^Erstes Kapitel^
Man hörte noch den Lärm des Dorfes, den Hall verschwommener Stimmen und
das Geläut einer Kirchenglocke, die zur sonntäglichen Vesper rief. Dann
verschwanden die letzten Häuser hinter Büschen und Bäumen. Entlang dem
zerrissenen Ufer eines Wildbaches ging's eine Weile an Bergwiesen und
zerstreuten Feldgehölzen vorüber, und sacht begann das schmale Sträßlein
zu steigen. Während die Kutsche mit langsamer Fahrt in den von
Sonnenglanz umwobenen Hochwald einlenkte, klang vom Dorfe her noch ein
letzter Glockenton, als möchte das im Tal versinkende Treiben der
Menschen Abschied von dem einsamen Manne nehmen, der sich aus dem Wirbel
des Lebens in die abgeschiedene Stille der Berge flüchtete.
Die Straße stieg in immer dichteren Wald hinein. Der klomm zur Rechten
gegen die Hochalmen empor, zur Linken senkte er sich in eine Schlucht,
aus deren Tiefe sich die Stimme des Wildbaches nur wie leises Murmeln
vernehmen ließ. Unter den Bäumen war Stille, als wollte der Wald nach
der drückenden Hitze des Julitages schon lange vor Abend in Schlummer
sinken. Man hörte nur den müden Hufschlag und das Räderknirschen im
groben Kies der Straße.
Vor die schwerfällige Landkutsche waren zwei Maultiere gespannt. Sie
machten dem alten, weißbärtigen Bauernknecht, der sie zu lenken hatte,
nur geringe Mühe. Er konnte ab und zu ein kleines Nickerchen erledigen,
aus dem ihn das Holpern des Wagens wieder aufrüttelte. Wurde er munter,
so versuchte er mit seinem Nachbar auf dem Bocksitz ein Gespräch
anzuknüpfen, verstummte aber bald wieder, eingeschüchtert durch das
vornehm ablehnende »Ach?« und »So!«, das er sich mit seiner gutmütigen
Redseligkeit als einzige Antwort verdiente. Man sah diesem Nachbar den
»hochherrschaftlichen Lakai« an der Nasenspitze an, die er trotz einer
siebenstündigen Wagenfahrt noch immer in würdevoller Höhe zu erhalten
wußte. Er trug einen Reiseanzug aus dunklem Cheviot, dazu ein schwarzes
Hütchen, unter dessen schmaler Krempe sich das peinlich frisierte
Blondhaar gleich einer polierten Bernsteinschale um den Kopf legte. Ein
noch junges Gesicht und hübsch, so daß es hätte gefallen können. Aber in
seiner rasierten Glätte und bei dem Bestreben, eine geheimnisvolle
Wichtigkeit in den Blick der graublauen Augen zu legen, glich es dem
stilvollen Antlitz eines mittelmäßig begabten Schauspielers, der seine
beste Rolle außerhalb der Bühne spielt. Es lag auch, neben halber
Ehrlichkeit, ein bißchen Komödianterie in der Art, wie der Diener sich
nach dem Fond der Kutsche umwandte, als wäre er in Sorge um das
Befinden seines jungen Herrn.
»Fühlen sich Durchlaucht von der langen Fahrt nicht sehr ermüdet?«
Der Fürst schien nicht zu hören -- wenigstens gab er keine Antwort.
Regungslos, den Kopf mit dem grauen Jägerhütchen seitwärts geneigt, lag
er in die Lederkissen der Kutsche geschmiegt und ließ die Hände auf der
Reisedecke ruhen, die um seine Knie geschlungen war -- zwei schlanke
Hände, deren durchscheinende Blässe von schwerer, kaum überstandener
Krankheit erzählte. So bleich wie die Hände war auch das schmale,
strenggeschnittene Gesicht, von dessen Blässe sich das dünne Bärtchen
über den herb geschlossenen Lippen und der linde Flaum, der sich um Kinn
und Wangen kräuselte, als tiefer Schatten abhob. Der seltsame
Widerspruch dieser Züge hatte etwas Fesselndes. Jede Linie so rein
gezeichnet wie das Erbteil einer schönen Mutter, das einer Tochter
geschenkt sein wollte und sich zu einem Sohn verirrte; und dennoch der
Ausdruck eines klar geprägten Willens, in jedem Zug das Merkmal einer
fest gefügten männlichen Natur; dazu ein Körper, schlank und sehnig
aufgeschossen, dessen jugendliche Kraft durch die überstandene Krankheit
nicht gebrochen, nur gebändigt schien und sich auch in der müden Haltung
noch verriet, mit welcher der Fürst im Wagen ruhte.
