»Ja, Hilde? WeiÃt du das? â Hilde! Wenn _er_ das noch erlebt hätte!
Mein Gott, wenn _er_ das noch erlebt hätte! Das wäre ihm wie eine
Krönung seines Lebens gewesen.« â â â
So wenig sich Frau Hilde in den Gedanken ihres Mannes verrechnet
hatte, so sehr hatte sie sich in der Zeit ihrer Erwartung verrechnet.
Einen vollen Monat später, als sie gehofft, erschien das zweite Kind;
dafür aber war es ein richtiger Junge. Der junge Herr Wolfram schrie
genau so kraftvoll wie seine Schwester.
Als Asmus seinem Freunde Rosenberg die Nachricht brachte, da rief der:
»Nun, da muà man wahrhaftig sagen: Ein volles Glück! Mensch, Sie sind
ein Liebling der Götter! Sie haben ein herrliches Weib, eine Tochter,
einen Sohn und alle sind gesund, und Sie haben Glück und Freude _an_
Ihrer Kunst und _in_ Ihrer Kunst! Bei Gott, ein volles Glück, ein
volles Glück!«
Er sprach es ohne Neid, obwohl ihm selbst eine frühe Hoffnung
verhagelt war.
Und doch ahnte der Freund bei weitem nicht den ganzen Umfang von
Sempers Glück; er _konntâ_ es nicht kennen in seiner ganzen Fülle.
Asmus hatte in den letzten Monden Kämpfe durchgerungen, von denen
niemand wissen konnte. Er hatte für seinen frohen, hoffenden Glauben
an das Leben nach einem tieferen und festeren Grunde gesucht und hatte
ihn gefunden, für viele Jahre wenigstens gefunden.
Wenn selbst ein Faust ausrief:
O glücklich, wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
und wenn Asmus dennoch hoffte, so fragte er sich: »Bin ich ein
Wagner?« Nein, ein Wagner war er nicht, das durfte er sich zuerkennen.
Nur in halbkindlichen Jahren hatte er geglaubt, daà ein Mensch viel
wisse und daà er alles wissen könne. Auch war er nie so gemein
gewesen, die Welt für vortrefflich zu halten, weil es ihm gut erging.
Aber doch hatte er sich die Harmonie der Welt schon in engeren
Kreisen, ach, schon im Bezirk eines Einzellebens vollendet gedacht.
Daran war er irre geworden und hatte nun die Landmarken seiner
Hoffnung weiter gesteckt, in die Jahrhunderttausende, in die
Jahrmillionen hinein. Auf diesem langen Wege bedurftâ es eines starken
Glaubens, nein, eines starken Wissens, und das hatte er gefunden.
Nicht nur die unmittelbare GewiÃheit des Sittengesetzes war ihm
aufgegangen, er fühlte auch unmittelbare GewiÃheit im Denken und im
Schaffen, und er nannte dies Gefühl, das die Entwicklung des Menschen
begleitet, das Richtungsgefühl. Trotz aller Schuld, alles Irrtums und
alles MiÃlings weià der Mensch, in welcher Richtung Ausgang und Ende
des Entwicklungsstromes liegen; in seiner Brust ist ein Magnet, der
trotz allen Zitterns und allen Abirrens den Weg zur Vollendung weist.
An einem köstlich milden Septemberabend, als er mit der froh genesenen
Hilde am Fenster saà und noch ein letzter Hauch der Sonne auf den
Bäumen lag, sprach er zu ihr: