»Und?« rief er begierig.
»Du weiÃt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte
sie an. »Ist er â?« Er brachte das Wort nicht heraus.
Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit
einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.
Das also hatte er mit allen Mühen und Ãngsten erreicht, daà sein Vater
nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht
der Wärter nicht wieder zum BewuÃtsein erwacht, und morgens um zwei
Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten
Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte â mit
diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die
StraÃen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte.
Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu
suchen hatte; er wuÃte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen
sollte.
Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren,
tränenlosen Blick auf das weiÃe Haupt des Toten heftete, da muÃte er
unaufhörlich denken: König Lear â König Lear. Dieser Mann hatte nicht
aus Torheit ein Kind verstoÃen, war kein Tyrann gewesen â und war
seine Liebe vergolten worden, wie sieâs verdiente? Die Liebe eines
Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König
Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte,
daà ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres
Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter
ist eine Niobe.
Er rià sich gewaltsam empor aus seinem Brüten und sah sich um. Von
seinen Freunden war nur einer erschienen: #Dr.# Rosenberg. Und das war
die erste Freude in all diesem Leid.
Als er am Grabe stand, war es wieder wie immer; er konnte nicht
weinen. Er dachte, was müssen die Menschen von dir denken, daà du am
Grabe deines Vaters ohne eine Träne stehst. Aber als er das dachte,
konnte er um so weniger weinen. Er hatte seit jenem Aufschluchzen in
Hildens Armen nicht geweint; auch als er heimgekommen war, weinte er
nicht. Erst am Abend des folgenden Tages, als Hilde zu einer Besorgung
das Haus verlassen hatte und er allein an seinem Schreibtisch saÃ,
legte er den Kopf in den Sessel zurück und weinte, weinte unaufhaltsam
wie ein kleines Kind, das im Gewühl und Gedränge der Menschen die Hand
des Vaters verloren hat.