Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer
Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde
berichtet werden muÃ.
Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden KunstgenuÃ
bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine
eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daà er
sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle SchloÃherr der
bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen
keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge SchloÃherr in
der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er
reich werde, wolle er sich ein groÃes Schloà bauen mit hohen
Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun
Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle
Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke
über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern lieÃ, und wenn er
sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann
dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin
ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daà innerhalb
desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen
RegelmäÃigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete,
und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daà spätere Nachkommen von
ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen.
Er wuÃte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben
werde.
Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewià nichts Kostbares im
alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit
gröÃeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was
darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des
jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr
aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht
umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das
alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die
Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der
Frau Chavonne kann man vom FuÃboden essen,« hatte es bei den
Nachbarinnen geheiÃen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition
hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daà die Grazien
den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen,
so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und
sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste
konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten.
Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit
zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem
beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die
Arbeit.
Und wenn man nun bedenkt, daà jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen,
die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten
Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen
blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen
Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und
aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in
ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hörâ
nur â hörâ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es
hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende
Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das
Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte
Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe;
sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues
erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie
allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich.
Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und
Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu
tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist
Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr
Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist
eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?«
Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war,
konnte sie noch immer nicht fassen, daà das Leben nicht mehr ihr Feind
sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen;
ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren,
und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum
Grunde zu erwärmen.
Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in
diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der
Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daà etwas Gutes passiert
sei.
»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt.