Zweiundzwanzigstes Kapitel 490

^Erstes Kapitel^

Man hörte noch den Lärm des Dorfes, den Hall verschwommener Stimmen und

das Geläut einer Kirchenglocke, die zur sonntäglichen Vesper rief. Dann

verschwanden die letzten Häuser hinter Büschen und Bäumen. Entlang dem

zerrissenen Ufer eines Wildbaches ging's eine Weile an Bergwiesen und

zerstreuten Feldgehölzen vorüber, und sacht begann das schmale Sträßlein

zu steigen. Während die Kutsche mit langsamer Fahrt in den von

Sonnenglanz umwobenen Hochwald einlenkte, klang vom Dorfe her noch ein

letzter Glockenton, als möchte das im Tal versinkende Treiben der

Menschen Abschied von dem einsamen Manne nehmen, der sich aus dem Wirbel

des Lebens in die abgeschiedene Stille der Berge flüchtete.

Die Straße stieg in immer dichteren Wald hinein. Der klomm zur Rechten

gegen die Hochalmen empor, zur Linken senkte er sich in eine Schlucht,

aus deren Tiefe sich die Stimme des Wildbaches nur wie leises Murmeln

vernehmen ließ. Unter den Bäumen war Stille, als wollte der Wald nach

der drückenden Hitze des Julitages schon lange vor Abend in Schlummer

sinken. Man hörte nur den müden Hufschlag und das Räderknirschen im

groben Kies der Straße.

Vor die schwerfällige Landkutsche waren zwei Maultiere gespannt. Sie

machten dem alten, weißbärtigen Bauernknecht, der sie zu lenken hatte,

nur geringe Mühe. Er konnte ab und zu ein kleines Nickerchen erledigen,

aus dem ihn das Holpern des Wagens wieder aufrüttelte. Wurde er munter,

so versuchte er mit seinem Nachbar auf dem Bocksitz ein Gespräch

anzuknüpfen, verstummte aber bald wieder, eingeschüchtert durch das

vornehm ablehnende »Ach?« und »So!«, das er sich mit seiner gutmütigen

Redseligkeit als einzige Antwort verdiente. Man sah diesem Nachbar den

»hochherrschaftlichen Lakai« an der Nasenspitze an, die er trotz einer

siebenstündigen Wagenfahrt noch immer in würdevoller Höhe zu erhalten

wußte. Er trug einen Reiseanzug aus dunklem Cheviot, dazu ein schwarzes

Hütchen, unter dessen schmaler Krempe sich das peinlich frisierte

Blondhaar gleich einer polierten Bernsteinschale um den Kopf legte. Ein

noch junges Gesicht und hübsch, so daß es hätte gefallen können. Aber in

seiner rasierten Glätte und bei dem Bestreben, eine geheimnisvolle

Wichtigkeit in den Blick der graublauen Augen zu legen, glich es dem

stilvollen Antlitz eines mittelmäßig begabten Schauspielers, der seine

beste Rolle außerhalb der Bühne spielt. Es lag auch, neben halber

Ehrlichkeit, ein bißchen Komödianterie in der Art, wie der Diener sich

nach dem Fond der Kutsche umwandte, als wäre er in Sorge um das

Befinden seines jungen Herrn.

»Fühlen sich Durchlaucht von der langen Fahrt nicht sehr ermüdet?«

Der Fürst schien nicht zu hören -- wenigstens gab er keine Antwort.

Regungslos, den Kopf mit dem grauen Jägerhütchen seitwärts geneigt, lag

er in die Lederkissen der Kutsche geschmiegt und ließ die Hände auf der

Reisedecke ruhen, die um seine Knie geschlungen war -- zwei schlanke

Hände, deren durchscheinende Blässe von schwerer, kaum überstandener

Krankheit erzählte. So bleich wie die Hände war auch das schmale,

strenggeschnittene Gesicht, von dessen Blässe sich das dünne Bärtchen

über den herb geschlossenen Lippen und der linde Flaum, der sich um Kinn

und Wangen kräuselte, als tiefer Schatten abhob. Der seltsame

Widerspruch dieser Züge hatte etwas Fesselndes. Jede Linie so rein

gezeichnet wie das Erbteil einer schönen Mutter, das einer Tochter

geschenkt sein wollte und sich zu einem Sohn verirrte; und dennoch der

Ausdruck eines klar geprägten Willens, in jedem Zug das Merkmal einer

fest gefügten männlichen Natur; dazu ein Körper, schlank und sehnig

aufgeschossen, dessen jugendliche Kraft durch die überstandene Krankheit

nicht gebrochen, nur gebändigt schien und sich auch in der müden Haltung

noch verriet, mit welcher der Fürst im Wagen ruhte.

Er hielt die Augen geschlossen; doch er schlief nicht; das Leben, das

in seinen Zügen spielte, verriet es. Hatte er die Lider geschlossen,

weil ihn nach dem blendenden Sonnenglanz der langen Fahrt die Augen

schmerzten? Oder wollte er das Bild der Landschaft vor seinem Blick

erlöschen machen, um die Bilder seiner Gedanken ungestört vor seiner

Seele zu schauen? Freundliche Bilder schienen das nicht zu sein. Das

bittere Lächeln, das einen tiefen Zug um die Lippen schnitt, erzählte

von Leiden, die besiegt, doch nicht vergessen sind und in der Seele

nachwirken wie das Brennen einer Wunde.

Bei diesem Sinnen atmete der stille, freudlose Träumer in tiefen Zügen

die Waldluft, ihre Frische wie Erquickung genießend.

Da unterbrach ein heller Laut die Stille der Landschaft. Von einer

fernen Höhe tönte der schwebende Jodelruf einer Mädchenstimme,

verschwamm in den sonnigen Lüften und weckte an den Felswänden, die der

Wald verhüllte, noch ein leises Echo.

Der Fürst hörte nicht. Aber der Lakai auf dem Bocksitz lächelte

erwartungsvoll und fragte den Kutscher: »Gibt es hier Sennerinnen?«

»No freilich. Und eine is dabei, ja, vor der muß man 's Hütl ziehen. Die

Burgi von der Tillfußer Alm. Was wahr is, muß wahr sein. Dös is a

bildsaubers Madl.«

»Die Tillfußer Alm? Wo liegt die?«

»Gleich dem Jagdhaus vor der Nasen.« Der Wagen rollte aus dem

dichtgeschlossenen Wald auf eine offene Höhe hinaus, und der Kutscher

deutete mit der Peitsche. »Da schauen S' her! Jetzt kann man 's ganze

Geißtal überschauen drei Stund weit aussi bis gegen Ehrwald.«

Hastig wandte sich der Lakai: »Bitte, Durchlaucht, von dieser Stelle

kann man das ganze Jagdgebiet übersehen.«

Der Fürst schlug die Augen auf -- große, dunkle Augen von metallenem

Glanz -- und erhob sich im Wagen, den der Kutscher auf einen Wink des

Lakaien angehalten hatte.

Beim Anblick der weitgedehnten, in ihrer wundervollen Größe doch ruhigen

Landschaft stieg eine warme Röte in die bleichen Wangen des Fürsten. Es

war aber auch ein Bild, das einem für Schönheit der Natur empfänglichen

Menschen die Seele mit Staunen erfüllen mußte.

Zu Füßen der Straße zog sich ein schmales Hochtal mit fast ebener Sohle

bis in weite Ferne, kaum merklich gewunden, eine einzige große Linie,

gezeichnet von der weitausholenden Hand des Schöpfers. Durch das lange

Tal hin schlängelt sich die Geißtaler Ache, in enggedrängtem Bette

aus-und einbiegend um vorspringende Felsen und Waldecken, bald grünlich

schimmernd bei ruhigem Gefäll, bald wieder blitzend in der Sonne und

zersprudelt zu weißem Schaum. Das ganze Tal entlang reiht sich zur

Linken ein Felskoloß an den anderen; neben der ungestüm aufstrebenden

Munde erhebt sich die wuchtige Hochwand, hinter dem klobigen Igelstein

drängt sich der steile Tejakopf hervor, und den wirkungsvollen Abschluß

bildet die Sonnenspitze mit ihrer schlanken, auf breitem Sockel ruhenden

Pyramide. Von dunklem Blau umschleierte Kare schneiden in den Leib der

steinernen Riesen ein, und über die steilen Felsrippen klettern die

Fichtenwälder empor als schmale Zungen und verlieren sich mit einsam

vorgeschobenen Bäumen zwischen den Latschenfeldern, die um die Brust der

Berge hängen wie eine grüne Samtverbrämung. Verstaubter Schnee, den

immerwährender Schatten auch gegen die Sonne des Juli schützte, füllt

mit zerrissenen Formen alle tieferen Buchten im Gestein, und von ihm aus

ziehen, den lebenden Wald zersprengend, die Lawinengassen nieder mit

verwüstetem Gehäng. Der Stelle zu Füßen, wo der Wagen hielt, lagen

Hunderte von gebrochenen Stämmen wirr über den Bach geschleudert. In der

Tiefe sah dieser zerstörte Wald sich an wie Spielzeug, das Kinderhände

im Übermut durcheinander geworfen. Aus diesem Wirrsal streckte sich eine

seltsame Rute hervor: eine gewaltige, wohl hundertjährige Fichte, die

eine Lawine aus dem Grund gerissen, durch die Luft gewirbelt und mit dem

Gipfel wieder in die Erde gebohrt hatte, so daß der Stamm mit seinem

Wurzelwerk zum Himmel ragte.

