„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer,
Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu
einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch -- seht, Kinderchen!
wie diskret ich bin! -- ich spionirte nicht, wie oder wozu? -- ich
wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch
die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit
den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die
Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das
Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs
Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe.
Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt
mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei,
dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so
viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer
hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem
Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen,
Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt,
und ihn zierlich genug in sechs Felder eingetheilt, damit jedes von
ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich
ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt
andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener
Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann
unter vielen Wunden gefallen ist. -- Ich bitte dich, Julius, erwähle
wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die
gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg
der Hochburgs in Franken zu sehen ist! -- Sie müssen wissen, liebe
Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit
Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht
ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine
Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen
voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch,
nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konnte. Er
erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der
heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte
den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil
der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte.
Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der
neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen
Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit
wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl,
daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner
Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen
war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze
eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen
Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben
stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und
mit herunter bringen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß
seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu
nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen
Burgen und Lehen“ -- --
Theodor trat ein und unterbrach den Erzähler der Hochburgischen
Geschlechts-Vorzeit mit der Frage: Ob Adelaide noch entschlossen sey,
dem Leichnam diesen Abend selbst entgegen zu fahren, und wie sie den
Zug geordnet wissen wolle?
Welcher Leichnam? fragte der Landrath.
Für den die Kirche, oder vielmehr die Todtenkapelle, dekoriert wird;
antwortete mit heiterer Ruhe Adelaide. Die Ueberreste unsers guten
Vaters, welche in der Georgkirche in der Residenz beigesetzt wurden,
sollen nun hier in der Wallerseeschen Gruft ruhen, wo sich dann nach
und nach seine Familie zu ihm gesellen wird.
Ei, ei! das war ein arger Mißverstand meiner Hoffnung! statt nahe
geglaubter Hochzeit ein Leichencondukt! -- Ich dachte wahrhaftig, die
gütige Adelaide hätte uns Vätern und auch dem schmachtenden Bräutigam
die Freude machen und den Termin abkürzen wollen.
Ich darf, ich vermag es nicht -- klagte diese mit bittender Stimme um
Entschuldigung.