Der Fürst hatte sich wieder zum Schreibtisch gesetzt, um seinen Brief zu
vollenden:
»Mir will die Erleuchtung nicht kommen. Arbeit? Ja! Mich sehnt nach
ihr. Ich glaube doch wohl, daß sie fürs Leben eine Notwendigkeit
ist, wie Luft und Freude. Aber da seh' ich Dich lächeln, Du
liebenswürdigster aller Residenzbummler, und höre Dein paradoxes
Lieblingswort: Arbeit ist ein Fluch, das hat schon die Bibel
gesagt, und das ist ein kluges Buch! Aber ich weiß auch, daß Du im
Grunde Deiner Seele anders denkst. Das ist ja überhaupt Deine Art
so: anders zu sprechen, als Du denkst -- nein, so gesagt wär's eine
Unhöflichkeit, ich hätte schreiben sollen: anders zu denken, als Du
sprichst! Und mir gegenüber hast Du immer eine Ausnahme gemacht. Tu
es auch jetzt! Gib mir einen Rat! Was soll ich beginnen, um aus
meinem in die Irre geratenen Leben einen Zweck zu machen? Und gibt
es für mich keine Arbeit, welche Ziel und Zweck hat, gut, so will
ich das Zwecklose schaffen. Nur etwas leisten! Und hätt' ich auch
keinen besseren Dank davon als einen müden Abend und einen festen
Schlaf. Aber was soll ich? Ins Regiment zurück? Noch heute, wenn
Krieg in Aussicht wäre! Für die Parade und den bewaffneten Frieden?
Nein! Oder soll ich mich ins Parlament wählen lassen? Ich wüßte
nicht, für welche Partei. Was ich politisch denke, verträgt sich
mit keiner. In mir mischt sich der Absolutist mit dem extremen
Republikaner. Ich müßte heute mit den Junkern stimmen, morgen mit
den Sozialisten. Eine parlamentarische Unmöglichkeit. Und
überhaupt, das Parlament! Soll ich arbeiten für eine Sache, von der
ich überzeugt bin, daß sie sich überlebt hat? Und bei aller
Freiheit meines Denkens -- ich bin empfindlich gegen Ungezogenheiten.
Wer sich heute ins Parlament wählen läßt, muß unter dem Schutze der
mißbrauchten Immunität sich Verdächtigungen, Grobheiten und
Ausdrücke gefallen lassen, die man im gewöhnlichen Leben mit einer
Kugel oder besser noch mit einer Ohrfeige erwidert. Nein, ich
danke! Aber Holzhacken, wörtlich und bildlich genommen, kann ich
doch nicht. Dazu sind meine Hände nicht robust genug. Es wird mir
also nichts anderes übrigbleiben, als mich auf meine Scholle zu
setzen. Seinen Acker bewirtschaften und seinen Besitz bei gesundem
Leben zu erhalten, ist schließlich auch eine Arbeit. Auf meinen
Gütern beschäftige ich ein paar hundert Menschen. Für die als Herr
zu sorgen, ihr Dasein zu einem menschlich erträglichen, nach
Möglichkeit zu einem behaglichen zu machen? Ist das nicht auch ein
Zweck? Dazu noch ein guter? Für die große Menschheit arbeiten zu
wollen, ist Donquichotterie -- aber meine paar hundert Leute daheim,
das ist eine Menschheit im kleinen, und für die ^kann^ ich
arbeiten.
Daheim? Hab' ich denn noch ein Daheim? Mein Haus in der Stadt ist
mir verleidet. Und unser schönes Bernegg? Seine Mauern sind mir tot
geworden, seit das Leben erlosch, das in ihnen wirkte -- seit meine
Mutter starb. Ich kann mir nicht denken, wie ich dort leben soll,
ich, allein! Das wirst gerade Du mir nachfühlen können. Ich weiß,
wie groß Du von meiner Mutter dachtest.
Wenn ich mit Dir plaudre von ihr, wird Dein spottendes Auge ernst
und Dein sarkastische Lächeln ein anderes. Und vor Jahren, wenn Du
mir von allem Lob das beste sagen wolltest, dann sagtest Du zu mir:
>Du Sohn deiner Mutter!< Das Lob war unverdient. Was sie aus ihrer
Seele gab, das hab' ich nur äußerlich angenommen. Die klare
Harmonie des Lebens, die willensstarke Fähigkeit, eine Freude auch
noch im bittersten Weh zu finden -- das war dem Wesen meiner Mutter
angeboren. Sie ^hatte^ das, wie man Augen hat, mit denen man sieht.
Dieses Ruhige floß von ihr auf den verschüchterten Knaben über, aus
jedem Blick, der mit Liebe auf mir ruhte. Aber es wurzelte nicht in
meinem Herzen, es war bei mir nur ein Angelerntes und war vergessen
bei der ersten verwirrenden Frage, mit der mich das Leben prüfte.
Ob es auch so gekommen wäre, wenn ich die Mutter nicht verloren
hätte? Nein! Ihre lebende Nähe wäre mir ein Schutz gegen jeden
häßlichen Aufruhr meines Blutes gewesen. Denkst Du noch an unseren
alten Suttner, der früher als Förster in der einsamen Hirschau
diente? Im Jähzorn mißhandelte er seine Frau und seine Kinder und
machte seinen Untergebenen den Dienst zu einer Marter. Da nahm ihn
meine Mutter als Parkmeister ins Schloß -- und ihr Blick verwandelte
den Wildfang in einen ruhigen Menschen. Hätte meine Mutter noch
gelebt, es wäre nie geschehen, was ich jetzt, da ich mit allem
Katzenjammer einer Menschenseele von diesem Rausche ernüchtert
bin, mit Fäusten hinausstoßen möchte aus meinem besudelten Leben.
Aber als dieser Irrsinn meines Herzens begann, da ahnte ich nicht,
wie er enden würde. Das war in mir, als hätt' ich das Heiligste und
Herrlichste des Lebens gefunden. Und wenn ich zurückdenke an den
Feuersturm jenes ersten Gefühls, dann wird es mir schwer, zu
wünschen: ich hätte besonnen meine glatte Straße gehen und mir ein
temperiertes >Glück< mit ruhiger Überlegung schaffen können, um
Sommer für Sommer als guter Mann meiner guten Frau kohlbauend auf
meinem Gute zu sitzen und während des Winters in der Stadt keine
Opernpremiere, keinen Rout und keinen Hofball zu versäumen. Der
Gedanke, daß solch ein >wohlgeordnetes< Glück mich hätte treffen
können, weckt in mir ein gelindes Grauen. Dennoch steckt in mir ein
schmerzliches Bedauern, daß es ^nicht so^ kam! Aber wenn ich es
>so gut< gefunden hätte? Wäre dieses windstille Treibhausglück von
Dauer gewesen? Bis zu einem sanften, in Gott ergebenen Lebensabend?
Vielleicht hätte sich auch dann einmal in dunkler Stunde das Blut
meines Vaters in mir geregt, um die gläserne Herrlichkeit in
Scherben zu schlagen, irgendeinem Unwert oder einer Häßlichkeit
zuliebe?
Mein Vater! ---- Das Wort ist kalt für mich. Als mein Vater jenen
tödlichen Sturz auf der Rennbahn tat, war ich noch ein halbes Kind.
Sein Tod hatte keinen Schmerz für mich, nur einen Schreck, den ich
halb verstand, als ich einen unserer Gäste sagen hörte: >Der gute
Ettingen hat sich den Hals recht _à propos_ gebrochen, sonst hätte
er noch seinen Namen und seinen Besitz, seine Frau und seinen Jungen
in den Sumpf geritten!< Dieses böse Wort brachte das ^eine^ Gute,
daß ich mich noch zärtlicher an die Mutter anschloß, wie in der
Ahnung, daß meine Liebe sie vor einem Leid zu beschützen hätte.
Weiß Gott, lieber Freund, es geht mir warm durchs Herz, wenn ich
mir sage: ich habe meiner Mutter, solange sie lebte, keine
Enttäuschung bereitet. Sie konnte lächelnd die Augen schließen und
sterbend glauben, daß sie in ihrem Sohn ein wohlgebautes Werk ihrer
Liebe und ihres Lebens hinterließe.
Und nun? Wie steht es vor Dir, dieses Werk meiner Mutter? In meiner
Seele sieht es aus wie in den löcherigen Taschen eines Bettlers.
