst

in der Nacht schon gar net!«

»Madl, ich sag dir's im guten, tu mich net abweisen! Dein Glück is am

Spiel. Mach auf, sag ich! Oder es reut dich noch amal, daß d' ein'

abgwiesen hast, der's ehrlich mit dir gmeint hat.«

»Jetzt wird's mir aber z' dumm!« Heißer Unmut bebte in der Stimme der

Sennerin. »Bis um Zwölfe hab ich enker rauschige Metten in der Hütten

leiden müssen. In der Früh muß ich wieder frisch bei der Arbeit sein.

Und da soll ich net amal die paar Stündln schlafen können? Fahr ab! Mit

dir bin ich fertig! Verstehst! Dös is 's letzte Wörtl gwesen. Gut

Nacht!«

Pepperls Geduld war zu Ende. Er sah es ein: bei dieser verstockten Seele

war in Güte nichts auszurichten. Dem heiligen Zweck zuliebe mußte er

»sanfte Gewalt« gebrauchen. Also faßte er mit beiden Fäusten die Klinke

und rüttelte an der Kammertür, daß die Bretter rasselten. »Mach auf! Ob

d' willst oder net. Anhören mußt mich! In meiner Verpflichtung steh ich

da, als ob ich dein armer, alter Vater wär. Oder als ob d' an Bruder

hättst an mir, der sich in Kümmernis um d' Schwester sorgen tut! Zum

letztenmal sag ich dir's: mach auf!«

Das wirkte. Noch ehe Pepperl völlig ausgesprochen hatte, öffnete sich

die Kammertür, freilich nur um einen schmalen Spalt. Aus diesem Spalt,

in welchem undeutlich etwas Weißes schimmerte, kam etwas Schwarzes

herausgeflogen, wie eine Nachteule aus ihrem finsteren Felsenschlupf.

Dieser sonderbare, aber sehr gewichtige Vogel flog dem Praxmaler-Pepperl

grob in die Kreuzerschneckerln, fuhr ihm wie mit scharfen Klauen übers

Ohr und klatschte zu Boden. Im gleichen Augenblick schloß sich die

Kammertür wieder, und der Riegel klirrte.

»Da hört sich aber die Gemütlichkeit auf!« brummte Pepperl, weniger

beleidigt als verblüfft. In begreiflicher Neugier bückte er sich,

tappte mit den Händen auf dem Boden herum -- und als er den merkwürdigen

Vogel haschte, zeigte es sich, daß er keine Flügel hatte, sondern sich

anfühlte wie ein Pantoffel mit genagelter Sohle. Bei dieser Entdeckung

schoß dem Praxmaler-Pepperl eine »gache Hitz« bis unter die zerzausten

Schneckerln hinauf, wie überschürtes Feuer in den Schornstein fährt. »So

also? So dankst mir du?« Seine Stimme klang, als wäre ihm die Kehle

zugeschnürt. »Meintwegen!« Dabei schleuderte er den Pantoffel gegen die

Kammertür, daß es krachte wie ein Schuß. »So renn halt ins Verderben,

wie 's Hehndl in' Fuchsenbau! Dir sag ich nix mehr!«

Er griff nach seiner Büchse und stürmte zur Hüttentür hinaus. Da vernahm

er Schritte. Um nicht gesehen zu werden, duckte er sich hinter den

Holzstoß, der an der Hüttenmauer aufgeschichtet war.

Im fahlen Grau des Morgens schritt Mazegger an der Hütte vorüber, die

Büchse auf dem Rücken, das bleiche Gesicht tief vorgebeugt und zu Boden

starrend, wie einer, der sucht, was sich nimmer finden läßt.

Trotz allem Aufruhr, den Pepperl in seiner enttäuschten Hirtenseele

toben fühlte, hatte er doch noch Augen für das Gedrückte, das aus

Mazeggers Haltung sprach. »Mir scheint, der spinnt schon wieder! Der

arme Narr!« Den fremden Kummer nicht minder schwer als die eigene Sorge

fühlend, guckte er dem Jäger nach, bis Mazegger zwischen den Bäumen

verschwunden war. Dann schlich er um den Holzstoß herum, warf einen

spähenden Blick zum Fürstenhaus hinauf und rannte mit langen Sprüngen

dem nahen Walde zu.

Sobald ihn die Bäume deckten, fiel er in ruhigen Schritt, als wäre jäh

aller Sturm in seinem Innern still geworden.

Er konnte sich sagen, daß er seine »Verpflichtigung« gewissenhaft

erfüllt hatte. Wenn er nicht dazu gekommen war, seine Warnung

auszusprechen, so war das nicht ^seine^ Schuld! Und sollte, Gott behüt,

der alte Brenntlinger einmal kommen und ihn ansehen mit den traurigen

Vateraugen, so konnte Pepperl mit reinem Gewissen erklären: »Ich kann

nix dafür!« Das war unleugbar ein Trost. Dennoch war dem

Praxmaler-Pepperl so seltsam schwül zumute, daß er das Hütl lüften und

mit dem Ärmel über die Stirn wischen mußte.

^Viertes Kapitel^

Förster Kluibenschädl machte am Morgen keine Pirsche, nur einen kleinen

Waldmarsch gegen Leutasch hinaus, um sich für das Frühstück im

Fürstenhaus den pflichtschuldigen Appetit zu holen.

Im Hochwald, der das Weidefeld der Hämmermoosalpe umschließt, traf er

mit Mazegger zusammen, der in Gedanken versunken daherkam.

»He! Toni!«

Der Jäger fuhr auf wie ein Träumer, der unsanft geweckt wird.

Mißmutig schüttelte der Förster den Kopf. »Wie schaust denn aus? Bist

denn du noch a Jager? Schamst dich denn gar net?«

Mazegger, über dessen bleiches Gesicht eine Spur von Röte huschte,

schien nicht recht zu wissen, wie ihm geschah. Er betrachtete seine

Büchse. Die war spiegelblank, ohne Rost. Er guckte suchend an seinen

Kleidern hinunter. Die waren tadellos sauber. »Was ist denn?« murrte er,

und seine schwarzen Augen schossen einen gereizten Blick auf den

Förster. »Wo fehlt's denn schon wieder?«

»Dein Hütl schau dir an!«

Toni nahm den Hut ab und sah, daß er von seiner Spielhahnfeder die

Sichel verloren hatte.

»Die muß ich mir gestern am Abend abgestoßen haben! Aber wenn der Herr

Förstner schon wegen so was brummt --«

»So? Meinst? Laß an Heiligen sein' Heiligenschein verlieren, und er is

halt kein Heiliger nimmer!« Der Förster drehte dem Jäger den Rücken und

wanderte durch den Wald hinunter ins Bachtal.

Auf dem Heimweg hörte er aus einem nahen Jungholz die Stimme der

Sennerin, die ihre Kühe zum Melken eintrieb. Sonst pflegte Burgi bei

diesem Geschäft vergnügt zu singen und zu jodeln; heut schalt sie

mißlaunig auf das widerspenstige Vieh.

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 37 / 71 题