Afrika haben wir durchzogen, vom Rovuma bis zum Sambesi, vom Indischen
Ozean bis zum Njassasee. In Innerafrika, fast bei den Bangweoloseen,
hat uns die Kunde von der Waffenruhe in Europa erreicht. Weniger und
weniger sind wir geworden, viele ruhen in einsamen Buschsteppen. --
Uns, den Rest, haben die Engländer auf weitem Weg über den
Tanganjikasee bis zur Küste nach Daressalam gebracht, um uns dort nach
der Heimat, nach Deutschland zu verfrachten.
»65 -- 66 -- 67 -- -- -- 68 -- achtundsechzig Automobile in zehn
Minuten!« Staunend stehen wir in faltigen englischen Lazarettmänteln
an die Brüstung des Hotels Kaiserhof, jetzigen englischen
Mannschaftshospitals, gelehnt und zählen die wieder und wieder
vorbeirasselnden oder -rasenden Last- und Personenkraftwagen!
In Daressalam! -- In dem es meines Wissens im Frieden keine zwei
Automobile gab, dieser vornehmen, ruhigen Tropenstadt mit ihren weißen,
eleganten Häusern, ihren sauberen, glatten Straßen.
Es ist nicht wieder zu erkennen! Alle die schönen, freien, grünen
Plätze vom Gouvernementshospital bis zum Wißmannplatz -- eine Zeltstadt
an der andern! -- Alle die rauschenden, wehenden Palmenwälder bei
Upanga und Kurassini abgeholzt -- -- Zeltstädte! -- In den Straßen, die
früher nur elegante Rickschas, von lautlos trabenden, gut gekleideten
Boys gezogen, kannten, auf denen sich ruhig in wiegendem Gang in
farbige Kangas oder langwallende, weiße Kanzus gehüllte Schwarze
bewegten, würdevolle Inder standen: das Tosen und Brausen, das Hasten
und Treiben der Großstadt!
Autos, Wagen, Scharen von Tommys, Rote-Kreuz-Schwestern, Massen von
Offizieren mit glänzenden Messingknöpfen, dazwischen frechschreiende
Neger -- -- die Straßen zerfahren und holperig, die Häuser verwittert
und schmutzig!
Staub, Dunst, Geruch von Menschenschweiß, schwarzem wie weißem, Gestank
von Benzin, Gummireifen und Öl in der Luft!
Staunend, traurig sehen wir auf diese Verwandlung!
Hier vor uns der Wißmannplatz, früher ruhig, vornehm, tadellos sauber
-- in der Mitte das bekannte Bronzebild unseres berühmten Afrikaners
-- -- jetzt aufgerissen, öl- und schmutzbefleckt, von Hunderten von
Rädern zerwühlt, voll von tiefen, vom Regen ausgewaschenen Löchern,
über die dröhnend, ohrenbetäubend Lastautos rattern. Ein leerer Sockel
zeigt die Stelle, wo der eherne Wißmann gestanden -- betrunkene Tommys
haben ihn eines Nachts hinuntergeworfen!
Krankenbahren, Krankenwagen überall! Daressalam steht im Zeichen der
spanischen Influenza, der Grippe! Mehr denn zwanzig weiße Engländer und
über hundert Schwarze werden täglich auf die Friedhöfe getragen. Früher
gab es nur einen, jetzt -- seitdem England sich hier zum Kulturträger
aufgeworfen hat -- genügen vier nicht mehr!
Aber auch uns hat es mit aller Macht erfaßt, wenig mehr denn hundert
sind wir noch gewesen -- einen Offizier und zehn Mann haben wir bereits
hier zu Grabe getragen -- alles Opfer der spanischen Influenza!
Abgemagert, noch fiebernd liegen wir auf der Veranda des Kaiserhofes,
durch dessen einst so elegante Räume das Getrappel englischer
Lazarettkranker, Matrosen und Tommys hallt, und blicken, trotz der
glühenden Hitze von Frösteln durchschauert, auf das fremde, wüste
Treiben und Leben in unserer einstigen Hauptstadt.
Unsäglich verlassen kommt man sich vor!
* * *
Ich denke unwillkürlich an die letzte Nacht, die ich vor zweieinhalb
Jahren hier verbracht -- -- es war die drittletzte, bevor die
Engländer Daressalam einnahmen.
Von Westen kommend, wo in der Palmenschamba von Devers meine
Stellungen lagen, ritt ich auf der Pugustraße abends in die Stadt. Das
Blockadegeschwader hatte Sansibar verlassen. Wir mußten des Nachts auf
einen Angriff gefaßt sein.
Verlassen lagen die Europäerhäuser hinter dem Bahndamm, einige zeigten
schwere Schußverletzungen, hohle Fenster, eingefallenes Mauerwerk. Die
Straße leer -- kein Mensch -- kein Schwarzer, kein Weißer -- -- kein
lebendes Wesen!
In dem Meer von Eingeborenenhütten und Inderbuden linker Hand schwelte
und rauchte es. Am Tage vorher hatten die Engländer das ganze Viertel
zwischen Bagamojo, Kitschwele und Pugustraße in Brand geschossen. Wo
früher Tausende von fröhlichen Schwarzen wohnten, lag jetzt grauer
Schutt und Asche.
Kein Mensch zu sehen!
Und weiter ritt ich, bog in die Akazienstraße ein. Hier, in dem
Winkel zwischen ihr und der Araberstraße, lag der große Unterstand,
in dem Frauen und Kinder, die in Daressalam zurückbleiben sollten,
bei Beschießungen Schutz und Unterkunft fanden. Selbst gegen die
30,5-Granaten der Linienschiffe bot er genügend Sicherheit.
Wie die Wagen vor einem Theater während der Vorstellung, standen hier
unter Tags die Rickschas, eine hinter der andern!
Früh am Morgen um vier Uhr, fünf Uhr strömten in Scharen die Frauen
herbei, die die Nacht in ihren Wohnungen verbracht hatten, um den Tag
in dem sicheren Unterstand, der in Räume abgeteilt und elektrisch
beleuchtet war, zu verbringen.
Erst abends wagten sie sich wieder hervor, eilten mit ihren Kindern
nach Haus, um zu essen und kurze Zeit der Ruhe zu genießen.
Als ich jetzt vorbeiritt, hatten die Letzten bereits den Unterstand
verlassen. Es war schon fast vollkommen dunkel. Nur zwei ältere Frauen,
die sich anscheinend auch des Nachts nicht nach Hause wagten, saßen am
beleuchteten Eingang und schöpften frische Luft.
Dunkel, verlassen lag die Akazienstraße da. Rasch ritt ich hindurch,
bog über den einsamen Wißmannplatz, auf dem hart und ehern der alte
Kämpe stand, trotzig, als wollte er uns helfen, trabte am dunklen
Kaiserhof vorbei über den nachtschwarz daliegenden Strand und band mein
Maultier an einen der Bäume vor dem Klubgebäude.
Eine kurze Besprechung -- es war möglich, daß die Engländer nachts eine
überraschende Landung vornehmen würden!