Er hielt die Augen geschlossen; doch er schlief nicht; das Leben, das
in seinen Zügen spielte, verriet es. Hatte er die Lider geschlossen,
weil ihn nach dem blendenden Sonnenglanz der langen Fahrt die Augen
schmerzten? Oder wollte er das Bild der Landschaft vor seinem Blick
erlöschen machen, um die Bilder seiner Gedanken ungestört vor seiner
Seele zu schauen? Freundliche Bilder schienen das nicht zu sein. Das
bittere Lächeln, das einen tiefen Zug um die Lippen schnitt, erzählte
von Leiden, die besiegt, doch nicht vergessen sind und in der Seele
nachwirken wie das Brennen einer Wunde.
Bei diesem Sinnen atmete der stille, freudlose Träumer in tiefen Zügen
die Waldluft, ihre Frische wie Erquickung genießend.
Da unterbrach ein heller Laut die Stille der Landschaft. Von einer
fernen Höhe tönte der schwebende Jodelruf einer Mädchenstimme,
verschwamm in den sonnigen Lüften und weckte an den Felswänden, die der
Wald verhüllte, noch ein leises Echo.
Der Fürst hörte nicht. Aber der Lakai auf dem Bocksitz lächelte
erwartungsvoll und fragte den Kutscher: »Gibt es hier Sennerinnen?«
»No freilich. Und eine is dabei, ja, vor der muß man 's Hütl ziehen. Die
Burgi von der Tillfußer Alm. Was wahr is, muß wahr sein. Dös is a
bildsaubers Madl.«
»Die Tillfußer Alm? Wo liegt die?«
»Gleich dem Jagdhaus vor der Nasen.« Der Wagen rollte aus dem
dichtgeschlossenen Wald auf eine offene Höhe hinaus, und der Kutscher
deutete mit der Peitsche. »Da schauen S' her! Jetzt kann man 's ganze
Geißtal überschauen drei Stund weit aussi bis gegen Ehrwald.«
Hastig wandte sich der Lakai: »Bitte, Durchlaucht, von dieser Stelle
kann man das ganze Jagdgebiet übersehen.«
Der Fürst schlug die Augen auf -- große, dunkle Augen von metallenem
Glanz -- und erhob sich im Wagen, den der Kutscher auf einen Wink des
Lakaien angehalten hatte.
Beim Anblick der weitgedehnten, in ihrer wundervollen Größe doch ruhigen
Landschaft stieg eine warme Röte in die bleichen Wangen des Fürsten. Es
war aber auch ein Bild, das einem für Schönheit der Natur empfänglichen
Menschen die Seele mit Staunen erfüllen mußte.
Zu Füßen der Straße zog sich ein schmales Hochtal mit fast ebener Sohle
bis in weite Ferne, kaum merklich gewunden, eine einzige große Linie,
gezeichnet von der weitausholenden Hand des Schöpfers. Durch das lange
Tal hin schlängelt sich die Geißtaler Ache, in enggedrängtem Bette
aus-und einbiegend um vorspringende Felsen und Waldecken, bald grünlich
schimmernd bei ruhigem Gefäll, bald wieder blitzend in der Sonne und
zersprudelt zu weißem Schaum. Das ganze Tal entlang reiht sich zur
Linken ein Felskoloß an den anderen; neben der ungestüm aufstrebenden
Munde erhebt sich die wuchtige Hochwand, hinter dem klobigen Igelstein
drängt sich der steile Tejakopf hervor, und den wirkungsvollen Abschluß
bildet die Sonnenspitze mit ihrer schlanken, auf breitem Sockel ruhenden
Pyramide. Von dunklem Blau umschleierte Kare schneiden in den Leib der
steinernen Riesen ein, und über die steilen Felsrippen klettern die
Fichtenwälder empor als schmale Zungen und verlieren sich mit einsam
vorgeschobenen Bäumen zwischen den Latschenfeldern, die um die Brust der
Berge hängen wie eine grüne Samtverbrämung. Verstaubter Schnee, den
immerwährender Schatten auch gegen die Sonne des Juli schützte, füllt
mit zerrissenen Formen alle tieferen Buchten im Gestein, und von ihm aus
ziehen, den lebenden Wald zersprengend, die Lawinengassen nieder mit
verwüstetem Gehäng. Der Stelle zu Füßen, wo der Wagen hielt, lagen
Hunderte von gebrochenen Stämmen wirr über den Bach geschleudert. In der
Tiefe sah dieser zerstörte Wald sich an wie Spielzeug, das Kinderhände
im Übermut durcheinander geworfen. Aus diesem Wirrsal streckte sich eine
seltsame Rute hervor: eine gewaltige, wohl hundertjährige Fichte, die
eine Lawine aus dem Grund gerissen, durch die Luft gewirbelt und mit dem
Gipfel wieder in die Erde gebohrt hatte, so daß der Stamm mit seinem
Wurzelwerk zum Himmel ragte.
