Zweiter Auftritt

Mellefont (nachdem er einigemal tiefsinnig auf und nieder gegangen).

Was für ein Rätsel bin ich mir selbst! Wofür soll ich mich halten?

Für einen Toren? oder für einen Bösewicht?--oder für beides?--Herz,

was für ein Schalk bist du!--Ich liebe den Engel, so ein Teufel ich

auch sein mag.--Ich lieb ihn? Ja, gewiß, gewiß, ich lieb ihn. Ich

weiß, ich wollte tausend Leben für sie aufopfern, für sie, die mir

ihre Tugend aufgeopfert hat! Ich wollt' es; jetzt gleich ohne Anstand

wollt' ich es--Und doch, doch--Ich erschrecke, mir es selbst zu sagen--

Und doch--Wie soll ich es begreifen?--Und doch fürchte ich mich vor

dem Augenblicke, der sie auf ewig vor dem Angesichte der Welt zu der

Meinigen machen wird.--Er ist nun nicht zu vermeiden; denn der Vater

ist versöhnt. Auch weit hinaus werde ich ihn nicht schieben können.

Die Verzögerung desselben hat mir schon schmerzhafte Vorwürfe genug

zugezogen. So schmerzhaft sie aber waren, so waren sie mir doch

erträglicher als der melancholische Gedanke, auf zeitlebens gefesselt

zu sein.--Aber bin ich es denn nicht schon?--Ich bin es freilich, und

bin es mit Vergnügen.--Freilich bin ich schon ihr Gefangener.--Was

will ich also?--Das!--Itzt bin ich ein Gefangener, den man auf sein

Wort frei herumgehen läßt: das schmeichelt! Warum kann es dabei nicht

sein Bewenden haben? Warum muß ich eingeschmiedet werden und auch

sogar den elenden Schatten der Freiheit entbehren?--Eingeschmiedet?

Nichts anders!--Sara Sampson, meine Geliebte! Wieviel Seligkeiten

liegen in diesen Worten! Sara Sampson, meine Ehegattin!--Die Hälfte

dieser Seligkeiten ist verschwunden! und die andre Hälfte--wird

verschwinden.--Ich Ungeheuer!--Und bei diesen Gesinnungen soll ich an

ihren Vater schreiben?--Doch es sind keine Gesinnungen; es sind

Einbildungen! Vermaledeite Einbildungen, die mir durch ein zügelloses

Leben so natürlich geworden! Ich will ihrer los werden, oder--nicht

leben.

Miss Sara Sampson · 第 66 / 111 题