Er legte die Feder fort und trat ans Fenster. --

Aus der Stube, die unter dem Jagdzimmer des Fürsten lag, fiel ebenfalls

die Helle einer Lampe über den Hof hinaus, doch nur als matter Schein,

denn am Fenster waren die Gardinen vorsichtig zugezogen.

In dieser Stube saß Martin vor einer Briefmappe. Er hatte eine schon

halbgeleerte Flasche Bordeaux vor sich stehen, schmauchte eine Zigarette

seines Herrn und hielt studierend den Federstiel in der Hand.

Der Klang der Schritte, die über seinem Kopfe hin und her wanderten,

ließ ihn zur Decke blicken.

»Wenn ich wüßte, was er denkt da droben, dann wüßt ich auch, was ich

schreiben soll!«

Bedächtig blies er eine Rauchwolke über den Briefbogen hin und begann

mit zierlichem Schnörkel die Überschrift:

»Hochverehrte Frau Baronin!

Meine gnädigste Gönnerin!

Obwohl ich Bemerkenswertes nicht zu melden habe, erlaube ich mir,

Frau Baronin doch heute noch eine Nachricht zu senden, um kurz zu

berichten, daß unsere allverehrte Durchlaucht heute nachmittag,

etwas angegriffen von der langen Fahrt, aber doch bei wünschenswert

gutem Gesundheitszustand im Jagdhaus eingetroffen sind. Selbes

liegt in einer vollständig unkultivierten Berggegend, was vermuten

läßt, daß es Durchlaucht nicht sehr lange hier aushalten werden.

Für den Komfort Seiner Durchlaucht im Jagdhause haben Graf

Sternfeldt leidlich gesorgt. Dagegen befinden sich die Zimmer im

Fremdenhaus und auch das einzige Gastzimmer im Fürstenhaus in einem

sehr primitiven Zustand. Letzteres Zimmer, welches von den Jägern

das >Grafenstüberl< genannt wird, wurde durch mehrere Wochen von

Graf Sternfeldt bewohnt. Das Meublement genügt kaum den

bescheidensten Ansprüchen, und da bei einem Besuche der gnädigen

Frau Baronin nur dieses Zimmer in Betracht kommen kann -- es liegt

auf dem gleichen Flur mit den Zimmern Seiner Durchlaucht --, so

werde ich einem verläßlichen Menschen in Innsbruck sofort den

Auftrag geben, bis zum Eintreffen der gnädigen Frau Baronin alles

Nötige zu beschaffen, damit das Zimmer würdig des zu erwartenden

Gastes gestaltet werden kann. Da diese Änderung ohne Wissen Seiner

Durchlaucht ausgeführt werden muß, bitte ich gnädige Frau Baronin

untertänigst, meine Eigenmächtigkeit Seiner Durchlaucht gegenüber

zu vertreten und die Sache so darzustellen, als hätte ich mich nur

deshalb für diesen delikaten Auftrag gewinnen lassen, weil es sich

um eine freudige Überraschung für Seine Durchlaucht gehandelt

hätte.

Sonst habe ich nur zu melden, daß Durchlaucht heute früh in

Innsbruck mit Herrn von Sensburg zusammentrafen und selben sehr

ungnädig behandelten, wofür sich Herr von Sensburg in gewohntem

Takt mit doppelter Liebenswürdigkeit revanchierten. Hier in dieser

menschenverlassenen Wildnis sind Begegnungen, welche die gnädige

Frau Baronin beunruhigen könnten, nicht zu befürchten. Doch hatten

wir heute abend, bei der Vorliebe Seiner Durchlaucht für einsame

Spaziergänge, bereits einen kleinen Schreck zu überstehen.

Durchlaucht hatten gegen sechs Uhr das Jagdhaus verlassen, um etwas

Motion zu machen. Für halb acht war das Diner befohlen, aber es

wurde acht Uhr, es wurde finster --«

Martin hielt im Schreiben inne und blickte zur Decke hinauf.

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 33 / 71 题