Gegenüber diesem ernsten Bild des Schattens lag, von flimmerndem Glanz
umwoben, die Sonnenseite des Tales. Grüne Wälder wechselten mit goldig
überglänzten Almgehängen. Sanft verschwommen klangen die Glocken der
weidenden Rinder von den Höhen, und auf den lichten Weideflächen
erkannte man die zerstreuten Tiere der Herde als helle, bewegliche
Punkte. Über den Almen lagen wieder die Wälder, aus denen sacht
gerundete, nur selten von einer kahlen Wand durchschnittene Kuppen
aufwärts stiegen; und wie eine letzte steinerne Weltgrenze, stolz und
steil, erhob sich über diese grünen Wellen der gezahnte, stundenlange
Grat des Wettersteingebirges, im Glanz der Sonne wie ein goldenes Gebild
erscheinend. Je weiter die Wand sich hinzog, desto blauer tönten sich
die Felsen, so daß sie in der Ferne mit der golddurchwobenen Farbe des
Himmels in eins zerflossen.
»Wie schön!«
Tief atmend hatte der Fürst dieses Wort vor sich hin gesprochen; und als
die Kutsche über die fallende Straße niederrollte, lag er nicht mehr mit
stillem Brüten in die Kissen des Wagens versunken, sondern schickte in
lebhafter Achtsamkeit die Augen nach allen Seiten auf die Reise.
Eine Weile führte der Weg zwischen einem latschenbewachsenen Hang und
dem Ufer der Ache dahin, nun wieder durch schütteres Gehölz und dann im
Bogen über ein weites Almfeld gegen eine Waldfläche empor, in deren
Mitte, durch aufsteigenden Rauch verkündet, das von mächtigen Fichten
umschützte Jagdhaus stehen mußte. Der Fürst beugte sich aus dem Wagen,
in Spannung nach dem Jägerheim ausspähend, das ihm die Fürsorge eines
Freundes in dieser Bergeinsamkeit erworben und bereitet hatte. Als sich
die Kutsche einem aus Steinen am Waldsaum erbauten Stalle näherte, hörte
man unter den Bäumen eine erregte Männerstimme rufen: »Er kommt! Er
kommt!«
Der Fürst lächelte. Da waren wohl Vorbereitungen für einen feierlichen
Empfang getroffen?
Etwa hundert Schritte ging der Weg noch durch schattigen Hochwald, dann
traten die Bäume auseinander, im Kreis das sanft geneigte, von heller
Sonne überglänzte Weidefeld der Tillfußer Alm umschließend. Inmitten des
Feldes lag eine steinerne Sennhütte mit rauchendem Schindeldach, und vor
der Tür der Hütte stand mit gekreuzten Armen eine junge Sennerin, die
dem anfahrenden Wagen neugierig entgegenguckte.
Der Kutscher stieß den Lakai mit dem Ellbogen an und blinzelte gegen die
Hütte hinunter. Da wurde der Hoheitsvolle überraschend menschlich und
reckte neugierig den Hals; doch eines der Jägerhäuschen, die neben dem
Wege standen, verdeckte ihm die Aussicht.
Kleine Fähnchen mit den Tiroler Farben schmückten die Giebel der
Jägerhütten, eine Flagge wehte auf dem Dach des größeren Fremdenhauses,
und ein hoher, von grüner Fichtengirlande umschlungener Mast, auf dem
zwischen der deutschen und österreichischen Fahne eine Flagge mit den
Farben des fürstlichen Hauses flatterte, erhob sich vor dem
Staketenzaun, der den Hofraum des großen, zweistöckigen Jagdhauses
umschloß. Auf einem das Almfeld überblickenden Hügel ruhend und
angelehnt an den bergwärts steigenden Fichtenwald, grüßte das schmucke,
mit rötlichem Zirbenholz verschalte Gebäude freundlich seinem jungen
Herrn entgegen, leuchtend in der Sonne, mit blinkenden Fenstern, halb
versunken in einen gutgemeinten, aber nicht besonders zierlich geratenen
Aufputz von Kränzen, Girlanden und Zweigen, an denen in dicken Büscheln
die roten Tannenzapfen baumelten.
