Verlegen schwieg der Förster, und sein rotes Gesicht wurde noch röter.
Dann platzte er heraus: »Wenn Duhrlaucht nix dagegen haben, heiß ich
halt amal Kluibenschädl! Da is nix dran z'ändern!«
Der Fürst konnte nur schwer seinen höflichen Ernst bewahren. »Mein Ohr
ist nicht gewöhnt an die hier üblichen Ausdrücke«, sagte er, »verzeihen
Sie also, Herr Förster, wenn ich nicht gleich verstanden habe.«
»Klui -- ben -- schädl!« buchstabierte mit etwas gereizter Deutlichkeit
der Förster, dem die Adern an Stirn und Schläfen schwollen.
»Jetzt hab ich verstanden!« Erheitert bot Ettingen dem Förster die Hand.
»Aber wollen Sie nun die Güte haben, mir die Jäger vorzustellen?«
Der Förster trat vor seine Leute hin. »Bitte, Duhrlaucht, die ersten
zwei, dös sind der Kassian Birmoser und der Krispin Ruef, die zwei Jager
von Leutasch draußen. Der dritte da, dös is der Silvester Beinössl, der
Jager von Ehrwald drunt. Und die letzten, dös sind die zwei Tillfußer
Jager, der Toni Mazegger und der Praxmaler-Pepperl.«
Der Fürst hatte jedem Jäger die Hand gereicht und jeden mit prüfendem
Blick betrachtet. Mazegger und Praxmaler schienen sein besonderes
Interesse zu erwecken. Die beiden standen nebeneinander, wie
unfreundlicher Schatten neben warmer, gesunder Helle. Mazegger, der
jüngste von allen, mochte etwa dreiundzwanzig Jahre zählen. Auffällig
unterschied sich seine Gestalt von dem derben, bäuerischen Typus der
anderen. Fast glich er einem Städter, der sich mit gesuchter Echtheit in
die malerische Tracht der Hochlandsjäger gekleidet hat. Das hagere, von
dunklem Flaum umkräuselte Gesicht war sonnverbrannt wie die Gesichter
der anderen, und trotzdem erschien es blaß und ohne Blut. Ein Zug von
unwilliger Verschlossenheit lag um den scharfgezeichneten Mund, und
unter dem Schatten, den die schwarzen, in dicken Büscheln vorfallenden
Haare über die Stirne warfen, brannten die tiefliegenden Augen mit
düsterem Feuer.
»Sind Sie hier in der Gegend geboren?« fragte der Fürst, dem der
südländische Typus des jungen Jägers auffiel.
»Nein, Durchlaucht!« erwiderte Mazegger in einem Hochdeutsch von kaum
merklicher Dialektfarbe. »Ich bin in der Nähe von Trient daheim.«
»Und Ihre Eltern? Was sind die?«
Dem Jäger schien die Frage seines Herrn nicht willkommen zu sein; er gab
seine Antwort zögernd, während er den Hut zwischen den Händen
zerknüllte. »Mein Vater war Lehrer. Als man bei uns im Dorf die deutsche
Schule aufhob und die italienische einführte, wurde mein Vater
abgesetzt. Das hat er nicht überlebt. Er ist ins Wasser gesprungen.«
Der Fürst trat einen Schritt zurück, peinlich berührt. Aber sein
Mitgefühl war stärker als das Befremden, das der gallige Ton des Jägers
in ihm geweckt hatte. »Sie haben Trauriges erlebt. Das trägt sich
schwer. Und deshalb verließen Sie Ihre Heimat?«
Eine Furche grub sich zwischen Mazeggers schwarze Brauen. »Nach dem Tod
meines Vaters hab ich nicht weiterstudieren können und bin zu Verwandten
gekommen, die draußen in der Leutasch wohnen. Ich hab verdienen müssen.
Die zwei letzten Jahre, solang der Herr Herzog die Jagd noch hatte, hab
ich Aushilfsdienste geleistet. Vor sechs Wochen, wie die Jagd an
Durchlaucht übergegangen ist, bin ich von Graf Sternfeldt als Jäger
angestellt worden.« Während er diese letzten Worte eintönig hersagte,
musterten seine schwarzen Augen den Fürsten mit einem halb scheuen, halb
feindseligen Blick, wie man einen Menschen betrachtet, von dem man in
unbehaglicher Ahnung eine Gefahr befürchtet.
Ettingen schien dieses Widerstreben zu fühlen. Leichte Röte glitt ihm
über die Stirn. Die Regung überwindend, sagte er freundlich: »Sie sollen
es gut bei mir haben. Ich hoffe, Ihr Beruf macht Ihnen Freude und läßt
Sie die Schule verschmerzen, die Sie aufgeben mußten.«
Mazegger schwieg. Und Förster Kluibenschädl sagte lachend: »Mir scheint
eher, die Schul hat ihn aufgeben! 's Parieren is bei ihm net die
stärkste Seiten. Aber er wird sich schon machen mit der Zeit.« Das war
gewiß gut gemeint, aber aus Mazeggers Augen huschte ein zorniger Blick
über das lachende Gesicht des Försters. »Ja, ja! Wenn er möcht, der
Toni, könnt er sich zu eim tüchtigen Jager auswachsen. Wenigstens hätt
er 's beste Beispiel an seim Tillfußer Kameraden. Unser
Praxmaler-Pepperl is a Jager, allen Respekt!«
»Aber, aber, Herr Förster!« stotterte Praxmaler so stolz verlegen wie
ein Kind, das der Lehrer vor der ganzen Schule lobt. Die Fußspitzen nach
einwärts drehend, wand er die Schultern unter der Joppe und blinzelte
verwirrt zu seinem Herrn auf.
Mit Wohlgefallen ruhten die Augen des Fürsten auf dem gesunden,
anheimelnden Bild des Jägers, der ein paar Jahre älter als Mazegger sein
mochte. Eine Gestalt wie aus Eisen gefügt, strotzend von Kraft und
Jugend. Die nackten Knie waren durchrissen von Narben, die verrieten,
daß Praxmaler beim Klettern über die Felsen um seine Haut nicht sehr
besorgt war. Das runde, dunkelgebräunte Gesicht war an Kinn und Wangen
rasiert, und auf der vollen Oberlippe, die bei stetem Lächeln die festen
Zähne sehen ließ, saß ein zausiges Blondbärtchen. Das Hübscheste an
diesem Gesicht waren die hellblauen Augen mit ihrem strahlenden Glanz.
Das aschblonde, schimmerige Haar umhüllte den Kopf mit hundert winzigen
Ringeln -- »Kreuzerschneckerln« nennt sie ein Volkswort --, und das war
anzusehen, als hätte man dem Praxmaler-Pepperl ein gekraustes Lammfell
über die Ohren gestülpt.
Immer verlegener wurde der Jäger, je länger ihn der Fürst mit
schweigendem Lächeln betrachtete. Und schließlich, als könnte er die
stumme Musterung nicht länger ertragen, stotterte er: »Herr Fürst! Wenn
S' morgen gleich an guten Gamsbock schießen möchten, ich weiß a paar
sichere. Mögen S'! Ja?«
»Ich danke, lieber Praxmaler! Mit dem Jagen hat es noch Zeit. Vorerst
muß ich ein paar Tage Ruhe haben. Aber wenn ich meinen ersten Pirschgang
mache, sollen Sie mich führen! Ja? Bis dahin auf Wiedersehen! Und macht
euch heut einen vergnügten Abend, laßt euch aus Küche und Keller geben,
was euch schmeckt! Aber trinkt nicht mehr, als ihr vertragen könnt! Ein
Jäger, der sich bekneipt? Das gefällt mir nicht.« Grüßend lüftete
Ettingen den Hut und schritt, vom Förster begleitet, zur Tür des
Jagdhauses. Während sie über die steinerne Treppe zum Flur
hinaufstiegen, fragte er: »Haben Sie Familie, Herr Förster?«
Kluibenschädl machte ein erschrockenes Gesicht. »Familli? Ich? So an
unguts Frauenzimmer im Haus? Na na! Da bleib ich lieber allein. Die
Weiberleut! Auf die bin ich gar net gut zum Reden. Bloß hinschauen därf
so a Frauenzimmer auf a gsunds Platzl, so schießt schon an Unkräutl in
d' Höh, und a bravs Mannsbild stolpert drüber. Na na! Da mag ich nix
wissen davon. Wenn S' gscheit sind, Duhrlaucht, machen Sie's grad so!
Hüten S' Ihr liebe, kostbare Jugend vor die Weiberleut! Man hat net viel
mehr davon als Wehdam und Ärger. Is schon wahr!« Der Förster lachte mit
breitem Behagen.
Schweigend wandte der Fürst sich ab und blickte von der Schwelle hinaus
über Wald und Berge.
»Hier, Duhrlaucht«, sagte Kluibenschädl, der im Flur des Jagdhauses die
erste Tür öffnete, »da hat der Herr Kammerdiener sein Stüberl.«
Der Fürst nickte zerstreut und warf einen flüchtigen Blick in das kleine
Zimmer.
