Marwood. Ja, Miß, eine unglückliche Tochter verlieret durch die
Darzwischenkunft der Sara Sampson alle Hoffnung, ihre Eltern jemals
ohne Abscheu nennen zu können.
Sara. Schreckliche Nachricht! Und dieses hat mir Mellefont
verschwiegen?--Darf ich es auch glauben, Lady?
Marwood. Sie dürfen sicher glauben, Miß, daß Ihnen Mellefont
vielleicht noch mehr verschwiegen hat.
Sara. Noch mehr? Was könnte er mir noch mehr verschwiegen haben?
Marwood. Dieses, daß er die Marwood noch liebt.
Sara. Sie töten mich, Lady!
Marwood. Es ist unglaublich, daß sich eine Liebe, welche länger als
zehn Jahr gedauert hat, so geschwind verlieren könne. Sie kann zwar
eine kurze Verfinsterung leiden, weiter aber auch nichts als eine
kurze Verfinsterung, aus welcher sie hernach mit neuem Glanze wieder
hervorbricht. Ich könnte Ihnen eine Miß Oklaff, eine Miß Dorkas, eine
Miß Moor und mehrere nennen, welche, eine nach der andern, der Marwood
einen Mann abspenstig zu machen drohten, von welchem sie sich am Ende
auf das grausamste hintergangen sahen. Er hat einen gewissen Punkt,
über welchen er sich nicht bringen läßt, und sobald er diesen scharf
in das Gesicht bekömmt, springt er ab. Gesetzt aber, Miß, Sie wären
die einzige Glückliche, bei welcher sich alle Umstände wider ihn
erklärten; gesetzt, Sie brächten ihn dahin, daß er seinen nunmehr zur
Natur gewordenen Abscheu gegen ein förmliches Joch überwinden müßte:
glaubten Sie wohl dadurch seines Herzens versichert zu sein?
Sara. Ich Unglückliche! Was muß ich hören!
Marwood. Nichts weniger. Alsdann würde er eben am allerersten in die
Arme derjenigen zurückeilen, die auf seine Freiheit so eifersüchtig
nicht gewesen. Sie würden seine Gemahlin heißen, und jene würde es
sein.
Sara. Martern Sie mich nicht länger mit so schrecklichen
Vorstellungen! Raten Sie mir vielmehr, Lady, ich bitte Sie, raten Sie
mir, was ich tun soll. Sie müssen ihn kennen. Sie müssen es wissen,
durch was es etwa noch möglich ist, ihm ein Band angenehm zu machen,
ohne welches auch die aufrichtigste Liebe eine unheilige Leidenschaft
bleibet.
Marwood. Daß man einen Vogel fangen kann, Miß, das weiß ich wohl.
Aber daß man ihm seinen Käfig angenehmer als das freie Feld machen
könne, das weiß ich nicht. Mein Rat wäre also, ihn lieber nicht zu
fangen und sich den Verdruß über die vergebne Mühe zu ersparen.
Begnügen Sie sich, Miß, an dem Vergnügen, ihn sehr nahe an Ihrer
Schlinge gesehen zu haben; und weil Sie voraussehen können, daß er die
Schlinge ganz gewiß zerreißen werde, wenn Sie ihn vollends
hineinlockten, so schonen Sie Ihre Schlinge und locken ihn nicht
herein.
Sara. Ich weiß nicht, ob ich dieses tändelnde Gleichnis recht
verstehe, Lady--
Marwood. Wenn Sie verdrießlich darüber geworden sind, so haben Sie es
verstanden.--Mit einem Worte, Ihr eigner Vorteil sowohl als der
Vorteil einer andern, die Klugheit sowohl als die Billigkeit können
und sollen Miß Sampson bewegen, ihre Ansprüche auf einen Mann
aufzugeben, auf den Marwood die ersten und stärksten hat. Noch stehen
Sie, Miß, mit ihm so, daß Sie, ich will nicht sagen mit vieler Ehre,
aber doch ohne öffentliche Schande von ihm ablassen können. Eine
kurze Verschwindung mit einem Liebhaber ist zwar ein Fleck, aber doch
ein Fleck, den die Zeit ausbleichet. In einigen Jahren ist alles
vergessen, und es finden sich für eine reiche Erbin noch immer
Mannspersonen, die es so genau nicht nehmen. Wenn Marwood in diesen
Umständen wäre und sie brauchte weder für ihre im Abzuge begriffene
Reize einen Gemahl noch für ihre hilflose Tochter einen Vater, so weiß
ich gewiß, Marwood würde gegen Miß Sampson großmütiger handeln, als
Miß Sampson gegen die Marwood zu handeln schimpfliche Schwierigkeiten
macht.
