„Ja, aber ohne diesen Kommandostab geht dir kein Fußbote aufs nächste
Dorf, geschweige eine Stafette -- sagte lächelnd Adelaide, und warf ihm
eine gefüllte Börse zu. Georg verschwand, und die Erheiterte meldete
für nächstens unerwarteten Zuspruch eines halb Europa durchwanderten
Gastes an.“ --
Doch nicht jener Briefsteller, der meiner guten Adelaide vorhin das
Roth von den Wangen blies? fragte Karoline; sonst rechne ich ihn
ungekannt schon unter die Unwillkommnen.
Nichts weniger. Es ist mein Bruder, der Euch artigen Mädchen zwar gern
gefährlich werden möchte, jedoch -- wenn ich darum bitte -- recht sehr
willkommen zu seyn, so halbwegs verdient.
Lina flog fröhlich in ihrer Freundin Arme, und ruhig floß der Abend
unter Musik und Scherzen bin.
Nur dieser Pulsschlag-Revisor lauert auf jede Wallung, jeden langsamern
Lauf meines Blutes, als wäre er von meinen Erben besoldet -- sagte
neckend Adelaide zu dem immerwährend ernsten, jetzt aber doppelt
bekümmerten Kamillo. -- Glaube, mir, es ist nichts, was mich bedeutend
decontenanciren könnte, und hätte mich auch die lästige Kaprice des
Bendheims, immer wieder anzuklopfen, in unangenehme Laune versetzt,
so erheitert mich die Freude, meinen Theodor zu sehen, doppelt und
dreifach.
Stumm und unbefriedigt von dieser Versicherung stieg Zynthio den
Schneckenberg zur Philosophen-Ruhe hinauf; durch hohe Linden stahl
sich der Mond, und beleuchtete mit kaltem Hohn den Usurpator dieses
Thrones ruhiger Weisheit, der in bittrer Fehde mit dem Schicksal lag.
Er ahndete, daß hier ein Geheimniß herrschte, welches Adelaide aus
Schonung gegen einen Dritten so sorgfältig verbarg, sich selbst aber,
indem sie die Last desselben allein trug, unverantwortlich aufopferte.
Daß auch die heut empfangenen Nachrichten schädlich auf ihr Befinden
gewirkt hatten, bewieß die brennende Wange, das nur übel zu verbergende
Zittern der Hände, und die Begierde, mit der sie ein Glas Limonade
statt alles Nachtmahls verschlang.
Es war eine Lieblings-Gewohnheit der jungen Gräfin, vielleicht
auch Beförderung ihrer sanftern Ruhe -- da ein leidender Körper
meistentheils das Bette, als den Tummelplatz seiner Schmerzen mit
Widerwillen betrachtet -- daß sie die erstere Hälfte der Nacht
auf einer Ottomane wegschlummerte, und gegen Morgen erst in den
Flaum der weichern und wärmern Kissen sich flüchtete. Auch diese
Mitternacht belauschte die heißen Athemzüge der Schlafenden auf den
morgenländischen Polstern des kleinen Museums. Eine Spiritlampe
warf ihr blasses Licht durch die offne Thür aus dem daranstoßenden
Schlafkabinett, aus welchem, durch ein leises Geräusch gelockt, jetzt
die noch mit Schreiben beschäftigte Karoline trat, und den rastlos
umherwandelnden Sicilianer, sorgsam über die Ottomane gebückt,
erblickte. Er zündete die Kerzen des Spiegel-Lüsters an, und nahm
Besitz von einer ~Chaise longue~, von welcher aus er Adelaiden
genau beobachten konnte.
So spät noch? Signor Kamillo! Wäre für die Gräfin wirklich zu fürchten?
-- fragte Karoline, doch etwas betroffen über den männlichen Besuch,
der gegenwärtig durch die misteriöse Stunde der Nacht, in welcher
die jungfräuliche Schamhaftigkeit im Nachtgewande dieses Kabinet zum
Heiligthum machte, zur Entweihung desselben wurde.
Das wird die Zeit lehren, die man aber alsdann zu spät fragen dürfte!
-- erwiederte Zynthio, und rückte den Schirm vor die Lichter, daß ihre
Strahlen in Adelaidens nur halbgeschloßnes Auge nicht drangen.
