Sara. Geliebt hat. Auch das weiß ich. Hat er mich lieben sollen,
ehe er von mir etwas wußte? Kann ich die einzige zu sein verlangen,
die für ihn Reize genug gehabt hat? Muß ich mir es nicht selbst
gestehen, daß ich mich, ihm zu gefallen, bestrebt habe? Ist er nicht
liebenswürdig genug, daß er bei mehrern dieses Bestreben hat erwecken
müssen? Und ist es nicht natürlich, wenn mancher dieses Bestreben
gelungen ist?
Marwood. Sie verteidigen ihn mit ebender Hitze und fast mit ebenden
Gründen, mit welchen ich ihn schon oft verteidiget habe. Es ist kein
Verbrechen, geliebt haben; noch viel weniger ist es eines, geliebet
worden sein. Aber die Flatterhaftigkeit ist ein Verbrechen.
Sara. Nicht immer; denn oft, glaube ich, wird sie durch die
Gegenstände der Liebe entschuldiget, die es immer zu bleiben selten
verdienen.
Marwood. Miß Sampsons Sittenlehre scheinet nicht die strengste zu
sein.
Sara. Es ist wahr; die, nach der ich diejenigen zu richten pflege,
welche es selbst gestehen, daß sie auf Irrwegen gegangen sind, ist die
strengste nicht. Sie muß es auch nicht sein. Denn hier kömmt es
nicht darauf an, die Schranken zu bestimmen, die uns die Tugend bei
der Liebe setzt, sondern bloß darauf, die menschliche Schwachheit zu
entschuldigen, wenn sie in diesen Schranken nicht geblieben ist, und
die daraus entstehenden Folgen nach den Regeln der Klugheit zu
beurteilen. Wenn zum Exempel ein Mellefont eine Marwood liebt und sie
endlich verläßt; so ist dieses Verlassen, in Vergleichung mit der
Liebe selbst, etwas sehr Gutes. Es wäre ein Unglück, wenn er eine
Lasterhafte deswegen, weil er sie einmal geliebt hat, ewig lieben
müßte.
Marwood. Aber, Miß, kennen Sie denn diese Marwood, welche Sie so
getrost eine Lasterhafte nennen?
Sara. Ich kenne sie aus der Beschreibung des Mellefont.
Marwood. Des Mellefont? Ist es Ihnen denn nie beigefallen, daß
Mellefont in seiner eigenen Sache nichts anders als ein sehr
ungültiger Zeuge sein könne?
Sara.--Nun merke ich es erst, Lady, daß Sie mich auf die Probe stellen
wollen. Mellefont wird lächeln, wenn Sie es ihm wiedersagen werden,
wie ernsthaft ich mich seiner angenommen.
Marwood. Verzeihen Sie, Miß; von dieser Unterredung muß Mellefont
nichts wiedererfahren. Sie denken zu edel, als daß Sie, zum Danke für
eine wohlgemeinte Warnung, eine Anverwandte mit ihm entzweien wollten,
die sich nur deswegen wider ihn erklärt, weil sie sein unwürdiges
Verfahren gegen mehr als eine der liebenswürdigsten Personen unsers
Geschlechts so ansieht, als ob sie selbst darunter gelitten hätte.
Sara. Ich will niemand entzweien, Lady; und ich wünschte, daß es
andre ebensowenig wollten.
Marwood. Soll ich Ihnen die Geschichte der Marwood in wenig Worten
erzählen?
Sara. Ich weiß nicht--Aber doch ja, Lady; nur mit dem Beding, daß Sie
davon aufhören sobald Mellefont zurückkömmt. Er möchte denken, ich
hätte mich aus eignem Triebe darnach erkundiget; und ich wollte nicht
gern, daß er mir eine ihm so nachteilige Neubegierde zutrauen könnte.
Marwood. Ich würde Miß Sampson um gleiche Vorsicht gebeten haben,
wenn sie mir nicht zuvorgekommen wäre. Er muß es auch nicht argwöhnen
können, daß Marwood unser Gespräch gewesen ist; und Sie werden so
behutsam sein, Ihre Maßregeln ganz in der Stille darnach zu nehmen.--
Hören Sie nunmehr!--Marwood ist aus einem guten Geschlechte. Sie war
eine junge Witwe, als sie Mellefont bei einer ihrer Freundinnen
kennenlernte. Man sagt, es habe ihr weder an Schönheit noch an
derjenigen Anmut gemangelt, ohne welche die Schönheit tot sein würde.
Ihr guter Name war ohne Flecken. Ein einziges fehlte ihr:--Vermögen.
Alles, was sie besessen hatte--und es sollen ansehnliche Reichtümer
gewesen sein--, hatte sie für die Befreiung eines Mannes aufgeopfert,
dem sie nichts in der Welt vorenthalten zu dürfen glaubte, nachdem sie
ihm einmal ihr Herz und ihre Hand schenken wollen.
Sara. Wahrlich ein edler Zug, Lady, von dem ich wollte, daß er in
einem bessern Gemälde prangte!
Marwood. Des Mangels an Vermögen ungeachtet ward sie von Personen
gesucht, die nichts eifriger wünschten, als sie glücklich zu machen.
