LVIII. und letztes Kapitel.

Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und

da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung

den Mann macht, so schließt er diese Geschichte eines Jünglings.

Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner

Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das

Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie

dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in

sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es,

weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er

auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle

Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem

Schnuller. Er fand es recht und gut, daß er litt, wo sein Vater so

schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein

Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen

litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint

hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit

unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in

Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen

eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines

Einzeldaseins hinausreichten.

So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen

gedenken mochte – er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren

nur mit tiefer Wehmut gedenken – dieser Verlust gehörte, als er mit

ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und

seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu

melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und

den Segen der Armut. Er hatte schließlich doch einsehen müssen, daß

1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern

davon unterstützen und außerdem drei Menschen erhalten wollte, von

denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und

seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten,

die ihm später mit Kußhand abgenommen wurden, mußte er in diesen

Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten.

Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg,

der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in

zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als

ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld

so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung

abgelehnt. Er wußte, daß dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber

er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige

gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte.

So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete

Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen

steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen

Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen

bei ihm das Dichten.«

Es war ein Glück, daß ihm in seiner regelmäßigen Tätigkeit eine große

Wohltat geschehen war. Er war nun schließlich doch versetzt worden,

und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie

unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus

der sie fließen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge

einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman,

der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen

erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem großen

Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein Mißton trübte das Verhältnis

zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.

Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach

Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daß etwas Ähnliches geschehen

sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber

etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur

für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend

Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.

»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konnt’ es nicht aushalten

– ich hab’ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«

Er las, und als er gelesen hatte, wollt’ er sie wieder umarmen und mit

ihr tanzen; aber nein – das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr

Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen

Inhalt vollständig und küßte sie, bis ihr der Atem verging; aber er

mußte doch tanzen, er mußte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und

tanzte mit dem durch beide Zimmer.

In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit

zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte.

Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt

worden.

Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine

geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten

und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich

auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne,

ließ sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete

zu ihm nieder und sagte:

Semper der Jüngling · 第 285 / 292 题