Eines Vormittags ist es mir gelungen, im Bumba-Arm einen selten großen
Flußpferdbullen tödlich zu treffen.
Schon nach kurzer Zeit treiben ihn die Verwesungsgase nach oben und,
die vier Stummelbeine wie anklagend gegen den Himmel gestreckt,
erscheint der dickwanstige Kadaver an der Oberfläche, mit dem
zurückströmenden Flutwassern flußaufwärts treibend.
Er segelt geradenwegs auf die Sandbank zu, die wieder den Anblick
bietet, wie eine Sonnenbadeanstalt für Krokodile. -- Wir langsam im
Einbaum hinterher! --
Klatschend verschwinden die Echsen.
Die Strömung macht hier eine scharfe Wendung, und so wird denn der
in seiner Aufgedunsenheit jetzt doppelt ungeschlachte Körper durch
den Schwung seiner eigenen Bewegung hinaufgeschoben. Wir springen aus
dem Tumbi und im Verein mit dem schnellströmenden Wasser, das jetzt
fast seine höchste Höhe erreicht und die Sandbank ganz überflutet
hat, gelingt es uns, unsere Beute bis an das dichte Gebüsch des
Steppenrandes zu ziehen, wo wir die massiven Beine mit Stricken fest an
gedrungene, kurze Baumstümpfe binden.
Um die Jagdtrophäe, den Kopf, zu bekommen, der jetzt zu unterst hängt,
müssen wir noch etwa eine Stunde warten, bis das Wasser wieder so weit
abgelaufen ist, daß der Schädel frei liegt, um ihn abnehmen zu können.
Ich setze mich ins Gras, während meine beiden schwarzen Ruderer den
Einbaum heraufziehen und sich die Zeit damit vertreiben, das arme,
schon allmählich stinkende Flußpferd zu verspotten, daß es so dumm
gewesen, sich erwischen zu lassen.
Von meinem Platze aus kann ich gerade die Masten der »Königsberg« und
den vorderen Scheinwerfer erkennen. Die ab und zu umspringende Brise
weht den Schall von langhingezogenen Kommandorufen herüber. Ein Kutter
wird aufgeheißt. --
Die Brise wird stärker und kräuselt die Oberfläche des Flusses, der
jetzt nach kurzer Zeit der Stauung sich wieder seewärts bewegt.
Mehr und mehr tritt die weißliche Bauchseite des Flußpferdes zutage,
die, von starken Runzeln durchzogen, sich über den dicken, jetzt
aufgedunsenen Leib spannt. Die mächtigen Fettdrüsen werden sichtbar,
die Farbe der Haut nimmt nach dem Rücken zu eine dunklere bis ins
Schwarzbraun gehende Färbung an.
Weiter fällt das Wasser! -- Endlich wird der riesige Hals frei.
Wir können beginnen! Mit langen Schnitten wird die fast drei Zentimeter
dicke Haut durchtrennt und tiefer und tiefer wühlend erreicht das lange
Messer die Wirbelknochen. Ein Knacken, ein Krachen -- auch sie sind
gelöst und der gewaltige Schädel, dessen unheimliche Formen jetzt vom
Wasser frei sichtbar werden, fällt zurück -- noch einige Schnitte und
er liegt auf der Sandbank.
Mit vereinten Kräften suchen wir den Rachen zu öffnen, um die Zähne zu
sehen. Sie sind noch größer, als wir erwartet haben. Wie zwei braune
im Feuer gehärtete Spieße springen die inneren vor, wie zwei krumme,
breite Säbelscheiden ragen die äußeren.
In einem großen Loch der Sandbank vergraben wir ihn. In wenigen
Wochen werden ihn Käfer und Ameisen gesäubert haben und seine weißen
Knochenwände sauber gebleicht in der Sonne trocknen können.
Als ich den mächtigen Kadaver, aus dessen Halswunde noch immer in roten
Strömen das Blut fließt, so am Uferhang liegen sehe und dahinter das
dichte verwachsene Schilfgestrüpp, kommt mir der Gedanke, ihn hier als
Köder für Krokodile liegen zu lassen und dahinter einen kleinen Anstand
zu bauen.
