Eines Nachmittags springe ich wieder aus dem Boot, um durch den Sand
stapfend nach der Ostseite der Insel auf meinen Beobachtungsposten zu
gehen, als mir ein biederer Landsturmmann entgegen kommt:
»Haben Sie gestern einen Torpedo verloren?« fragt er mich.
Ich lache -- komische Frage!
»Aber da hinten, ganz hoch in den Mangroven, hängt einer!«
Ich kann mir mit dem besten Willen nicht erklären, woher hier mitten im
Rufijidelta ein Torpedo herkommen soll, steige in mein Boot und lasse
mir die Stelle beschreiben.
Wir setzen über den Saningaarm und erreichen das gegenüberliegende
Dickicht, steuern dann das gewundene sumpfige Ufer entlang.
Es ist jetzt fast Niedrigwasser. Von den frei in die Luft ragenden,
geschwungenen Wurzeln der Mangroven bis zum langsam abfließenden Wasser
liegt ein breiter, braungelber Muttstreifen. --
Die Stelle ist erreicht.
Ein kleines Gerinnsel plätschert aus den Büschen heraus, langsam stoßen
wir den Einbaum hinein und schieben uns unter die Zweige.
»Huko -- dort« meint mein schwarzer Steuerer.
Und wirklich! -- -- -- Kaum kann ich meinen Augen trauen -- hoch
zwischen den Ästen einer starken Mangrove hängt ein mächtiger,
silberglänzender Torpedo mit stark kegelförmigem Kopf schräg nach unten.
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
Nach dem Endkampf des letzten Auslandskreuzers]
[Illustration Copyright Walther Dobbertin.
Nach dem Endkampf des letzten Auslandskreuzers]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
Wrack der »Königsberg« bei Hochwasser]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
Ausgebranntes, noch schwimmendes Wrack der »Somali«]
Auf den ersten Blick sehe ich, daß es kein deutscher sein kann, er ist
silberbronziert, kürzer und schlanker als unser Schiffstorpedo. --
Mit seinem Schwanzruder und den Schrauben liegt er auf einem dicken Ast
auf, während seine Nase, die in zwei propellerförmige Zacken ausläuft,
sich in einen Stamm eingeklemmt hat.
Ich kann nicht erkennen, ob er scharf oder nicht scharf ist, oder ob er
abgeschossen wurde.
Vorsichtig untersuche ich ihn -- das System ist mir unbekannt, ein
Fehlgriff kann ihn zur Explosion bringen.
Ich nehme an, daß er von den Engländern irgendwann gegen ein mir
allerdings nicht erklärliches Ziel geschossen worden ist, vorbeiging
und dann bei Hochwasser in die Mangroven trieb, wo er sich festhakte,
um jetzt bei Niedrigwasser wie ein großer Vogel in den Ästen zu sitzen.
Also müßte er noch scharf sein, ein Druck oder Schlag auf seine
Greifnasen genügen, ihn zur Explosion zu bringen, was gleichbedeutend
wäre mit einer Kraftentwicklung von etwa zwanzigtausend
Sekundenmetertons oder einer Kraft, die das größte Linienschiff in der
Sekunde einen Meter hoch schleudern würde. Darum Vorsicht!
Wir fahren wieder ab -- ich melde telephonisch nach der »Königsberg«,
und wir bekommen den Befehl, den Torpedo zu bergen und an Bord zu
bringen. -- --
Ein Kutter und zehn kräftige Matrosen pullen uns an Ort und Stelle.
Wir haben das Hochwasser abgewartet und diesmal liegt ein Teil des
silberglänzenden Leibes im Wasser. Er hängt aber immer noch, denn wir
haben augenblicklich Nipp-Tide, erstes Mondviertel, also die Zeit des
niedrigsten Hochwassers, das nur bei Voll- und insbesondere Neumond
seine höchste Höhe erreicht.
Zwei kräftige Matrosen steigen aus und versuchen den Torpedo
vorsichtig, sich mit den Beinen gegen die Bäume stemmend,
herunterzuheben.
Es gelingt nicht!
So muß der Ast abgesägt werden! -- Peinlich, denn der Torpedo wird dann
mit der Nase nach unten ins Wasser fallen!
Die Säge kreischt -- alles raucht Zigaretten und sieht möglichst
gleichgültig auf den größer und größer werdenden Spalt im Ast.
Da neigt er sich allmählich -- jeder hält den Atem an -- das
Schwanzstück rutscht -- -- -- platsch!
Er liegt im Wasser!