Marwood. Mir gleichgültig, Miß? (Sie nimmt den Brief.)

Sara. Aber, Lady, Sie scheinen noch immer sehr nachdenkend, sehr

traurig.--

Marwood. Nachdenkend, Miß, aber nicht traurig.

Mellefont (beiseite). Himmel! wo sie sich verrät!

Sara. Und warum denn?

Marwood. Ich zittere für Sie beide. Könnte die unvermutete Güte

Ihres Vaters nicht eine Verstellung sein? eine List?

Sara. Gewiß nicht, Lady, gewiß nicht. Lesen Sie nur, und Sie werden

es selbst gestehen. Die Verstellung bleibt immer kalt, und eine so

zärtliche Sprache ist in ihrem Vermögen nicht. (Marwood lieset für

sich.) Werden Sie nicht argwöhnisch, Mellefont; ich bitte Sie. Ich

stehe Ihnen dafür, daß mein Vater sich zu keiner List herablassen kann.

Er sagt nichts, was er nicht denkt, und Falschheit ist ihm ein

unbekanntes Laster.

Mellefont. Oh! davon bin ich vollkommen überzeugt, liebste Miß.--Man

muß der Lady den Verdacht vergeben, weil sie den Mann noch nicht kennt,

den er trifft.

Sara (indem ihr Marwood den Brief zurückgibt). Was seh ich, Lady?

Sie haben sich entfärbt? Sie zittern? Was fehlt Ihnen?

Mellefont (beiseite). In welcher Angst bin ich! Warum habe ich sie

auch hergebracht?

Marwood. Es ist nichts, Miß, als ein kleiner Schwindel, welcher

vorübergehn wird. Die Nachtluft muß mir auf der Reise nicht bekommen

sein.

Mellefont. Sie erschrecken mich, Lady--ist es Ihnen nicht gefällig,

frische Luft zu schöpfen? Man erholt sich in einem verschloßnen

Zimmer nicht so leicht.

Marwood. Wenn Sie meinen, so reichen Sie mir Ihren Arm.

Sara. Ich werde Sie begleiten, Lady.

Marwood. Ich verbitte diese Höflichkeit, Miß. Meine Schwachheit wird

ohne Folgen sein.

Sara. So hoffe ich denn, Lady bald wiederzusehen.

Miss Sara Sampson · 第 60 / 111 题