Gegenüber diesem ernsten Bild des Schattens lag, von flimmerndem Glanz

umwoben, die Sonnenseite des Tales. Grüne Wälder wechselten mit goldig

überglänzten Almgehängen. Sanft verschwommen klangen die Glocken der

weidenden Rinder von den Höhen, und auf den lichten Weideflächen

erkannte man die zerstreuten Tiere der Herde als helle, bewegliche

Punkte. Über den Almen lagen wieder die Wälder, aus denen sacht

gerundete, nur selten von einer kahlen Wand durchschnittene Kuppen

aufwärts stiegen; und wie eine letzte steinerne Weltgrenze, stolz und

steil, erhob sich über diese grünen Wellen der gezahnte, stundenlange

Grat des Wettersteingebirges, im Glanz der Sonne wie ein goldenes Gebild

erscheinend. Je weiter die Wand sich hinzog, desto blauer tönten sich

die Felsen, so daß sie in der Ferne mit der golddurchwobenen Farbe des

Himmels in eins zerflossen.

»Wie schön!«

Tief atmend hatte der Fürst dieses Wort vor sich hin gesprochen; und als

die Kutsche über die fallende Straße niederrollte, lag er nicht mehr mit

stillem Brüten in die Kissen des Wagens versunken, sondern schickte in

lebhafter Achtsamkeit die Augen nach allen Seiten auf die Reise.

Eine Weile führte der Weg zwischen einem latschenbewachsenen Hang und

dem Ufer der Ache dahin, nun wieder durch schütteres Gehölz und dann im

Bogen über ein weites Almfeld gegen eine Waldfläche empor, in deren

Mitte, durch aufsteigenden Rauch verkündet, das von mächtigen Fichten

umschützte Jagdhaus stehen mußte. Der Fürst beugte sich aus dem Wagen,

in Spannung nach dem Jägerheim ausspähend, das ihm die Fürsorge eines

Freundes in dieser Bergeinsamkeit erworben und bereitet hatte. Als sich

die Kutsche einem aus Steinen am Waldsaum erbauten Stalle näherte, hörte

man unter den Bäumen eine erregte Männerstimme rufen: »Er kommt! Er

kommt!«

Der Fürst lächelte. Da waren wohl Vorbereitungen für einen feierlichen

Empfang getroffen?

Etwa hundert Schritte ging der Weg noch durch schattigen Hochwald, dann

traten die Bäume auseinander, im Kreis das sanft geneigte, von heller

Sonne überglänzte Weidefeld der Tillfußer Alm umschließend. Inmitten des

Feldes lag eine steinerne Sennhütte mit rauchendem Schindeldach, und vor

der Tür der Hütte stand mit gekreuzten Armen eine junge Sennerin, die

dem anfahrenden Wagen neugierig entgegenguckte.

Der Kutscher stieß den Lakai mit dem Ellbogen an und blinzelte gegen die

Hütte hinunter. Da wurde der Hoheitsvolle überraschend menschlich und

reckte neugierig den Hals; doch eines der Jägerhäuschen, die neben dem

Wege standen, verdeckte ihm die Aussicht.

Kleine Fähnchen mit den Tiroler Farben schmückten die Giebel der

Jägerhütten, eine Flagge wehte auf dem Dach des größeren Fremdenhauses,

und ein hoher, von grüner Fichtengirlande umschlungener Mast, auf dem

zwischen der deutschen und österreichischen Fahne eine Flagge mit den

Farben des fürstlichen Hauses flatterte, erhob sich vor dem

Staketenzaun, der den Hofraum des großen, zweistöckigen Jagdhauses

umschloß. Auf einem das Almfeld überblickenden Hügel ruhend und

angelehnt an den bergwärts steigenden Fichtenwald, grüßte das schmucke,

mit rötlichem Zirbenholz verschalte Gebäude freundlich seinem jungen

Herrn entgegen, leuchtend in der Sonne, mit blinkenden Fenstern, halb

versunken in einen gutgemeinten, aber nicht besonders zierlich geratenen

Aufputz von Kränzen, Girlanden und Zweigen, an denen in dicken Büscheln

die roten Tannenzapfen baumelten.

