Asmus bekommt einen Preis, einen Wolfram und eine Weltanschauung, und
da dies dem Verfasser genug dünkt, übrigens auch die Weltanschauung
den Mann macht, so schlieÃt er diese Geschichte eines Jünglings.
Warum suchte denn Asmus in diesen schweren Tagen nicht Trost bei seiner
Hilde? Wer am Schlusse dieses Buches noch so fragen würde, der würde das
Wesen von Ludwig Sempers Sohn nicht ganz verstanden haben. Leute wie
dieser Asmus können den Trost nicht bei anderen, sondern immer nur in
sich selbst finden, und wenn sie auf den Trost anderer hören, so ist es,
weil sie ihn schon in sich selbst gefunden haben. Zunächst suchte er
auch keinen Trost; er wühlte vielmehr in seiner Wunde. Nicht alle
Menschen rufen im Schmerze sofort nach Linderung wie das Kind nach dem
Schnuller. Er fand es recht und gut, daà er litt, wo sein Vater so
schwer und so lange geduldet hatte; er bildete sich nicht ein, ein
Anrecht auf ein schmerzloses Dasein zu haben, wenn solche Menschen
litten. Dann aber, als er sich recht in Ruhe und Einsamkeit sattgeweint
hatte, trat seine angeborene Philosophie wieder in ihr Recht: Mit
unabänderlichen Tatsachen nicht zu hadern und den Kampf des Lebens in
Hoffnung und Vertrauen immer wieder aufzunehmen. War es doch inzwischen
eine Hoffnung und ein Vertrauen geworden, die weit über den Kreis eines
Einzeldaseins hinausreichten.
So oft er auch an den frühen Hingang seines Vaters mit Schmerzen
gedenken mochte â er konnte dessen auch in weit, weit späteren Jahren
nur mit tiefer Wehmut gedenken â dieser Verlust gehörte, als er mit
ihm abgeschlossen hatte, nicht mehr zu den Dingen, die sein Wirken und
seine Entwicklung hemmen konnten. Er hätte auch keine Zeit gehabt zu
melancholischen Meditationen; er erfuhr wieder einmal den Fluch und
den Segen der Armut. Er hatte schlieÃlich doch einsehen müssen, daÃ
1800 Mark und selbst 2000 Mark nicht ausreichten, wenn man Eltern
davon unterstützen und auÃerdem drei Menschen erhalten wollte, von
denen zwei doch etwas mehr verlangten als Stillung des Hungers. Und
seine Schriftstellerei war noch ein völlig unsicheres Brot; Arbeiten,
die ihm später mit KuÃhand abgenommen wurden, muÃte er in diesen
Jahren wie saures Bier an Dutzende von Blättern vergeblich ausbieten.
Dazu stand die Geburt des zweiten Kindes in naher Aussicht. Rosenberg,
der dem Freunde die Sorgen vom Gesicht lesen mochte, hatte ihm in
zartester Weise seine Hilfe angeboten; »ich verdiene weit mehr, als
ich brauche,« hatte er gesagt, »und ich bin froh, wenn ich mein Geld
so gut anwenden kann.« Aber Asmus hatte vorläufig mit Dank und Rührung
abgelehnt. Er wuÃte, daà dieser Mann ihn niemals drängen würde; aber
er hatte vor Schulden ein tiefes Grauen; sie waren das einzige
gewesen, das die heiter gütige Seele seines Vaters verbittern konnte.
So griff er denn zu einer Häufung der Privatstunden; er bereitete
Lehrer und Lehrerinnen auf das zweite Examen vor. Die Nachbarinnen
steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Was tun denn die jungen
Damen immer bei Herrn Semper?« Dann sagte der Hauswirt: »Sie lernen
bei ihm das Dichten.«
Es war ein Glück, daà ihm in seiner regelmäÃigen Tätigkeit eine groÃe
Wohltat geschehen war. Er war nun schlieÃlich doch versetzt worden,
und an dem Leiter dieser neuen Schule erkannte Asmus so recht, wie
unsere Worte und Handlungen das Gesicht der Persönlichkeit tragen, aus
der sie flieÃen. Auch dieser Chef legte zuweilen auf kleine Dinge
einen Wert, der ihnen nicht zukam; aber er war ein jovialer Gentleman,
der in seinen Kollegen bis zum Beweise des Gegenteils Gentlemen
erblickte, und so bedeuteten alle Kleinigkeiten nichts auf dem groÃen
Grunde des gegenseitigen Vertrauens. Kein MiÃton trübte das Verhältnis
zwischen diesem Manne und dem renitenten Herrn Semper.
Und als er eines Mittags von diesem freieren und froheren Dienste nach
Hause kam, da sah er an Hildens Gesicht, daà etwas Ãhnliches geschehen
sein müsse, wie damals mit den hundert Mark vom »Leuchtturm«, aber
etwas noch weit Froheres. Auf ihrem schönen Gesicht, das ihm einst nur
für den Ernst und die Trauer geschaffen schien, zuckten tausend
Lichter des Frohsinns, und in ihrer Hand hatte sie einen Brief.
»Du darfst nicht böse sein!« rief sie, »ich konntâ es nicht aushalten
â ich habâ ihn geöffnet, als ich sah, woher er kam! Da lies selbst!«
Er las, und als er gelesen hatte, wolltâ er sie wieder umarmen und mit
ihr tanzen; aber nein â das durfte sie ja nicht! Da drückte er ihr
Gesicht mit beiden Händen und zerknüllte dabei den Brief und dessen
Inhalt vollständig und küÃte sie, bis ihr der Atem verging; aber er
muÃte doch tanzen, er muÃte tanzen, und er umarmte einen Stuhl und
tanzte mit dem durch beide Zimmer.
In einer süddeutschen Stadt gab es eine Schillerstiftung, die von Zeit
zu Zeit an Versdichter einen Schillerpreis von 200 Mark verteilte.
Dieser Preis war nun den »Gedichten von Asmus Semper« zuerkannt
worden.
Als er den Brief noch einmal gelesen und die beiden Hundertmarkscheine
geglättet und genau betrachtet hatte, ob es auch richtige Banknoten
und nicht etwa Ehrendiplome oder dergleichen wären, da drehte er sich
auf einem Beine mehrmals um sich selbst. Aber plötzlich hielt er inne,
lieà sich auf einen Stuhl fallen und wurde tiefernst. Und Hilde kniete
zu ihm nieder und sagte: