Der Lakai trat in das Zimmer. »Durchlaucht befehlen?«

»Dort liegt ein Brief. Hast du dich schon erkundigt, wie die Post

besorgt wird?«

»Die Leutascher Jäger sind noch hier. Einer von ihnen wird den Brief zur

Besorgung übernehmen. Von morgen an wird ein regelmäßiger Postdienst

eingerichtet.«

Der Fürst nickte und ging zur Tür des Schlafzimmers; als ihm der Lakai

folgen wollte, sagte er: »Danke, Martin, geh nur, ich brauche dich nicht

mehr.«

Von der Sennhütte klang eine Lachsalve herauf, so toll und lärmend, daß

der Fürst aufblickte.

Martin runzelte die Stirn. »Ich werde die Leute sofort zur Ruhe

verweisen.«

»Nein! Laß sie nur! Sie sollen sich amüsieren, solang es ihnen Freude

macht. Ich werde deshalb nicht schlechter schlafen. Morgen früh sieben

Uhr das Bad. Für neun Uhr hab' ich den Förster zum Frühstück gebeten.

Gute Nacht!« Der Fürst trat in das Schlafzimmer und zog hinter sich die

Tür zu.

Martin schloß die beiden Fenster; dann glitt er lautlos auf den

Schreibtisch zu. Er nahm den Brief, las die Adresse und lächelte.

Vorsichtig, um das Siegel nicht zu verletzen, drückte er den Brief an

den Kanten zusammen, so daß sich die Klappe des Kuverts ein wenig

ausbauchte. Da konnte er ein paar Worte lesen: »-- heut an Arnold

Böcklins Bild >Das Schweigen im Walde< erinnert. Du kennst das Bild; auf

dem Einhorn reitet --«

Beruhigt schob Martin den Brief in die Brusttasche und blies auf dem

Schreibtisch die Lampe aus.

^Drittes Kapitel^

In der Sennhütte schien die weinfröhliche Stimmung in bedenkliche Wärme

zu geraten. Man hörte zwei streitende Stimmen, neben einem rauhen Baß

den kräftigen Tenor des Praxmaler-Pepperl. Aber die beiden Gegner

schienen ihre Fehde nicht sonderlich ernst zu nehmen. Ihr Zankduett

löste sich bald wieder in Gelächter auf, die Gläser klapperten, und ein

übermütiger Jauchzer tönte in die stille Nacht hinaus.

Förster Kluibenschädl, der in einem der Jägerhäuschen noch lesend bei

einer trüb brennenden Petroleumlampe saß, tat beim Hall dieses Jauchzers

einen tiefen Zug aus der Pfeife, ohne zu merken, daß sie schon erloschen

war, und las mit erregter Spannung weiter. Sein rundes Gesicht glühte,

obwohl die Sommernacht nicht allzu schwül und der eiserne Sparherd, auf

dem er sich zum Nachtmahl den gewohnten Schmarren bereitet hatte, schon

längst erkaltet war. Förster Kluibenschädl war ein Freund literarischer

Genüsse, hatte eine unglückselige Leidenschaft für »schöne Bücheln«,

dazu eine leicht zu rührende Seele, und obwohl er in der Praxis des

Lebens dem schönen Geschlechte nicht sonderlich freund war, bevorzugte

er in der Kunst gerade jene »Büchlein«, die von treuer Liebe handelten.

Die aufregende Geschichte, die er just verschlang, heizte seinem in

Spannung zitternden Herzen so schrecklich ein, daß ihm die innerliche

Glut den Schweiß auf die Stirne trieb.

Die Erregung des Lesers war aber auch begründet. Man denke nur: in dem

dreibändigen »frei nach dem Englischen bearbeiteten« Roman »Das

Geheimnis von Woodcastle« hielt er soeben bei der wichtigen Szene, in

welcher Lord Fitzgerald, der enterbte, von Unglück und Feinden verfolgte

Held, die heimliche Botschaft seiner Geliebten empfängt und in

mitternächtiger Stunde sich aufmacht zur heißersehnten Unterredung mit

Lady Maud, der holdseligen, von Haß und Eifersucht bewachten Herrin von

Woodcastle. Die Nacht ist rabenschwarz, eine Eule wimmert um die

zerfallenen Zinnen, unheimlich murmelt der Fluß, und geheimnisvoll

flüstern die alten Rüstern des Parkes. Wohl ahnt der Lord die Gefahr,

die ihn umlauert; doch keine Macht der Welt kann ihn zurückhalten, in

die Arme der Geliebten zu eilen, und so schreitet er furchtlos durch die

finstere Nacht, nur begleitet von seinem treuen Neufundländer, der

gleich dem Schatten eines Löwen an seiner Seite wandelt. Rosige Träume

von Glück und Liebe erfüllen die große, stolze Seele »unseres Helden«,

und so ganz versunken ist er in die Gedanken an seine holde Maud, daß er

die zischelnde Stimme überhört, die sich plötzlich im schwarzen Schatten

der alten Mauer hören läßt: »Das ist er!« Doch Lion, der treue zottige

Freund, hat blitzschnell die Gefahr erkannt, die seinen Herrn bedroht;

seine Haare sträuben sich, er stößt ein drohendes Knurren aus, aber im

gleichen Augenblick --

»Mar' und Joseph!« stotterte Kluibenschädl, dessen Augen sich

erweiterten. »Jetzt gschieht ihm ebbes!« Wütend schlug er die Faust auf

den Tisch. »Aber gleich hab ich mir's denkt, und grad heut muß er sein

Revolver daheimlassen! So a verliebts Rindviech, so an unvorsichtigs!«

Schnaubend legte er sich mit beiden Ellbogen über den Tisch und beugte

die glühende Nase auf das Heft.

-- Im gleichen Augenblick stürzen vier vermummte Gestalten aus der

Mauernische hervor. Wohl springt der treue Hund dem ersten der Banditen

heulend an die Kehle, doch ein wohlgezielter Dolchstoß streckt das

mächtige Tier zu Boden.

»Ah, da hört sich aber doch alles auf!« Dem Förster traten vor Erbarmen

um das schöne Tier die Tränen in die Augen. »Jetzt bringen s' mir den

Hund um, der mir der liebste von alle gwesen is!« Nur mit Mühe konnte er

durch den Schleier seiner tropfenden Zähren weiterlesen.

Schon ist Lord Fitzgerald an Händen und Füßen gefesselt, ein Knebel

erstickt seine Stimme, und während die Schurken ihn zu dem »in der Nähe

bereitstehenden, dichtverschlossenen Wagen« schleppen, verblutet der

arme Lion verlassen und hilflos im Staube. Noch einmal richtet er sich

mit letzten Kräften auf, versucht der Spur seines geliebten Herrn zu

folgen, doch die Füße tragen ihn nicht mehr; mit einem matten Winseln,

welches »fast dem Todeslaut einer schmerzgebrochenen Menschenseele«

gleicht, bricht er zu Boden und haucht auf den Fußtapfen seines Herrn

die treue Seele aus.

Zwei große Tirolertränen fielen auf das schauerliche Geheimnis von

Woodcastle nieder. Sie zerflossen auf dem schlechten Papier, und die

Flecken wurden so schwarz, als hätte der Förster nicht klares Wasser,

sondern Tinte geweint. In atemloser Beklemmung überflog er die nächsten

Seiten, aber da half nichts mehr, der Hund war tot, kein Wunder geschah,

um ihn wieder lebendig zu machen.

»Meiner Seel! Jetzt is er richtig hin!« Aus Kluibenschädls tiefer

Ergriffenheit brach es mit heiligem Zorn heraus: »Die Raubersbuben, die

gottverfluchten! Und dös will a Dichter sein? Der so a treus,

unschuldigs Tierl z'grund gehn laßt? Ah na! Der kann mir gstohlen

werden!« Er packte mit grober Faust das Heft. »So martern muß ich mich

doch net lassen!« Wütend schleuderte er das Heft in die Tischschublade,

in deren schwarzem Schatten das Geheimnis von Woodcastle zwischen

aufgedröseltem Rollknaster und alten Patronenhülsen verschwand.

Seufzend erhob er sich vom Tisch und ging auf die große zweischläfrige

Bettstatt zu, um seine Ruhe zu suchen. Er war nun auch soweit schon Herr

seiner Sinne, um den fidelen Spektakel nicht mehr zu überhören, der von

der Sennhütte heraufklang. »Is denn da noch allweil net Feierabend?« Er

sah nach der Uhr. »Halb zwölfe! Da muß ich Polizeistund machen!«

Aus der Almhütte quoll ein matt beleuchteter Qualm hervor, als wäre

Feuer in der Sennstube ausgebrochen.

Der große, von einem flackernden Talglicht und dem schon erlöschenden

Herdfeuer beleuchtete Stubenraum war so dick mit Pfeifenrauch erfüllt,

daß Kluibenschädl, als er auf die Schwelle trat, die Gestalten der

Sennerin und der vier Jäger, die um den mit Flaschen und Gläsern

bestellten Tisch saßen, kaum zu unterscheiden vermochte. »A saubers

Dampfl! Da könnt einer ersticken, da herin!«

Er wurde von der fidelen Kneipgesellschaft mit lautem Hallo begrüßt. Die

junge Sennerin, die dem »kleinen Schwipserl«, das ihr der

Praxmaler-Pepperl zugedacht hatte, schon bedenklich nahe schien, empfing

den unerwarteten Gast mit einem trillernden Juhschrei, und Pepperl, das

gefüllte Schoppenglas in der Hand, sprang auf, daß der dreibeinige Stuhl

einen Purzelbaum machte. »Jeh, der Herr Förstner!« jubelte er und

schwang das Glas, wobei er seine zerzausten »Kreuzerschneckerln« mit

einem ausgiebigen Spritzer taufte. »Der Herr Förstner soll leben!

Hoooch!«

Burgi und die drei anderen Jäger fielen lachend ein, so daß der Förster

den fröhlichen Spektakel kaum zu überbrüllen vermochte: »Stad, sag ich!

Himmelkreuzteufel! Seids denn ganz verruckt? Droben im Fürstenhaus sind

lang schon d' Lichter ausglöscht, und ös machts in der Nacht um halb

zwölfe noch an Aufruhr wie a Träupl Rekruten! An unsern guten Herrn

Fürsten denkt wohl gar keiner nimmer, was? Ös Lackeln überanand!« Bei

diesem Schlußwort knöpfte der Förster energisch seine Joppe zu.

In der Sennstube war es mäuschenstill geworden. Burgi fuhr sich verlegen

mit der Schürze über das glühende Gesicht, und Pepperl stand so

erschrocken, als hätte man ihm unversehens einen Kübel eiskalten Wassers

über den Kopf gegossen. Und weil man bei solchem Stimmungswechsel, wenn

man sein Gewissen nicht völlig rein weiß, die erste Schuld immer gern

auf einen anderen schiebt, fuhr er mit heiserem Geflüster einen der

Leutascher Jäger an: »No also, da hast es jetzt! Mit deiner Streiterei!«

»Ah, da schau!« brummte Birmoser in seinem tiefen Baß. »Du selber hast

ja viel ärger gschrien als ich!«

Pepperl kam aus der Fassung. Er schien zu fühlen, daß seine Ausrede auf

krummen Füßen ging; dazu begann der Wein unter seinen Kreuzerschneckerln

zu rumoren. In Zerknirschung warf er einen Trauerblick auf die beiden

noch ungeleerten Flaschen und stotterte: »Tuts mir die zwei Flaschen

zustöpseln! Heut trink ich kein Tröpfl nimmer!«

Dieser ehrlichen Reue gegenüber hielt Kluibenschädls Ärger nicht stand.

»No no no no! Übers Knie muß man auch net alles abbrechen! Bleibts halt

in aller Ruh noch a halbs Stündl sitzen, bis der Wein austrunken is. Und

damit's gschwinder geht, hilf ich a bißl mit, in Gottsnamen!« Er füllte

ein Schoppenglas und leerte es auf einen Zug. »Sooooo!« Als er das Glas

niederstellte, gewahrte er, daß nur vier Jäger am Tische saßen. »Wo is

denn der ander«, fragte er verwundert, »der Mazegger-Toni?«

»Fort is er«, antwortete Beinößl, der Jäger von Ehrwald, »schon gleich

am Nachmittag, wie der Fürst kommen is.«

»Was? Fort? Da muß ich a bißl nachschauen.« Kluibenschädl ging zur Tür

und brummte über die Schulter: »Also! Gscheit sein! Um zwölfe is

Polizeistund!«

»Ja, ja! Gut Nacht, Herr Förstner!« erwiderten die Jäger. Nur Pepperl

schwieg. Er hatte seinen Stuhl wieder aufgerichtet, saß mit gespreizten

Beinen und machte ein Gesicht, als ginge ihm ein widerhaariger Wirbel im

Kopf herum. Die Sennerin brach, als sie die trübselig verwandelte

Gesellschaft sah, in Kichern aus. »Ui jegerl! Der hat enk bei der

Kittelfalten derwischt! Und du?« Sie puffte den Praxmaler-Pepperl mit

der Faust in den Rücken. »Was is denn mit dir?«

»Gnug hab ich, scheint mir!« gestand Pepperl in ehrlicher

Selbsterkenntnis »Dir hätt ich 's Räuscherl gern anghängt, und ich

selber hab's kriegt!«

Das Mädel lachte, daß ihr die Jäger beschwichtigend zuwinkten. Da

drückte sie die Hand auf den Mund, huschte zur Hüttentür und guckte in

die schwarze Nacht hinaus.

Der Förster war in der Finsternis verschwunden. Nur seine stolpernden

Schritte waren noch zu hören.

Aus dem kleinen Fenster des Hegerhäuschens, auf das er zutappte,

schimmerte Licht. »No also, er muß ja daheim sein!« Kluibenschädl ging

auf das offene Fenster zu, packte die Gitterstäbe und steckte den Kopf

hinein.

Eine rußende Petroleumlampe brannte in dem Stübchen, das mit den zwei

Betten, dem Tisch und dem eisernen Kochherd so reichlich angeräumt war,

daß knapp noch schmaler Platz verblieb, um aus-und einzugehen. Das eine

Bett war leer, auf dem anderen lag Toni Mazegger ausgestreckt, völlig

angekleidet, die Hände hinter dem Kopf verschlungen, mit offenen Augen,

die zur Decke starrten.

»He! Du!«

Mazegger fuhr auf. Als er den Förster am Fenster sah, nickte er wortlos.

»Was is denn mit dir? Wo warst denn am Abend?«

»Dienst hab ich gemacht.«

»So? Wo denn? Leicht draußen beim Sebensee?«

»Nein!« Glühende Röte flog über das bleiche Gesicht des Jägers. »Im

Hämmermoos.«

»Gegen Leutasch naus?« Kluibenschädl zog die Augenbrauen hoch. »Die

Gschicht kommt mir a bißl brenzlig vor. Die gnädig Duhrlaucht gibt enk

an freien Abend, und derweil sich deine Kameraden amassieren, schießt

dir gahlings der Pflichteifer ein? Und du machst Dienst bis in d' spate

Nacht? Und dös soll ich glauben?«

Mazegger hob die Schultern und trat zum Tisch, um die rußende Flamme der

Petroleumlampe herunterzuschrauben. Kluibenschädl musterte den Jäger

mißtrauisch. »Leg dich nieder! 's Petroli für nix und wieder nix

verbrennen? Dös leid ich net.«

Mazegger blies die Lampe aus, stieß in der finsteren Stube die Schuhe

von den Füßen und warf sich aufs Bett.

Der Förster schüttelte seufzend den Kopf; mehr gutmütiges Bedauern als

Ärger sprach aus seiner Stimme: »Paß auf, Toni, 's Leben wird dich noch

zwiefeln! Und morgen in der Fruh machst Dienst gegen Leutasch zu, ins

Hämmermoos! Verstanden!« Während Kluibenschädl langsam davonging,

kalkulierte er: »So is er doch sonst net gwesen! Möcht nur wissen, was

er hat die ganze Zeit her?« Ein paar Ländlertakte pfeifend, nickte er

vor sich hin. Nun lachte er. »O du narrische Welt! Der Lapp, der dumme!

Was der sich einbildt!« Da sah er vom Fürstenhaus das Licht einer

kleinen Blendlaterne durch die Finsternis einherschwanken, gleich einem

Stern, der auf unsichtbaren Stelzen wandert. »He? Wer kommt denn da?« Es

war der Lakai des Fürsten. »Sie, Herr Kammerdiener? Was suchen S' denn

so spat in der Nacht?«

»Zwei Briefe hab ich zu bestellen. Sind die Leutascher Jäger noch hier?«

»Ja, drunt bei der Sennerin.«

Vorsichtig leuchtete Martin auf die Erde, um nicht über die Steine und

Krautbüschel des Almfeldes zu stolpern. Vor der Tür der Sennhütte nahm

er das kleine Lodenmäntelchen ab, das er um die Schultern trug.

Vermutete er in wärmere Luft zu kommen? Oder wollte er durch Enthüllung

seiner kleidsamen Dienstgala den Eindruck seiner Persönlichkeit

verstärken?

Sein lautloser Schritt störte die kleine Zechgesellschaft nicht in ihrer

tuschelnden Heiterkeit.

Zum Gaudium der anderen Jäger hatte Pepperl, dem die weinselige Stimmung

aus den Augen leuchtete, die Sennerin an beiden Armen gefaßt und suchte

sie auf seinen Schoß zu ziehen. Unter Lachen und Schelten wehrte sich

das Mädel. Aber Pepperl hielt fest, und seine derben Fäuste drückten,

als hätte er nicht zwei warme, mollige Mädchenarme, sondern ein paar

Holzscheite unter den Händen.

»Au weh! Du Narr du! Brichst mir ja d' Arm ausanander!« Um sich frei zu

machen, zerrte die Sennerin wie eine Forelle, die am Haken hängt.

Dennoch schien sie dieses grobe Neckspiel nicht übelzunehmen. Jeder

Wehlaut, den sie ausstieß, wurde durch neues Kichern abgelöst.

»Auslassen! Oder --«

»Oder was?« Lachend griff Pepperl noch derber zu. »Her da! Deiner Lebtag

bist noch nie auf eim schönern Bankl gsessen.«

»Au weeeh -- ich weiß mir a bessers! Mein hölzerns Bankl hat feste Füß.

Die deinigen wackeln schon!«

»So? Wackeln? Meinst?« Pepperl zog, daß der schwere Tisch, gegen den

das Mädel sich stemmte, ins Rutschen kam. »Wenn s' wackeln, kannst dich

schön hutschen drauf!«

»Ich mag net, 's Hutschen vertrag ich net. Au! Du Narr du! Jesses Maria,

mein Arm!«

Ein paar leere Flaschen rollten über den Tisch, die Gläser klirrten, und

das gab einen Lärm, daß Beinößl mahnte: »Der Förstner!« Um die Neckerei

zu beenden, wollte er der Sennerin zu Hilfe kommen. Aber das war

überflüssig. Pepperl, von einem blendenden Lichtstrahl ins Gesicht

getroffen, hatte die Arme der Sennerin fahren lassen. Burgi taumelte und

wäre über die hölzerne Bank hinübergepurzelt, wenn sie nicht flink noch

die Tischkante hätte erhaschen können. Das lustige Lachen, mit dem sie

sich aufrichtete, erstickte zu einem leisen Schrei, als sie plötzlich

die schwarze Gestalt mit der Blendlaterne gewahrte. »Alle guten

Geister --« Sie wollte schon mit dem Daumen zur Stirn fahren, um sich zu

bekreuzen. Da erkannte sie den Gast, kicherte vor sich hin und bestaunte

den Lakai vom glattfrisierten Kopf bis zu den blinkenden

Schnallenschuhen. Für die vornehme Erscheinung, die er in dem

rundgeschweiften Frack, in den Eskarpins aus schimmerndem Atlas und in

den schwarzen Seidenstrümpfen machte, hatte sie augenscheinlich nicht

das richtige Verständnis. Wohl sprach aus ihren verdutzten Augen etwas

wie Respekt und Scheu. Dennoch mußte sie schmunzeln.

Schweigend saßen die drei Jäger hinter dem Tisch und kauten an den

Pfeifen. Pepperl hatte die Fäuste in die Joppentaschen geschoben, saß

zurückgelehnt auf dem Sessel, die Beine lang ausgestreckt, und machte

mit aufgerissenen Augen ein höchst sonderbares Gesicht. Er wußte wohl,

daß droben im Fürstenhaus ein Kammerdiener eingezogen war. Aber hier in

der Hütte sah er zwei Kammerdiener, und die beiden hatten die

wunderliche Eigenschaft, daß sie sich im Kreis um ihn herumdrehten.

Dabei hatten sie ein verdächtiges Lächeln, das dem Praxmaler-Pepperl, je

länger er es ansah, das Blut immer heißer in die Stirn trieb. Schwül

atmend griff er nach seinem Kopf und wühlte in den Kreuzerschneckerln.

Da sah er plötzlich nur einen Kammerdiener. Der lächelte noch immer

so -- und in prüfender Beschaulichkeit hob er die Blendlaterne, um das

Gesicht der Sennerin besser zu beleuchten. Wie hübsch dieses Mädel war!

In dem strahlenden Lichtkreis, mit dem kirschroten Schnabel, mit den

Schmunzelgrübchen in den runden, brennenden Wangen, mit den dunklen

Feueraugen und dem wirrgezausten Braunhaar über der glühenden Stirn! Und

von der Nachwirkung des energischen Widerstandes, den Burgi im lustigen

Ringkampf mit Pepperl geleistet hatte, atmete der feste Busen so

ungestüm, als möchte er den groben Kittel sprengen. Gleich einem

wissenschaftlichen Forscher ließ Martin den Schein der Blendlaterne über

die Sennerin gleiten. Er verstand sich in solchen Dingen genügend aufs

Rätsellösen, um den jungen, strammgesunden Mädchenkörper zu erraten, der

sich in dem derben Arbeitskleid versteckte. Der Kenner nickte zustimmend

und lächelte.