»Und hier is die Gschirrkammer!« Der Förster öffnete die
gegenüberliegende Tür; man sah in einen weißgetünchten Raum, der rings
um die Wände bestellt war mit Schränken und Geschirrleisten. An der
nächsten Tür ging Kluibenschädl vorüber, ohne die Klinke zu berühren.
»Da schlaft die Jungfer Köchin. Und nebendran is die Holzleg. Dahinter
is der Hausmagd ihr Kammerl. Und die ander Tür da -- man merkt's schon am
feinen Grücherl -- die führt in die Kuchl. Die fürstlichen Zimmer --
bitte, Duhrlaucht, sich gefälligst hinaufbemühen zu wollen -- die liegen
droben im ersten Stock.«
Sie stiegen über die Treppe hinauf, und der Förster öffnete die
zunächstliegende Tür. Das wäre das Gastzimmer, in welchem Graf
Sternfeldt drei Wochen gewohnt hätte, um den Betrieb der neuübernommenen
Jagd zu ordnen und das Jagdhaus einzurichten. Es war eine freundliche
Stube, in ihrer Ausstattung für den Geschmack eines Mannes berechnet,
der keine Ansprüche macht.
Nun ging's zum Speisezimmer. Ein großer dreifenstriger Raum von heller,
blinkender Frische. Die weiße Kalkmauer war rings um das Zimmer bis über
die halbe Wandhöhe mit rötlichem Zirbenholz getäfelt. Aus dem gleichen
Holz waren die Möbel angefertigt. Um zwei Ecken zog sich -- die
Einrichtung einer Bauernstube nachahmend -- eine massive Holzbank, vor
der zwei Kreuztische standen, mit rotgestickten Leinwanddecken belegt.
Eine runde Bank umzog den weißen Tiroler Ofen, und in einer Wandecke war
ein »Herrgottswinkelchen« geschaffen, dessen Kruzifix mit grünen
Latschenzweigen und blühenden Alpenrosen geschmückt war. An der Wand,
die über der Täfelung frei blieb, hingen zwischen Gemskrickeln und
Hirschgeweihen zwölf Aquarelle, die in kräftigen Farben die Jagd des
ganzen Jahres von Monat zu Monat schilderten.
»Wie hübsch und gemütlich!« Die Hände in die Mufftaschen der Jagdbluse
vergrabend, ließ sich der Fürst auf die Ofenbank nieder. »Hier muß ich
mich behaglich fühlen.« Heiter begann er mit dem Förster zu plaudern,
bis ihr Gespräch durch den Lakai unterbrochen wurde, welcher fragen kam,
für welche Stunde Durchlaucht das Diner befehle. Der Fürst sah nach der
Uhr. »In zwei Stunden, gegen halb acht. Ich will mich noch in der
Umgebung des Jagdhauses umsehen. Für jetzt nur eine Tasse Tee!«
Eine Weile plauderte er noch mit dem Förster, dann ließ er sich
hinüberführen in die »Fürstenzimmer«, wie Kluibenschädl mit
unterstrichenem Respekt betonte.
Da gab es für den Fürsten eine Überraschung, die ihm Freude machte. In
seinem Stadtpalais befand sich ein kleines Jagdzimmer, in dem er sich
mit Vorliebe aufzuhalten pflegte. Die Einrichtung dieses Zimmers fand er
fast bis in das kleinste Detail hier nachgebildet, als sollte ihm der
schmucke Raum zum Willkommen sagen: Fühle dich hier zu Hause von der
ersten Stunde an!
Das war der gleiche Holzplafond, in hellem und dunklem Braun gehalten,
die gleiche Ledertapete mit eingepreßten Tierbildern, der gleiche
Waffenschrank -- sogar die beiden Jagdstücke von Snyders, die im
Stadtpalais den kostbaren Wandschmuck seines Lieblingszimmers bildeten,
fand er hier durch zwei treffliche Kopien ersetzt. Auch der gleiche
Diwan und die gleichen, mit Seehundsfell bezogenen Lehnstühle. Nur zwei
Möbelstücke des Stadtzimmers waren hier durch andere vertreten: statt
des Spieltisches ein Schreibtisch, und statt eines Schrankes, der eine
Sammlung Ridingerscher Holzschnitte und alter Stiche nach berühmten
Jagdbildern enthielt, stand hier eine kleine Bibliothek mit ein paar
hundert Bänden.