Sara (indem sie unwillig aufsteht). Das geht zu weit! Ist dieses die
Sprache einer Anverwandten des Mellefont?--Wie unwürdig verrät man Sie,
Mellefont!--Nun merke ich es, Lady, warum er Sie so ungern bei mir
allein lassen wollte. Er mag es schon wissen, wieviel man von Ihrer
Zunge zu fürchten habe. Eine giftige Zunge!--Ich rede dreist! Denn
Lady haben lange genug unanständig geredet. Wodurch hat Marwood sich
eine solche Vorsprecherin erwerben können, die alle ihre
Erfindungskraft aufbietet, mir einen blendenden Roman von ihr
aufzudrängen, und alle Ränke anwendet, mich gegen die Redlichkeit
eines Mannes argwöhnisch zu machen, der ein Mensch, aber kein
Ungeheuer ist? Ward es mir nur deswegen gesagt, daß sich Marwood
einer Tochter von ihm rühme; ward mir nur deswegen diese und jene
betrogene Miß genannt, damit man mir am Ende auf die empfindlichste
Art zu verstehen geben könne, ich würde wohl tun, wenn ich mich selbst
einer verhärteten Buhlerin nachsetzte?
Marwood. Nur nicht so hitzig, mein junges Frauenzimmer. Eine
verhärtete Buhlerin?--Sie brauchen wahrscheinlicherweise Worte, deren
Kraft Sie nicht überleget haben.
Sara. Erscheint sie nicht als eine solche, selbst in der Schilderung
der Lady Solmes?--Gut, Lady; Sie sind ihre Freundin, ihre vertrauteste
Freundin vielleicht. Ich sage dieses nicht als einen Vorwurf; denn es
kann leicht in der Welt nicht wohl möglich sein, nur lauter
tugendhafte Freunde zu haben. Allein wie komme ich dazu, dieser Ihrer
Freundschaft wegen so tief herabgestoßen zu werden? Wenn ich der
Marwood Erfahrung gehabt hätte, so würde ich den Fehltritt gewiß nicht
getan haben, der mich mit ihr in eine so erniedrigende Parallel setzt.
Hätte ich ihn aber doch getan, so würde ich wenigstens nicht zehn
Jahr darin verharret sein. Es ist ganz etwas anders, aus Unwissenheit
auf das Laster treffen, und ganz etwas anders, es kennen und
demungeachtet mit ihm vertraulich werden.--Ach, Lady, wenn Sie es
wüßten, was für Reue, was für Gewissensbisse, was für Angst mich mein
Irrtum gekostet! Mein Irrtum, sag ich; denn warum soll ich länger so
grausam gegen mich sein und ihn als ein Verbrechen betrachten? Der
Himmel selbst hört auf, ihn als ein solches anzusehen; er nimmt die
Strafe von mir und schenkt mir einen Vater wieder--Ich erschrecke,
Lady; wie verändern sich auf einmal die Züge Ihres Gesichts? Sie
glühen; aus dem starren Auge schreckt Wut, und des Mundes knirschende
Bewegung--Ach! wo ich Sie erzürnt habe, Lady, so bitte ich um
Verzeihung. Ich bin eine empfindliche Närrin; was Sie gesagt haben,
war ohne Zweifel so böse nicht gemeint. Vergessen Sie meine
Übereilung. Wodurch kann ich Sie besänftigen? Wodurch kann auch ich
mir eine Freundin an Ihnen erwerben, so wie sie Marwood an Ihnen
gefunden hat? Lassen Sie mich, Lady, lassen Sie mich fußfällig darum
bitten--(indem sie niederfällt), um Ihre Freundschaft, Lady--Und wo
ich diese nicht erhalten kann, um die Gerechtigkeit wenigstens, mich
und Marwood nicht in einen Rang zu setzen.
Marwood (die einige Schritte stolz zurücktritt und die Sara liegen
läßt). Diese Stellung der Sara Sampson ist für Marwood viel zu
reizend, als daß sie nur unerkannt darüber frohlocken sollte--Erkennen
Sie, Miß, in mir die Marwood, mit der Sie nicht verglichen zu werden
die Marwood selbst fußfällig bitten.
Sara (die voller Erschrecken aufspringt und sich zitternd zurückzieht).
Sie Marwood?--Ha! Nun erkenn ich sie--nun erkenn ich sie, die
mördrische Retterin, deren Dolche mich ein warnender Traum preisgab.
Sie ist es! Flieh, unglückliche Sara! Retten Sie mich, Mellefont;
retten Sie Ihre Geliebte! Und du, süße Stimme meines geliebten Vaters,
erschalle! Wo schallt sie? wo soll ich auf sie zueilen?--hier?--da?--
Hilfe, Mellefont! Hilfe, Betty!--Itzt dringt sie mit tötender Faust
auf mich ein! Hilfe! (Eilt ab.)