Ich hätte leben sollen als meiner Mutter Sohn und hab's meinem
Vater nachgetan. Übel hat mich bei diesem Rennen um das Glück das
zügellose Tier meiner Leidenschaft in den Sand geworfen! Sand? Wie
höflich das Wort gewählt ist! Wohl hab ich mich leidlich wieder
aufgerichtet. Aber ich spüre den Sturz an Leib und Seele. Und da
konnt' ich vor einer halben Stunde noch schreiben: ich bin genesen,
ich fühle mich frei. Nein! Ich bin es nicht. Oder weiß ich nur die
quälende Stimmung dieses Augenblickes nicht klar zu erkennen? Was
mich mit so brennender Unruhe bedrückt? Eine letzte Kette, die
mich noch fesselt an das Vergangene? Nein! Es kann auch das Grauen
sein -- vor der Leere und dem Unwert meines kommenden Lebens! Eine
heiße Sehnsucht, die begehrt und dennoch weiß, daß sie unstillbar
ist! Heiliges Glück -- das ist Finden auf reinem Weg. Wer durch Sumpf
gewatet ist, darf keinen Tempel mehr betreten.
Ein böser Gedanke! Der hätte mir nicht kommen sollen! Ich will's
versuchen, ihn wieder aus mir hinauszustoßen, will zufrieden sein,
nur weil ich einsam bin, stadtferne und mir selbst gegeben. Und wie
häßlich auch das Leben ist, dem ich entfloh und das mich erwartet --
schön ist doch die sommerduftende Stille, in der ich hier atme.
Schön ist die Nacht, die da draußen mit großen Sternen leuchtet.
Schön ist das tiefblaue Rätsel des schlafenden Himmels und das
graue Wunder der nachtverschleierten Berge!
Hättest Du nur den Abend gesehen, der dieser Nacht voranging! Aber
solche Schönheit läßt sich nur fühlen, nicht mit Worten sagen! Und
wie sicher vor allen bösen Gedanken, wie ruhig war ich, als ich
einsam da draußen unter den alten Bäumen saß!«
Da stockte dem Schreibenden die Feder. Er lehnte sich in den Stuhl
zurück und blickte nach dem offenen Fenster, in dessen Rahmen sich der
schwarzgezahnte Wipfelkamm des nahen Waldsaumes und darüber ein Stück
des stahlblauen Himmels mit zwei funkelnden Sternen zeigte.
So saß er eine Weile. Dann schüttelte er unter leisem Lächeln den
Kopf -- und begann wieder zu schreiben:
»Die schöne Ruhe, die ich draußen gefunden habe, überkommt mich
wieder! Ein Trost für die Nacht -- ich glaube, daß ich schlafen
werde.
Nun Gott befohlen, lieber Goni! Wüßt' ich nicht, daß Du in der
Stadt bleibst, um als Freund für mich zu handeln, so würd' ich Dir
schreiben: komm, und laß uns die Schönheit teilen, die mich hier
umgibt! Aber ich hoffe doch, daß dieser unbehagliche
Freundschaftsdienst Dich nicht allzulange zurückhalten wird und daß
ich Dich bald bei mir begrüßen kann. Mit diesem Herzenswunsche bin
ich Dein
dankbar getreuer Heinz.«
Der Fürst schloß den Brief und schrieb die Adresse: »Graf Egon von
Sternfeldt -- Wien.« Er wollte dem Diener läuten, doch lächelnd nahm er
den Brief noch einmal aus dem Kuvert.
»Als Nachschrift eine Bitte. Ein Zufall hat mich heut an Arnold
Böcklins Bild >Das Schweigen im Walde< erinnert. Du kennst das
Bild: auf dem Einhorn reitet die weiße Waldfee unter den Bäumen,
mit großen Märchenaugen, und lauschend, als hätte das Waldschweigen
redende Stimmen, die kein Menschenohr vernimmt, nur sie allein.
Schon vor drei Jahren, als ich das Bild in einer Ausstellung sah,
hätt' ich es gerne gekauft. Es hatte schon seinen glücklichen
Besitzer. Wie schade! Nun sind Erinnerung und Wunsch in mir wieder
wach geworden. Aber wer einen solchen Schatz besitzt, überläßt ihn
keinem anderen. Ich werde mich mit einer Reproduktion begnügen
müssen. Willst Du mir die besorgen? Einen Stich oder eine
Radierung. Willst Du? Ja? Meinen Dank im voraus.