Und ^noch^ etwas war anders als in der Stadt: die Luft, die würzig
hereinströmte durch die zwei offenen Fenster, und der Ausblick, den sie
boten. In der Stadt lag vor den Fenstern die graue Häuserwand der von
Kohlendunst überschleierten Straße, hier zeigte das eine Fenster das
Almfeld mit der Sennhütte und darüber den von blauem Schattenduft
umwobenen Felskoloß der »Hochwand«, das andere den grünen Wald und über
seinen goldig umleuchteten Wipfeln die Spitzen und Wände sonnbeglänzter
Berge.
An dieses Fenster war der Fürst getreten. Er sah hinaus über Wald und
Berge und preßte die Fäuste auf seine Brust, die sich wölbte unter einem
trinkenden Atemzug. Lange stand er so, in Sinnen versunken, als
vergliche er das Bild, das in sonnigem Frieden vor seinen Augen glänzte,
mit dem Wirbel des Lebens und allem Sturm der Leidenschaft, der hinter
ihm lag. Er nickte vor sich hin, und ein müdes, bitteres Lächeln zuckte
um seinen Mund.
Geduldig stand der Förster neben der Tür und wartete.
Lautlose Minuten vergingen, bis ein Geräusch den Fürsten aus seinen
Gedanken weckte. Der Lakai hatte die Tür des anstoßenden Raumes geöffnet
und sich wieder entfernt; man sah in das große, weiße Schlafzimmer und
durch eine zweite Tür in ein kleines Badestübchen, in dem der Lakai bei
der Wanne beschäftigt war. Der Fürst hatte sich vom Fenster abgewandt.
»Verzeihen Sie, lieber Herr Förster --«
Kluibenschädl wurde dunkelrot über das ganze Gesicht. »Aber Duhrlaucht,
jesses na, ich hab eh schon gmerkt, daß ich überflüssig bin. Gern hätt
ich mich stad aussidruckt zur Tür. Aber wie ich Duhrlaucht so sinnieren
hab sehen, meiner Seel, da hab ich mich nimmer z'rühren traut.«
Dieses unbeholfen sich äußernde Zartgefühl schien den Fürsten warm zu
berühren. Lächelnd reichte er dem Förster die Hand. »Sie sind ein
lieber, guter Mensch! Und ich danke Ihnen für alle Mühe, die ich Ihnen
heute schon verursacht habe. Morgen früh, um neun Uhr, bitt ich Sie, mit
mir zu frühstücken. Dann machen wir zusammen einen Orientierungsmarsch
durch das Geißtal. Ja?«
»Dank der Ehr, Duhrlaucht! Werde pünktlich zur Stelle sein!«
Das Gesicht des Fürsten noch mit einem prüfenden Blick überhuschend,
schob sich Kluibenschädl zum Zimmer hinaus. Als er draußen stand und die
Tür zugezogen hatte, spitzte er gedankenvoll die Lippen. »Psssss, mir
scheint, mir scheint! Entweder ich kenn mich net aus, oder den hat a
Frauenzimmer in die Klupperln ghabt!« Bedächtig griff er sich an die
Nase. »Mannderl, Mannderl, dös laß dir wieder zur Warnung sein!« Auf
den Fußspitzen schlich er die Treppe hinunter.
Draußen im Hof traf er mit dem Praxmaler-Pepperl zusammen, der um die
Hausecke geschossen kam, die beiden Arme mit Weinflaschen vollgepackt.
»Da schauen S', Herr Förstner! Da hab ich was Kühls für a hitzigs
Züngerl. Den Wein trag ich nunter zur Burgi. Da sind die andern schon
drunt. Und die Burgi muß mittrinken. Der hängen wir heut a Schwipserl
an. Da müssen S' mithelfen!«
»Dank schön!« erwiderte Kluibenschädl mit Würde. »Machts eure Dummheiten
allein! Und beim Weintrinken bin ich Filosoff. Dös heißt auf deutsch: a
Freund der stillen Genüsse.« Sprach's, zog dem Praxmaler-Pepperl eine
Weinflasche unter dem Arm hervor und ging einer Jägerhütte zu.
Praxmaler lachte und sprang zur Sennhütte hinunter.
Eine Weile später trat der Fürst aus der Tür des Jagdhauses. Er hatte
sich umgekleidet und trug einen grünen Hausanzug mit verschnürtem Sakko
und eine kleine Mütze aus braunem Hirschleder. Langsam schritt er den
Fahrweg hinunter und durch den schmalen Waldstreif, der das Almfeld
umschloß. Er kam zu einer weiten Blöße, die schon im Schatten lag; nur
durch die Lücken, die sich zwischen den Wipfeln in den Waldkamm senkten,
warf die Sonne noch lange, schimmernde Goldbänder über das Weideland.
