Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr.
Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen;
öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer
honetten Männerseele.
Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht
aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die
Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel.
Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im
Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht.
Karoline ist keine Julie.
Aber schön, blühender noch, als es jene war, und -- bereits das
Eigenthum eines Andern.
Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht
mehr behagen. --
Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet,
die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte
seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste
Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es
entschieden, daß Fräulein von Elfen -- wofern ungetheilte zärtliche
Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer
Verbindung mit ihn sey -- sie nie dessen Gattin werden könnte.
* * * * *
Adelaide an Mathilden.
Der glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher
Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht
überwunden, welche mir gebot für dieses Erdenleben nicht die
Fürstentochter -- die künftige Großherzogin über der geliebtesten,
der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten
nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen,
und bringt dir Schwestergruß und Kuß! -- Jetzt verstehest du mich
auch wieder -- nicht so meine Mathilde? -- jetzt wird jedes meiner
Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie
bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das
Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet
die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden
Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf,
als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher
Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier
einstweilen skelettirt -- wenn ich erst noch einige der wichtigsten
Punkte, welche -- wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt,
auf mich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit
dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen
angemerkt haben werde.
Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des
Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit
dir. -- Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten
Vater mit hinüber zu nehmen? -- O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie
an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir -- wenigstens
in diesem Briefe noch nicht sagen darf! -- doch drücke den Kuß der
kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf
seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort
erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses
segnenden Andenkens würdig machen müsse!! --
Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden
deines großen Vaters, durch Erfüllung seiner Wünsche für dein Wohl
versüßen. -- Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder!
-- mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen
Mannes -- ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des
tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten
die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; -- von dem Gedanken
niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks
schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und
fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. -- Es bedarf keiner weitern
Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin
so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner
schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den
Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen
hast.
O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht
hoffnungslos von ihm -- bald wird er dir und dem Staate, den du jetzt
schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten
Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die
wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat.
Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der
Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? -- Er komme:
daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß
bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und
in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft.
Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner
des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von
Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher
verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten,
Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete
glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelle trat nun ohne
Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich,
aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor
und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der
redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die
Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß
gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg,
der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die
Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn
verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden
Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein
förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor,
wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. -- Mein guter
Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich,
mit so rührender Gutherzigkeit, -- Ritter Julius dessen Dämon mich
erkor, sein Herz Karolinen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder
mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen -- seine
Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit
keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende
Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie
dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung --
das zweite Paar: Julius und Adelaide.
Nun, meine geliebte Mathilde! -- Du wünschest mir noch nicht Glück?
-- Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige
Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten
sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward
der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold
kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten
Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden
Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich, Theodor ist, seit
die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch
die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre
Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. -- O, es war eine
Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den
ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet
aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen.
Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten
mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich
zärtlich einige Schritte abwärts. -- Kind! sagte sie, deine Entschlüsse
so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt --
man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn
müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches
Glück zu thun war. -- Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt,
welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zuführt, meinen
vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück
treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich
dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen
Frommen heischt! -- Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an,
womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. -- Deine
Sehnsucht hat ein höheres Ziel.
Amen! sprach ich -- und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter
anders wünschen und fühlen? --
Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung
dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen.
Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung
zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz
der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen
Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit
mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten.
„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe,
welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß
seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin
brachte? -- hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach
ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in
der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst
du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff
gemäß, sehr prosaisch endest.“
Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und
bereitet die Entwickelungsscene -- --
+Doch!+ spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften
Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner
Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte
des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge
-- es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hoffen eines kranken
verirrten Herzens -- über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der
Schwester des Erbprinzen! -- Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl
erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit
dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen
mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg
ziere.
* * * * *
„Keine Eifersucht, werther Neffe! -- Es verdrieße ihn oder nicht,
ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine
liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens
mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach
dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel
seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu
Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen,
während die Gehuldigte dem herzlich Willkommnen Hand und Kuß bot.
„Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher,
und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“
fuhr der verjüngte Alte fort.
„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein -- „Sie mögen es verantworten,
wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin
ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen
schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich
nicht irre“ --
„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen -- nicht wahr, das
wollten Sie sagen? -- Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter
eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen
sollen.“ --