Norton. Darf ich frei reden? (Indem er ihn scharf ansieht.)

Mellefont. Du darfst.

Norton. Der Vorwurf, den ich an dem heutigen Morgen von Ihnen hören

mußte, daß ich mich Ihrer Verbrechen teilhaftig gemacht, weil ich dazu

geschwiegen, mag mich bei Ihnen entschuldigen, wenn ich von nun an

seltner schweige.

Mellefont. Nur vergiß nicht, wer du bist.

Norton. Ich will es nicht vergessen, daß ich ein Bedienter bin: ein

Bedienter, der auch etwas Bessers sein könnte, wenn er, leider!

darnach gelebt hätte. Ich bin Ihr Bedienter, ja; aber nicht auf dem

Fuße, daß ich mich gern mit Ihnen möchte verdammen lassen.

Mellefont. Mit mir? Und warum sagst du das itzt?

Norton. Weil ich nicht wenig erstaune, Sie anders zu finden, als ich

mir vorstellte.

Mellefont. Willst du mich nicht wissen lassen, was du dir

vorstelltest?

Norton. Sie in lauter Entzückung zu finden.

Mellefont. Nur der Pöbel wird gleich außer sich gebracht, wenn ihn

das Glück einmal anlächelt.

Norton. Vielleicht, weil der Pöbel noch sein Gefühl hat, das bei

Vornehmern durch tausend unnatürliche Vorstellungen verderbt und

geschwächt wird. Allein in Ihrem Gesichte ist noch etwas anders als

Mäßigung zu lesen. Kaltsinn, Unentschlossenheit, Widerwille--

Mellefont. Und wenn auch? Hast du es vergessen, wer noch außer der

Sara hier ist? Die Gegenwart der Marwood--

Norton. Könnte Sie wohl besorgt, aber nicht niedergeschlagen machen.--

Sie beunruhiget etwas anders. Und ich will mich gern geirret haben,

wenn Sie es nicht lieber gesehen hätten, der Vater wäre noch nicht

versöhnt. Die Aussicht in einen Stand, der sich so wenig zu Ihrer

Denkungsart schickt--

Mellefont. Norton! Norton! du mußt ein erschrecklicher Bösewicht

entweder gewesen sein oder noch sein, daß du mich so erraten kannst.

Weil du es getroffen hast, so will ich es nicht leugnen. Es ist wahr;

so gewiß es ist, daß ich meine Sara ewig lieben werde, so wenig will

es mir ein, daß ich sie ewig lieben soll--soll!--Aber besorge nichts;

ich will über diese närrische Grille siegen. Oder meinst du nicht,

daß es eine Grille ist? Wer heißt mich die Ehe als einen Zwang

ansehen? Ich wünsche es mir ja nicht, freier zu sein, als sie mich

lassen wird.

Norton. Diese Betrachtungen sind sehr gut. Aber Marwood, Marwood

wird Ihren alten Vorurteilen zu Hilfe kommen, und ich fürchte, ich

fürchte--

Mellefont. Was nie geschehen wird. Du sollst sie noch heute nach

London zurückreisen sehen. Da ich dir meine geheimste--Narrheit will

ich es nur unterdessen nennen--gestanden habe, so darf ich dir auch

nicht verbergen, daß ich die Marwood in solche Furcht gejagt habe, daß

sie sich durchaus nach meinem geringsten Winke bequemen muß.

Norton. Sie sagen mir etwas Unglaubliches.

Mellefont. Sieh, dieses Mördereisen riß ich ihr aus der Hand (er

zeigt ihm den Dolch, den er der Marwood genommen), als sie mir in der

schrecklichsten Wut das Herz damit durchstoßen wollte. Glaubst du es

nun bald, daß ich ihr festen Obstand gehalten habe? Anfangs zwar

fehlte es nicht viel, sie hätte mir ihre Schlinge wieder um den Hals

geworfen. Die Verräterin hat Arabellen bei sich.

Norton. Arabellen?

Mellefont. Ich habe es noch nicht untersuchen können, durch welche

List sie das Kind wieder in ihre Hände bekommen. Genug, der Erfolg

fiel für sie nicht so aus, als sie es ohne Zweifel gehofft hatte.

Norton. Erlauben Sie, daß ich mich über Ihre Standhaftigkeit freuen

und Ihre Besserung schon für halb geborgen halten darf. Allein--da

Sie mich doch alles wollen wissen lassen--was hat sie unter dem Namen

der Lady Solmes hier gesollt?

Mellefont. Sie wollte ihre Nebenbuhlerin mit aller Gewalt sehen. Ich

willigte in ihr Verlangen, teils aus Nachsicht, teils aus Übereilung,

teils aus Begierde, sie durch den Anblick der Besten ihres Geschlechts

zu demütigen.--Du schüttelst den Kopf, Norton?--

Norton. Das hätte ich nicht gewagt.

Mellefont. Gewagt? Eigentlich wagte ich nichts mehr dabei, als ich

im Falle der Weigerung gewagt hätte. Sie würde als Marwood

vorzukommen gesucht haben; und das Schlimmste, was bei ihrem

unbekannten Besuche zu besorgen steht, ist nichts Schlimmers.

Norton. Danken Sie dem Himmel, daß es so ruhig abgelaufen.

Mellefont. Es ist noch nicht ganz vorbei, Norton. Es stieß ihr eine

kleine Unpäßlichkeit zu, daß sie sich, ohne Abschied zu nehmen,

wegbegeben mußte. Sie will wiederkommen.--Mag sie doch! Die Wespe,

die den Stachel verloren hat (indem er auf den Dolch weiset, den er

wieder in den Busen steckt), kann doch weiter nichts als summen. Aber

auch das Summen soll ihr teuer werden, wenn sie zu überlästig damit

wird.--Hör ich nicht jemand kommen? Verlaß mich, wenn sie es ist.--

Sie ist es. Geh!

(Norton geht ab.)

Miss Sara Sampson · 第 68 / 111 题