Unter diesen reichen und vornehmen Anbetern trat Mellefont auf. Sein
Antrag war ernstlich, und der Überfluß, in welchen er die Marwood zu
setzen versprach, war das geringste, worauf er sich stützte. Er hatte
es bei der ersten Unterredung weg, daß er mit keiner Eigennützigen zu
tun habe, sondern mit einem Frauenzimmer, voll des zärtlichsten
Gefühls, welches eine Hütte einem Palaste würde vorgezogen haben, wenn
sie in jener mit einer geliebten und in diesem mit einer
gleichgültigen Person hätte leben sollen.
Sara. Wieder ein Zug, den ich der Marwood nicht gönne. Schmeicheln
Sie ihr ja nicht mehr, Lady; oder ich möchte sie am Ende bedauern
müssen.
Marwood. Mellefont war eben im Begriffe, sich auf die feierlichste
Art mit ihr zu verbinden, als er Nachricht von dem Tode eines Vetters
bekam, welcher ihm sein ganzes Vermögen mit der Bedingung hinterließ,
eine weitläuftige Anverwandte zu heiraten. Hatte Marwood seinetwegen
reichere Verbindungen ausgeschlagen, so wollte er ihr nunmehr an
Großmut nichts nachgeben. Er war willens, ihr von dieser Erbschaft
eher nichts zu sagen, als bis er sich derselben durch sie würde
verlustig gemacht haben.--Nicht wahr, Miß, das war groß gedacht?
Sara. O Lady, wer weiß es besser als ich, daß Mellefont das edelste
Herz besitzt?
Marwood. Was aber tat Marwood? Sie erfuhr es unter der Hand, noch
spät an einem Abende, wozu sich Mellefont ihrentwegen entschlossen
hätte. Mellefont kam des Morgens, sie zu besuchen, und Marwood war
fort.
Sara. Wohin? Warum?
Marwood. Er fand nichts als einen Brief von ihr, worin sie ihm
entdeckte, daß er sich keine Rechnung machen dürfe, sie jemals
wiederzusehen. Sie leugne es zwar nicht, daß sie ihn liebe; aber eben
deswegen könne sie sich nicht überwinden, die Ursache einer Tat zu
sein, die er notwendig einmal bereuen müsse. Sie erlasse ihn seines
Versprechens und ersuche ihn, ohne weiteres Bedenken, durch die
Vollziehung der in dem Testamente vorgeschriebnen Verbindung, in den
Besitz eines Vermögens zu treten, welches ein Mann von Ehre zu etwas
Wichtigerm brauchen könne, als einem Frauenzimmer eine unüberlegte
Schmeichelei damit zu machen.
Sara. Aber, Lady, warum leihen Sie der Marwood so vortreffliche
Gesinnungen? Lady Solmes kann derselben wohl fähig sein, aber nicht
Marwood. Gewiß Marwood nicht.
Marwood. Es ist nicht zu verwundern, Miß, daß Sie wider sie
eingenommen sind.--Mellefont wollte über den Entschluß der Marwood von
Sinnen kommen. Er schickte überall Leute aus, sie wieder aufzusuchen;
und endlich fand er sie.
Sara. Weil sie sich finden lassen wollte, ohne Zweifel.
Marwood. Keine bittere Glossen, Miß! Sie geziemen einem Frauenzimmer
von einer sonst so sanften Denkungsart nicht.--Er fand sie, sag ich;
und fand sie unbeweglich. Sie wollte seine Hand durchaus nicht
annehmen; und alles, was er von ihr erhalten konnte, war dieses, daß
sie nach London zurückzukommen versprach. Sie wurden eins, ihre
Vermählung so lange auszusetzen, bis die Anverwandte, des langen
Verzögerns überdrüssig, einen Vergleich vorzuschlagen gezwungen sei.
Unterdessen konnte sich Marwood nicht wohl der täglichen Besuche des
Mellefont entbrechen, die eine lange Zeit nichts als ehrfurchtsvolle
Besuche eines Liebhabers waren, den man in die Grenzen der
Freundschaft zurückgewiesen hat. Aber wie unmöglich ist es, daß ein
hitziges Temperament diese engen Grenzen nicht überschreiten sollte!
Mellefont besitzt alles, was uns eine Mannsperson gefährlich machen
kann. Niemand kann hiervon überzeugter sein als Miß Sampson selbst.
Sara. Ach!
Marwood. Sie seufzen? Auch Marwood hat über ihre Schwachheit mehr
als einmal geseufzet und seufzet noch.
Sara. Genug, Lady, genug; diese Wendung, sollte ich meinen, war mehr
als eine bittere Glosse, die Sie mir zu untersagen beliebten.
Marwood. Ihre Absicht war nicht, zu beleidigen, sondern bloß die
unglückliche Marwood Ihnen in einem Lichte zu zeigen, in welchem Sie
am richtigsten von ihr urteilen könnten.--Kurz, die Liebe gab dem
Mellefont die Rechte eines Gemahls; und Mellefont hielt es länger
nicht für nötig, sie durch die Gesetze gültig machen zu lassen. Wie
glücklich wäre Marwood, wenn sie, Mellefont und der Himmel nur allein
von ihrer Schande wüßten! Wie glücklich, wenn nicht eine jammernde
Tochter dasjenige der ganzen Welt entdeckte, was sie vor sich selbst
verbergen zu können wünschte!