Simba-Uranga

Alle Seekarten vom Rufijidelta, sowohl die englischen wie die von den

Engländern übernommenen deutschen zeigen nur in _einem_ Arm solche

Wassertiefen, daß bei Hochwasser auch größere Schiffe einlaufen können.

Dieser Arm ist der vorher erwähnte Saningaarm, der zwischen der

Simba-Uranga- und Saninga-Insel in die See mündet.

Alle südlichen Rufijimündungen, wie die Kiomboni-, Msalla-, Ndahi-

oder Kiassimündung, sind bei einer Breite von fast einem Kilometer

so versandet, daß kaum eine flachgehende Dhau bei Niedrigwasser eine

schmale Einfahrtsrinne finden kann.

Auch in dem nördlich der Simba-Uranga-Insel mündenden mächtigen

Kikunjaarm finden wir selbst in den neuesten Seekarten an der Mündung

Wassertiefen von nur zwei bis drei Metern, daher kann auch dieser

Zweig des Rufiji zu Schiffahrtszwecken nicht benutzt werden, obwohl

er an sich sehr günstig gelegen ist, weil er sich nahe der Straße

Daressalam-Kilwa-Lindi hinzieht.

Das deutsche Vermessungsschiff »Möve« aber hat nur wenige Wochen vor

Kriegsbeginn festgestellt, daß alle diese Tiefenangaben der Karten

in Wirklichkeit nicht mehr zutreffen, da durch das starke An- und

Abschwellen aller afrikanischen Flüsse zur Regen- und Trockenzeit auch

eine andauernde Verschiebung der Flußbettverhältnisse bedingt ist, die

eigentlich eine alljährliche genaue Vermessung verlangte.

Und so finden wir denn im Kikunjaarm Tiefen von zehn bis vierzehn

Metern, genügend, bei Hochwasser jedem Ozeanriesen Einlaß zu gewähren.

Den Engländern ist dies aber zum Glück unbekannt, und so richten sie

lediglich ihr Augenmerk und ihre Wachsamkeit auf die Simba-Uranga-

oder Saninga-Mündung. Sie sind jetzt vollkommen beruhigt, da sie

glauben, diesen Arm durch die Versenkung der »Newbridge«, die mit

anerkennenswertem Mut und seemännischem Geschick unter dem Feuer

unserer Maschinengewehre und kleinen Geschütze in den Saningaarm

gesteuert, quer zum Fahrwasser gelegt und gesprengt wurde, vollkommen

gesperrt und unpassierbar gemacht zu haben.

Aber die ganze »Newbridge« ist nicht den dritten Teil so lang, wie

der Saningaarm an der Stelle breit ist. Ruhig und sicher können ganze

Geschwader noch an ihr vorbeifahren und uns bleibt immer noch, sollten

wir die Absicht haben, auszulaufen, der große tiefe Kikunjaarm übrig,

den sie gänzlich unberücksichtigt ließen.

Der Ausdruck »bottled up«, mit dem der englische Vizeadmiral King Hall

unsere Einschließung dem War office in London gemeldet hatte, dürfte

also keineswegs der Wahrheit entsprechen.

Die Blockadekreuzer, die uns nun sicher in der geschlossenen Mausefalle

glauben, machen denn auch aus ihrer Nichtachtung der Situation gar

keinen Hehl und legen sich mitunter so nahe dem Strand verankert, daß

man mit einem guten Glase in der erleuchteten Offiziersmesse weiße

Gestalten in Dinnerjacketts beim Abendbrot sitzen sehen kann.

Diese Harmlosigkeit muß unbedingt unsererseits ausgenutzt werden.

Deshalb warten wir mit unseren beiden Torpedoeinbäumen -- Abend

für Abend -- auf eine günstige Gelegenheit hinauszupaddeln, um

nächtlicherweile an einen der schlafenden Kreuzer heranzuschleichen und

ihm ein Torpedo in den Leib zu jagen. --

Aber jeder Versuch scheitert zu unserer Verwunderung ausnahmslos

daran, daß ausgerechnet in dem Augenblick, wo wir bei Simba-Uranga die

Vorbereitungen zum Auslaufen treffen, er jedesmal seinen Anker einhievt

und in langsamer Fahrt ostwärts, in der Richtung auf die Insel Mafia

zu, in der hereinbrechenden Dunkelheit verschwindet.

Ein Hinauswagen in die offene See mit unseren kleinen Fahrzeugen, die

kaum handbreit über das Wasser ragen, ist aber ausgeschlossen, da uns

die Dünung sofort zu fassen bekommt und die Einbäume, wie schon in

mehreren Fällen, zum Volllaufen und Kentern bringt.

Allmählich wird uns klar, daß hier nur Verrat im Spiel sein kann.

Jeden Abend gehe ich voll Erwartung quer über die Simba-Urangainsel

nach dem Strand zu, um bei der untergehenden Sonne Ausschau zu halten.

Hoch oben auf einer schlanken Kasuarine, deren schwarze, tannenartige

Gestalt sich düster von den rauschenden, raschelnden Palmen und

Mangobäumen abhebt, haben wir einen Ausguck gebaut und in diesem

genieße ich Abend für Abend dasselbe Schauspiel: Ruhig auf dem blauen,

bewegten Ozean liegt der graue Rumpf des Engländers -- bewegungslos,

plump und massig. Dahinter, fast am Horizont, dehnt sich ein heller

Streifen von Norden nach Süden: der gelbe Strand von Mafia, eingesäumt

vom weißen Gischt der anrollenden Brandung.

Rings um meinen luftigen Standort wogt ein Meer von nickenden,

wiegenden Kasuarinen und Palmen, zwischen deren riesigen gestreiften

Blättern klobige, grünbraune Kokosnüsse hervorlugen -- unterbrochen von

den fast kugelrunden Laubmassen der Mangobäume. Die sind jetzt, zur

Zeit der Reife, über und über mit hellgelben und hellgrünen, saftigen

Früchten bedeckt, die sich seinerzeit die weltbeherrschende Queen von

England vergebens auf ihren Tisch gewünscht hat, da es nicht möglich

war, sie im frischen Zustand von Indien nach England zu bringen.

Allmählich senkt sich die Sonne, hüllt Mafia, den grauen Engländer,

die Palmenwälder, hinter denen sich die Mangrovenwildnis ausdehnt, in

glühende Purpurschleier. -- --

Da steigt Rauch aus einem der Schornsteine des Kreuzers. Wutentbrannt

muß ich zusehen, wie sein langer Leib sich dreht, langsam nach Osten

steuert und kleiner und kleiner wird.

Tiefe Schatten senken sich dann über die weiten Niederungen, über die

dunkelnde See und verschlingen ihn ganz.

Enttäuscht verläßt man den Beobachtungsposten -- argwöhnisch sieht man

auf die leuchtenden Feuer, die dort auf den Höhen des Pembaberges

aufglimmen, bald hellglühend erstrahlen, bald zu verlöschen scheinen.

Kann nicht eines von ihnen der Verräter sein?

Und sicher ist es eines gewesen. -- Zu viel der Anzeichen haben später

dafür gesprochen! --

In Monsun und Pori · 第 34 / 68 题