Burgi verstand dieses Lächeln nicht. Aber das Schweigen währte ihr zu

lang. Lustig sagte sie: »Der Herr Kammerdiener? Gelt? Und ich hab schon

gmeint, der Leibhaftige steht vor mir in der schwarzen Stiefelwichs!«

Kichernd drückte sie das Kinn auf die Brust.

Martin wurde verdrießlich. »Na, hören Sie, mein schönes Kind, das ist

gerade kein Kompliment. Ich glaube eher, daß ich Ihnen als rettender

Engel erschien, um Sie aus den Fäusten dieses groben Lümmels zu

befreien.«

»Oho!« Pepperls Gesicht war anzusehen, als hätte man ihm Zinnober auf

die Stirn gestrichen.

»Sie wünschen?« Martin hob die Laterne. »Ist das einer von unseren

Jägern?« fragte er die Sennerin und musterte wieder mit kühlem Blick die

stumme Gesellschaft am Tisch. »So viel Manier könntet ihr wohl haben, um

zu wissen, daß man aufsteht, wenn jemand von der Herrschaft eintritt.«

Die Jäger hinter dem Tische guckten einander mit großen Augen an und

erhoben sich schwerfällig.

Pepperl blieb sitzen. Seine Augen funkelten. »Da muß schon wer andrer

kommen, bis ich aufsteh. Wegen Ihnen reiß ich mir kein Haxen aus.«

»Aber Pepperl, geh, was hast denn?« stotterte Burgi erschrocken. Und

Beinößl griff über den Tisch hinüber und schüttelte den Erregten mit

derber Faust an der Schulter: »Peppi? Bist denn verruckt?«

»Na! Ich net. Aber in Ruh lassen soll er mich! Der!« Die Mahnung zum

Frieden schien Pepperls Zorn noch geschürt zu haben. »Wenn er auch so

pikfein dreinschaut wie an auszogener Tintenspritzer, deswegen is er

doch net mehr als wie a Stiefelputzer, der sei' Bürsten daheim lassen

hat!«

Martin legte vornehm den blonden Kopf zurück.

Der kalte Blick rührte in Pepperl den Zorn zum Sieden auf. »Sie!

Bleankeln S' net so mit Ihrem ausgwaschnen Gschau! Mich verschlucken S'

noch lang net! Und mit solchene Augen können S' enkere Frauenzimmer in

der Stadt drin anschauen, aber kein Madl bei uns da heraußen!«

Ohne auf Pepperl zu hören, war Martin zum Tisch getreten. »Geht einer

von den Leutascher Jägern noch heut nach Hause?«

»Jawoll!« erwiderten Birmoser und Ruef.

Dem letzteren, der von beiden der minder bekneipte zu sein schien,

reichte Martin ein großes Kuvert, das er aus der Brusttasche zog.

»Übergeben Sie dieses Kuvert, das zwei Briefe enthält, morgen früh in

Leutasch dem Postboten. Die Briefe sollen erst auf der Post in Seefeld

aus dem Kuvert genommen werden. Das ist strenger Befehl Seiner

Durchlaucht. Haben Sie verstanden?«

»Jawoll!«

Mit gnädigem Lächeln wandte sich Martin zur Sennerin, die wortlos

dastand. »Gute Nacht, mein schönes Kind!« Freundlich klopfte er sie auf

die Wange, dann hob er die Laterne, um seinen Weg zu beleuchten, und

verließ die Hütte.

Mit keinem Blick sah Burgi dem Abziehenden nach, sondern hielt die

zornblitzenden Augen auf Pepperl gerichtet. Die drei Jäger hinter dem

Tisch begannen zu lachen und wollten mit derben Späßen über den

unbehaglichen Augenblick hinüberturnen. Da trat die Sennerin vor Pepperl

hin. »Du! Jetzt will ich dir was sagen!« Ihre Stimme zitterte. »Wir sind

zwei gute Freund gwesen in aller Lustbarkeit. Net mehr und net weniger.

