Mellefont (nachdem er einigemal tiefsinnig auf und nieder gegangen).
Was für ein Rätsel bin ich mir selbst! Wofür soll ich mich halten?
Für einen Toren? oder für einen Bösewicht?--oder für beides?--Herz,
was für ein Schalk bist du!--Ich liebe den Engel, so ein Teufel ich
auch sein mag.--Ich lieb ihn? Ja, gewiß, gewiß, ich lieb ihn. Ich
weiß, ich wollte tausend Leben für sie aufopfern, für sie, die mir
ihre Tugend aufgeopfert hat! Ich wollt' es; jetzt gleich ohne Anstand
wollt' ich es--Und doch, doch--Ich erschrecke, mir es selbst zu sagen--
Und doch--Wie soll ich es begreifen?--Und doch fürchte ich mich vor
dem Augenblicke, der sie auf ewig vor dem Angesichte der Welt zu der
Meinigen machen wird.--Er ist nun nicht zu vermeiden; denn der Vater
ist versöhnt. Auch weit hinaus werde ich ihn nicht schieben können.
Die Verzögerung desselben hat mir schon schmerzhafte Vorwürfe genug
zugezogen. So schmerzhaft sie aber waren, so waren sie mir doch
erträglicher als der melancholische Gedanke, auf zeitlebens gefesselt
zu sein.--Aber bin ich es denn nicht schon?--Ich bin es freilich, und
bin es mit Vergnügen.--Freilich bin ich schon ihr Gefangener.--Was
will ich also?--Das!--Itzt bin ich ein Gefangener, den man auf sein
Wort frei herumgehen läßt: das schmeichelt! Warum kann es dabei nicht
sein Bewenden haben? Warum muß ich eingeschmiedet werden und auch
sogar den elenden Schatten der Freiheit entbehren?--Eingeschmiedet?
Nichts anders!--Sara Sampson, meine Geliebte! Wieviel Seligkeiten
liegen in diesen Worten! Sara Sampson, meine Ehegattin!--Die Hälfte
dieser Seligkeiten ist verschwunden! und die andre Hälfte--wird
verschwinden.--Ich Ungeheuer!--Und bei diesen Gesinnungen soll ich an
ihren Vater schreiben?--Doch es sind keine Gesinnungen; es sind
Einbildungen! Vermaledeite Einbildungen, die mir durch ein zügelloses
Leben so natürlich geworden! Ich will ihrer los werden, oder--nicht
leben.