Erster Auftritt

Mellefonts Zimmer.

Mellefont. Sara.

Mellefont. Ja, liebste Miß, ja; das will ich tun; das muß ich tun.

Sara. Wie vergnügt machen Sie mich!

Mellefont. Ich bin es allein, der das ganze Verbrechen auf sich

nehmen muß. Ich allein bin schuldig; ich allein muß um Vergebung

bitten.

Sara. Nein, Mellefont, nehmen Sie mir den größern Anteil, den ich an

unserm Vergehen habe, nicht. Er ist mir teuer, so strafbar er auch

ist: denn er muß Sie überzeugt haben, daß ich meinen Mellefont über

alles in der Welt liebe.--Aber ist es denn gewiß wahr, daß ich nunmehr

diese Liebe mit der Liebe gegen meinen Vater verbinden darf? Oder

befinde ich mich in einem angenehmen Traume? Wie fürchte ich mich,

ihn zu verlieren und in meinem alten Jammer zu erwachen!--Doch nein,

ich bin nicht bloß in einem Traume, ich bin wirklich glücklicher, als

ich jemals zu werden hoffen durfte; glücklicher, als es vielleicht

dieses kurze Leben zuläßt. Vielleicht erscheint mir dieser Strahl von

Glückseligkeit nur darum von ferne und scheinet mir nur darum so

schmeichelhaft näher zu kommen, damit er auf einmal wieder in die

dickste Finsternis zerfließe und mich auf einmal in einer Nacht lasse,

deren Schrecklichkeit mir durch diese kurze Erleuchtung erst recht

fühlbar geworden.--Was für Ahnungen quälen mich!--Sind es wirklich

Ahnungen, Mellefont, oder sind es gewöhnliche Empfindungen, die von

der Erwartung eines unverdienten Glücks und von der Furcht, es zu

verlieren, unzertrennlich sind?--Wie schlägt mir das Herz, und wie

unordentlich schlägt es! Wie stark itzt, wie geschwind!--Und nun, wie

matt, wie bange, wie zitternd!--Itzt eilt es wieder, als ob es die

letzten Schläge wären, die es gern recht schnell hintereinander tun

wolle. Armes Herz!

Mellefont. Die Wallungen des Geblüts, welche plötzliche

Überraschungen nicht anders als verursachen können, werden sich legen,

Miß, und das Herz wird seine Verrichtungen ruhiger fortsetzen. Keiner

seiner Schläge zielet auf das Zukünftige; und wir sind zu tadeln--

verzeihen Sie, liebste Sara--, wenn wir des Bluts mechanische

Drückungen zu fürchterlichen Propheten machen.--Deswegen aber will ich

nichts unterlassen, was Sie selbst zur Besänftigung dieses kleinen

innerlichen Sturms für dienlich halten. Ich will sogleich schreiben,

und Sir William, hoffe ich, soll mit den Beteurungen meiner Reue, mit

den Ausdrücken meines gerührten Herzens und mit den Angelobungen des

zärtlichsten Gehorsams zufrieden sein.

Sara. Sir William? Ach Mellefont, fangen Sie doch nun an, sich an

einen weit zärtlichern Namen zu gewöhnen. Mein Vater, Ihr Vater,

Mellefont--

Mellefont. Nun ja, Miß, unser gütiger, unser bester Vater!--Ich mußte

sehr jung aufhören, diesen süßen Namen zu nennen; sehr jung mußte ich

den ebenso süßen Namen "Mutter" verlernen--

Sara. Sie haben ihn verlernt, und mir--mir ward es so gut nicht, ihn

nur einmal sprechen zu können. Mein Leben war ihr Tod.--Gott! ich

ward eine Muttermörderin wider mein Verschulden. Und wie viel fehlte--

wie wenig, wie nichts fehlte--, so wäre ich auch eine Vatermörderin

geworden! Aber nicht ohne mein Verschulden; eine vorsätzliche

Vatermörderin!--Und wer weiß, ob ich es nicht schon bin? Die Jahre,

die Tage, die Augenblicke, die er geschwinder zu seinem Ziele kömmt,

als er ohne die Betrübnis, die ich ihm verursacht, gekommen wäre--

diese hab ich ihm--ich habe sie ihm geraubt. Wenn ihn sein Schicksal

auch noch so alt und lebenssatt sterben läßt, so wird mein Gewissen

doch nichts gegen den Vorwurf sichern können, daß er ohne mich

vielleicht noch später gestorben wäre. Trauriger Vorwurf, den ich mir

ohne Zweifel nicht machen dürfte, wenn eine zärtliche Mutter die

Führerin meiner Jugend gewesen wäre! Ihre Lehren, ihr Exempel würden

mein Herz--So zärtlich blicken Sie mich an, Mellefont? Sie haben

recht; eine Mutter würde mich vielleicht mit lauter Liebe tyrannisiert

haben, und ich würde Mellefonts nicht sein. Warum wünsche ich mir

denn also das, was mir das weisere Schicksal nur aus Güte versagte?

Seine Fügungen sind immer die besten. Lassen Sie uns nur das recht

brauchen, was es uns schenkt: einen Vater, der mich noch nie nach

einer Mutter seufzen lassen; einen Vater, der auch Sie ungenossene

Eltern will vergessen lehren. Welche schmeichelhafte Vorstellung!

Ich verliebe mich selbst darein und vergesse es fast, daß in dem

Innersten sich noch etwas regt, das ihm keinen Glauben beimessen will.-

-Was ist es, dieses rebellische Etwas?

Mellefont. Dieses Etwas, liebste Sara, wie Sie schon selbst gesagt

haben, ist die natürliche furchtsame Schwierigkeit, sich in ein großes

Glück zu finden.--Ach, Ihr Herz machte weniger Bedenken, sich

unglücklich zu glauben, als es jetzt zu seiner eignen Pein macht, sich

für glücklich zu halten!--Aber wie dem, der in einer schnellen

Kreisbewegung drehend geworden, auch da noch, wenn er schon wieder

still sitzt, die äußern Gegenstände mit ihm herumzugehen scheinen, so

wird auch das Herz, das zu heftig erschüttert worden, nicht auf einmal

wieder ruhig. Es bleibt eine zitternde Bebung oft noch lange zurück,

die wir ihrer eignen Abschwächung überlassen müssen.

Sara. Ich glaube es, Mellefont, ich glaube es: weil Sie es sagen;

weil ich es wünsche.--Aber lassen Sie uns einer den andern nicht

länger aufhalten. Ich will gehen und meinen Brief vollenden. Ich

darf doch auch den Ihrigen lesen, wenn ich Ihnen den meinigen werde

gezeigt haben?

Mellefont. Jedes Wort soll Ihrer Beurteilung unterworfen sein; nur

das nicht, was ich zu Ihrer Rettung sagen muß: denn ich weiß es, Sie

halten sich nicht für so unschuldig, als Sie sind. (Indem er die Sara

bis an die Szene begleitet.)

Miss Sara Sampson · 第 65 / 111 题