Da hörte er eine rufende Stimme: »Durchlaucht!«

»Martin! Hier!«

Der Lakai kam atemlos gerannt. »Gott sei Dank! Ich war schon in Sorge,

daß Durchlaucht sich verirrt hätten.«

»Ich danke, Martin. Aber deine Sorge war überflüssig. Mich verirren?

Hier? Das ist unmöglich. Rechts und links die Berge. Man hat nur dem

Bach zu folgen. Du brauchst mir ein andermal nicht wieder nachzugehen.

Ich finde schon meinen Weg.«

Martin verneigte sich stumm und blieb zehn Schritte hinter seinem Herrn

zurück.

^Zweites Kapitel^

Der letzte Dämmerschein des Abends war erloschen, und über dem Jagdhaus

lag eine sternschöne Nacht.

Im Wohnzimmer des Fürsten standen die Fenster offen, und die Lampenhelle

warf rötliche Lichtbänder über das dunkle Almfeld hinaus. Das Gebimmel

der Glocken war verstummt, doch in Burgis Sennhütte ging es noch lustig

zu; Schwatzen und Lachen wechselte mit Gesang und Zitherspiel.

In einem Lehnstuhl saß der Fürst am offenen Fenster, und während er den

Rauch der Zigarette vor sich hinblies, lauschte er bald dem

unermüdlichen Frohsinn, der durch die Nacht zu ihm heraufklang, bald

wieder blickte er sinnend über die schwarzen Wipfel hinüber zu den

Felswänden, die sich grau emporhoben in das tiefe Stahlblau des Himmels.

Wie stark und feurig in der reinen Höhenluft die Sterne funkelten! Als

wären es andere, schönere Sterne als jene, die man dort unten sieht, in

der staubigen Ebene und im Ruß der Stadt!

Tief atmend erhob sich der Fürst. Ein paarmal wanderte er durch das

Zimmer, dann setzte er sich an den Schreibtisch, um einen Brief zu

beginnen:

»Mein lieber, treuer, väterlicher Freund!

Ich danke Dir von Herzen! Und ich kann nicht schlafen gehen, bevor

ich Dir das nicht gesagt habe. Als meine Ärzte befahlen: drei

Monate nach dem Süden und dann ungestörte Ruhe in reiner

Höhenluft! -- und als Du sagtest: Bis du wiederkommst, will ich für

dich einen Fleck Erde aussuchen, der dir Ruhe gibt! -- da wußt' ich

schon, wie gut Du für mich sorgen würdest. Aber heute hab' ich mehr

gefunden, als ich selbst bei einer ungebührlichen Rechnung auf

Deine Freundschaft erwarten konnte. Welch ein schönes Waldheim hast

Du mir da bereitet! Und Dank für die behagliche Stube! In ihr sitz'

ich und schreibe. Ich habe mich hier daheim gefühlt von der ersten

Stunde an. Und so viel Ruh ist hier! Sie beginnt auch schon zu

wirken. Kein Brennen meiner Wunde mehr. Und wenn mich eins noch

quält, so ist es Bitterkeit gegen mich selbst. Von einem kalten

Grauen durchrieselt, betrachte ich den Taumel, der mich ausgestoßen,

und atme auf. Jetzt fühl ich mich erlöst von der letzten Kette dieser

wahnsinnigen Leidenschaft. Jetzt bin ich frei.

Frei! Könntest Du dieses kleine Wort so lesen, wie ich es im

Niederschreiben fühle! Frei! Das war ich noch gestern nicht. Noch

weniger in den Tagen zuvor. Diese Irrfahrtswochen im Süden! Der

Ekel schüttelte mich bis auf die Knochen. Doch mitten im bitteren

Nachgeschmack immer wieder eine Erinnerung, die sich wie Sehnsucht

fühlte! Dann fragte ich mich erschrocken: lieb' ich sie noch,

^kann^ ich sie denn noch lieben? Dazu diese Menschen, diese

Begegnungen! Als hätte sich unser ganzer Kreis von zu Hause

systematisch über meine Reiseroute verteilt, um mich zu martern. In

Capri, Amalfi, Rom, Bordighera, überall lief mir einer über den

Weg, und die erste Frage war immer eine Frage nach ^ihr^! Man

wird in unserer guten Gesellschaft durch keine Großtat so berühmt,

als wenn man sich vergißt und vom sauberen Bürgersteig des Lebens

hinuntertappt in die Gosse.

Heute früh noch, bei der Abfahrt, in Innsbruck, wer steht vor mir?

Der Edle von Sensburg! Der >kleine süße Mucki<! Du weißt, wer ihn

so zu rufen liebte. Und seine erste Frage: >_Vous seul, mon

prince?_< Ich hätte ihn mit der Faust ins Gesicht schlagen mögen.

Und als er mir's abgequetscht hatte, wohin ich ging, schien er auf

eine Einladung zur >Gamsjagd< zu warten -- er sagt natürlich nicht

Gemse, sondern >Gams<, immer echt, der kleine süße Mucki! Während

der ganzen Fahrt verfolgte mich sein Kattungesicht, und immer roch

ich seine _peau d'Espagne_ -- er hatte, während er mit mir sprach,

den Arm auf die Wagenlehne gestützt. Um das Parfüm loszuwerden, nahm

ich mir in Leutasch eine Bauernkutsche. Es half nicht. Nun quälte

mich die Erinnerung an die Tage und Nächte, die ich mit diesem

Menschen verbringen mußte, weil ^sie^ es als lustigen Sport

betrachtete, ihren scheckigen Narren aus ihm zu machen. Ach, zum

Teufel mit dem ganzen Ekel! Ich bin ihn doch los, bin erlöst, bin

frei! Seit heute, seit ich hier bin! Und ich fühl' es wie ein

Wunder, das an mir gewirkt wurde. Der Wald aus seinem schönen

Schweigen hat zu mir gesprochen: sieh, wie ruhig ich bin, sei du es

auch! Und ich hab's gehört, verstanden und befolgt.

Wie ganz genesen ich bin, mag Dir beweisen, daß ich fragen kann:

>Hast Du schon mit ihr gesprochen?< Ich bitte Dich, spare da nicht

in meine Tasche! Ich will nicht, daß sie >darben< muß, und sie

>darbt<, wenn sie nicht mindestens die Revenue einer Million zur

Verfügung hat. Dir hab' ich es vor einem Jahr nicht glauben wollen.

Jetzt weiß ich es: mein Name, meine Stellung, mein Besitz -- das

war's, was ihre >große Feuerseele< bezwang. Sie soll sich in ihren

>stolzen Hoffnungen< nicht ganz getäuscht haben. Du weißt, für die

Enttäuschten im Leben hab' ich immer ein schwaches Herz gehabt.

Das ist gewiß Ironie, aber es gesellt sich zu ihr auch ein Hauch

von Ernst und Heiterkeit. Feilsche nicht! Und dann ist's vorüber.

Für immer!

Aber was soll ich nun mit mir beginnen? Ich habe noch ein Leben vor

mir. Was soll ich ihm geben? Heut und für lange Wochen bin ich

zufrieden mit der Ruhe, die ich hier gefunden habe. Doch wenn mich

der Winter von hier verjagt? Was dann? Arbeit? Gewiß! Doch welche

Arbeit? >Da stock ich schon< -- und muß mir erst überlegen, was ich

schreiben will.«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 32 / 71 题