Rauschend und brausend strömt der Fluß jetzt vorbei -- der See zu.
Gegen 8 Uhr erscheinen bereits die oberen Enden der Schraubenflügel
über dem Wasser.
Da neigt sich langsam die »Königsberg« nach Steuerbord -- senkt sich
und senkt sich mehr und mehr. Schräg stehen Masten und Decks, die
Gefahr des Kenterns droht. Ohnmächtig muß man zusehen! Alle Versuche,
das Schiff abzustützen, sind vergeblich.
Fast zwei Meter des mit Muscheln, Algen und Schlamm dichtbewachsenen
Schiffbodens sind jetzt frei. Wir machen aus der Not eine Tugend: Boote
werden heruntergelassen, um ihn abzuschaben, zu reinigen.
Eine mächtige Sandbank taucht vor dem Bug aus dem abfließenden Strom,
weiter und weiter senkt sich das Wasser.
Die Schraubenflügel werden frei, gegen zehn Uhr ist sogar die
Schraubenwelle sichtbar!
Der tiefste Wasserstand ist eingetreten. -- Beim Hochwasser des
Nachmittags werden die Engländer ihre Beschießung wiederholen.
Das Nachmittagshochwasser ist aber nie so hoch wie das des Morgens.
Eisern festgenagelt werden wir auf dem Grund sitzen, werden wehrlos,
auf dem Präsentierteller liegen und ihren Granaten preisgegeben sein. --
Gegen Mittag fahren wir mit den Torpedoeinbäumen wieder nach der
Mündung, legen uns in den Kreek von gestern.
Um vier Uhr haben wir Hochwasser, um vier Uhr muß es sich entscheiden.
Entweder erscheint der graue Bug eines Kreuzers dort an der Ecke bei
den überhängenden Mangrovenbüschen, oder schwere Schläge dröhnen von
See herauf, von dumpfem Krachen weit im Innern des Deltas gefolgt, wo
unser wehrloses Schiff auf der Sandbank sitzt, wo unsere Kameraden
ergeben ihr Schicksal erwarten. --
Wieder steigen die Wasser, wieder flattern die Reiher und flöten die
Regenpfeifer.
Wieder tritt die lautlose Stille des höchsten, des Stauwassers, ein.
Wieder warten wir atemlos, Seh- und Gehörnerven aufs äußerste
angespannt.
Wieder summen die Moskitos, flüchten die langbeinigen
Wasserspinnen. -- -- --
Aber nichts unterbricht die Stille, kein Bug erscheint, keine
Breitseite erdröhnt! -- --
Mit der Pinasse fahren wir vor bis zur Mündung -- da liegen die drei
großen englischen Kreuzer -- einer hinter dem andern -- weit ab --
keiner rührt sich.
Die Wasser setzen sich allmählich in Bewegung, strömen ab -- die Sonne
senkt sich.
Bewegunsgslos liegen noch immer die drei mächtigen Engländer, jeder
allein zwei Schiffen wie die »Königsberg« gewachsen -- bewegungslos --
schweigend. Wie ausgeschnitten heben sich ihre langgestreckten dunklen
Umrisse vom hellen Himmel ab. --
Warum sind sie heute nicht gekommen, heute, wo wir gebunden und
geknebelt auf dem Sandhaufen stehen, das Unvermeidliche erwartend,
heute, wo sie mit uns leichteres Spiel gehabt hätten, als der Henker
mit seinem gefesselten Opfer?
Wunderlich spinnt das Schicksal oft seine Fäden.
Die Nacht sinkt hernieder. Um Mitternacht setzt die Flutwelle ein, im
Morgengrauen arbeiten Maschinen und Spills, die Mannschaft legt sich
in die Trossen, das Schiff löst sich langsam vom Grunde, richtet sich
mit pendelnden Bewegungen auf -- -- die aufgehende Sonne sieht uns weit
hinter der Barre im tiefen Wasser des Rufiji nach Westen ins Innere
dampfen.