»Fünfundsiebzig Mark.«

»Er schickt hundert!« Asmus riß den Begleitbrief auf und las: »Es

entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber

wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder

bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte

mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.

Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer

so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.

Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre

Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie

ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daß sie nicht immer

allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht

auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner

Brust, als müßt’ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der

Welt.

Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal

schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde,

und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im

Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen

neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag

über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines

jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.#

Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein

großes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen

und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung

dennoch bewußten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen.

Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte,

wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben

gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen

Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen

»Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten

Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude,

mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung

war ihm so interessant und erfreulich, daß er den neuen Bekannten

einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch,

und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis,

das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit

übertreffen sollte.

Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge

Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später

gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten

sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch

die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten

Gründe.

Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein

Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages

hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daß er die Wehmutter

hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als

für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am

Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will

lieber kein Kind haben – wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.«

Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein

unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er

daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten,

bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und

erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde

Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das

Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die

Kissen zurück.

Auf den Fußspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie

und küßte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf,

große, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht

für dich sorgen.«

»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und

schlafen?« und küßte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und

sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie

behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag.

»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte

»Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind:

er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daß alles gut

verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die

Straße. Er mußte Himmel über sich sehen.

Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen.

Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es

sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daß der Herr

eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daß

die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und

daß sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muß

eine seltene Frau sein.« Nie vergaß er ihr diesen Trunk, und schon bei

einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er

hat keineswegs zu früh geheiratet.«

In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch

die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die

subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die

Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte

Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode

erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den

geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und

Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter

Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloß das

Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein

fröhlicher Gruß des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch

besaß er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen;

wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als

Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen

und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei

kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich

bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag,

verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daß

Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen

Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin«

schreiben konnte. Was mußte das für ein Dichter sein, der die

Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden

Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle

in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln

konnte?!

Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde

noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war

dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äußeren Störungen; was

die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn.

Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die

liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt«.

Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über

ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über

dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen

überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen mußte, da

übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg riß seinen Mut

wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege

meine Hand dafür ins Feuer, daß Sie Anerkennung finden werden«,

prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper,

als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da

die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende

Beurteilung.

Semper der Jüngling · 第 277 / 292 题