LV. Kapitel.

Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers

ist.

Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die

Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab.

Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen.

In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden

sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume

sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann

das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die

Hand drückte, war der erstaunt über die Größe des Geldstücks. Es war

ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu

beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daß er ihm die reizende

Wohnung abgelassen hatte!

Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift

veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte,

schenkte er der Geliebten ein Kleid von weißer Seide, und ihre

Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von

köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen.

Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest.

Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie

ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als

aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das

künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen,

siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen

Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich

die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den Fußboden und

durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen.

In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden.

Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder

an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des

Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.

Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie

aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die

Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet

Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen

Schönheit seliger Maientag.

Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als

nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar

erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden

Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen,

sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück.

Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saßen, erklang plötzlich ein

langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich

auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen

Streichquartett klang es herein:

Treulich geführt, ziehet dahin,

Wo euch der Segen der Liebe bewahr’!

Siegreicher Mut, Minnegewinn

Eint euch in Treue zum seligsten Paar.

Und am Pulte des ersten Geigers saß niemand anders als Morieux.

Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die

Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug

gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und

Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur

Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt.

Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans

Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken

entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein

künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es

auf.

_Am Hochzeitstage._

Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse.

Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint.

Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken:

Die Hoffnung lacht – und die Erinn’rung weint.

So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer.

Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt,

Wie lang genoss’ne, unvergoltne Liebe

Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt.

Der Eltern denk’ ich, der verlass’nen, alten,

Und während mich dein Zauber sanft umgibt,

Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung,

Wie zärtlich sie mich je und je geliebt.

Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen,

Leicht schlug mein Herz! – ihr Haupt war sorgenschwer.

So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet.

Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr.

Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig

Und zukunftstrunken in die Welt hinaus.

Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße

Ins abendrotumkränzte, stille Haus.

Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen,

Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt.

Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe

Und Segen über euer greises Haupt!

Semper der Jüngling · 第 275 / 292 题