Neben der Haustür hatten in schmucker Feiertagstracht fünf Jäger

Aufstellung genommen, und vor ihnen, wie ein Korporal vor seinen

Rekruten, stand der Förster, eine klobig stramme Gestalt mit breiten

Schultern, ein derbes Gesicht mit rötlich gekraustem Vollbart und mit

braunen Augen, gutmütig wie Kinderaugen; doch ein paar verdächtig

angeschwollene Äderchen an Stirn und Schläfen ließen vermuten, daß der

Förster zeitweilig an »gachen Hitzen« zu leiden hatte.

Als die Kutsche in den Hofraum einfuhr, warf der Förster noch einen

musternden Blick über die Jäger, dann schwang er den Hut und rief mit

einer Stimme, die heiser gegen seine Aufregung kämpfte: »Unser neuer,

hochverehrter Jagdherr, Seine Duhrlaucht Fürst Heinrich

Ettingen-Bernegg, er lebe hoch!«

Die Stimmen der Jäger fielen ein. Nur ein einziger von ihnen schwieg und

blickte dem anfahrenden Wagen gleichgültig entgegen; als er den Fürsten

sah, streckte sich seine Gestalt, und der Blick seiner Augen schärfte

sich, als gäbe ihm der Anblick seines jungen Herrn zu denken.

»Hoch! Hoch!« klangen die Stimmen der anderen. Dann kam noch ein

unerwarteter Nachklang, drunten bei der Sennhütte, hell wie der Ton

eines Silberglöckleins: »Hooooch!« Und diesem Ruf folgte ein Jauchzer,

der hinaufkletterte bis in die höchste Stimmlage einer kräftigen

Mädchenkehle.

Die Jäger schmunzelten, während der Förster etwas aus der Fassung

geriet, denn er schien nicht recht zu wissen, ob diese programmwidrige

Zugabe zur Empfangsfeierlichkeit ernst oder spöttisch gemeint war. Aber

der Fürst lächelte, und freundlich grüßend nickte er der Sennerin zu,

die kichernd um die Ecke der Almhütte verschwand.

Der Lakai war vom Bock gesprungen und hatte den Wagenschlag geöffnet.

Fürst Ettingen stieg aus, und nun sah man erst, wie kräftig und schlank

er gewachsen war. Der Jagdanzug aus schottischem Loden, mit hohen

braunen Schnürschuhen, paßte kleidsam zu der jugendlichen Gestalt, aus

der alle Schwäche und Ermüdung verflogen schien.

Er bot dem Förster die Hand. »Ich danke Ihnen! Das ist ein lieber

Empfang, den Sie mir bereitet haben.« Freundlich bestaunte er den etwas

plump geratenen Schmuck des Hauses. »Und wie hübsch Ihnen das gelungen

ist! Wirklich, Sie haben mir die Ankunft im Jagdhaus zu einer Freude

gemacht.«

Der Förster bekam ein Gesicht so rot wie ein Krebs, der im besten Kochen

ist. »Is's wahr? Gfallt's Ihnen? No, Gott sei Dank! Da is mir a ganzer

Stein von der Seel! Denn daß ich's gradweg raussag, auf d'Letzt hab ich

schon selber a bissl gforchten, es gfallt Ihnen net. Unsereiner versteht

sich schlecht auf solchene Deggerazionsgschichten. Plagt haben wir uns

gnug, aber angstellt haben wir uns alle mitanand wie der Holzknecht,

wann er a Grillenhäusl macht. Aber Gott sei Dank, weil's Ihnen nur

gfallt!« Er nahm die Hand des Fürsten in den Schraubstock seiner Fäuste.

»Und da sag ich halt jetzt Grüßgott und Weidmanns Heil, Herr Fürst!

Jetzt lassen Sie's Ihnen recht gut gehn bei uns da heraußen! Wir haben

uns schon verzählen lassen, wie schwer krank als S' gewesen sind. Ja,

meiner Seel, a bißl gring schauen S' noch allweil aus am Leib -- wie a

Hirscherl, dös mit knapper Not über an schiechen Winter ummigrutscht

is!«

Der Lakai warf einen erschrockenen Blick auf seinen Herrn. Der aber

betrachtete den Förster mit Wohlgefallen.

»Passen S' nur auf, Duhrlaucht, unser Lüftl da heraußen, dös richt Ihnen

schon wieder zamm aufn Glanz!«

Der Fürst lächelte. »Ja, ich merke schon, ich werde mich wohlfühlen

hier! Die Luft, in der ^Sie^ sich so kerngesund ausgewachsen haben, wird

auch mir bekommen!« Er gab dem Lakai einen Wink, ins Haus zu treten.

»Und nun will ich meine Jäger kennenlernen. Ich bitte, mein lieber -- wie

heißen Sie, Herr Förster?«

»Kluibenschädl!«

Das Schweigen im Walde: Roman · 第 29 / 71 题