Fünfter Auftritt

Marwood. Mellefont. Sara.

Mellefont. Liebste Miß, ich habe die Ehre, Ihnen Lady Solmes

vorzustellen, welche eine von denen Personen in meiner Familie ist,

welchen ich mich am meisten verpflichtet erkenne.

Marwood. Ich muß um Vergebung bitten, Miß, daß ich so frei bin, mich

mit meinen eignen Augen von dem Glücke eines Vetters zu überführen,

dem ich das vollkommenste Frauenzimmer wünschen würde, wenn mich nicht

gleich der erste Anblick überzeugt hätte, daß er es in Ihnen bereits

gefunden habe.

Sara. Sie erzeigen mir allzuviel Ehre, Lady. Eine Schmeichelei wie

diese würde mich zu allen Zeiten beschämt haben; itzt aber sollte ich

sie fast für einen versteckten Vorwurf annehmen, wenn ich Lady Solmes

nicht für viel zu großmütig hielte, ihre Überlegenheit an Tugend und

Klugheit eine Unglückliche fühlen zu lassen.

Marwood (kalt). Ich würde untröstlich sein, Miß, wenn Sie mir andre

als die freundschaftlichsten Gesinnungen zutrauten.--(Beiseite.) Sie

ist schön!

Mellefont. Und wäre es denn auch möglich, Lady, gegen soviel

Schönheit, gegen soviel Bescheidenheit gleichgültig zu bleiben? Man

sagt zwar, daß einem reizenden Frauenzimmer selten von einem andern

Gerechtigkeit erwiesen werde: allein dieses ist auf der einen Seite

nur von denen, die auf ihre Vorzüge allzu eitel sind, und auf der

andern nur von solchen zu verstehen, welche sich selbst keiner Vorzüge

bewußt sind. Wie weit sind Sie beide von diesem Falle entfernt!--(Zur

Marwood, welche in Gedanken steht.) Ist es nicht wahr, Lady, daß

meine Liebe nichts weniger als parteiisch gewesen ist? Ist es nicht

wahr, daß ich Ihnen zum Lobe meiner Miß viel, aber noch lange nicht so

viel gesagt habe, als Sie selbst finden?--Aber warum so in Gedanken?--

(Sachte zu ihr.) Sie vergessen, wer Sie sein wollen.

Marwood. Darf ich es sagen?--Die Bewunderung Ihrer liebsten Miß

führte mich auf die Betrachtung ihres Schicksals. Es ging mir nahe,

daß sie die Früchte ihrer Liebe nicht in ihrem Vaterlande genießen

soll. Ich erinnerte mich, daß sie einen Vater und, wie man mir gesagt

hat, einen sehr zärtlichen Vater verlassen müßte, um die Ihrige sein

zu können; und ich konnte mich nicht enthalten, ihre Aussöhnung mit

ihm zu wünschen.

Sara. Ach! Lady, wie sehr bin ich Ihnen für diesen Wunsch verbunden.

Er verdient es, daß ich meine ganze Freude mit Ihnen teile. Sie

können es noch nicht wissen, Mellefont, daß er erfüllt wurde, ehe Lady

die Liebe für uns hatte, ihn zu tun.

Mellefont. Wie verstehen Sie dieses, Miß?

Marwood (beiseite). Was will das sagen?

Sara. Eben itzt habe ich einen Brief von meinem Vater erhalten.

Waitwell brachte mir ihn. Ach, Mellefont, welch ein Brief!

Mellefont. Geschwind reißen Sie mich aus meiner Ungewißheit. Was hab

ich zu fürchten? Was habe ich zu hoffen? Ist er noch der Vater, den

wir flohen? Und wenn er es noch ist, wird Sara die Tochter sein, die

mich zärtlich genug liebt, um ihn noch weiter zu fliehen? Ach! hätte

ich Ihnen gefolgt, liebste Miß, so wären wir jetzt durch ein Band

verknüpft, das man aus eigensinnigen Absichten zu trennen wohl

unterlassen müßte. In diesem Augenblick empfinde ich alles das

Unglück, das unser entdeckter Aufenthalt für mich nach sich ziehen

kann. Er wird kommen und Sie aus meinen Armen reißen. Wie hasse ich

den Nichtswürdigen, der uns ihm verraten hat! (Mit einem zornigen

Blick gegen die Marwood.)

Sara. Liebster Mellefont, wie schmeichelhaft ist diese Ihre Unruhe

für mich! Und wie glücklich sind wir beide, daß sie vergebens ist!

Lesen Sie hier seinen Brief.--(Gegen die Marwood, indem Mellefont den

Brief für sich lieset.) Lady, er wird über die Liebe meines Vaters

erstaunen. Meines Vaters? Ach! er ist nun auch der seinige.

Marwood (betroffen). Ist es möglich?

Sara. Jawohl, Lady, haben Sie Ursache, diese Veränderung zu bewundern.

Er vergibt uns alles; wir werden uns nun vor seinen Augen lieben; er

erlaubt es uns; er befiehlt es uns.--Wie hat diese Gütigkeit meine

ganze Seele durchdrungen!--Nun, Mellefont? (Der ihr den Brief

wiedergibt.) Sie schweigen? O nein, diese Träne, die sich aus Ihrem

Auge schleicht, sagt weit mehr, als Ihr Mund ausdrücken könnte.

Marwood (beiseite). Wie sehr habe ich mir selbst geschadet! Ich

Unvorsichtige!

Sara. Oh! lassen Sie mich diese Träne von Ihrer Wange küssen!

Mellefont. Ach Miß, warum haben wir so einen göttlichen Mann betrüben

müssen? Jawohl, einen göttlichen Mann: denn was ist göttlicher als

vergeben?--Hätten wir uns diesen glücklichen Ausgang nur als möglich

vorstellen können: gewiß, so wollten wir ihn jetzt so gewaltsamen

Mitteln nicht zu verdanken haben; wir wollten ihn allein unsern Bitten

zu verdanken haben. Welche Glückseligkeit wartet auf mich! Wie

schmerzlich wird mir aber auch die eigne Überzeugung sein, daß ich

dieser Glückseligkeit so unwert bin!

Marwood (beiseite). Und das muß ich mit anhören!

Sara. Wie vollkommen rechtfertigen Sie durch solche Gesinnungen meine

Liebe gegen Sie.

Marwood (beiseite). Was für Zwang muß ich mir antun!

Sara. Auch Sie, vortreffliche Lady, müssen den Brief meines Vaters

lesen. Sie scheinen allzuviel Anteil an unserm Schicksale zu nehmen,

als daß Ihnen sein Inhalt gleichgültig sein könnte.

Miss Sara Sampson · 第 59 / 111 题