Aber von heut an hat's an End. Solchene Sachen leid ich net in meiner

Hütten. Da kannst dir an anders Platzl suchen!«

»So? So?« kollerte Pepperl. »Is dir am End schon Angst um ihn, weil ich

ihm seine schmalzigen Haar a bißl aufkampelt hab?« Höhnend deutete er

mit beiden Armen nach der Tür. »So geh doch, geh -- main scheenes Gindd

-- und führ ihn am Armerl, daß er net stolpert. Wann er sich's

Nasenspitzl verstaucht, wer weiß, leicht gfallt er dir morgen nimmer.«

Den Ärger verbeißend, sagte das Mädel ruhig: »Sei stad, gelt! Du

rauschiger Unfürm du! Und kümmer dich lieber, daß du an Helfer findst,

der dich heut noch auf'n Strohsack lupft! Und der ander? Der soll mich

anschaun wie er mag! Dich frag ich noch lang net drum. Net heut und net

morgen. Und überhaupt, heut hab ich gnug -- von enk alle mitanander!« Sie

packte den hölzernen Wassereimer und goß seinen Inhalt über das müd

flackernde Herdfeuer, so daß unter dem plätschernden Guß auch das letzte

Flämmlein erlosch. Es wurde ein bißchen duster in der Hütte. Das

tränende Kerzenlicht, das die große Stube nicht aufzuhellen vermochte,

sah aus wie das hilflose Waisenkind einer verlorengegangenen

Sternmutter.

»Aber Madl, geh!« fiel Beinößl beschwichtigend ein. »Der ander gibt eh

schon Ruh. Jetzt sei net ^du^ die Narrische.«

Burgi warf den Eimer zu Boden, ging zum Tisch und pustete das in einer

leeren Flasche steckende Talglicht aus.

»So! Polizeistund!« grollte sie in der Finsternis. »Gut Nacht mitanand!«

Die Jäger lachten, nur Pepperl nicht. Als er in der Dunkelheit die

Kammertür gehen und drinnen den schweren Eisenriegel klirren hörte,

sprang er auf. »He! Burgi! Du! Ich muß dir was sagen!« Als keine Antwort

kam, begann er mit beiden Fäusten gegen die Kammertür zu trommeln.

Während Birmoser auf dem Tisch herumtappte, um die noch ungeleerte

Flasche für sich zu retten, legten sich Ruef und Beinößl bei der

Kammertür ins Mittel und lotsten den Praxmaler-Pepperl unter gütlichem

Zureden hinaus in die stille, sternschöne Sommernacht.

Pepperl wehrte sich wie ein Wilder. »Laßts mich aus! Ich rat's enk im

guten! Ich muß ihr was sagen! Laßts mich aus!«

Die beiden hielten fest und zogen, daß Pepperl auf den vorgestemmten

Füßen eine Rutschpartie übers Almfeld machte.

»Na! Und na! Und ich geh net heim! Ich muß ihr was sagen!«

»Jetzt halt dein Schnabel, du Giftgockel, du eifersüchtiger!« schnauzte

ihn Beinößl an.

»Was? Eifersüchtig? Daß ich net lach!« Und richtig, Pepperl lachte laut

in die Nacht hinaus. »Was geht denn mich die Burgi an! Die is mir net

mehr als der Wind hinterm Ohrwaschel! Auf Ehr und Seligkeit! Und ich

will und ich mag nix von ihr! Und net um d' Welt! Ös seids mir die

richtigen Freund! Dös muß ich sagen! Saubere Freund! Und bringen eim

solchene Sachen auf! Was? Helfts am End auch schon zum anderen? Ja?«

»Geh, du Narr! Was hast denn davon? Der wird dich ghörig verklampern

beim Fürsten!«

»Verklampern? So? Meintwegen! Soll er mich halt verklampern! Und meine

Freunderln, meine guten? Die machen ihm leicht noch an Zeugen? Ja? Ös

seids mir die richtigen Freund! Laßts aus! Mit enk will ich nix mehr

z'schaffen haben! Auslassen! Himmelherrgottsackerment!«

Mit einem Athletenruck befreite Pepperl seine Arme und rückte trotzig

das Hütl übers Ohr, wie einer, der weiß: jetzt hat mich alles verlassen,

jetzt bin ich auf mich allein gestellt! Und während ihm die Jäger

lachend nachsahen, stolperte er einsam durch die Finsternis seiner nahen

Hütte zu.

In seinen Ohren war ein böses Wort zurückgeblieben. »Verklampern! Der

wird dich ghörig verklampern beim Fürsten!«

Aus bedrückter Seele seufzend, erreichte Pepperl die Tür des

Försterhäuschens. Ohne zu prüfen, ob sie offen oder geschlossen wäre,

suchte er eine Viertelstunde lang in allen Taschen nach dem Schlüssel.

