Am Steppenrand

Langsam schreitet der Wanderer von Norden kommend über die niedrigen

Höhenwellen westlich Nyemsati, um das große Akidendorf Kikale zu

erreichen, denn der schmale Negerpfad ist schlecht, vielfach gewunden

und von den Güssen der Regenzeit ausgewaschen.

Wenn er den kleinen, halbabgeholzten Miombowald an dem sich sanft zur

Küste neigenden schrägen Hang hinter sich hat, wo der gewundene Weg

sich im hohen Steppengras verliert, bleibt sein Fuß wie angewurzelt

stehen: Vor ihm breiten sich die gewaltigen Niederungen des

Rufijideltas aus, dessen Umrisse im Süden im wogenden, zitternden

Glast der Mittagssonne verschwinden. Rechter Hand, nach Südosten zu,

erstrecken sich die blauen Matumbiberge, deren kantige Erhebungen zum

Teil in weißgeballten Wolkenhauben stecken.

Zwischen ihnen und dem Delta dehnt sich die weite, gelbbraune Steppe,

über die der Blick unbegrenzt nach Westen schweift.

Dort, wo das silberne Band des Rufiji die Grenzen des Mangrovengebiets

verläßt, scheint es sich zweimal um sich selbst zu schlingen, bevor es

im Steppengras verschwindet, und dort, kurz vor der ersten Windung,

liegt seit gestern der graue schlanke Leib der »Königsberg«.

Einen ganzen Monat hindurch Hoch- und Niedrigwasser ausnutzend,

ist es ihr gelungen, bis zum Steppenrand vorzudringen und sich dem

übermächtigen Feinde zu entziehen.

An Steuerbord liegt eine große mit Holz beladene Dhau, auf der träge

Schwarze sitzen, die Mangrovenscheit um Mangrovenscheit an Deck

emporreichen.

Die Kohlen sind ausgegangen -- der Kreuzer heizt seine Kessel mit Holz.

So entsteigt denn auch kaum ein leichter Qualm einem der drei

Schornsteine, nur ein fast unsichtbares, weißgelbes Wölkchen schwebt ab

und zu in den klaren Aether empor. -- Weiß glänzen die Sonnensegel.

Noch einige Fahrzeuge sind neben ihr zu erkennen: Ein kleiner

Küstendampfer der Deutsch-Ostafrika-Linie liegt stromaufwärts, ein

größeres grüngestrichenes Fahrzeug mit der Kriegsflagge daneben.

Es ist der kürzlich von uns zurückeroberte »Adjutant«, der, flink

und beweglich, eben von einer Patrouillenfahrt nach den Mündungen

zurückgekehrt ist.

Weiter unterhalb, fast am Heck der »Königsberg«, auf der Innenseite der

Strombiegung, spiegelt sich in dem ruhigen Wasser ein eigenartiges,

wie eine große, flache Zigarrenkiste aussehendes Fahrzeug: es ist der

kleine Heckraddampfer »Tomondo«, der in Friedenszeiten den Verkehr mit

der Küste und den paar im Innern gelegenen Pflanzungen vermittelte. Von

einer schwarzen Schiffsmannschaft bedient, wird er von einem Weißen

gesteuert, einem alten, groben, gelben Afrikaner mit abstoßenden

Zahnlücken, und steht jetzt im Dienste der »Königsberg«, um Nahrung und

Verpflegung herbeizuholen.

Weiter nach Osten, dort, wo die nickenden Palmen von Salale stehen,

steigen dunkelbraune Rauchschwaden auf, vermischt mit schwärzlichen

Wölkchen; dort ragen zwei Masten, der eine geknickt, der andere schief:

es ist die »Somali«, unsere getreue Begleiterin, die sich jetzt für uns

dort geopfert hat und im Sterben liegt.

Als Ablenkungsmittel und Zielscheibe für die englischen Kreuzer

mußte sie bei Salale vor Anker liegend warten, bis die täglich sich

wiederholenden Beschießungen ihr ein langsames, aber sicheres Ende

brachten.

Seit Wochen schon brennt sie, sind ihre Bordwände durchglüht, ist ihre

Farbe abgeschmolzen.

Treibt man in einem Einbaum, vorsichtig an den Mangroven entlang

steuernd, an ihr vorbei, dröhnt ab und zu ein dumpfer Knall, erschallt

ein krachendes Poltern. Irgendein Deck, ein Luk, dessen Tragepfeiler

abgeschmort oder verbrannt sind, ist eingestürzt. Sie liegt stark auf

der Backbordseite, ihre Bordwände leuchten knallrot, ihre Wanten hängen

über Bord!

Und wendet der Wanderer auf seinem Hügel kurz vor Kikale den Blick

noch weiter nach Osten, nach der breiten, glitzernden Einfahrt südlich

der Simba-Uranga-Insel, dann sieht er dort, quer zum Fahrwasser,

einen dunklen Strich liegen, der aber so klein und kurz ist wie ein

Punkt auf einem Telegraphenstreifen: die von den Engländern versenkte

»Newbridge«, deren Bug so unter Land liegt, daß er, von hier aus

gesehen, die Mangroven fast zu berühren scheint.

Darüber hinaus, über die wehenden Palmen von Simba-Uranga, Saninga

und Kiomboni hinweg schweift das Auge über die weite See und bleibt

wiederum an einem grauen, schlanken Körper hängen, ganz ähnlich dem,

der dort hinten am Steppenrand liegt -- dem englischen Blockadekreuzer.

Zwei graue Körper, beide sich ähnlich, beide zum selben Zweck gebaut

-- aber zwei Todfeinde, von denen jeder nur ein Ziel hat -- -- die

Vernichtung des anderen.

Aber jetzt sind sie noch getrennt durch den weiten grünen Teppich der

Mangrovenwälder, der vorläufig eine unüberwindliche Schranke bildet.

Wie lange noch?

Ganz dort hinten, am Horizont, nach Südosten zu, auf dem glitzernden

Ozean hebt sich der dunklere Strich von Mafia ab, dessen wehende

Palmen aus dieser weiten Entfernung wie vom Winde bewegte Haare eines

Katzenpelzes aussehen.

Dort sitzt jetzt der Feind. Vor einigen Tagen hat er die Insel besetzt!

Dort, wo die der afrikanischen Küste zu gelegene Tirenebucht sich

weitet, hat er seine Kreuzer, seine Geschwader liegen, von dort dröhnt

das dumpfe Rollen seiner Schießübungen herüber, mit denen er sich auf

den Endkampf, der einmal kommen muß, vorbereitet, von dort steigen

seine Flieger auf, die wie große Vögel, weißen Reihern gleich, über

die Rufijiwildnis flattern -- äugend und spähend. --

Zitternd, flimmernd liegt der heiße Dunst des Mittags über der weiten

Landschaft, einem Bild, das den Ozean, die Steppe, Flüsse, Sümpfe und

Gebirge umfaßt, das als winzige Punkte zwei von der sengenden Sonne

beschienene Todfeinde zeigt.

Ein helles Klingen geht durch die dampfende, glühende Luft. Millionen

von Grillen und Zykaden zirpen, pfeifen und singen. --

In Monsun und Pori · 第 39 / 68 题