Eine Reiterin! Und welch eine seltsame! Ein junges Mädchen, nach
ländlicher Art gekleidet, saß auf einem Esel, der mit roter Decke
gesattelt war. Wohl führte die Reiterin einen Zügel in den Händen, doch
sie hielt ihn lässig, versunken in die Betrachtung des Waldes. Und das
Grautier ging, wie es wollte, hier ein paar Halme von der Erde zupfend,
dort wieder von den Zweigspitzen der Stauden naschend, die mit wirrem
Astwerk den Saum der Lichtung verschleierten. Nun trat das Tier unter
den letzten Bäumen hervor in die Sonne, und durch eine Gasse zwischen
den Stämmen konnte der Fürst die ganze Gestalt der jungen Reiterin
gewahren, deren Haupt und Schultern er umschimmert sah vom Feuer des
Abendlichtes. Er lächelte. »So könnte ein Märchendichter die Bergfee
schildern, wie sie aus den Felsen tritt, umstrahlt von dem Goldglanz,
der geheimnisvoll aus den Tiefen des geöffneten Berges hervorglüht.«
Doch das Gewand der »Bergfee« war nicht aus Zindel gewoben, wie's bei
den Elfen Mode ist. Ein braunes, schlichtes Röcklein schwankte faltig
bis auf die Füße nieder, an deren kleinen, aber ländlich plumpen Schuhen
die Nägel blitzten. Ein rot und weiß geblümtes Leibchen, einem Mieder
ähnlich, umspannte die Brust; die bauschigen Ärmel des Hemdes, das mit
loser Krause den Hals umschloß, verhüllten die Arme bis zu den zarten
Handgelenken. Am braunen Ledergürtel hing ein kleiner Strohhut mit
weißer Hahnenfeder und daneben -- wie das Schulränzlein eines
Bauernkindes -- eine Tasche aus ungebleichter Leinwand mit roten Säumen.
Die Tochter eines Bauern? Nein! Dem widersprach nicht nur der tadellose
Schnitt und die saubere Frische des wohl ländlichen, aber doch von
auffälligem Sinn für malerische Wirkung zeugenden Gewandes. Solch einen
schlanken, bei jugendlicher Kraft doch zart geformten Körper hat keine
Bauerndirne -- noch weniger solch eine sichere, selbstbewußte Haltung, um
die eine Dame von Welt dieses Mädchen hätte beneiden können. Dazu dieses
stolze Köpfchen! Das Gesicht war von der Sonne gebräunt, doch es hatte
feingeformte Züge, ein klar und schön geschnittenes Profil. Das braune
Haar, das im roten Glanz der Sonne wie blankes Kupfer schimmerte, war in
zwei Zöpfe gebändigt, die sich wie ein schwerer Kronreif um die Stirne
schlangen.
Ohne sich um das Grautier zu kümmern, sah die Reiterin zu den
leuchtenden Wipfeln auf, und für nichts anderes schien sie Augen zu
haben als für das brennende Farbenspiel der abendlichen Lüfte. Aus
diesem Schauen erwachte sie erst, als das Tier, talabwärts schreitend,
wieder in den Schatten des Waldes trat. Mit ruhiger Hand lenkte sie den
Grauen zwischen den bemoosten Felsblöcken zu einer breiteren Waldgasse.
Dann wieder begann sie das träumende Schauen, mit einem Lächeln, so
innerlich und wissend, als vernähme sie aus dem Schweigen des Waldes
eine Stimme, die kein anderer hörte und verstand, nur sie allein.
Das Grautier stutzte. Und da gewahrte die Reiterin den Einsamen. Nicht
erschrocken, nur verwundert, machte sie mit dem Zügel eine Bewegung,
verhielt das Tier und betrachtete den Regungslosen mit einem Blick, der
zu fragen schien: Wer bist du? Was hast du in meinem Wald zu schaffen?
Und was für Augen sie hatte! Groß und klar und seetief. Recht die Augen,
wie das Märchen sie hat!
Der Blick dieser Augen verwirrte den schauenden Träumer. Halb sich
aufrichtend griff er nach der Mütze.
Da nickte die Reiterin einen stummen Dank -- unter einem Lächeln, als
hätte seine Verwirrung auch ihr sich mitgeteilt -- und mit leisem Zuruf
brachte sie das Grautier in Gang.
Er sah ihr nach. Wie der schlanke Leib beim Auf- und Niedersteigen des
Tieres sich elastisch bewegte, wie sie sich neigte und das Köpfchen bald
zur Rechten und bald zur Linken beugte, um den dürren Ästen auszuweichen
-- wieviel Schönheit lag in dieser Bewegung! Als sie talwärts ritt und
zwischen den Stämmen schon zu verschwinden drohte, erhob sich der Fürst,
um sie noch einmal zu sehen. Jetzt verschwand sie im Dämmerschatten des
tieferen Waldes. Manchmal war noch ein gedämpfter Tritt des Tieres zu
hören, immer ferner, immer leiser. Dann wieder Schweigen im Wald.
Die Drossel schlug.
Der Fürst hörte sie nicht. Er stand an die Fichte gelehnt und blickte
der Tiefe des Waldes zu, wo es grauer und immer grauer wurde zwischen
den Stämmen.
»Wo hab ich nur diese Augen schon gesehen?«
Er sann und forschte. Dann plötzlich fiel es ihm ein: auf einem Bild!
»Seltsam! Wie der phantastische Traum eines Künstlers sich in
Wirklichkeit erfüllen kann!«
Aufatmend hob er den Blick zu den Wipfeln, deren Glanz erloschen war.
»Es dunkelt?«
Das klang wie eine erstaunte Frage -- als könnte er nicht begreifen, daß
jetzt die Nacht beginnen sollte.
Ohne zu wissen, daß er es tat, stieg er durch den grauen Wald
bergaufwärts der Richtung zu, aus der die Reiterin gekommen war. Kaum
hundert Schritt hinter der Lichtung fand er einen breiten Pfad, der zur
Höhe führte -- man sah im Dunkel des Waldes die steigenden Serpentinen
schimmern.
»Von dort oben kam sie?«
In der Höhe des Waldes meinte er einen Schritt zu hören. Er lauschte.
Aber da war's wieder still.
»Ist jemand hier?«
Nur ein dumpfes Echo gab Antwort.
Eine Weile noch stand der Fürst und lauschte. Dann stieg er den Pfad
hinunter, der nach kurzer Strecke in den am Ufer des Wildbaches
laufenden Talweg einmündete. Hier stand ein Wegweiser, dessen Arm zur
Höhe zeigte, von welcher der Fürst gekommen war. Mit einiger Mühe
entzifferte er bei der sinkenden Dämmerung die Inschrift: »Zum
Steinernen Hüttl.«