Mit kräftigem Bordtauwerk binden wir ihn so fest an die Uferbäume,
daß das größte Krokodil ihn nicht wegreißen kann. Etwa zwanzig Meter
dahinter wird aus Laub und Gras eine Wand aufgebaut und dann das Schilf
des Zugangsweges niedergeschlagen, damit ich mich abends unhörbar
anschleichen kann.
Große Teile der Sandbank liegen jetzt wieder frei. Ein eingerammter
Pfosten bezeichnet die Stelle, wo der vergrabene Schädel liegt. Mit
einigen starken Stößen schieben wir den Einbaum ins Wasser.
»Huko mamba -- dort kommt ein Krokodil!«
Wir sind eben beim Ablegen, da schiebt sich keine fünfzig Meter von
uns weg ein langer, schmutzig grüner Schädel aus dem Wasser -- gelbe
Äuglein blinken. Ein Ruck -- weg ist er! --
Schon zieht die Witterung des in der Sonne liegenden Kadavers über Fluß
und Ufer! Drei große Geier kreisen über der Sandbank.
Die Sonne hat mittlerweile beinahe Mittagshöhe erreicht. In glühender
Hitze zittert die Luft. Rasch fließt das Wasser stromab. Bald tauchen
die grauen Wände der »Königsberg« auf, und wir klettern an Bord. -- --
* * *
Mit Befriedigung fühle ich nachmittags das Umspringen des Windes -- er
kommt jetzt genau von Osten -- so kann ich abends gegen den Wind meinen
Anstand erreichen.
Von nur einem Schwarzen begleitet, gehe ich nach dem Dienst an Land.
Die Sonne steht noch hoch am Himmel.
Wir haben den kurzen Steppenstreifen rasch durchschritten und tauchen
seitwärts ins Schilf.
Es gilt den kurzen Weg zu finden, den wir heute morgen eingeschlagen
haben.
Die Funkenrahen der »Königsberg«, die über dem niedern Unterholz
sichtbar sind, als Orientierungsmittel hinter uns, schlängeln wir uns
weiter. Da vorn kreisen in weiten Bogen einige Aasgeier, verschwinden
und fliegen wieder hoch. Dort muß der Kadaver liegen!
Leiser und leiser werden unsere Schritte, denn wir können nicht mehr
weit ab sein.
Ein stinkender Aasgeruch zieht in Schwaden über uns hin.
Plötzlich hält mein Führer. Er zeigt nach unten: da ist abgehauenes
Schilf -- also der Zugangsweg von heute morgen. Die gespannte Büchse in
der Hand, schleiche ich unhörbar vor.
Der Wind ist günstig, er kommt direkt auf mich zu. Der Verwesungsgeruch
wird so durchdringend, daß ich mir das Taschentuch vor die Nase binde.
Hoffentlich sehen mich die Aasvögel nicht -- dicht vor mir flattern sie
jetzt rauschend mit mächtigen Schwingen auf und nieder.
Ich drücke mich tief an den Schilfrand -- denn vor mir wird die grüne
heute morgen von uns gebaute Wand sichtbar. -- Keine zwanzig Meter mehr!
Eine leichte Bö läßt das Schilf rascheln -- ich benutze sie, mit
einigen Sprüngen bin ich vorn und kauere mich nieder.
Trotz des Taschentuches ist der Aasgestank kaum zu ertragen. Ich fühle
einen starken Brechreiz -- der Kadaver liegt ja dicht da vorn.
Leise schiebe ich einige Blätter zurück -- die linke Hand auf die Nase
gepreßt, sehe ich hindurch und -- -- pralle zurück! -- Das Flußpferd
lebt. -- Sein Leib geht auf und nieder -- es wälzt sich -- scheuert
sich auf dem Boden. Die kurzen Walzenbeine wackeln!
Drei -- vier Aasgeier sitzen auf dem Bauch und hacken an der Haut herum.
Da sehe ich plötzlich, wie sich aus dem abgeschnittenen Hals ein
Schuppenschwanz herausschiebt -- -- er bewegt sich langsam nach außen.
Jetzt noch einer und -- -- noch einer!
Ein leises Grauen überläuft mich, wie ich dieses furchtbare
Vernichtungsdrama keine zwanzig Meter vor mir in dem bestialischen
Gestank sich abspielen sehe.