Weiße Kühe mit leise bimmelnden Glocken zogen durch das niedere
Gesträuch, andere lagen im Gras und wandten träg die Köpfe, wenn der
einsame Spaziergänger an ihnen vorüberschritt.
Ettingen wanderte über die Lichtung, bald mit stillen Augen die klare
Schönheit des Abends trinkend, bald wieder versunken in Gedanken, die
ihn der Umgebung und des Weges nicht achten ließen. Auf lindem Rasen
schreitend, merkte er nicht, daß er den schmalen, wenig ausgetretenen
Pfad verlor und aus farbiger Dämmerhelle in tiefen Schatten trat. Als
er, aus seinem Brüten erwachend, einmal aufblickte, sah er, daß er
mitten im Hochwald stand, der eine Strecke sich eben hinzog und dann
sacht zu steigen begann.
»Wie still dieser Wald! Wie schön in seinem Schweigen!«
Zwischen den Wurzeln einer mächtigen Fichte ließ sich der Einsame zur
Ruhe nieder. So saß er, den Kopf an den Stamm gelehnt, die Hände um das
Knie geschlungen. Lächelnd, als wäre die Ruhe und das Nimmerdenken über
ihn gekommen, staunte er träumend hinein in die wundersame Stille. Kein
Halm zu seinen Füßen und kein Zweig zu seinen Häupten bewegte sich. Auch
nicht der leiseste Lufthauch atmete durch den Wald. Stark und ruhig
stiegen die hundertjährigen Bäume zum Himmel auf, jeder ein König in
seiner sturmerprobten Kraft. Alle kleinen, niederen Gewächse waren
verkümmert und gestorben im Schatten dieser Großen; sie allein
bestanden, und bescheidenes Moos nur webte zwischen ihren
weitgespannten Wurzeln seinen grünen Samt über Grund und Steine. Sogar
vom eigenen Leibe hatten die Riesen alle niedrigstehenden Äste
abgestoßen und gesundes, saftiges Leben nur den strebenden Zweigen
bewahrt, die sich aufwärtsstreckten bis zur Höhe des Lichtes. Das
flutete goldleuchtend um die Wipfel her, ließ selten einen verlorenen
Schimmer niedergleiten in den Schatten, der zwischen den braunen Stämmen
lag, und dort nur, wo der Grund zu steigen anfing, brach es, einer
Lichtung folgend, mit breiter, brennender Welle quer durch den Wald.
»Wer das so könnte wie der Wald: alles Schwächliche und Niedrige von
sich abstoßen, nur bestehen lassen, was stark ist und gesund! So stolz
und aufrecht hinaussteigen über den Schatten der Tiefe und die Helle
suchen, die hohen, reinen Lüfte! Wer das so könnte!«
Langsam glitt der Blick des einsamen Träumers über einen der Stämme
empor zum grünen Wipfel, der sich in der Sonne badete. Da huschte
pfeilschnell ein kleiner Schatten durch den Sonnenglanz, in der Höhe
schwankte ein Zweig, wiegte sich eine Weile sacht und kam wieder in
Ruhe. Ein paarmal ließ sich ein leises Schnalzen vernehmen, und dann
schallte ein süßer Vogelruf durch das Schweigen des Waldes. Nach kurzer
Stille wiederholte sich der Ruf, und spielend kam der Vogel über die
Zweige niedergeflattert, immer tiefer, bis zu den dürren Stümpfen der
abgestorbenen Äste -- ein grauer Vogel, mit weißem Streif um die Kehle. Es
war eine Ringdrossel. Hurtig drehte sie das schlanke Körperchen, guckte
mit den kleinen Augen nach allen Seiten und flötete immer wieder ihr
schmachtendes Liedchen. Nun streckte sie aufmerksam den Hals. Fast im
gleichen Augenblick huschte sie davon und schwang sich schräg hinauf in
die sonnigen Wipfel.
Dort, wo der rote Schein den Schatten des Waldes durchschimmerte, hatte
Geröll sich bewegt, wie unter dem Tritt eines Tieres.
Was kam da? Hochwild, das bei sinkendem Abend auf Äsung zog?
Spähend neigte der Fürst das Gesicht, um zwischen den Stämmen einen
Ausblick zu finden. Und da sah er kommen, was er in dieser verlorenen
Waldeinsamkeit am wenigsten erwartet hätte -- eine Reiterin.