Marwood. Mellefont. Sara.
Mellefont. Liebste Miß, ich habe die Ehre, Ihnen Lady Solmes
vorzustellen, welche eine von denen Personen in meiner Familie ist,
welchen ich mich am meisten verpflichtet erkenne.
Marwood. Ich muß um Vergebung bitten, Miß, daß ich so frei bin, mich
mit meinen eignen Augen von dem Glücke eines Vetters zu überführen,
dem ich das vollkommenste Frauenzimmer wünschen würde, wenn mich nicht
gleich der erste Anblick überzeugt hätte, daß er es in Ihnen bereits
gefunden habe.
Sara. Sie erzeigen mir allzuviel Ehre, Lady. Eine Schmeichelei wie
diese würde mich zu allen Zeiten beschämt haben; itzt aber sollte ich
sie fast für einen versteckten Vorwurf annehmen, wenn ich Lady Solmes
nicht für viel zu großmütig hielte, ihre Überlegenheit an Tugend und
Klugheit eine Unglückliche fühlen zu lassen.
Marwood (kalt). Ich würde untröstlich sein, Miß, wenn Sie mir andre
als die freundschaftlichsten Gesinnungen zutrauten.--(Beiseite.) Sie
ist schön!
Mellefont. Und wäre es denn auch möglich, Lady, gegen soviel
Schönheit, gegen soviel Bescheidenheit gleichgültig zu bleiben? Man
sagt zwar, daß einem reizenden Frauenzimmer selten von einem andern
Gerechtigkeit erwiesen werde: allein dieses ist auf der einen Seite
nur von denen, die auf ihre Vorzüge allzu eitel sind, und auf der
andern nur von solchen zu verstehen, welche sich selbst keiner Vorzüge
bewußt sind. Wie weit sind Sie beide von diesem Falle entfernt!--(Zur
Marwood, welche in Gedanken steht.) Ist es nicht wahr, Lady, daß
meine Liebe nichts weniger als parteiisch gewesen ist? Ist es nicht
wahr, daß ich Ihnen zum Lobe meiner Miß viel, aber noch lange nicht so
viel gesagt habe, als Sie selbst finden?--Aber warum so in Gedanken?--
(Sachte zu ihr.) Sie vergessen, wer Sie sein wollen.
Marwood. Darf ich es sagen?--Die Bewunderung Ihrer liebsten Miß
führte mich auf die Betrachtung ihres Schicksals. Es ging mir nahe,
daß sie die Früchte ihrer Liebe nicht in ihrem Vaterlande genießen
soll. Ich erinnerte mich, daß sie einen Vater und, wie man mir gesagt
hat, einen sehr zärtlichen Vater verlassen müßte, um die Ihrige sein
zu können; und ich konnte mich nicht enthalten, ihre Aussöhnung mit
ihm zu wünschen.
Sara. Ach! Lady, wie sehr bin ich Ihnen für diesen Wunsch verbunden.
Er verdient es, daß ich meine ganze Freude mit Ihnen teile. Sie
können es noch nicht wissen, Mellefont, daß er erfüllt wurde, ehe Lady
die Liebe für uns hatte, ihn zu tun.
Mellefont. Wie verstehen Sie dieses, Miß?
Marwood (beiseite). Was will das sagen?
Sara. Eben itzt habe ich einen Brief von meinem Vater erhalten.
Waitwell brachte mir ihn. Ach, Mellefont, welch ein Brief!
Mellefont. Geschwind reißen Sie mich aus meiner Ungewißheit. Was hab
ich zu fürchten? Was habe ich zu hoffen? Ist er noch der Vater, den
wir flohen? Und wenn er es noch ist, wird Sara die Tochter sein, die
mich zärtlich genug liebt, um ihn noch weiter zu fliehen? Ach! hätte
ich Ihnen gefolgt, liebste Miß, so wären wir jetzt durch ein Band
verknüpft, das man aus eigensinnigen Absichten zu trennen wohl
unterlassen müßte. In diesem Augenblick empfinde ich alles das
Unglück, das unser entdeckter Aufenthalt für mich nach sich ziehen
kann. Er wird kommen und Sie aus meinen Armen reißen. Wie hasse ich
den Nichtswürdigen, der uns ihm verraten hat! (Mit einem zornigen
Blick gegen die Marwood.)
Sara. Liebster Mellefont, wie schmeichelhaft ist diese Ihre Unruhe
für mich! Und wie glücklich sind wir beide, daß sie vergebens ist!
Lesen Sie hier seinen Brief.--(Gegen die Marwood, indem Mellefont den
Brief für sich lieset.) Lady, er wird über die Liebe meines Vaters
erstaunen. Meines Vaters? Ach! er ist nun auch der seinige.
Marwood (betroffen). Ist es möglich?
Sara. Jawohl, Lady, haben Sie Ursache, diese Veränderung zu bewundern.
Er vergibt uns alles; wir werden uns nun vor seinen Augen lieben; er
erlaubt es uns; er befiehlt es uns.--Wie hat diese Gütigkeit meine
ganze Seele durchdrungen!--Nun, Mellefont? (Der ihr den Brief
wiedergibt.) Sie schweigen? O nein, diese Träne, die sich aus Ihrem
Auge schleicht, sagt weit mehr, als Ihr Mund ausdrücken könnte.
Marwood (beiseite). Wie sehr habe ich mir selbst geschadet! Ich
Unvorsichtige!
Sara. Oh! lassen Sie mich diese Träne von Ihrer Wange küssen!
Mellefont. Ach Miß, warum haben wir so einen göttlichen Mann betrüben
müssen? Jawohl, einen göttlichen Mann: denn was ist göttlicher als
vergeben?--Hätten wir uns diesen glücklichen Ausgang nur als möglich
vorstellen können: gewiß, so wollten wir ihn jetzt so gewaltsamen
Mitteln nicht zu verdanken haben; wir wollten ihn allein unsern Bitten
zu verdanken haben. Welche Glückseligkeit wartet auf mich! Wie
schmerzlich wird mir aber auch die eigne Überzeugung sein, daß ich
dieser Glückseligkeit so unwert bin!
Marwood (beiseite). Und das muß ich mit anhören!
Sara. Wie vollkommen rechtfertigen Sie durch solche Gesinnungen meine
Liebe gegen Sie.
Marwood (beiseite). Was für Zwang muß ich mir antun!
Sara. Auch Sie, vortreffliche Lady, müssen den Brief meines Vaters
lesen. Sie scheinen allzuviel Anteil an unserm Schicksale zu nehmen,
als daß Ihnen sein Inhalt gleichgültig sein könnte.