„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt
dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“
Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten
Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die
Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines
erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden
ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen
Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig
verschlossenen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre
Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder
später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.
„Er schläft? -- Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? -- O, Adelaide!
gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ -- bat die
trostbedürftige Mutter.
Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! -- Fassung, liebe
Mutter! oder -- erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. --
Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im
wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu
vollenden. -- Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.
Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.
„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit -- sagte Theodor -- ein
Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für
dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“
Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein
dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist -- sondern auch mir im Buche
der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu
muthiger Resignation erhebt! --
Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß
der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor,
dessen Anwesenheit ihm gemeldet -- solle kommen. -- Auf ihre beiden
Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin,
an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich
sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und
Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor
standen zu den Füßen des Bettes.
„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte
mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General -- „ehre deine
Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde deines Todes
wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das
Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl,
so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“
Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust
hob sich schwer athmend -- Mein Vater! rief er gepreßt -- so scheiden
Sie von mir? -- O vernichten Sie mich! --
„Mein Sohn! -- ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht
erzürnter Vater! dies dein Segen -- verdiene ihn. -- Adelaide, wir
Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns
verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. -- Auf Wiedersehen!“
Auf Wiedersehen, mein Vater! -- tönte wie Geisterstimme Adelaidens
Antwort.
„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! --
in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick
sey Dank für deine fromme Liebe! -- dort erst wirst du begreifen,
welch ein großer Schuldner ich dir war -- aber auch verzeihen! --
Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. --
Also nur gute Nacht! -- an der Brust der treuen Gattin schläft es sich
sanft ein. -- Gute Nacht, Zynthio -- gute Nacht, all ihr Freunde! --
Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht
eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. -- So -- so -- gute
Nacht!“ --
* * * * *
„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes
Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines
auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.
Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht
mehr gestört werden kann. -- Wohl mir -- daß ich giftigen Insekten, als
sie ihn noch verwunden konnten, den Stachel stumpfte! -- flüsterte es
leise zu den Füßen der Leiche.
Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an -- „Fühlst du das,
mein Sohn? -- Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“
Wir verstehen uns nicht -- mein Vater, und können uns nicht verstehen!
--
„Wie?“
Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen,
von der wir Beide noch weniger verstanden werden. -- Mein Ehrenwort an
dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie
seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!
„Damit begnüge ich mich -- fürs erste.“
„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater
sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst
mit dem Oberjägermeister vertiefte -- und ich habe das höhnende Manöver
Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch
die Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer
Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen.
Sie haben mich verstanden -- denn uns beiden ist diese Metapher kein
Räthsel.“
Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte
er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. -- Das Räthsel
selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.
Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der
Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen,
in den Besitz -- der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten
Herrschaften Wallersee und Tomsdorf -- dahingegen bei Nichtachtung
der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000
Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin
ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter
verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren.
Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn --
das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. -- Endlich hatte
der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß
Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt,
und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters -- noch vor ihrer
Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn
frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn
sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig
machte -- dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.
Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam
herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament:
-- lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine
Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten -- während
andere den mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn
bedauerten.
„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd
-- „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend
Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“
„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich -- „Du wirst
Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir
das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater
dir so bestimmen konnte.“
„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie
La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ --
Adelaide erblaßte. -- Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? --
Kennst du diese Julie La Valette? --
„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als
einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich
ist bereits gebahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ --
Eines Labyrinths vielleicht -- erfahrungslos, ohne Freund! -- ich
beschwöre dich -- wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines
beängsteten ahnenden Herzens!
„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! -- Sie verliert bei mir, so sehr
mich alles interessirt, was du sagst -- weil ich dich, das einzige
Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen,
innig liebe. -- Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da
aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“
Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde
ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir
nicht nach Kräften vergüten werde? --
„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht
einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“