Alle zwanzig Sekunden braust eine Salve über uns hin, um nach einer
endlos scheinenden Zeit mit dumpfem fernem Krachen zu krepieren.
Wir aber erwarten immer noch jeden Augenblick das Erscheinen eines
grauen Buges dort hinten bei der Ecke, wo die Mangroven sich in dichten
Büscheln über den Flußarm neigen.
Das Wasser steht noch immer. Vor einer Viertelstunde hineingeworfene
Zweige haben sich noch keinen Zentimeter von ihrer Stelle gerührt.
Die Sonne hat sich weiter nach Westen geneigt. Das unangenehme Summen
der Moskiten verstärkt sich; blutgierig in leisem metallischen Singen
umkreisen sie unsere nackten Arme, um die Gelegenheit zum Stich zu
erspähen.
Hier, rechter Hand, steht eine schlanke dünne Mangrove, deren Stamm,
Äste und Blätter, wie mit braunem Rost überzogen scheinen; tausende
von Moskiten hängen an ihm, schlafen, die Zeit des Sonnenuntergangs
erwartend. --
Noch immer dröhnen in gleichen Zwischenräumen von See her dumpf die
Schläge der Breitseiten, das Heulen in der Luft, das ferne Krachen der
Aufschläge.
Da kommt allmählich Bewegung in die Wasser, langsam, ganz langsam
beginnen sie zurückzufließen -- nach See zu.
Wir geben die Hoffnung auf, heute noch den grauen Bug um die Ecke
biegen zu sehen. Der Torpedokopf wird wieder gesichert, die Pinasse
kommt aus ihrem grünen Versteck hervor, nimmt das Doppeltumbi im
Schlepp, und langsam dampfen wir gegen den nun immer schneller
abfließenden Strom zurück.
Der Kanonendonner hat aufgehört. Die Ruhe der verlassenen Urwaldwildnis
liegt auf der weiten Mangrovenlandschaft.
Die Abendsonne wirft schräge Schatten auf das Grün, gibt ihm allmählich
eine hellgelbe Färbung und weckt den Tippu-tipp, Afrikas Kuckuck,
der mit seinen eine ganze Oktave durchflötenden Tönen über die leise
glucksenden und rauschenden Wasser hinklagt. Er kann kaum fliegen -- ab
und zu sieht man den braunen, plumpen Vogelkörper wie ein Huhn von Ast
zu Ast flattern.
Man kann es nicht fassen, daß diese heilige Urwaldstille eben noch von
dem Dröhnen der raffinierten Vernichtungsmittel des höchstentwickelten
Wesens in dieser Welt, des Menschen, erfüllt worden ist.
Wie oft habe ich da draußen empfunden, wie lächerlich winzig und
bedeutungslos das Kampfgetümmel menschlicher Zwergwesen und ihrer
kleinlichen Leidenschaften ist neben der ruhigen Größe dieser mächtigen
Natur -- ja ein Gefühl der Beschämung wollte mich übermannen, wenn ich
bedachte, daß ich eben noch mit allen Fasern, mit allen Kräften des
Denkens am Kampfe teilgenommen hatte. -- --
Was sind um irgend welche Vorteile, und sei es selbst um die Existenz
kämpfende Atome gegen diese schweigende, ursprüngliche Unendlichkeit? --
* * *
Die Palmen von Salale tauchen auf, die bereits nur mehr als dunkle,
verästelte Silhouetten sich gegen den rasch verblassenden Himmel
abheben.
Wir legen an, um den Beobachtungsposten mitzunehmen. Vor uns liegen die
dunklen Umrisse einer alten, einst seebefahrenen Dhau, rechts davon
eine halbverfallene Grashütte.
Die Leute steigen an Bord. Aufgeregt erzählen sie, daß tatsächlich die
»Königsberg« beschossen und schwer beschädigt worden sein müsse, da
alle Granaten unmittelbar bei dem Schiff eingeschlagen seien. Kreuzer
anderer Art, als die bisher gemeldeten, hätten sie nicht gesehen.