Als er ihn nicht fand -- weil der Schlüssel im Schlosse steckte --,

ließ er sich in einem Anfall dumpfer Seelenzerknirschung auf die

Schwelle nieder und nahm seinen sumsenden Kopf in die Hände. Verworren

tauchten die Ereignisse, die sich in der Sennhütte abgespielt hatten,

vor seinem wachgerüttelten Gewissen auf, an dem schon die Reue zu nagen

begann wie die Maus an der Speckschwarte. »Teufi, Teufi, Teufi! Was hab

ich denn da für Sachen gmacht! Jetzt glaub ich schon selber, daß ich a

bißl z'viel derwischt hab!«

Schwül atmend erhob er sich, tappte unter den Bäumen bis zum

Röhrenbrunnen und steckte den heißen Kopf in den Wasserstrahl. Unter

Schnauben und Prusten stand er über den Rand des Troges gebückt. Das

eiskalte Wasser, das ihm die Ohren und das Gesicht umpritschelte und

durch den Joppenkragen über den Rücken rann, machte ihn schauern und

zittern. Geduldig hielt er den kalten Guß so lange aus, bis es in seinen

vom Wein umdusterten fünf Sinnen wieder hell zu werden begann. Dann zog

er die Joppe herunter und rüppelte mit ihr den Kopf, bis die

Kreuzerschneckerln wieder leidlich trocken waren. Seufzend kehrte er zur

Hütte zurück. Und da war es ihm fast leid, daß er die radikale Wasserkur

unternommen hatte. Im Weindusel hätte er bald den Schlaf gefunden und

wäre die verwünschten Gedanken losgeworden. Jetzt, da er zur klaren

Erkenntnis der »Dalkerei« gekommen war, die er in der Sennhütte

angestiftet hatte, jetzt wußte er, daß es für diese Nacht vorbei war mit

Schlaf und Ruhe.

Ob's nicht am besten wäre, gleich alles dem Förster ehrlich zu beichten?

Trotz dieser Einsicht zog Pepperl vor der Tür die Schuhe herunter, um

durch kein Geräusch den Förster aus seinem Schlaf zu wecken. Als er in

das finstere Stübchen trat, hörte er dumpfes Stöhnen und abgerissene

Worte, wie sie ein Kranker im Fieber redet. Erschrocken machte er Licht

und leuchtete mit der Kerze über das Bett.

Kluibenschädl, der halb entkleidet, mit der Lederhose, auf der Matratze

lag, hatte die wollene Decke über die Knie hinuntergestrampelt und

arbeitete mit den Fäusten in der Luft herum. Sein Gesicht war dunkelrot,

und röchelnd sprach er im Schlaf: »Raubersbuben! Abfahren! Laßts mir

den treuen Hund in Ruh! Abfahren, sag ich! Oder es kracht!«

Pepperl griff zu und rüttelte, bis der Förster wach wurde und mit

schlaftrunkenen Augen aufblickte. »Was -- was is denn?«

»Ich hab Ihnen wecken müssen. An schiechen Traum haben S' ghabt. Von

Raubersbuben haben S' gredt, und von eim treuen Hundl!«

Kluibenschädl setzte sich auf und rieb die Augen.

»Schau, da is mir jetzt richtig der arme Lion im Schlaf kommen! Weißt,

heut aufn Abend hab ich noch a bißl im Geheimnis vom Wohdekastel

glesen -- ja, denk dir, Pepperl, jetzt haben s' mir den guten Lion

derstochen, die Haderlumpen!«

»Geh? Is's wahr?«

»Und den Lord Fitzgerald haben s' überfallen und knebelt und bunden und

davongschleppt -- der Teufel weiß, wohin.«

»No mein, trösten S' Ihnen, es wird ihm schon wieder einer helfen!«

meinte Pepperl sanguinisch.

»Dös will ich hoffen! Wenn so a bravs Mannsbild z'grund gehn muß, nacher

wird's mir z'dumm! Nacher schreib ich dem Buchhändler in Innsbruck a

Briefl! Der soll sich gfreun! Und 's Geld muß er mir wieder zruckgeben.

Für so was zahl ich net. Derschlagen und derstechen und betrügen und

belügen tun sich d'Leut sowieso schon im Leben gnug. Was brauch ich

denn da noch a Büchl dazu? Wenn ich a Büchl lies, möcht ich mei' Freud

dran haben. Daß ich 's ganze Sauleben drüber vergessen kann! Und 's Herz

muß mir sein, als hätt's a frischgwaschens Hemmed an und a

Feiertagsgwandl! Sonst pfeif ich auf die ganze Dichterei!« Kluibenschädl

zog die Decke bis zum Hals herauf, mummelte sich ein und drehte sich

gegen die Wand. »Sei froh, Pepperl, daß du net der Dichter vom Geheimnis

vom Wohdekastel bist! Sonst tätst heut deine Prügel kriegen!«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 36 / 71 题