Nur Stück für Stück werden die Patronen verteilt -- die deutsche
Munition ist schon seit zwei Tagen fast zu Ende. Rauchstarke Gewehre
und Jagdbüchsen kämpfen gegen die zehnfache Überzahl modernster Waffen,
Minenwerfer, Flugzeuge.
Weithin hallt das Dröhnen, Brüllen, Krachen!
Kommt man von Westen, von der am Uferlauf des Lukuledi liegenden
Mission Ndanda, deren langgestreckte weiße Häuser jetzt voll von
Verwundeten liegen, und nähert sich von hinten der Kampffront, so
sieht man plötzlich auf einer Anhöhe dicht hinter dem Naungosumpf die
eingefallenen, rötlichen Mauerreste eines Steinhauses.
Trotzig ragen einige noch stehende, halbzerfallene Pfeiler aus dem
umgebenden Unterholz.
Man sagt, es sei von einem Pflanzer begonnen worden, der sich hier
ansiedeln wollte, nach kurzer Zeit aber dem den Niederungen des Sumpfes
entsteigenden Fieber erlegen ist.
Hier steht zwischen schlanken Bäumen, das heiße Rohr emporgereckt,
mit darübergebundenem Laub unsichtbar gemacht, das letzte der
zehn Geschütze der »Königsberg« in heißem Kampf. Alle andern sind
vernichtet, gesprengt, in Feindeshand!
Es verschießt seine letzte Munition -- am letzten Tag der Schlacht von
Mahiwa -- dem letzten großen Kampfe in der letzten deutschen Kolonie!
Braungebrannte Matrosen der »Königsberg«, in zwei langen Jahren des
Kampfes und der Entbehrungen zu zähen Afrikanern geworden, bedienen es.
Immer wieder und wieder öffnet es seinen ehernen Mund und heult
eisernes Verderben. Hoch am Himmelsgewölbe, dem Auge unsichtbar, ziehen
seine Geschosse singend ihre Bahn.
Die Sonne neigt sich stark nach Westen. Matter werden die Angriffe des
Feindes. --
Da schrillt vorn in der Linie mein Telephon: »Gesamter Munitionsvorrat
noch neun Schuß!« --
Dort drüben in den Miombobäumen knattert es noch heftig!
»Salve, Feuer!«
Neunmal bersten dort die letzten Granaten des Geschützes, das im Dienst
der Rache sein zerschossenes Schiff um mehr denn zwei Jahre überlebt
hat! --
Im Miombowald da drüben ist es still geworden!
Die Schlacht war schon seit heute mittag im Abflauen. Jetzt ist fast
vollkommene Ruhe eingetreten. Nur vereinzelt ertönt das Rattern eines
Maschinengewehrs.
Die Truppe hat den größten Sieg in der Geschichte der Kolonien
errungen. Aber einen Pyrrhussieg!
Da vorn in dem kleinen Taleinschnitt quer zur Mtamastraße liegen die
Leichen zu Hügeln getürmt! -- -- --
Ich melde, daß die letzte Granate verschossen, und reite zurück, um das
Geschütz zu sprengen.
Der Weg nach hinten ist angefüllt von Trägern, die in Hängematten die
Schwerverwundeten zurücktragen; eine Askarikompanie rückt vorbei.
Überanstrengte, schweißgebadete, schwarze Gesichter grinsen mich an,
aus zerfetztem Khaki starren straffe Muskeln. Die Augen glänzen, Witze
fliegen hin und her -- sie gehen in Ruhestellung. Verdorrt hängt an
Tarbusch und Tropenhelmen der Europäer das Laub, das vor vier Tagen
aufgesteckt wurde, um den Kopf im hohen Gras unkenntlich zu machen.
Mein Maultier schreitet wacker aus, bald bin ich aus dem Gedränge,
und im Trabe geht es in Richtung auf die Sonne zu, die schon fast am
Rande des Horizonts steht. Linker Hand erstrecken sich die schwarzen
Abhänge des Makondeplateaus, nach Norden zu dehnen sich die blauen
Schattenbilder der Mueraberge. Da drüben, ganz in der Nordwestecke,
fast im wogenden Dunst verschwimmend, liegen die beiden an ihrer
grotesken Form leicht kenntlichen Höhenzüge von Ruponda. Auch dort
steht bereits der Feind.
Klein ist das Gebiet geworden, das von der großen Kolonie noch in
unseren Händen ist. Zwei starke Tagesmärsche, und es ist durchmessen.
Nicht schwer, jetzt einen eisernen Ring zu ziehen und zu versuchen, uns
zu erdrosseln.
Das zeitweilige Knattern hinter mir ist gänzlich verstummt, trabend
passiert mein Maultier eine kleine Lichtung, seitlich dehnt sich der
Naungosumpf. Ein einsamer Ochsenfrosch trommelt. Man glaubt fast bis
hierher das Summen der Moskiten zu hören.
Eine niedrige Anhöhe. Rote verfallene Mauern im Grünen. Dicht dahinter
meine Leute!
»Klar zum Sprengen« meldet der alte, rotbärtige Deckoffizier der
»Königsberg«.
Dahinten zwischen dichten Büschen unter dem Laubdach des Miombowaldes
steht das Geschütz, verrostet, die Farbe im Laufe der Jahre
abgeblättert und abgestoßen. Ein alter Veteran!
Verbogen die Speichen, manche Niete abgesprengt. Hier in dieser
einsamen Waldwildnis soll es sein Ende finden, nachdem es bis zum
letzten Schuß seine Pflicht getan, von Daressalam zum Rufiji gewackelt
ist, vom Rufiji zum Rovuma, vom Rovuma zum Lutuladi durch Urwälder und
Sümpfe, über Steppen und Hochländer.
Das Rohr ist mit Dynamit gefüllt, eine fast fünfzig Meter lange
Abzugsschnur hängt am Verschluß.
Die Leute treten in den Busch zurück, ich stelle mich hinter einen
dicken Baum, die Leine in der Hand.
Ein kurzer Ruck -- -- ein gewaltiger Schlag. Sausen von Eisenteilen,
Rauch -- die Schnur wird mir aus der Hand gerissen!
Ein langer Sprung klafft das Rohr entlang, der Verschluß ist in Fetzen
herausgeschleudert, das Bodenstück trichterförmig ausgeweitet. --
Das letzte Geschütz, der letzte Sendbote der »Königsberg« ist
vernichtet -- ist tot!
In der Ferne rattert nochmals ein Maschinengewehr. Der Feind ist
nervös, er hat den gewaltigen Schlag der Explosion gehört! -- --
Die Sonne ist jetzt im Untergehen. Emsig regen sich die Hände, um
die Geschützreste abzumontieren, in den Busch zu schleppen und zu
vergraben. Nichts, keine Spur soll der Engländer vorfinden.
Von hundert Trägern wird in den dunkelnden Wald das gespaltene Rohr
geschleppt, monoton verhallt in der Ferne ihr Gesang.
Bald wird auch hier der Feind stehen, bald werden wir gezwungen sein,
als kleine Schar das deutsche Gebiet zu verlassen und auf fremdem,
unbekanntem Boden für Leben und Freiheit zu kämpfen.
Es ist Nacht geworden. Im Scheine von Grasfackeln werden die Spuren der
Geschützstellung verwischt.
Glühwürmchen gaukeln durch die Büsche, unberührte Urwaldstille liegt
wieder über der Wildnis, nur der ferne Ochsenfrosch im Naungosumpf
trommelt.