So leise Frage und Antwort, so behutsam jede Bewegung geschah, dennoch
erreichten sie das Ohr der Schlafenden. Mit neuer Kraft belebt, an Muth
und Hoffnung gestärkt, winkte sie dem treuen Freunde: „Dem voreiligen
Frager antwortet die Geheimnißvolle nie, doch mich scheint sie zu
ihrer Lieblingin erkoren zu haben; mit purpurnem Finger entschleierte
sie in dieser Stunde für mich den wichtigen, mir nahe liegenden
Zeitraum. -- Weg jedes ängstliche Zweifeln, jedes fibrilsche Zagen
menschlicher Schwäche und Unbestimmtheit. Vor allen Dingen halte dich
an keinen Schein; du wirst Handlungen, Anstalten sehen, die dir manches
Kopfbrechen kosten dürften, es sind Operationen der sich nähernden
glücklichern Katastrophe; und sind wir am Ziel, dann soll dir auch
nicht das kleinste Motiv, der geringste Zweck verborgen bleiben. Bis
dahin erhalte deine Seele in ruhiger heitrer Erwartung, und glaube mir,
ich befinde mich wohl. Schicke mir die Betty, und gehe schlafen. -- Und
du, Lina, unterläßt mir künftig das nächtliche Schreiben; schone den
Glanz deiner Augen, die frische Farbe deiner Wangen -- bald winde ich
dir die bräutliche Myrthe um deine Locken, und du eilst aus dem Arm der
Schwester mit dem Geliebten zum Altar.“
Ein apokalyptisches Gesicht durch den Eindruck der erhaltenen Nachricht
erzeugt, und in der Fieberhitze verarbeitet, seufzte Zynthio; indem
er sich entfernte. -- Der Ungläubige! sagte Adelaide; und Karoline,
weniger zu zweifeln geneigt, papilliotirte noch diese Stunde die
bräutlichen Locken mit zwiefach angestrengter Geschicklichkeit.
* * * * *
Dort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich
umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des
Karpfengeschlechts ausschüttet -- sollte das nicht meine Adelaide seyn?
-- dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin
der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.
„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit
einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das
Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer
Basthut verbarg.
Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu
winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums.
Verlegenheit und Entschuldigung von einer, -- Bestürzungstammelndes:
Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der
andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug,
doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und
leichterer Erklärung.
„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte
Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm
umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog -- „ich verlange
vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf
meine Rechnung empfangen hat.“
Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich
erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens
Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und
Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von
Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von
seinen Armen umschlungen fühlte.
„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine
halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um
die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen
Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die
Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust -- er muß mich gewaltig
gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht,
nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen -- ich glaube,
sein Kuß wäre süßer!“
Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte
Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebten Schwester in
der Jasminlaube saß. -- Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne
ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe
ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte,
ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch
manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht,
welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen
verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir,
und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit -- der
Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen
Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl
noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück
Brod verdienen und ruhig essen läßt.
Sophie ist vermählt -- sagte Adelaide -- einer Bedingung wärest du also
enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte;
und der Majorats-Herr darf hoffen -- --
Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich
auch kein Majorats-Herr.
So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! -- Soll ich die mir
anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? -- In weniger
denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers
verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten.
Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum
Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt.
O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten
angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich
dem Vaterlande wiedergegeben. -- Sophie hat anders gewählt, deine
Verbindlichkeit ist gehoben. -- Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu
gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist
außerdem gesorgt; -- und nun darfst du nach deinem Herzen wählen.
Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner
großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem
Munde zur Wahrheit werden -- in Rücksicht des Wählens und meiner
Neigung war ich niemals glücklich.
Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für
diese Behauptung? --
Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. --
Bendheim findet also keine Erhörung? -- und zwar mit Recht! Der Wicht
verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines
Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts
entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des
Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen
Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn,
sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt
war. -- Italien scheint ein Donnerwort zu seyn, mit dem er die Ruhe
der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint.
Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo
unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn.
In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone
schwebt über deinen Locken --
Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe
nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du
sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das
Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft.
Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich -- Karoline von Elfen
dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre
Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey --
Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte -- fiel Adelaide schalkhaft ein.
Familienbündniß -- vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden
sollte. -- Liebt sie ihn?
Es war ihre erste Liebe.
Der Glückliche!
Warum? -- Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind
nicht allemal die stärksten.