„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige
Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ --
Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung
vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. -- Nur
vergiß und verkenne nie deine Schwester!
„Es gilt, Adelaide! -- Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den
feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner
frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die
Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. -- Und nun,
um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen,
Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! --
Die gute ~mater dolorosa~ würde mich mit ihren Thränenströmen
inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“
Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem
Zügel -- wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen
sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung -- welche ihn doch nach
dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen -- ihn
noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz
die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder
Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand,
auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! -- ein
Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt
wurde. -- Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte
die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß
Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß
fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner
Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und
bewährt in männlicher hoher Tugend -- deren väterliches Erbtheil ihm
nicht entgangen zurückkehren werde. -- „Auch der Verewigte vermogte
nicht, dem Hange zu widerstehen -- sich unter fernen Himmelsstrichen
seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten
einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.
Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines
Engels sprechenden Tochter. -- Sie trocknete die mütterlichen Thränen
der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier,
und segnete ihren Erstgebornen -- welcher nun als Vaterwaise ihrer
Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der
Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der
Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf
Abgründe führe.
* * * * *
Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin
die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon
hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer
erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in
sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen
lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den
fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der
zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin
in dem rosigsten Kolorit erschuf. -- Die Abwesenheit des Erbprinzen,
welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B***
antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere
Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin
verdient zu machen -- hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer
Tochter. -- Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken,
und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben
Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. --
Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.
Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück
liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt,
als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher
Tyrannen -- ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener
und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung
bringt -- jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne
raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin,
sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen
Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber
zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich
ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von
Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung
ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet sank die
allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus
dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender
Tageslast hienieden statt findet.
Es wird ja nur die Hülle
in Grabes Nacht versenkt,
und Seligkeit die Fülle
dem bessern Seyn geschenkt.
Drum weinet nicht, ihr Lieben!
dem Geist ist wohlgeschehn.
Hört auf, Euch zu betrüben,
bald winkt uns Wiedersehn!
-- sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender
Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die
Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.
„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde
Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es
von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen
geweihte Ruhekammer dem großen Tage entgegen schlummern durfte. Der
Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“
Versteh ich recht? -- fragte mit einem brennenden von gleichem
Verlangen belebten Blick Adelaide.
„Und du begleitest mich?“