Der ganze Leib des Flußpferdes ist voll von Krokodilen, die sich durch
die Halsöffnung hindurch in das Innere gefressen haben, weil die Haut,
noch frisch und fest, allen Angriffen widerstanden hat.
Ab und zu geht ein Zucken und Rütteln durch den gewaltigen Körper --
einer der aus dem Hals ragenden Schwänze peitscht den Sand -- wieder
hat eines der grauenhaften Tiere ein Stück aus dem Innern des Wanstes
losgerissen.
Wie einen Sack höhlen sie von innen den Kadaver aus -- wälzen sich im
Aas, während die Geier, wütend und vergeblich, immer noch auf die zähe
Haut einhacken.
Ein furchtbares Bild des Daseinskampfes. Ich bin so benommen von der
Wucht dieses Bildes, daß ich an ein Schießen gar nicht denke, das
Gewehr hingelegt habe und mit offenen Augen nach vorn starre.
Da geht plötzlich ein mächtiger Ruck durch den verwesenden Körper und
ein riesiges Krokodil schnellt aus der Halsöffnung hervor, über und
über braunrot mit Blut, Aas und Kot besudelt, grell von den leuchtenden
Strahlen der eben untergehenden Sonne beschienen, im Rachen einen halb
menschengroßen Fetzen Knochen, Gedärme und Fleisch.
Ein bestialisch greulicher Gestank weht mir ins Gesicht!
Im selben Augenblick springt die Brise um -- gedämpft, wie unwirklich
-- von unendlich weit her -- erklingen verwehte Fetzen der Königshymne:
-- -- -- die Abendmusik an Bord der »Königsberg«!
Stutzend halten einen Augenblick Krokodile und Geier im Fraß inne,
dem ungewöhnten Geräusch lauschend, nur der rotbraunbesudelte Bursche
schleppt langsam rückwärts kriechend seine Beute über die Sandbank dem
Flusse zu, einen breiten Blut- und Kotstreifen hinter sich lassend.
Da flaut der Wind plötzlich ab, die Sonne ist weg! -- -- Nur noch das
Knacken und Krachen von zermalmten Knochen, das Reißen von Haut- und
Fleischfetzen -- lautes Schnalzen, Schmatzen, Mahlen von Kiefern ist zu
hören.
Die vier kurzen Stummelbeine wackeln, als ob sie sich sträuben wollten
und heben sich phantastisch vom dunkelnden Himmel ab. Die Geier, denen
jetzt einige aus dem Halse hängende Fleischfetzen zur Beute gefallen
sind, hacken darauf herum, reißen sie in Stücke und flattern, im
beschmierten Schnabel den stinkenden Fraß, auf und davon.
Schnell wird es dunkel! Ein Schuß hätte keinen Sinn mehr, auch habe ich
keine Lust dazu. Warum dies seltsam schauerliche Naturbild stören!
Kampf, überall Kampf um Sein und Nichtsein! Hier wühlen Krokodile
im stinkenden Flußpferdaas, hacken flatternde Geier, dort in
verworrenster, afrikanischer Flußwildnis ein Kreuzer mit dreihundert
Menschenleben, die tagtäglich kämpfen müssen -- gegen andere Geschöpfe
gleicher Rasse, die nach ihrer Vernichtung lechzen.
Es scheint, als hätte alles Leben nur Sinn eben durch Vernichtung des
Lebens! --
Ein langsames Rascheln, Reiben und Gleiten kommt von der Sandbank her
-- ich sehe zwei dunkle Striche sich näher schieben -- -- zwei neue,
fraßgierige Krokodile.
Da drin aber in dem Flußpferdleib wühlt und wogt es noch, die Haut
schwankt und schlappt, ekelhaftes Schmatzen und Knacken tönt hervor. --
Die Brise ist jetzt vollkommen eingeschlafen. Der Aasgestank bleibt
über dem dichten Schilfe hängen, er wird so stark, daß ich mich, die
Hände vors Gesicht gepreßt, wegschleiche. -- --
Im hohen Schilfe raschelnd gehen wir nach Westen, um die freie Steppe
zu erreichen, dann nach unserm Liegeplatz abzubiegen.