Neben der Haustür hatten in schmucker Feiertagstracht fünf Jäger
Aufstellung genommen, und vor ihnen, wie ein Korporal vor seinen
Rekruten, stand der Förster, eine klobig stramme Gestalt mit breiten
Schultern, ein derbes Gesicht mit rötlich gekraustem Vollbart und mit
braunen Augen, gutmütig wie Kinderaugen; doch ein paar verdächtig
angeschwollene Äderchen an Stirn und Schläfen ließen vermuten, daß der
Förster zeitweilig an »gachen Hitzen« zu leiden hatte.
Als die Kutsche in den Hofraum einfuhr, warf der Förster noch einen
musternden Blick über die Jäger, dann schwang er den Hut und rief mit
einer Stimme, die heiser gegen seine Aufregung kämpfte: »Unser neuer,
hochverehrter Jagdherr, Seine Duhrlaucht Fürst Heinrich
Ettingen-Bernegg, er lebe hoch!«
Die Stimmen der Jäger fielen ein. Nur ein einziger von ihnen schwieg und
blickte dem anfahrenden Wagen gleichgültig entgegen; als er den Fürsten
sah, streckte sich seine Gestalt, und der Blick seiner Augen schärfte
sich, als gäbe ihm der Anblick seines jungen Herrn zu denken.
»Hoch! Hoch!« klangen die Stimmen der anderen. Dann kam noch ein
unerwarteter Nachklang, drunten bei der Sennhütte, hell wie der Ton
eines Silberglöckleins: »Hooooch!« Und diesem Ruf folgte ein Jauchzer,
der hinaufkletterte bis in die höchste Stimmlage einer kräftigen
Mädchenkehle.
Die Jäger schmunzelten, während der Förster etwas aus der Fassung
geriet, denn er schien nicht recht zu wissen, ob diese programmwidrige
Zugabe zur Empfangsfeierlichkeit ernst oder spöttisch gemeint war. Aber
der Fürst lächelte, und freundlich grüßend nickte er der Sennerin zu,
die kichernd um die Ecke der Almhütte verschwand.
Der Lakai war vom Bock gesprungen und hatte den Wagenschlag geöffnet.
Fürst Ettingen stieg aus, und nun sah man erst, wie kräftig und schlank
er gewachsen war. Der Jagdanzug aus schottischem Loden, mit hohen
braunen Schnürschuhen, paßte kleidsam zu der jugendlichen Gestalt, aus
der alle Schwäche und Ermüdung verflogen schien.
Er bot dem Förster die Hand. »Ich danke Ihnen! Das ist ein lieber
Empfang, den Sie mir bereitet haben.« Freundlich bestaunte er den etwas
plump geratenen Schmuck des Hauses. »Und wie hübsch Ihnen das gelungen
ist! Wirklich, Sie haben mir die Ankunft im Jagdhaus zu einer Freude
gemacht.«
Der Förster bekam ein Gesicht so rot wie ein Krebs, der im besten Kochen
ist. »Is's wahr? Gfallt's Ihnen? No, Gott sei Dank! Da is mir a ganzer
Stein von der Seel! Denn daß ich's gradweg raussag, auf d'Letzt hab ich
schon selber a bissl gforchten, es gfallt Ihnen net. Unsereiner versteht
sich schlecht auf solchene Deggerazionsgschichten. Plagt haben wir uns
gnug, aber angstellt haben wir uns alle mitanand wie der Holzknecht,
wann er a Grillenhäusl macht. Aber Gott sei Dank, weil's Ihnen nur
gfallt!« Er nahm die Hand des Fürsten in den Schraubstock seiner Fäuste.
»Und da sag ich halt jetzt Grüßgott und Weidmanns Heil, Herr Fürst!
Jetzt lassen Sie's Ihnen recht gut gehn bei uns da heraußen! Wir haben
uns schon verzählen lassen, wie schwer krank als S' gewesen sind. Ja,
meiner Seel, a bißl gring schauen S' noch allweil aus am Leib -- wie a
Hirscherl, dös mit knapper Not über an schiechen Winter ummigrutscht
is!«
Der Lakai warf einen erschrockenen Blick auf seinen Herrn. Der aber
betrachtete den Förster mit Wohlgefallen.
»Passen S' nur auf, Duhrlaucht, unser Lüftl da heraußen, dös richt Ihnen
schon wieder zamm aufn Glanz!«
Der Fürst lächelte. »Ja, ich merke schon, ich werde mich wohlfühlen
hier! Die Luft, in der ^Sie^ sich so kerngesund ausgewachsen haben, wird
auch mir bekommen!« Er gab dem Lakai einen Wink, ins Haus zu treten.
»Und nun will ich meine Jäger kennenlernen. Ich bitte, mein lieber -- wie
heißen Sie, Herr Förster?«
»Kluibenschädl!«